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Nr. 282 Samstag den I. Deeember Z888.

Gießener Ameiner

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Bureau, S ch u l st r a ß e 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Ps. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Betreffend: Anschaffung de« Dr. L. Pfeisfer'schen Hülfs« und Schreibkalenderr für Hebammen. ben 27" November 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

ar, die Grotzyerzoglicherr Bürge^uisiftereien des Kreises.

Wir empfehlen Ihnen für die Gemeindehebammen auf Kosten der Gemeinde den Hülfs- und Schreibkalender für H-bamm-n pro 1889 von Geh. Medicinalrath Dr L. Pfeiffer in Weimar (Druck und Verlag von Hermann Böhlau zu Weimar) anzuschaffen. Ausgabe A kostet 1 Mark. Der Kalender enthält in kurzer übersichtlicher Form eine Belehrung der Hebammen über die Verhütungen von Wochenbetterkrankungen, über die Säugling«' pflege 2C. Diejenigen von Ihnen, welche diesen Kalender anzuschaffen bereit sind, wollen Ihre Bestellung dem Herrn Bureaugehilfen Hartmann mittheilen. ____________________________________________v. Gagern.

Politische Rundschau.

(5 i e § e n, 30. November.

Die Indisposition, welche sich der Kaiser infolge einer Erkältung bei den Letzlinger Hofjagden zugkzogen hat, ist noch nicht vollständig behoben, doch erledigt der Monarch die laufenden Geschäfte durchaus in gewohnter Weise und legt er sich nur noch Schonung auf.

Die Kaiserin-Wittwe Augusta gedenkt Anfangs kommender Woche ihren Herbstausenthalr in Coblenz, welcher der hohen Frau wiederum sehr gut bekommen ist, zu beenden und am Dienstag nach Berlin zurückzukehren.

Die parlamentarischen Dispositionen des Reichstages sind zunächst da­hin getroffen worden, daß der Mittwoch für gewöhnlich alsSchwerinstag" refervirt bleibt. An diesem Samstag und am folgenden Montag sollen keine Plenarsitzungen abgehalten werden, um der Budgetcommission einen Vorsprung für ihre Arbeiten zu gönnen und am nächsten Dienstag soll die erste Lesung der Alters- und Jnvaliditäts- versorgungs-Vorlage beginnen.

Die neuerdings aufgetauchten Gerüchte über eine dem Reichstag zu machende Vorlage, betr. die Bewilligung größerer Geldmittel für militärische AweSe, werden von zuverlässiger Seite als durchaus unbegründet bezeichne!.

Mitten in die Nationalitätenkämpfe der habsburgischen Monarchie klingt die 40jährige Regterungsfeier Kaiser Franz Josef's am 2. December wie ein voller versöhnlicher Accord hinein. Alle Parteien und Nationalitäten des Donau- reiches nehmen an dem Jubel- und Ehrentage ihres Herrschers, unter dessen nun vier Jahrzehnte währender Regierung Oesterreich-Ungarn die schwersten inneren wie äußeren Krisen glücklich überstanden hat, den freudigsten Antheil und es bekundet somit dieses Ereigniß aus's N-ue. daß die Liebe und Treue zum angestammten Herrscherhause immer wieder das gemeinsame Band für die Völkcrstämme des habsburgischen Kaiserstaates trotz aller sie sonst trennenden Gegensätze bildet. Da das 40jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josef's bereits seit Monaten in Oesterreich zu verschiedenen Festlichkeiten Anlaß gegeben hat, so dürften sich die eigentlichen Jubiläumsfeierltchkeiten am Sonn­tag auf einen verhältntßmäßtg engen Kreis beschränken, zumal der erlauchte Jubilar seinen Ehrentag in größter Zurückgezogenheit zu begehen gedenkt.

