Ar. 177 Mittwoch den 1. August 1888*
Kichmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schu-straß- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. M
Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß dem Vorstand des Gewerbehallevereins zu Darmstadt die Erlaubniß zur Abhaltung einer Verloosung von Jndustriegegenständen im Monat December d. Js. auf Grund des vorgelegten Verloosungsplans von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz unter der Bedingung ertheilt worden ist, daß höchstens 15,000 Loose ä 1 jl ausgegeben und mindestens 65% des Bruttoerlöses hieraus zum Ankauf von Gewinngegenständen verwendet werden.
Der Vertrieb der Loose ist von Großherzoglichem Ministerium im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, den 28. Juli 1888. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: I o st. ___________ _________________________
Politische Rundschau.
Gießen, 31. Juli.
Alle Berichte über den Aufenthalt Kaiser Wilhelms in Stockholm stimmen darin überein, daß dem deutschen Monarchen in der schwedischen Hauptstadt eine fast überraschend herzliche Aufnahme zu Theil geworden ist. Wenn man sich von Seiten des königlichen Hofes in Aufmerksamkeiten gegen den Kaiser und den Prinzen Heinrich erschöpfte, so wurden anderseits die erlauchten Gäste der schwedischen Königsfamllie überall, wo sie sich zeigten, seitens der Bevölkerung Stockholms mit wahrhaft südlichem Enthusiasmus begrüßt und dieser Enthusiasmus äußerte sich als wirklich aus dem Volksherzen kommend. Eines ebenso warmen Empfanges hatten sich in der schwedischen Hauvtsiadt die Offiziere und Mannschaften des deutschen Geschwaders zu erfreuen und werden dieselben sicher nur angenehme Erinnerungen von ihrem Besuche im „nordischen Venedig" mit nach der Heimath genommen haben.
Am Montag Vormittag ist Kaiser Wilhelm in Kopenhagen angekommen. König Christian war bereits am Sonntag Abend an Bord der „Dannebrog" gegangen, um dann, begleitet, von einem dänischen Geschwader, dem deutschen Geschwader am Monrag früh entgegen zu fahren.
Die Kopenhagener Blätter äußern sich im Allgemeinen sympatbisch über den Besuch Kaiser Wilhelms in Kopenhagen und sprechen sie die Hoffnung aus, daß das Ereigniß Deutschland und Dänemark zum Segen gereichen werde. Diese Haltung der dänischen Presse entspricht ganz den Wünschen, mit denen man deutscherseits das Er- I chetnen Kaiser Wilhelms am dänischen Hofe von Anfang an begleitete und so steht denn zu erwarten, daß nunmehr eine dauernde günstige Wendung in den gesammten deutsch-dänischen Beziehungen eintreten werde. Es hat in Dänemark allerdings nicht an vereinzelten chauvinistischen Stimmen gefehlt, welche gerade in Anknüpfungen an den Besuch Kaffer Wilhelms an die für das dänische Volk so schmerzlichen Ereignisse des Jahres 1864 erinnerten, diese zum Mindesten tactlosen Regungen sind aber sofort von dänischer Seite selbst energisch zurückgewiesen worden und haben sie denn auch in der Bevölkerung Kopenhagens so gut wie gar kein Echo gefunden.
Alle durch die Tagespreise gehenden Gerüchte über eine angeblich in Berlin tm kommenden Herbst stattfindende Monarchenzusammenkunft werden von Berlin aus entschieden als unbegründet bezeichnet, ebenso wird der Nachricht, der Czar habe unserm Kaiser einen Gegenbesuch für diesen Herbst bestimmt zugesagt, widersprochen. Auch über die angekündigten Reisen Kaiser Wilhelms nach Wien und Rom müssen erst weitere Mittheilungen abgewartet werden und was die signalisirten Ministerconfermzen anbelangt, die zwischen dem Fürsten Bismarck, dem Grafen Kalnoky, Herrn v. Giers und Erispi stattfinden sollen, so ist den bezüglichen Nachrichten gegenüber erst recht Reserve geboten.
