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,,, . -a Freitag dm 39. Juli 1887.

chichcner Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

«ureanr Schulstraße 7.

Politisch- U-b-rficht.

Gießen, 28. Juli.

®le Bestimmungen hinsichtlich der Dauer der Gasteiner Nachkur Kaiser milbelm« haben infofern eine kleine Veränderung erlitten, als der Kaiser miebt gegen Mitte nächsten Monats, wie zuerst gemeldet wurde, sondern bereit«

H August Gastein wieder zu verlaffen gedenkt. Die Begegnung mit «ailer Franz Joses soll am 5. oder 6. August statlfinden. Auch in diesem »Xe ist während der Gasteiner Ausenthalter der Kaisers ein täglicher Cabinet«. «eourierdienst zwischen Berlin und Gastein eingerichtet worden; ältere, ersah, mne Postunterbeamte versehen diesen verantwortungrreichen Dienst. Jeden Albend 8 Uhr verläßt der Courier mit den sür den Kaiser bestimmten Schrift« iftto mittelst der Münchener Schnellzuge» Berlin und ungefähr um dieselbe steil fährt der von Gastein mit den vom Kaiser erledigten Schriftstücken kom< tmenbe Courier von Lend nach München ab, wo sie sich am andern Vormittag »treffen. Die Cabinetr-Courtere der Kaiser» führen die Schriftstücke in einer roopelt verichloffenen großen Ledermappe mit sich, die sie unterwegs niemals oblegen dürfen; zu ihrer Sicherheit sind sie mit einem Revolver bewaffnet.

Aus dem ganzen Gebiete der inneren Politik herrscht nur wenig Be- meaung und meist sind er nur kleinere Angelegenheiten, welche der Tagerpreffe Ermangelung wichtigerer Fragen zu Erörterungen Stoff geben müffen. Elnzrg loie bekannte Affaire der russischen Werthpaptere, welche aber schon M Theil in da« Gebiet der aurwärigen Politik hineinspielt, erscheint da al« ein Gegenstand von größerer Bedeutung, nur kann man hierüber noch jeden Tag neue Versionen hören, zumal war die fernere Beleihung russischer Papiere varch die Reichrbank anbelangt. In dieser speeiellen Frage bedars er aber nach §26 be« Bankgesetze« der Zustimmung de« Reichskanzler«, um den russischen mle überhaupt allen anderen aurländischen Staatianleihen die Beleihungsfähigkeit ltel der Reichrbank zu entziehen, da nur der Reichskanzler als oberster Leiter ttber gesummten Bankverwaltung befugt ist, eine derartige Verfügung zu erlaffen; ,eilst aber noch nicht bekannt, daß Fürst Bismarck in der Thal einen solchen ischritt beabsichtigen sollte. Uebrigen« kreuzen sich in der ganzenRuffenfrage" nioch fortwährend entgegenstehende Meldungen; jetzt soll e» auf einmal nicht -wahr fein, daß Rußland in Paris eine Anleihe aufzunehmen gedenke. Wenig­sten» versichert die PeterrburgerBörsen-Zeitung" in sehr bestimmter Weise, daß die hierüber umlausenden Gerüchte sammt und sonders erfunden seien, indem Rußland in Folge seiner außerordentlich günstigen Finanzlage er durchaus nicht nöthig habe, zur Zeit irgendwelche Anleihe-Operalionen zu unternehmen. Da» klingt ja recht stolz und zuversichtlich, aber daß er mit den Finanzen der Czarenreiche» so brillant stünde, glaubt man wohl dort selber nicht und macht überhaupt die Auslassung der genannten PetersburgerBörsen-Blatler" den Eindruck, als ob selbst in Paris die Trauben für eine russische Anleihe noch zu hoch hängen.

Am 10. August treten, wie bekannt, die preußischen Bischöfe in der ulten Blschofsstadt Fulda zu chrer alljährlichen Sommer-Conserenz zusammen. Die Berathungen werden, wie immer, so auch diesmal, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden; über die Tagesordnung werden vorläufig nur Muth- maßungen laut. Es sollen u. A. die Patronatssrage und die Betheiligung der nlebeten Klerus an der politischen Agitation zur Verhandlung kommen, letztere» wäre allerding» ein recht zeitgemäßer Thema. Den Vorsitz würde dem Ver­nehmen nach Dr. Kopp, der neuernannte Fürstbischof von Breslau, führen.

