Ausgabe 
1.4.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 78 Erstes Blatt. Sonntag den 1. April 188§«.

Weßener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Drrreaur Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Höeil.

Gefunden: 1 Armband, 1 Hemd, 1 Federmesser, 1 braune» Band, 1 Kriegsdenkmünze, 1 Kinderhandschuh, 1 Farbzeichen, 2 Bettelmünzen, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Gießen, am 31. März 1888. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Ostern.

Nach einem langen, strengen Winter, und nach einer Zeit schwerer Prüfung und tiefer Trauer hält das hehre Doppelfest Ostern wiederum seinen Einzug in das deutsche Vaterland. Religiöse Weihe und Hoffnung und ur­alte Poesie gestalten die Osterfeier zu einem herrlichen Doppclfeste, welches wohl in keinem Lande der Erde inniger empfunden wird als im deutschen Vaterlande. Dem erhabenen Gedenktage des christlichen Triumphfestes, an welchem der göttliche Dulder aller Bosheit dieser Welt zum Trotz sein Be- freiungs- und Erlösungswerk vollbrachte, und seinem Häuflein staunender und zweifelnder Jünger die Unsterblichkeit des göttlichen Geistes im Menschen un­widerleglich vor die Augen führte, hat sich in nordischen Landen zur Öfter* zeit das erste Lenzfest, die Feier der Wiederkehr des Frühlings hinzugesellt, und unter dem Zeichen der wieder erstandenen Natur aus starrem, winter­lichen Todesschlafe begrüßen wir mit erhebender Herzensfreude den größten christlichen Triumphtag.

Aus dem Tode erwacht neues Leben!" Das ist die frohe, heil­spendende Botschaft der Religion wie der Natur und trostreiche Hoffnung dringt bei der Verkündigung dieser Botschaft in unsere Herzen ein. Was wäre auch die Menschheit für ein bejammernswerthes Zerrbild der Schöpfung, wenn Gott in die Herzen der Menschen nicht den Strahl der Hoffnung, der Befreiung aus aller Plage gepflanzt hätte, diese hehre, auf sittlicher Basis beruhende Hoffnung, gestützt und verschönt durch die götttiche Liebe und Barmherzigkeit! Was wiegen wohl alle sinnlichen Genüsse und Freuden dieser Welt gegenüber dem Tröste dieser Hoffnung, die den Unglücklichen mit dem Dasein versöhnt! Ach und wie wenig ist alles Glück, aller Glanz dieser Welt vor dem Verderben sicher und wie muß nicht selbst der Edelste und Beste der Nation schwerste Prüfungen ertragen? Weit, weit hinter die nationale Hoffnung muß zu diesem Osterfeste die persönliche, private treten! Neben dem Schmerze um den Verlust des besten Kaisers, den je das Vater­land besaß, lastet auf der deutschen Volksseele die bange Sorge um das theuere Leben des guten Kaisers, der in allen Tugenden den Söhnen des Vaterlandes in großer Zeit voranleuchtete und in friedlichen Tagen ebenfalls allen Bürgern das beste Beispiel gab. Doch so groß auch unsere nationale Trauer, unsere tiefe, bange Sorge sein mag, so erheben wir doch auch in froher, Gott vertrauender Zuverftcht unsere Osterhoffnung, die auch dem deutschen Vaterlande, dem deutschen Kaiser und dem deutschen Genius, der schon Schlimmeres überstanden hat, noch blüht. Die Zukunft des Vater­landes, ja die Zukunft der ganzen Menschheit, sie gehört den idealen Mächten an, und keine zeitliche Sorge, kein irdisches Unglück wird an diesem Oster- evangelium, welches für alle Menschen und alle Völker verkündet wurde, je­mals auch nur das Geringste ändern. Wie nach dem Winter in der Natur der Lenz nur schöner und herrlicher hervortritt, so folgt auch auf den Winter im Völkerleben nur ein um so köstlicherer Frühling. Dies sei unsere zu­versichtliche Osterhoffnung in trauriger Zeit!

Deutschland.

