Ausgabe 
30.6.1887 Zweites Blatt
 
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Nir. LL8. Zweites Blatt. Donnerstag den 30. Juni 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

flhMTMUi Schulstriße 7.

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Gießener Anzeiger,

Amts- unö ÄnzeigMatt für Öen .Kreis gießen.

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Politische Ueberficht.

Gießen, 29. Juni.

Die Gesundheit unseres hochbetagten Kaisers ist wieder her­gestellt, dis gute Natur des hohen Patienten überwand auch das jüngste nicht unbedenkliche Blasenleiden. In Hinblick auf das hohe Alter de« Kaisers sind alle diesjährigen Berichte über die Badereisen des Monarchen nicht als unbe­dingt feststehend anzunehmen, es wird sogar gemeldet, daß der Kaiser auf die Badekur in Gastein verzichtet habe und nur Kuraufenthalt in Ems und Baden- Baden nehmen werde. Der verlängerte Aufenthalt des Reichskanzlers in Berlin hing mit der Krankheit des Kaisers zusammen; vor seiner Abreise hatte Fürst Bismarck eine Zusammenkunft mit den kaiserlichen Leibärzten und zweimal täg­lich gehen immer noch nach England und Friedrichsruhe Depeschen über das Befinden des Kaisers ab.

Die Kunstbutter-Vorlage, die am Samstag auf der Tagesordnung stand, ist vom Bundesrath nicht erledigt, sondern an die Ausschüffe verwiesen ' worden. Daß der Bundesrath gewillt sei, das Gesetz in der vom Reichstage beschloffenen Fassung abzulehnen, kann aus dieser Thatsache nicht gerade ge­schloffen werden. Die von Herrn v. Bötticher in der dritten Lesung gegen das Verbot der Mischbutter erhobenen Bedenken waren keineswegs so bestimmt for- mulirt, wie in der zweiten Lesung, und nachdem die Majorität des Reichstags ihrerseits dasZugeständniß" gemacht, einen lOprocentigen Zusatz von Butter­fett zur Margarine als zulässtg zu erklären, ist die Möglichkeit nicht ausge­schlossen, daß da« Gesetz in der vom Reichstage vereinbarten Gestalt doch noch die Zustimmung des Bundesraths finden wird.

Nach einer offtciösen Meldung ist es nicht richtig, daß das Reichsgesundheitsamt einen Gesetzentwurf über die Herstellung des Bieres und die Controls desselben ausarbeite, sondern man habe nur eine vorläufige Unter­suchung über die hinfichtlich der Bierproduction und des Bierverkehrs bestehen­den Verhältnisse vorgenommen.

Das Ergebniß der Urwahlen in Bayern zeigt, daß die Klerikal-Patrioten eine schwere Niederlage erlitten haben, ste sind aus den Münchener Wahlkreisen und aus Regensburg hinaurgeschlagen worden, und wenn am Dienstag die Wahl der Abgeordneten vollzogen sein wird, so werden ste sich der Thatsache erst ganz bewußt werden, daß ihnen nicht blos die Majorität, die sie bisher in dem Landtage besaßen, sondern auch ein Thetl ihrer Führer in dem Gewühle der Wahlschlacht abhanden gekommen ist. Allerdings finden sich auch die Liberalen nicht mit einer Mehrheit aus der Münchener Pranner- straße ein, aber diese haben von der Erlangung einer solchen nicht einmal .geträumt, sie können damit reichlich zufrieden sein, daß ste nicht mehr wie in Ler letzten sechsjährigen Landtags-Periode wehrlos der klerikal-patriotischen Ueber- ^egenheit gegenüberstehen werden.

Das politische Ereigniß ist in Wien gegenwärtig die bereits be­kannt gegebene Anwesenheit des Königs Milan von Serbien daselbst, nachdem vor wenigen Tagen bekanntlich König Milan sein österreich-sreundliche« Ministe­rium mit einem ruffen-freundlichen vertauscht hat. Man nimmt mit guten Gründen an, daß König Milan in Wien nicht nur Aufklärung über die deli- caten Verhältniffe seines Thrones und Landes, die hauptsächlich in finanziellen Schwierigkeiten und panslavistischen Jntriguen bestehen, gegeben, sondern daß Lieser auf schwankendem Throne stehende Monarch beim Kaiser von Oesterreich auch um Unterstützung gegen die ruffenfreundltche Agitation in Serbien, der sogar König Milan's Gemahlin angehört, nachgesucht habe. Die Ruffenfreunde in Serbien sind sogar so weit gegangen, den König Milan mit Entthronung ? :und der Ersetzung der Dynastie des Obrenowitsch durch die Dynastie der Kara- georgewitsch zu bedrohen, falls König Milan keine ruffenfreundltche Politik treibe. König Milan ist in Wien mit großer Auszeichnung behandelt worden und man -darf daher annehmen, daß die österreichische Regierung trotz des gegenwärtig

ruffenfceundlichen serbischen Ministeriums dem Königreiche Serbien ihr Wohl­wollen bewahren wird.