Auch in Frankreich sieht man zum bevorstehenden 2. December einemEreig­nisse" entgegen, nämlich der Demonstration, welche am Sonntage auf dem Montmartre- Kirchhofe zu Parts am Grabe Baudin's, deS am Staatsstreichstage des 2. Dezember 1851 auf den Pariser Barrikaden gefallenen französischen Volkstrtbunen, von verschie­denen Setten in Scene gesetzt werden soll. Communards, Boulangisten, Bonapartisten, gemäßigte Republikaner alle wollen sie die Baudinfeier, die bekanntlich schon in der französischen Deputtrtenkammer vorgespukt hat, zu ihren speciellen politischen Zwecken ausbeuten und bei der Aufgeregtheit der Geister, welche gerade jetzt wieder in Paris herrscht, mag es da am Sonntag wohl einige blutige Köpfe absetzen. Es würde dem­nach das Pariser Banket der Boulangisten und der Maulhelden von der Patriotcnltga vom vorigen Sonntag, an dessen Schluffe bekanntlich ein paar Dutzend Verhaftungen vorgenommen werden mußten, am diesmaligen Sonntag ein etwas ernsteres Nachspiel erhalten. Im Nebligen blüht in der französischen Hauptstadt der Klatsch der verschie­densten Nuancirungen wieder einmal üppiger denn je und die Affaire Nmna Gtlly, das erneute AuftretenEhren"-Wilson's und die Ehescheidungsangelegenheit des Generals Boulanger sind die hervorstechendsten Kapitel des jüngsten Pariser Klatsches.

Der Wahlfeldzug in Serbien hat eine merkwürdige Unterbrechung erlitten. Infolge fortwährender Beschwerden über Einschränkung der Wahlfreiheit erklärte ein Ukas des Königs Milan sämmtlicke bis jetzt vorgenommenen Urwahlen zur Skupschtina für nichtig und ordnete neue Wahlmänner-Wahlen an. In jeden Wahlbezirk sind drei Wahlmänner, welche die drei Parteien der Landes-Fortschrittspartei, Radicale, Liberale repräsentiren, zu entsenden, um die Wahlfreiheit zu controliren. Die allge­meinen Wahlen sind nunmehr auf den 4. Dezember alten Stils, die Eröffnung der Skupschtina auf den 11. December festgesetzt worden.?

In der Italienischen Depntirtenkammer wurde vom Finanzminister am Mittwoch ein längeres Exposö über die derzeitige Finanzlage Italiens gegeben. Die­selbe nimmt sich im Allgemeinen nicht ungünstig aus, doch weist der italienische Staats­haushalt auch für das laufende Finanzjahr noch immer ein Deficit von 48 Millionen Francs auf. Von außerordentlichen Maßregeln für militärische und maritime Zwecke war in dem Expose des Finanzministers keine Rede.

Deutscher Reichstag.

5. Plenarsitzung. Donnerstag, den 29. November 1888, 1 Uhr.

Haus und Tribünen sind mäßig besetzt. Am Bundesrathstische: v. Boetticher, bie Geh. Räthe Lohmann und Weymann.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein.

1) Der Bundesrathsbeschluß betr. die Aufnahme von Anstalten zur Bearbeitung ungegerbter Felle, sowie der Verbleiungs-, Verzinnungs- und Verzinkungs-Anstalten unter Qte concessionspflichtigen Anstalten wird in erster und zweiter Lesung genehmigt. r. 2) In erster Lesung angenommen wird die Novelle zum Gesetz betr. die Natio- nalität der Kauffahrteischiffe und ihr Recht zur Führung der Bundesflagge. Die Vor­lage will auch juristischen Personen die den anderen Schiffsbesitzern zustehenden Rechte gewähren.

3) Berathung des Antrages Rickert (dfr.), welcher dahin geht, der Reichskanzler wolle darauf hinwirken, daß die Behörden mit Instructionen versehen werden, damit die gesetzlichen Vorschriften über die Vertheilung von Wahlzetteln und über die Auf­lösung von Versammlungen auf Grund des Socialistengesetzes in Zukunft genau beob­achtet werden.

Der Antragsteller begründet seinen Antrag mit dem Hinweise, daß in Sachsen ein Vertheiler von Wahlzetteln 22 Stunden in Haft behalten wurde, und daß Minister v-Puttkamer hier erklärte, er werde nicht dulden, daß Herr Bebel in Berlin spreche. Beide Maßnahmen widersprechen dem hier eingehend erörterten Sinne der betreffenden Gesetze und leider seien ja die Beamten für solche Mißgriffe nicht faßbar. Man habe hier viel von der Verhetzung gesprochen, aber solche Verletzung der Gesetze müsse Ver­bitterung unter den Arbeitern erzeugen. Solche Gesetzesverletzungen sind in den letzten Jab.--n zahlreich bei Gelegenheit von Wahlprüfungen zur Kenntniß des Hauses ge­kommen. Redner beantragt, die Wahlprüfungscommission mit der Vorprüfung seines Antrages zu beauftragen.

