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Pr. 22S Mittwoch den 28. iLeptember 1887.

Siebener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße?, ui ...........

Erscheint täglich mit Aufnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeiü

Kriegsgerichtliches Erkeuutnift.

Durch-kriegsgerichtliches unterm 12. September d. I. bestätigtes Erkenntniß vom 2. September d. I. ist der Musketier Adolf Krämer der S. Kompagnie Infanterie-Regiments Nr. 116, geb. am 20. Juni 1864 zu Gießen, sowie der Füsilier Wilhelm Schnepp der 9. Kompagnie desselben Regiments, geboren am 23. Februar 1861 in Gießen, Kreis Gießen, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und jeder in eine Geldstrafe von 200 Mark verurthellt worden. t

Darmstadt, den 24. September 1887. Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.

Politische Ueberficht.

Gießen, 27. September.

Der Erlaß der Ausführungs-Bestimmungen zum Brannt­weinsteuer-Gesetz durch den Bundesrath gestaltet sich allgemach zu einer brennenden Angelegenheit. Am kommenden Samstag tritt das Gesetz in Kraft, aber noch sind die Ausführungs-Bestimmungen nicht erlaffen, während über den vom preußischen Finanzminister verfaßten Entwurf derselben sich Producenten wie Händler der Interessentenkreise mit wachsender Unzufriedenheit äußern. Die Brenner sind der Meinung, daß durch den Grundgedanken des Entwurfes, wo­nach die Steuerabfertigung des Spiritus in erster Linie zu dem Abgabensatze von 50 Jt zu bewirken ist, sich eine Preisbildung ergeben werde, welche die den Brennern seitens des Gesetzes zugedachten Vortheile illusorisch machen dürste. Anderseits besürchten auch die Branntwetnhändler von den Aussührungs- Bestimmungm zu dem Branntweinsteuer-Gesetz in ihrer jetzigen Gestalt bedeu­tende Schwierigkeiten für das Spiritusgeschäst und find die Händler zur Wah- rung ihrer Jntereffen beim Bundesrathe dahin vorstellig geworden, daß die Versteuerung zu dem einheitlichen Satze von 70 JL erfolge. Jedenfalls wird sich der Bundesrath nun endlich entscheiden müssen.

Die bayerische Abgeordnetenkammer erledigt bis jetzt ihre Arbeiten, ohne die Zeit mit ödem Parteigezänk zu verlieren. In der Freitags­sitzung wurde der Gesetzentwurf, betr. Abänderung der Verfassung, ohne beson­dere Debatte einem Ausschuß überwiesen und alsdann die Vorlage über den Ausbau der strategischen Bahnen nach ebenfalls unerheblicher Discusfion in erster Lesung angenommen.

Den Kaiser-Manövern in Ungarn find Kaisertage in Sie­benbürgen gefolgt- Am Freitag traf Kaiser Franz Josef, von Deva kom­mend, in der Comitats-Hauptstadt Klausenburg ein, von der Bevölkerung begeistert empfangen. Die Begrüßungs-Ansprache des Metropoliten Roman gab dem Monarchen zu einer bemerkenswerthen Erwiderung Anlaß, in welcher er betonte, jede Confefsion ohne Unterschied habe fich von politischer Agitation fernzuhalten und solle die Geistlichkeit ihren Einfluß im Volke nur zur Pflege wahrhaft nationaler Tugenden benutzen.

Im Lager der französischen Royalisten hat das Manifest des Grafen von Paris eine begreifliche Bewegung hervorgerufen. In der Provinz wird von den Anhängern des Prätendenten ein förmlicher Adreffensturm orga- nisirt, um dem Grafen von Paris die Zustimmung seiner Getreuen zu seiner jüngsten Kundgebung auszudrücken. Es verlautet bis jetzt noch nichts davon, daß die französische Regierung dieser Bewegung entgegensetzen fei, man darf aber überzeugt sein, daß sich das Ministerium Rouvier die royalistische Agita­tion gewiß nicht über den Kops wachsen lassen wird.

Die abermalige Schnäbele-Assaire wird von der Pariser Presse im Allgemeinen sehr ruhig beurtheilt und findet man, daß es fich hierbei im Grunde genommen, nur um einen Dummen-Jungenstreich handelt. Nur die prosessto- nellen Hetzblätter, wie z. B. dieFrance", suchen die Verhaftung von Schnäbele jun. zu einem politischen Ereignisse ersten Ranges auszubauschen, ohne indessen hiermit besonderen Eindruck beim Publikum zu erzielen. Was mit Schnäbele jun. geschehen wird, ist noch ungewiß; das Wahrscheinlichste ist, daß die deutschen Behörden den grünen Jungen mit einem paffendenRüffel" wieder laufen lassen werden.

