Ar. 7<8, Zweites Blatt. Donnerstag den 31 Marz . 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur S ch u l st r a ß e 7.
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AmLl ich er Hl) ei l.
Auszug
ans der von Gr. Oder-Rcchnungskammer abgeschlossenen Rechnung der Provinzialkaffe der Provinz Oberheffen für 1884/5.
Einnahme.
Rubrik Nr.
1. Kassenvorrath aus vorhergehenden Jahren
2. Ausstände aus vorhergehenden Jahren
3. Beiträge der Kreise
4. Kapitalzinsen
5. Proceßkosten ......
6. Beitrag aus der Staatskasse ♦
12. Zurückempfangene Kapitalien • • •
Summe der Einnahme
Ausgabe.
Rubrik Nr.
14. Besoldungen
15. Diäten und Gebühren
16. Botenlohn und Verkündigungskosten .
17. Für Bureaugegenstände und Geräthschaften
18. Erbauung und Unterhaltung von Kreisstraßen .
22. Uneinbringliche Posten und Nachlässe
23. Ausgeliehene Kapitalien . . . . ^
( Summe der Ausgaben
207429 64
66767
72
94
84
140800
—
785
11
1686
37
21320
—
28000
—
259454
04
H
1250
2827
52
161
80
238
06
139259
34
42
92
63640
—
Abschluß.
Gesammtsumme der Einnahme 259454 04 JL
Gesammtsumme der Ausgabe ... . . . 207419 64 „
Verglichen, bleibt Rest 52034 40 JL und dieser besteht:
a. in baarem Vorrath 51982 48 «X
b. in liquidirten Ausständen .... 51 92 „ Gleiche Summe wie oben 52034 40 ju
Gießen, am 12. Februar 1886.
Der Rechner der Provinzialkasse für Oberheffen: Grüneberg, Rendant.
Revidirt, ohne daß sich für vorstehenden Abschluß eine Aenderung er- geben hat.
Darmstadt, den 16. März 1887.
Großherzogliche Ober-Rechnungskammer:
Heß.
Pfeiffer.
In Gemäßheit des Art. 93 bez. 43 der Kreis- bezw. Provinzialordnung wird der vorstehende Auszug zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Gießen, den 25. März 1887.
Der Vorsitzende des Provinzialausschuffes der Provinz Oberheffen:
Dr. Boekmann.
Politische Übersicht.
Gießen, 30. März.
Die Erkältung des Kaisers giebt, wie Berliner Blätter melden, zu keinerlei Besorgniffen Anlaß und auch die hiermit zusammenhängende Affection des linken Auges soll ohne Belang sein. Nur ist dem hohen Herrn von den Äerzten strengste Schonung und unbedingte Ruhe anempsohlen worden, so daß einstweilen selbst die täglichen Meldungen und Berichte unterbleiben müssen.
Die Aussichten der Meisterprüfungs-Anträge scheinen in der tetr. Reichstags-Commission nicht so ungünstige zu sein, als man nach dem Verlause der ersten Plenarlesung annehmen mußte. Wenigstens gilt dies von dem- jenigen Theile des Antrages Lohren, der sich auf die Baugewerbe bezieht und hier bekanntlich eine technische Prüfung verlangt; dieser Theil des Antrages ist auch von liberaler Seite für discutabel erklärt worden, während die regierungsseitig angestellten Erhebungen der Nothwendigkeit einer technischen Prüfung im Bauhandwerke ebenfalls das Wort reden. Die weitaus größte Mehrheit der tetheiligten Privatpersonen und Beamten stimmt darin überein, daß die Leistungen vieler Bauhanvwerker und Unternehmer, namentlich aus dem platten Lande, durchaus ungenügend und geeignet sind, ernste Gefahren für Leben und Sicherheit der Bevölkerung herbeizusühren. Die Sachverständigen suchen die Ursache dieser Erscheinung mit im Wegfalle der obligatorischen Meisterprüfung und versprechen sich daher von deren Wiedereinführung eine wesentliche Besserung der Zustände im Baugewerbe. Die meisten Gutachten stimmen auch insofern mit den Lohren'schen Vorschlägen überein, als sie die Prüfung nicht als Meisterprüfung im zünftlerischen Sinne gestalten und dieselbe den Innungen übertragen wissen wollen, sondern eine rein technische Prüfung vor staatlichen PrüfungS- behörden befürworten. Ob indessen trotz dieser weitgehenden Uebereinstimmung der Lohren'sche Entwurf bereits völlig gesetzgeberisch durchgearbeitet ist und ob er nicht vielmehr noch weiter im Einzelnen durchgebildet werden muß, bevor der in ihm enthaltene richtige Gedanke in gesetzgeberisch brauchbare Münze umgeprägt ist, kann zur Zeit noch dahingestellt bleiben.