Abg. Singer (Soc.): Das thatsächliche Material zur Begründung dieses An­trages wird durch die bet den Wahlprüfungen bekannt gewordenen Vorgänge keines­wegs erschöpft; es sind dort nur vereinzelte Fälle zur Kenntniß gekommen. In seinen wetteren Ausführungen fchlicßt sich Redner dem Abg. Rickert an. Es seien Versammlungen von den Behörden verboten worden, weil die Alters- und Invaliden­versicherung auf die Tagesordnung gesetzt war und dieser Gegenstand, wie die Be­gründung sagte, reichlich Gelegenheit zur Aufhetzung der einzelnen Gesellschaftsklassen gegen einander gebe. Eine solche Kritik, von einem Andern an dieser Vorlage geübt, würde die schwersten Folgen für den Betreffenden gehabt haben. Redner schildert Einzelfälle von Versammlungsauflösungen. Eine solche erfolgte, weil ein Redner von dersogenannten" Gesetzgebung sprach; eine andere, als ein Redner die Worte sprach: das Alte stürzt" (Heiterkeit); eine dritte, als ein Redner begann mit den Worten: Meine Herren!" (Heiterkeit.) Wo gar kein Grund zur Auflösung voraussichtlich zu finden ist, da werden die Wirthe polizeilich beeinflußt, damit sie ihr Local verweigern; man setzt sie auf Polizeistunde; den Soldaten wird der Besuch solcher Locale und Wirtschaften verboten u. dgl. Am weitesten ist man natürlich in diesen Dingen in Sachsen gekommen, wo der Gensdarm auch bei privaten Zusammenkünften einfach anordnete, welche Räume des Locals benutzt werden dürfen und welche nicht. In Luckenwalde haben die Gastwirthe auf Anregung der Verwaltungsbehörden ein Kartell geschlossen, bei Vermeidung einer Conventionalstrafe von 500 Mark den Arbeitern zu ihren Versammlungen ihre Locale nicht herzugeben. Herr Herrfurth sei in allen Dingen der würdige Nachfolger des Herrn v. Puttkamer, ja er übertreffe diesen noch in einzelnen Punkten. Von der Resolution, selbst wenn sie angenommen wird, dürfen Sie nicht hoffen, bei der Regierung Eindruck zu macken.

Abg. Kröber (Volksp.) schildert die parteiliche Beeinflussung der Wähler durch die Gemeindebehörden in seinem Wahlkreise, wo die Behörden für sogenannte gute Wahlen arbeiten.

Abg. Dr. v. Marquardsen (nl.) erklärt das Einverständniß seiner Partei mit der Verweisung des Antrages an die Wahlprüfungscommission; diese werde daS zur Begründung erforderliche Material prüfen müssen, was hier nicht möglich sei. Besonders müsse festgestellt werden, welche Beamten sich solcher Verstöße schuldig ge­macht haben.

Abg. Klemm-Sachsen (cons.) hat den Abg. Singer dahin verstanden, als ob Redner und seine Parteigenossen die Wirthe in Dresden beeinflußt hätten, den Socia- listen ihr Local nicht herzugeben. Diese Behauptung sei unrichtig.

Nachdem der Abg. Rickert um Beschleunigung der Commissionsberathung ge­beten und Abg. Singer persönlich bemerkt hatte, daß er einen Vorwurf gegen Klemm nicht erhoben habe, wird der Antrag mit großer Mehrheit an die Wahlprüfungscom­mission verwiesen.

Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr: Zweite Etatsberathung.

Schluß 3V< Uhr.

Telegraphisch« Depeschen.

flBellf» teuer» «arrefponde«,. Bureau.

Berlin, 29. November. Heute Abend 7 Uhr fand beim Kaiser ein Diner zu Ehren des Großfürsten und der Großfürstin Wladimir statt.

Karlsruhe, 29. November. Der Raubmörder Dauth weilte seit Sonntag unter dem Namen Fischer aus Hannover im HotelZum weißen Bären" dahier. Von Hamburg ist telegraphisch die Bestätigung der Identität des Verhafteten mit dem Mörder eingelaufen.

Paris, 29. November. In parlamentarischen Kreisen verlautet, der Kriegs­minister würde in der Kammer den Antrag stellen, in der nächsten Woche das außer­ordentliche Kriegsbudget zu berathen, da er im Interesse des regelmäßigen Fortganges der Verwaltung die Votirung desselben vor dem 31. December als unumgänglich noth«