Nr. 28
1888
ießener
Amts- und Anzkigtblatt für den Kreis Gießen
Dureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Betreffend: Die Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884.
Gießen, am 30. Januar 1888.
Politische Ueberfkcht
Ereignisse entgegen.
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Die Erklärungen, welche der ungarische Cabinets-Ches im Adge- ordnetenhause jüngst über die auswärtige Lage abgegeben hat, sind im Allgemeinen geeignet, die Zuversicht auf Erhaltung des Frieden» zu verstärken. Freilich sprach Herr Tisza mit einer gewissen Reserve, die sich in der Stelle ferner Rede besonders heroorhebt, in welcher er betonte, Oesterreich' Ungarn müsse trotz der friedlichen Weiterungen des Czaren an seinen Grenzen Wachsamkeit üben, aber hiervon abgesehen, machen seine Ausführungen einen günstigen Eindruck.
Aus San Remo wird vom Montag osficiell berichtet, daß am Rach« mittag des genannten Tages die Aerzte Mackenzie, Howell, Krause, Schrader und Braman eine Untersuchung des Kehlkopfes des Kronprinzen vornahmen und einstimmig dec Ansicht waren, daß eine Operation nicht nothwendig und die Athmung eine durchaus normale sei. Der Kronprinz machte am Montag einen Spaziergang und eine Spaziersahrt.
Im Vatikan find die vielen ossiciellen Empfänge anläßlich de» Priester.Jubiläum» Leo» XIII. anscheinend noch immer nicht zum Abschluß gelangt. So empfing der Papst am Sonntag 350 Pilger au» der Schweiz und
Gießen, 1. Februar. In der Familie de» Prinzen Wilhelm von Preußen ficht man,
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohm Durch die Psst bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
, s»r«ch er hierbei ix Beantwortung der vom Bischof Mermillod überreichten Glückwunsch-Adreffe die Hoffnung au«, daß bei Dem guten Willen der schmelze- ---------------- „,u.„ ' rischen Behörden die zwischen dem päpstlichen Stuhle und der Schwei, schweben- wie die „Post" vernimmt, einem in einigen Monaten stattfindenden freudigen den Schwierigkeiten bald beseitigt werden würden. Ausdrücklich wie« der Papst ----- am Schluffe seiner Kundgebung aus die ausgedehnte Freiheit hin, deren sich i gegenwärtig die Bischöfe in der Schweiz erfreuten. — Von einer Wiederaus- nähme der diplomatischen Beziehungen Rußland« zum Vatikan ist in den ' russischen Regierungikreisen stark die Rede und srll man in Petersburg die Entsendung eine« russischen Vertreter» beim Vatikan in ernstliche Erwägung ziehen.
Schweiz.
Bern, 29. Januar. Der bereit« telegraphisch gemeldete Beschluß de« Bundesraths, betr. die neue Anarchisten- Ausweisung, lautet mit seiner Begründung wörtlich:
Der schweizerische Bunderrath, nach Einsicht der bezüglichen Acten; in Erwägung, daß Alfred v. Ehrenberg, Peter Emil Schopen und Ignaz Metzler, sämmtlich Angehörige de- deutschen Reich», während ihre« Aufenthalt» in der Schweiz der anarchistischen Partei angehört haben, daß sie mit den Chef« dieser Gruppe in engen Beziehungen gestanden sind und deren Ideen und Projecte gelheilt haben, sowie daß sie da» Asylrecht mißbrauchten, indem sie, al» sie noch
Das Großherzoglicho Kreisamt Gießen
«n Grofih. Polizeiamt Gießen «nd die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden de» Kreise».
«> -<®ir .benachrichtigen Sie, daß die Section: III der Südwestdeutschen Holzberufsgenossenschaft zu Mainz Herrn Christian Reiber in Firma W. Reiber m Gießen zum Vertrauensmann für die Provinz Oberheffen ernannt hat. °
v Ä f Auf Grund des § 54 des rubr. Gesetzes beauftragen wir Sie, die Benachrichtigung über die Einleitung einer Untersuchung über die bei Mitgliedern der Holzberufsgenoffenschaft erngetretenen Unfälle an den genannten Vertrauensmann zu richten.