Nach dem Resultat dec jetzt fast vollständig vollzogenen ungarischen Wahlen zählt die liberale Partei, d. h. diejenige, auf welche stch die Regie­rung stützt, 258 Mitglieder aus Ungarn und 39 Delegirte aus Kroatien. Diesen stehen nur 155 Mitglieder der Opposttion entgegen. Das Ergebniß ist also für den leitenden Minister, Herrn v. Tisza, ein überaus günstige«.

Die Mission des Herrn Persico und Gualdi nach Irland gilt al« ein neuer Schachzug der vatikanischen Politik. Der Papst habe diese Mitglieder derPropaganda" nach Irland entsendet, wie dieGermania" versichert, weil er der englischen Regierung einen Beweis seines guten Willens geben wolle, zur Regelung der irischen Verhältniffe mit beizutragen. Die beiden päpstlichen Ab­gesandten gehen nach dergrünen Insel", derGermania" zufolge lediglich zur Information, sie haben keinerlei politische Mission, sondern nur den Auftrag, mit den Bischöfen eine Conserenz abzuhalten. Schließlich weiß dasselbe Blatt noch mitzutheilen, daß das Fernbleiben des katholischen Adels und der katholi­schen Geistlichkeit von der offictellen staatskirchlichen Jubiläumsfeier in der West­minster-Abtei auf einem Verbot der Propaganda beruhe; Kardinal Manning soll sich in gleichem Sinne geäußert haben.

Wie die LondonerMorning Post" wissen will, verständigte die französische Regierung die Pforte, daß sie die Forderungen betreffs der hell. Orte im Orient wieder ausnehmen werde, wenn die Pforte die egyptische Con­vention ratificire. Die Pforte fragte daher bei der britischen Regierung an, ob sie im Falle der Ratification aus wirksame Aussührung der Cypern-Convention englischerseits rechnen könne. Soweit die bezügliche Meldung derMorning Post." Aus derselben geht vor Allem hervor, daß man sranzöfischerseits die englisch-französische Convention als eine sehr günstige Gelegenheit betrachtet, eine Pression aus England auszuüben, um das Londoner Cabinet zur Anerkennung dertraditionellen" Stellung Frankreichs am Nil zu zwingen. Andernfalls wäre es gar nicht denkbar, daß ein Hervorkramen solcher Fragen, welche, wie diejenige der heiligen Stätten, längstabgethan" sind, oder welche, wie die Cypern-Convention, von keinem europäischen Jntereffe sind, ohne besonderen Zweck geschehen sollte. Dieser Zweck aber ist sehr durchsichtig: Frankreich will seinem Rivalen im Orient, eben England, thur.lichst Verlegenheiten bereiten und da Rußland in Hinblick aus die russischen Ziele in Bulgarien und Centralasien die französischen Forderungen gegenüber England bereitwillig unterstützt, so schwillt den französischen Orientpolittkern natürlich mächtig der Kamm. Das Ergebniß all' dieser diplomatischen Jntriguen, die stch jetzt zwischen London einer- unb Paris und Petersburg anderseits abspielen und welche in der Behandlung der egyptischen Convention immer offener hervortreten, wird aber schließlich eine Verschärfung der allgemeinen Orientkrists sein und hiermit ist die Fortdauer der kaum erst eingetretenen Friedens-Epoche aus's Neue in Frage gestellt.

Deutschland.

Berlin, 27. Juni. Das Gesetz über den Verkehr mit blei- und zink­haltigen Gegenständen wird für eine Reihe von Handwerkern betreffs der von ihnen herzustellenden Maaren und Gegenstände, namentlich aus Klempner- uno Zinngießer-Gegenstände, von Einfluß sein, weil mit dem Inkrafttreten des t-re- setzes nicht nur die Verwendung des bisherigen Lothes verboten rst, auch vorher mit demselben gelöthete Gegenstände nicht mehr verkauft w. dürfen. Hiervon werden namentlich die vielen aus Weißblech für den . gebrauch hergestellten Gegenstände, alle über zehn vom hundert Blei en y zinnernen Bierglasdeckel, welche insgesammt aus dem Verkehr entfern * müssen, betroffen.