Die Erregung der letzten Reichrtagswahlen klingt noch immer hin und wieder in Beleidigungs-Proceffen, die au» jener Zeit stammen, nach- So war ein solcher gegen den Reichrtagr-Abgeordneten für Mülhausen im Els., Charles Grad, wegen Beleidigung der Feldwebel der deutschen Armee durch eine Wahlversammlungrrede, eingeleitet worden. Am Montag kam die Eiche vor der Straskammer der Mülhausener Landgerichtr zur Verhandlung und endete dieselbe mit Verurlheilung Stab'» zu 500 M. Geldbuße.

Die Nachrichten über die angebliche ZurÜckberusung des Dr. Karl Peters, des Vertreters der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, aus Ostafrika, lauten noch recht widerspruchsvoll. Jetzt heißt es wieder, die telegraphische Aufforderung an Dr. Peter« zur Heimkehr sei noch nicht erlassen, nur werde da» Projeci in Berliner eolonlalpolitischen Kreisen lebhast erörtert. Im aus- toartigen Amte soll man über gewisse Maßnahmen des Herrn Peter» während ferner früheren Anwesenheit in Ostafrika allerdings verstimmt sein, doch wird angenommen, daß die Sache ausgeglichen werden würde, ohne die Rückberusung "ei Dr. Peter» nöthig zu machen.

In der Schweiz hat die Katastrophe ans der Jungsrau die lebhasteste Theilnahme für die verunglückten 6 Touristen und ihre Angehörigen heroorgerufen. Zugleich nehmen aber die fchweizer Blätter, und die» mit Recht, anläßlich de» Unglücke» auf dem genannten Alpengipfel Veranlassung, auf da» Eindringlichste vor den Auswüchsen be» Bergsport» zu warnen, ble nun schon viele beklagenswerthe Unfälle gezeitigt haben. Die sechs Verunglückten galten sämmtlich alr geübte Bergsteiger unb wenigstens zum Theil mit ben Gefahren J« Alpknwelt vertraut, aber ihre Tollkühnheit führte ihren Untergang herbei, denn tollkühn war er nach Ansicht aller Kenner der Berner Alpen, den Abstieg von der Jungsrauspitze nach dem Rotthalsattel ohne Führer zu rirkiren unb ble verunglückten, welche noch vor ihrem Ausbruch von Lauterbrunnen mehrfach Smarnt worden waren, haben ihre Waghalsigkeit nun mit dem Leben büßen °Wn. Vielleicht hat die erschütternde Katastrophe wenigstens die eine gute

Folge, daß die gesährlicheren Alpenpartien nicht mehr führerlos unternommen werden.

Dar Cabinet Salisbury nimmt jetzt, gestützt auf die irische Straf« rechtrbill, in seiner irischen Politik einen recht energischen Anlauf. JnJrlanb ist über 19 Grafschaften und über die Stadtbezirke von Dublin, Cork, Belfast, Londonderry unb noch einige anbere Städte mit einem Schlage der Aue- nahmezustand verhängt worden und wahrscheinlich sind noch weitere Maß- regeln zu erwarten. Er wird sich nun zeigen müssen, inwieweit die Strasrechlr- blll in der That ein wirksamer Mittel zur Unterdrückung der Landliga unb Verhütung ihrer Ausschreitungen ist. Denn daß die Parnelliten nunmehr ben Kamps gegen die englische Regierung au» allen Krästen aufnehmen werden, ist nach Andeutungen ihrer parlamentarischen Führer sicher.

Sir Drummond Wolss ist am Montag nach London zurückgekehrt, nachdem seine monatelangen Bemühungen in Konstantinopel, ben Sultan zur Unterzeichnung her egyptischen Convention zu veranlassen, erfolglos geblieben find. Man scheint inbeffen auf der Pforte über die Heimberufung Wolff'r doch etwa» betreten zu sein, denn der türkische Botschaster in London hat Vorschläge zur Wiederaufnahme der kaum erst abgebrochenen Verhandlungen gemacht, aus veränderter Grundlage, man glaubt jedoch allgemein, daß Lord Salisbury die türkischen Vorschläge zurückweisen wird, sallr er türkischerseit» nicht beliebt, die frühere Convention wieder zur Basis der angeregten neuen Verhandlungen zu machen.

lieber die Nachricht von der angeblichen Ermordung Stanley« lag bis zum Dienrlag weder eine bestätigende, noch bementiienbe Meldung vor. Doch besestigt sich immer mehr die Ueberzeugung, daß dar Gerücht unbegründet unb bet berühmte Asrikareisende noch am Leben sei. Auch in englischen Regierung«- kreisen hegt man blefe Zuversicht, wie au« einer Miitheilung be» Unterstaal«- seeretär» Ferguffon im Unterhause hervorgeht.