_________________________ Ur. Boekmann.
Zweites Blatt. Donnerstag den 2. Februar
Dss Schicksal des neuen Socialistengesetzer kann in Anbetracht des Verlauses der Generaldebatte hierüber als besiegelt betrachtet werden. Nachdem sich die beiden größten Parteien des Reichstages durch ihre Redner gegen die sünfjährige Verlängerung, wie gegen die vorgeschlagenen Verschärfungen erklärt haben, ist nicht abzusihen, inwieweit noch die Commission».Berathung über da» neue Socialistengesetz eine Wandlung zu Gunsten der Regierungs- Anschauungen bewirken sollte. Auch das mit Sicherheit zu erwartende Eingreifen des Fürsten Bismarck in die ferneren Verhandlungen über das Gesetz wird diese Wendung schwerlich noch herbriführen und eine einfache Verlängerung desselben auf zwei oder drei Jahre dürfte Alles sein, was sich für die Regierung erreichen ließe. Nach der von Den Rednern der Freisinnigen und der Centrums geäußerten Anschauung müßte eigentlich mit dem ganzen Socialistengesetz tabula rasa gemacht werden, aber um die Ausschreitungen der Socialdemokratie auf der Grundlage des gewöhnlichen Rechts zu bekämpfen, dazu sind die Verhältniffe denn doch noch nicht angethan. Dar bisherige Socialistergesetz hat — man mag sagen, war man will — der soclalistischen Hochfluth gegenüber bis zu einem gewissen Grade unverkennbar einen schützenden Damm gebildet und derselbe darf jedenfalls für die nächsten Jahre noch nicht niedergeriffen werden. — Einen nicht zu leugnenden peinlichen Eindruck haben die „Enthüllungen" der Socialdemokraten Singer über das „Spitzelthum" gtinacht, aber selbst Herr Bamberger mußte zugeben, oaß die Regierung gewiffer Organe zur lieber- wachung socialtstischer Umtriebe im Auslande nicht entbehren könne und daß sich zu einem solchen Handwerke nur Leute herzugeben pflegen, die es mit Ehre unb Gewissen nicht gerade genau nehmen, kann doch wohl nicht überraschen.
Einstimmig ist das Wehrgesetz in der Commission mit den von ihr in erster und zweiter Lesung beschloffenen Abänderungen genehmigt worden und nur mit Genugtuung kann dieser Ausgang der Commissions-Verhand- lungen verzeichnet werden. Es ist lange nicht dagewesen, daß eine bedeutungsvollere Vorlage sich seitens der Vertreter der Nation einer so einhelligen zustimmenden Beurtheilung zu erfreuen gehabt hat und daß dies jetzt gerade dem Wehrgesetz gegenüber der Fall ist, muß um so freudiger berühren. Die auch im Plenum mit jedensalls überwältigender Mehrheit erfolgende Annahme des Entwurfes kann denuwch nicht im Geringsten mehr bezweifelt werden.
An diesem Mittwoch sollte im Reichstage die erste Berathung Des nationalliberal - consers?.tioen Antrages auf Verlängerung der Legislatur-Perioden stattfinden, dessen schließliche Annahme außer Frage steht.
Das vreußischeAbgeordnetenhaus setzte am Montag und Dienstag die Specialberalhung des Etats fort Am Montag wurde zunächst der Etat der Domänen.Verwaltung nach längerer und ziemlich erregter Debatte über Die Nothlage der Lanbwirthschaft unverändert genehmigt. Ebenso unverändert nahm das Haus die Positionen he» Etats der Forsten und schließlich auch diejenigen des Etats dec lanöwirthschafkltchen Verwaltung, meist nach unerheblicher Dis- cuifion, on.