Karlsruhe, 29. März. DieKarlsr. Zeitung" veröffentlicht die Danksagungen des Großherzogs auf die Kammeradressen anläßlich des Todes Kaiser Wilhelms. In der Antwort an den Präsidenten der zweiten Kammer, Herrn Lamey, heißt es:Die Hinweisung auf die Liebe, die mich mit dem Kaiser und seinem großen Wirken ver­bunden hat, gereicht mir zum erhebenden Trost und zu befriedigendem Bewußtsein, da in ihm mein Streben, das Lebenswerk des großen Kaisers, soweit ich dazu berufen war, in Treue zu fördern, Anerkennung findet. In den vielen Jahren, in denen ich besonders gern mit Ihnen verkehrte, haben wir kein Ereigniß erlebt, das unsere Nation so tief bewegte als das Ableben unseres großen Kaisers. Wir Beide sind in Arbeit für's Vaterland ergraut, aber unsere Kraft gehört ihm und der Heimath. In dieser Empfindung rufe ich Ihnen und den Vertretern meines Volkes zu:Mit trauerndem Herzen, aber glaubensmuthig zu Gott und mit erhobener Seele wollen" wir fest zusammenstehen und soweit es an uns ist, dafür wirken, daß die Zukunft der großen Vergangenheit sich würdig erweise."

Danzig, 29. März. Der Minister v. Puttkamer befindet sich zur Zeit im Überschwemmungsgebiet.

Hesterreich.

Budapest, 29. März. In Bekes-Esaba äscherte ein durch Sturm angefachtes Feuer rasch 19 Häuser ein, in Kikinda wurden 200 Häuser durch Feuer zerstört. Die Theiß ist fortwährend im Steigen.

Arankreich.

Paris, 29. März. Der Senat beendigte die Budget-Berathung, welches kleiner Abänderungen wegen zur nochmaligen Berathung in die Kammer geht. Die Berathung der Interpellation der Linken wirb auf morgen vertagt. Die Rechte beschloß bei Be­rathung der Interpellation für einfache Tagesordnung zu stimmen. Floquet sprach sich gegenüber mehreren Deputirten auf das Entschiedenste gegen den Sturz des Eabmels j

aus und bezeichnete eine Ministerkrise unter den gegenwärtigen Umständen als einen schweren Fehler.

Gegen dieLanterne" wurde gerichtliche Verfolgung wegen Beleidigung des Präsidenten Earnot eingeleitet. DieLanterne" beschuldigte Carnot, mit dem Köniz von Belgien über die Rückkehr der Prinzen von Orleans verhandelt zu haben.

Der Minifterrath beschloß die sofortige Diskussion der Interpellation, welche heute eingedracht werden soll, soweit dieselbe gegen die Regierung gerichtet ist, anzu­nehmen; dagegen die Dringltchkeitserklärung betreffs der Verfassungsänderung zu be­kämpfen. Es heißt, die Regierung werde die einfache Tagesordnung in Sachen der Interpellation annehmen.

Stoßett.

Rom, 29. März. Nach einer Meldung derAgence Stefani" ist der Kammer­herr Iswolski mit einem eigenhändigen Schreiben des russischen Kaisers an den Papst hier eingetroffen. Er wurde vom Cardinal Rampolla empfangen, welchem er ein Schreiben des Ministerpräsidenten übergab.

DerPopolo Romano" meldet: In politischen Kreisen wird heute beharr­lich behauptet, die Regierung habe von Massauah FriedeuSvorschläge, welche der Negus dem italienischen Oberft-Commandirenden, General San Marzano machte, erhalten.

Livorno, 29. März. Vergangene Nacht explodirte unter dem Porticus der Kathedrale, gegenüber dem Polizeiamte, eine mit Kartätschen gefüllte Bombe. Die Kathedrale ist stark beschädigt. Verletzt wurde Niemand. Mehrere Personen wurden verhaftet.

Die Urheber des Bombenattentats verfolgten den einzigen Zweck, die Gläubigen in der Kathedrale zu erschrecken. Drei Haupturheber wurden verhaftet. Der Schaden im Porticus betrug 300 Francs.

Telegraphische Depeschen.