Die Münchener Centenarfeier zum Gedenken des Königs Ludwig I. von Bayern nahm am Sonntag Vormittag mit der officiellen Begrüßung der zur Theilnahme an der Feier eingetroffenen Ehrengäste im Magistratssaale des neuen Rathhauses ^ren Anfang. Der Vorsitzende des CentralcomitS's, erster Bürgermeister Dr. v. Widm- maper, hielt die Begrüßungs-Ansprache, auf welche der griechische Gesandte in Berlin, Angelos Wachos, in herzlichen Worten erwiderte, wobei er das Andenken König Ludwigs als einer der größten Wohlthäter Griechenlands warm feierte. Weitere Ansprachen hielten die Bürgermeister Becker aus Köln, Marquis Ouiccoli aus Rom, Phtlimon aus Athen, Back aus Straßburg, welcher zugleich, als Vertreter der Geburtsstadt König Ludwigs, mehrere prachtvoll ausgestattete Urkunden überreichte, und der Hofadoocat Dr. Richter aus Wien. Ein Vortrag Prof. Sepp's beendigte den officiellen Theil der Festlichkeit, deren Theilnehmer alsdann noch durch ein von der Stadt München gegebenes Gabelfrühstück zusammengehalten wurden. — München ist in allen seinen Theilen mit Flaggen, Laubgewinden, Kränzen, Wappen und Emblemen auf das Reichste und Prächtigste, geschmückt.
Die italienisch-französische Streitasfaire wegen Massauahs scheint vorerst keine weiter bedrohlichere Gestaltung annehmen zu wollen. Die italiersischc Regierung hat, was sie nach den Bestimmungen des Berliner Vertrages schon längst hätte thun sollen, den Mächten jetzt officiell die Mittheilung zugehen lassen, daß Italien definitiv von Massauah Besitz ergriffen habe. Nachdem so erklärt worden ist, daß die Annection des Gebirtes von Massauah durch Italien nunmehr in aller Form vollzogen sei, wird auch dem Widerspruche Frankreichs gegen die Besteuerung seiner Untertanen in Massauah die rechtliche Grundlage entzogen.
In den römischen politischen Kreisen wird es sehr bemerkt, daß der preu- fische Gesandte beim Vatican, Herr v. Schlözer, auf seiner Urlaubsreise in Wien sehr intim mit dem päpstlichen Nuntius Galimberti verkehrte. Letzterer empfing den Gesandten am Bahnhofe und fuhren beide in der Equipage des Nuntius nach dem Absteigequartier Herrn v. Schlözers im „Hötcl Imperial". Am Sonntag dinirte der ' Gesandte beim Nuntius und bringt man diesen intimen Verkehr mit dem signalisirten 1 Besuch des deutschen Kaisers zusammen.
Als eine der Folgen der Petersburger Kaiserbegegnung wird jetzt u. A. auch die angeblich bevorstehende Revision des deutsch-russischen Zolltarifs ange- lündigl. Es heißt, zwischen Graf Herbert Bismarck und Herrn v. Giers seien während
der Entreoue Protokolle ausgenommen worden, welche die Grundlage einer finanziellen Verständigung zwischen Rußland und Deutschland feftsetzten. In kürzester Zeit würden besonders dazu ernannte Bevollmächtigte zur Ausarbeitung dieser als Basis dienenden Protokolle schreiten, und dann würde eine gründliche Revision der beiderseitigen Zolltarife vorgenommen werden. In Verbindung hiermit wird angenommen, daß Wischnegradsky, der russische Finanzminister, zurücktreten würde, eben weil fein Finanzsystem durch die signalisirte finanzpolitische Verständigung zwischen Rußland und Deutschland einen schweren Stoß erfahren würde. Was und ob an diesen Gerüchten Wahres ist, muß freilich dahingestellt bleiben. •
Deutschland.
Darmstadt, 30. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:
Am 21. Juli den außerordentlichen Professor bei der philosophischen Fakultät der Landesunioersität Dr. Carl Friedrich Wimmenauer zum ordentlichen Professor in der genannten Fakultät zu ernennen.
Darmstadt, 30. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 22 enthält:
1. Verordnung, die Ausführung des Jagdstrafgesetzes, insbesondere Anordnungen wegen der Heegzeit betreffend.
Auf Grund des Art. 29 des Jagdstrafgesetzes vom 19. Juli 1858 wird im Anschluß an den § 2 der Verordnung vom 19. August 1882 für das in vielen Gegenden Deutschlands erschienene asiatische Steppenhuhn, Syrrhaptus paradoxus, um dasselbe wenn möglich heimisch zu machen, bis auf Weiteres vollständige Heegzeit festgesetzt.