Derlin, 30. Januar. Die im vergangenen Jahre von den Staats» ei-enbahn-Verwaltungen erzielten Überschüsse, welche in der gegenwärtigen Berathung des preußischen Haushalts? Etats eine so hervorragende Rolle spielen, haben zur nächsten Folge gehabt, daß mit den alten Billet- und Gepäcksätzen der verstaatlichten Privatbahnen nunmehr von Grund aus aufgeräumt werden soll. Dem Vernehmen der „M. Ztg." nach hat nämlich der Herr Eisenbahn- Minifier für das gesummte Gebiet der preußischen Staarsbahnen die Einführung eines einheitlichen Normaltarifs angeordnet. Die Gruriömxen, wonach die Billetpreife für die Folge zu berechnen sein werden, find dieselben, welche bei bett alten Staatsdahnen schon früher in Geltung waren.
— Dem Bundesrath ist eine Nachweisung über die den einzelnen Bundesstaaten bis Ende December 1887 überwiesenen Beträge an Reichssilber-, Nickel- und Kupfermünzen zur Kenntnißnahme zugegangen. Darnach find geprägt worden anStlbermünzen: Fünfmarkstücke 71,653 095 Jfc; Zweimarkstücke 102,515,678 Einmarkstücke 178,984,298 ^; Fünfzigpfennigstücke 71,486,552 ^; ^wanzia- pfennigstücke 25,451,222 80 Jl.\ ferner Nrckelmünzen: Zwanzigpfennigstücke 1,000,865.40 Jfc; Zehnpsinnigstücke 23,194 850,70 Jfc; Fünfpfennigstücke 11,603,013,75 <X; an Kupfermünzen: Zweipsennigstücke 4,604,747 44 Einpfennigstücke 3,960,109,06 zusammen 494 454 432,15 JL
Straßburg, 29. Januar. Gestern wurde der hiestge Färbermeister ; »ppel verhaftet, der im Verdachte steht, hochverrätherische Handlungen verübt zu haben. Appel ist Mitglied de» hiesigen Brieslauben-Verein«; ob seine Thätig- i «ft auf diesem Gebiete mit der Verhaftung im Zusammenhang steht, bleibt ■ dahingestellt. Bei dem Buchhalter einer Versicherungs-Gesellschaft Namen« ' ®.e*’en J>a‘ eine Haussuchung stattgefunden. Man gewinnt immer mehr den i Eindruck, daß über das ganze Land ein Netz französischer Agenturen ver« ■ breitet ist.
Der Börsen-Berichierstalter de» „Journal be @t. Sßdteribourg" sagt, e» sei überflüssig, das Gerücht von der Aufnahme einer russischen Anleche in Paris al» unfinnig zu bezkichnen. Er habe erst vor einigen Tagen die tu ergreifenden Finanzmaßrezeln dar gelegt und seitdem sei sicher keine Aenderung eingetreten. — Diese Aeußerung läßt in ihrer seltsam verschnörkelten Form beinahe die Deutung zu, daß Rußland die Ausnahme einer Anleihe in Pari» allerdings versucht, aber mit deren Realistrung kein Glück gehabt Hal.
Ueber den Aufenthalt de« Fürsten Ferdinand in Ostrumelien berichtet der Telegraph in recht spärlicher Weise. Rur dann und wann kommt hierüber eine kleine Roli,; so wird vom Samstag au« Philippopel gemeldet, daß Fürst Ferdinand dem Gottesdienste in der Moschee beiwohnte, wobei er auf eine au ihn gerichtete Ansprache erwiderte, er werde dafür Sorge trage«, daß die muselmännische Bevölkerung entsprechend den Wünschen de» Sultans begünstigt und gesörderl werde. Rach dem Gotterdienste brachten viele vornehme Türken dem Fürsten prächtig gestickte Stoffe dar.
Aeutschland.