1 Wolst'S telsgr. Korrespondenz - Bureau.

Berlin, 30. März. Der Kaiser und die Kaiserin fuhren Mittags im halb-- offenen Wagen nach hier zum Besuche bei der Kaiserin Augusta. Das zahlreich herbei- gestcömte Publikum brachte dem Kaiserpaare enthusiastische Ovationen dar. Vormittags wohnten die beiden Majestäten nebst Familie dem Gottesdienst in der Charlottenburger Schloßkapelle bei.

Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin verweilten bei der Kaiserin- Wittwe Augusta drei Viertelstunden. Der Kaiser war in Uniform und trug den Helm. Der Wagen fuhr nicht auf die Rampe, sondern in den Hof des Palais. Im zweiten Wagen befanden sich die Prinzessinnen Töchter, im dritten der Erbprinz von Meiningen mit Tochter, im vierten Mackenzie und der Adjutant.

Der Kaiser und die Kaiserin besuchten Vormittags mit den meiningenschen und den badischen Herrschaften und den Prinzessinnen Töchtern das Sterbezimmer und das anstoßende Wohnzimmer des Kaisers Wilhelm. Der von London zurückgekehrte General Loe ist von der Kaiserin Augusta empfangen worden.

Posen, 30. März. Die Warthe ist in der Nacht um weitere drei (Zentimeter gestiegen. Seit heute früh steht jedoch das Wasser: Von oberhalb wird erhebliches Fallen gemeldet, so von Pogorzelice, wo die Spiezel von 4,80 Meter gestern früh auf 4,20 Meter heute früh sank.

Pest, 30. März. Während des gestrigen Orkans brach an vielen Orten Feuer aus. In Bekes-Csaba sind 30 Häuser mit Nebengebäuden, in Groß-Kikinda 200 Häuser und in Mezö-Bereny 38 Häuser niedergebrannt. Zwei Personen haben das Leben ein­gebüßt, 1500 Menschen sind genöthigt, im Freien zu kampiren.

Paris, 30. März. Da die Deputirtenkammer in ihrer heutigen Sitzung die von dem Senate vorgenommenen Budgetänderungen zum Theile abgelehnt hat, wird das Budget heute nochmals an den Senat zurückgelangen. In Folge dessen mußte die Berathung der von der Linken eingebrachten Interpellation auf morgen vertagt werden.

Rom, 30. März. Telegramme aus Massauah an das Kriegsministerium melden: Gestern Abend fand sich ein abessynischer Officier bei unseren Vorposten ein, welcher den General San Marzano zu sprechen verlangte. Der Officier überbrachte dem Com- mandirenden ein Schreiben des Negus, in welchem dieser den Wunsch ausspricht, Frieden zu schließen. San Marzano theilte das Schreiben telegraphisch der Regierung mit, welche ihm die erforderlichen Weisungen ertheilte, um die Unterhandlungen unter Wahrung der Würde und der Interessen Italiens zu erleichtern. Die Nacht und der heutige Morgen verliefen ruhig. Die abessynischen Vorposten ziehen sich auf das Lager zurück. Es scheint, daß die abessynische Armee sich vollständig zurückziehen wolle, nach­dem der Negus die Unmöglichkeit erkannt hat, in Folge der guten Stellungen der Italiener und bei dem äußersten Mangel an Provisionen mit Aussicht auf Erfolg einen Angriff zu unternehmen.

Sofia, 30. März. DerAgence Haoas" zufolge richtete die bulgarische Re­gierung gestern an die Pforte ein Ersuchen um Auskunft wegen der türkischen Truppen- aufftelluns an der rumelischen Grenze.

Newport, 30. März. In den Kohlengruben von Richhill im Staate Missouri fand heute eine Explosion schlagender Wetter statt. Wie es heißt, sind hundert Bergleute dadurch verschüttet worden; vierzig Leichen sind bereits zu Tage gefördert worden.

Lokales.

Gießen, 31. März. Die heute zur Ausgabe gelangte Nr. 4 der Verwal­tungsblätter hat folgenden Inhalt:

Erbauung und Unterhaltung von Kreisstraßen in der Provinz Oberhessen nach dem Entwurf des Voranschlags für 1888/89.

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