2. Bekanntmachung, die Ausführung des Bauunfallversicherungs - Gesetzes betreffend.
Köln, 30. Juli. Wie man der „Köln. Ztg." aus Berlin meldet, wird der Kaiser in den ersten Tagen der nächsten Woche den Reichskanzler besuchen. Alle bis jetzt umlaufenden Gerüchte über die Ergebnisse der Kaiserreise beruhten auf Erfindung.
Italien.
Rom, 29. Juli. Die „Agencia Stefani" veröffentlicht ein Resumö der vom Ministerpräsidenten Crispi betreffs Massauahs an die Vertreter Italiens im Auslande gerichteten, zur Mittheilung an die betreffenden Regierungen bestimmte Noten. Darnach wird in der einen Note unter Hinweis auf die bezüglichen Verhältnisse in Bosnien, der Herzegowina, Cypern, Bulgarien und Tunis ausgeführt, daß selbst, wenn die Annahme der französischen Regierung von dem Fortbestehen der Kapitulationen in Massauah richtig wäre, daraus doch für Italien keine Verpflichtung fließen würde, die ausländischen Unterthanen oder Schutzbefohlenen in Massauah ohne Einwilligung ihrer betreffenden Regierungen der Leitung von Municipalsteuern nicht zu unterziehen. Das der Türkei in Egypten gegenüber bestandene Recht der Kapitulationen habe aber jedenfalls ausgehört, als Italien Massauah in Besitz genommen und dort eine regelrechte Verwaltung eingesetzt habe, welche für die Ordnung und die Unparteilichkeit der Behörden wünschenswerthe Garantien biete. In einer zweiten Note wird nachgewiesen, ♦ daß die juridische Lage in Massauah genau dieselbe sei, wie an anderen Punkten der Ostküste Afrikas. Auch seien Italien nicht etwa von der Türkei Reklamationen zugegangen, sondern wie immer nur von Frankreich, welches dann auch noch Griechenland zur Erhebung von Reklamationen zu bestimmen gewußt habe; von Frankreich, das, wie es scheine, in den friedlichen Fortschritten Italiens eine Verringerung der eigenen Macht erblicke. Der große afrikanische Kontinent biete doch hinreichenden Raum für eine legitime Thätigkeit und den civilisatorischen Ehrgeiz aller Mächte; die Okkupation Massauahs trage durch die Verhältnisse, unter denen sie sich vollzogen habe, und dadurch, daß alle durch die Berliner Conferenz geforderten Bedingungen erfüllt worden seien, alle juridischen Merkmale einer legitimen und unbestreitbaren Besitzergreifung an sich.
Telegraphische Depeschen.
Wolsi'S telegr. Correspondenr - Brrrearr.
Potsdam, 30. Juli. Bulletin von Abends 6 Uhr. Tie Kaiserin und der neugeborene Prinz befinden sich auch heute vollkommen wohl. Der Verlauf des Wochenbettes ist bisher durchaus regelmäßig.
München, 30. Julü Die Ludwigsfeier wurde heute Morgen durch Glockengeläute, Mtlitärmusik und Schulgottesdienste eröffnet. In der überfüllten Prachtbasilika zu Samt Bonifaz legte der Prinzregent, die gesammten Prinzen und Deputationen prachtvolle Kränze auf das Grab Ludwigs I. nieder. Darauf hielt der Erzbischof ein Pontifikalamt ab, wobei die Königskapelle spielte. In den protestantischen Kirchen und den Synagogen haben ebenfalls Gedächtnißfeiern stattgefunden. Das Wetter war herrlich, die Stadt ist überfüllt.
München, 30. Juli. Im Verlaufe der Centenarfeier für König Ludwig I. fand heute Abend in Gegenwart des gesammten Königshauses, des Landtages und Hunderttausender von Festgästen die feierliche Aufstellung der Marmorbüste des gefeierten tobten in der Ruhmeshalle statt. Darauf wurde ein großartiges Feuerwerk abgebrannt, am Schlüsse sang die ganze Versammlung die Wacht am Rhein und die Nationalhymne.
Kopenhagen, 30. Juli. Aus Malmö wird von 5.40 V. gemeldet, daß das deutsche Geschwader um 4.50 V. südlich von Trebellorg passirt ist und um 5.50 V. bei Falsterboe erwartet wird.