Die Demission Herrn v. Keudell's ist neben der anderweitigen Besetzung der deutschen Botschafterposten in London und Paris seit Jahren das hervorragendste Ereigniß in der deutschen Diplomatenwelt. Begreiflicher Weise wird dah'.r das Ausscheiden unseres langjährigen Vertreters am italienischen Hose aus dem diplomatischen Dienste von der Presse r^ch immer eifrig commen- tirt, was namentlich hinsichtlich der Motive gilt. Nuu aus Gesundheits-Rücksichten, wie es anfänglich hieß, sondern aus Famüien-Rücksichten will Herr v. Keudell seine Entlassung eingereicht haben, aber die eigentlichen Motive liegen offenbar auf einem ganz anderen Gebiete, wenngleich hierüber nur Vermuthungen gehegt werden können und hat hier die auch allgemein verbreitete Anschauung das Meiste für sich, daß Herr v. Keudell demissionirte, weil der neue Abschluß der mitteleuropäischen Tripel-Allianz erfolgt sei, ohne ihn in's Vertrauen zu ziehen. Eine andere merkwürdige Version will wissen, es sei ihm von Berlin aus nahe gelegt worden, seine Entlassung zu nehmen, da Herr v. Keudell dem Reichskanzler zu sehr „veritalienert" sei. Es wird hierbei daraus hingewiesen, daß es Fürst Bismarck überhaupt nicht liebe, wenn unsere auswärtigen Ver
treter sich zu sehr in Sitte und Eigenart des Landes, bei dessen Regierung sie beglaubigt sind, einleben und führt man als jüngstes Beispiel die Versetzung des Grasen Münster, der dem Kanzler zu sehr Engländer geworden sei, von London nach Petersburg an. Inwieweit diese Auffassung hinsichtlich unseres bisherigen Botschafters in Rom zutrifft, mag dahingestellt bleiben, Thatsache ist aber, daß derselbe sich während seines fast 14jährigen Aufenthaltes in der ewigen Stadt daselbst sozusagen festgewurzelt hatte und bei Hose wie in den römischen Gesellschaftskreisen sieht man daher Herrn v. Keudell nur mit dem lebhaftesten Bedauern scheiden. Uebrigens wird versichert, daß sich Herr v. Keudell auch ferner zur Verfügung unseres auswärtigen Amtes halten werde und dieser Entschluß ist in Anbetracht der hervorragenden diplomatischen Befähigung des Botschafters höchst erfreulich. Ueber seinen Nachfolger verlautet noch nichts Bestimmtes, wenngleich der Name des Herrn v. Radowitz, des deutschen Botschafters in Konstantinopel, als desjenigen Diplomaten genannt wird, der sich am meisten für den römischen Posten eigne.
Die vom leitenden StaatSmanne Oesterreichs, dem Grasen
Ta affe, ausgegebene Parole: Gleichberechtigung der Nationalitäten des Kai- serstaates! hat in Prag wieder einmal eine recht seltsame Auslegung erfahren. Dem dortigen deutschen Turnverein ist seitens der Statthalterschaft die Feier seines 25jährigen Stiftungsfestes untersagt worden, natürlich, um die Empfindlichkeit der Herren Czechen zu schonen. Wenn freilich irgendeine czechische „Beseda" eine ähnliche Feier begehen will, da ist nichts von einem Verbote zu spüren, aber bei den Deutschen — ja, da pfeift der Wind ganz anders! Uebrigens will der deutsche Turnverein gegen das Verbot seines Stiftungsfestes beim Ministerium des Innern recurriren.
Nach einer Wiener Meldung ist Prinzessin Thyra, die Gemahlin des Herzogs von Cumberland, in die Privat-Jrrenanstalt zu Döbling gebracht worden. Die Herzogin litt schon längere Zeit an Verfolgungswahn, der aber erst seit dem letzten Petersburger Mordanschlag eine bedenkliche Wendung, nahm, da die Herzogin meint, ihre Schwester, die Czarewna, werde ermordet und treffe dann die Reihe sie selbst. Er soll Aussicht auf Hellung vor
handen sein.
Aus Afghanistan sind wieder einmal bedenkliche Nachrichten in London eingelaufen. Emir Abdurrhaman soll 10,000 Mann Verstärkungen nach Herat beordert haben, da ein Handstreich des Prätendenten Isländer Khan gegen diese Stadt befürchtet wird. Natürlich wittert man in London hinter den Bewegungen Jskander Khan's gleich Rußland, obwohl dies noch gar nicht erwiesen in, aber es begreift sich, daß sich die öffentliche Meinung Englands stetsbhr empfindlich zeigt, wenn von unruhigen Vorgängen in Afghanistan die Rede in. Denn jede Trübung der Lage daselbst läuft den englischen Interessen zuwider, während Erschütterungen der afghanischen Verhältnisse in ^tzter Instanz im wieder den Russen zu Gute kommen. Ob Jskander Khan wirklich der geh ■*- Schützling Rußlands ist, mag unerörlert bleiben; jedensalls scheint es aoer ob derselbe berufen sei, in neuen afghanischen Wirren eine hervorragende Rolle, zu spielen und alsdann wird e» sich zeigen, ob Rußland hmter ihm s y.