Au» Rom bringt der Telegraph die Kunde von einer neuen bedeutsamen Manifestation be» Papste». Der heilige Vater hat ein Schreiben an ben Cardinal-Staatsfecretär Rampolla gerichtet, in welchem er feine Ideen Über die römische Frage entwickelt unb hierüber abermals betont, daß das Papstthum auf bet territorialen Souveränetät als Vorbedingung einer Aussöhnung mit Italien bestehen müsse. Auch des kirchlichen Zustandes in Preußen thut das päpstliche Schreiben Erwähnung unb wirb unter Anerkennung be» bislang Er­reichten betont, baß da» Werk des religiösen Friedens noch nicht ganz durchge- sührt sei, und daher bi» zur Vollendung durchgeführt werben müffe. In ben italienischen Regiernngskreisen dürste die wiederholte Betonung der Forderung, die weltliche Herrschast des Papstes müsse wiederhergestellt werden, ehe an eine ernstliche Versöhnung zwischen Vatikan und üuirinal zu denken sei, nur einen üblen Eindruck machen, zumal da sich die Regierungs-Organe ebenso scharf gegen da» Rampolla'sche Rundschreiben ausgesprochen haben. Da» päpstliche Schreiben bespricht sodann dar Verhältniß der Vatikans zu Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, England und Rußland, schließlich auch zu Griechen- land und dem Orient. Besonders bemerkenswerth ist der Passus über Griechen­land, von welchem Lande der Papst lebhast wünscht, daß es wieder zum Cen- trum der katholischen Einheit zurückkehren und seinen alten Glanz wieder erlangen möge.______

Darmstadt, 27. Juli. Se. König!. Hoheit der Großherzog reifen

heute von Diborne ab und werden am Freitag hier eintreffen.

Am Samstag Vormittag findet der Rapport im Großherzoglichen Schlosse statt.

Berlin, 25. Juli. Der bereits in einigen Theilen bekannt gewordene Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Unterstützung von Familien in den Dienst eingetretener Mannschaften ibeftimmt. ber Reserve, Landwehr, Erfatzreserve, Seewehr

und des Landsturms erhalten, sobald letztere bet Mobilmachungen oder nothwendigen Verstärkungen des Heeres oder der Flotte in den Dienst eintreten, rm Falle der Be­dürftigkeit Unterstützungen nach näherer Bestimmung dieses Gesetzes. Das'Gleiche güt bezüglich der Familien derjenigen Mannschaften, welche rur D^postfton der Truppen- (Marine-) Thetle beurlaubt sind, sowie derjenigen Mannschaften, welche das wehr­pflichtige Alter überschritten haben und freiwillig in den Dienst eintreten.

Auf die zu gewährenden Unterstützungen haben Anspruch: .

a. Die Ehefrau des Eingetretenen und dessen Kinder unter 15 Jahren, sowie b. dessen Kinder über 15 Jahren, Verwandte in aufsteigender Linie und Geschwister, insofern sie von ihm unterhalten wurden. , . r. ,.

Entfernteren Verwandten, geschiedenen Ehefrauen und unehelichen Kindern steht ein solcher Unterstützungsanspruch nicht &u. a

Die Verpflichtung zur Unterstützung liegt den nach § 17 des Gesetzes über die Kriegsleistungen vom 13. Juni 1873 gebildeten Lieferungsverbanden ob. 9r,f. h

Staaten, in welchen von der Bildung besonderer Lieferungsverbande Abstand genommen worden ist, haben die Unterstützungen unter gleichmäßiger Anwendung er nachfolgenden Bestimmungen aus ihren Mitteln zu gewahren. besten

Zur Unterstützung ist derjenige Lteserungsverband verpflichtet, innerhalb des en der Unterstützungsbedürftige zur Zett des Eintritts des Einberufenen in b n seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat.

Die Unterstützungen sollen mindestens betragen: rvtobcr

a. für die Ehefrau im April, Mai, Juni, Juli, August, September, Octover monatlich 6 JL, in den übrigen Monaten 9 , beieidnieten

b für jedes Kind unter 15 Jahren, forote für jede der unter d oben bezet-pne.en Personen monatlich 4 JL , mt-nhfnrn Kartoffeln,

Die Geldunterstützung kann theilweise durch Lieferung von -Brod $rtoat^

Brennmaterial rc. ersetzt werden. Unterstützungen von Privc . werden. Personen dürfen auf die vorbezeichneten Mindestbetrage nicht anger ch