Der sprüchwörtlich gewordenenpolnischen Wirth sch ast" könnte man getrost einespanische Wirthschaft" zur Seite stellen. Wenigsten« scheinen in den spanischen Kolonien nette Zustände zu herrschen; so sollen meh­rere Soldaten der Besatzung auf den Palaos-Jnseln, der westlichen Abtheilung der Karolinen, verhungert sein, weil es der Gouverneur der Karolinen einfach vergessen hat, rechtzeitig Proviant nach dieser entlegenen Inselgruppe zu senden! Die ministeriellen Madrider Blätter leugnen zwar, daß so etwas vassirt fei, aber das republikanischeManifest de Cadix", welches das sonder­bare Geschichtchen zuerst brachte, hält seine Nachrichten vollständig aufrecht. Merkwürdig ist nur, daß auch Niemand aus der näheren Umgebung des Gou­verneurs der Karolinen fich der Besatzung der Palaos-Jnseln erinnert haben sollte.

In England wendet sich das politische Interesse dem Processe O'Brien zu, welcher in voriger Woche in der durch die neulichen blutigen Unruhen bekannt gewordenen irischen Stadt Mitchelstown begonnen hat. O'Brien steht unter der Anklage, die Pächter zum Widerstande gegen die Staats­gewalt aufgereizt zu haben und kann der Proceß unter Umständen einen unan­genehmen Ausgang für ihn nehmen. Zahlreiche irische Deputirte, unter ihnen auch Dillon und Pickersgill, sind in Mitchelstown eingetroffen, wodurch der

Proceß gegen O'Brien eine erhöhte politische Bedeutung gewinnt. Es sind seitens der Behörden alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaigen Unruhen der National - Liga anläßlich des Proceffes O'Brien sofort energisch entgegentreten zu können.

Die Araber am oberen Congo scheinen der Regierung des Congo- staates das Leben sehr sauer zu machen. Sie haben vor einiger Zeit die wichtige StationStanleysälle" überfallen und sich darin festgesetzt, um gelegent­liche Raubzüge von hier aus in den Congostaat zu unternehmen. Die Regie­rung beffelben ernannte nun den bekannten Araber-Häuptling und Sclaven- Häuptling Tippu Tip zum Gouverneur dieser Station, aber die dortigen Araber weigern sich, Tippu Tip in seiner neuen Eigenschaft anzuerkennen und wollen ihn nicht hereinlaffen. Die Congo-Regierung wird also die Araber im Besitze der Stanleysälle-Station laffen und froh fein müssen, wenn dieselben nicht weiter am Congo herabdringen._____________________________________________________

Deutschland.

Darmstadt, 26. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 22. September den Landgerichts-Secretär Dr. Max Mayer zn Darmstadt zum Secretär des Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen zu ernennen;

am 24. September den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Darmstadt I Eberhard Weller zum Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Starken­burg, ferner: mit Wirkung vom 1. October 1887: den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, Dr. Wllhelm Berchelmann, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Darmstadt I, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Groß-Gerau, Dr. Emst Werke, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, den Amts­richter bei dem Amtsgericht Schotten, Eduard Wei big, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Vilbel, den Gerichtsaffeffor Ludwig Gottwerth aus Darm­stadt zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Groß-Gerau und mit Wirkung vom 2. October 1887 den Gerichtsaffeffor Karl Ta sch 6 aus Gießen zum Amts­richter bei dem Amtsgericht Herbstein zu ernennen.

Stuttgart, 26. September. Ein Telegramm der Königs an Bismarck bei dessen Minister-Jubiläum lautet nach demStaats-Anzeiger":Ich kann mir nicht versagen, Ihnen, hochverehrter Fürst, Glück zu wünschen zu dem Doppel-Jubiläum, welches Sie In diesen Tagen feiern. Möchte Ihnen stet- treue Anhänglichkeit zu Thell werden in Anerkennung der Verdienste um Kaiser und Reich in so schweren Zeiten."

Der Reichskanzler erwiderte:Ew. Majestät bitte unterthänlgst, für da» huldreiche Telegramm ehrsurchtvollsten Dank in Gnaden entgegennehmen zu wollen."

Kesternich.

Toblach, 26. September. Die Kronprinzesstn reist mit ihren Töchtern am Dienstag ober Mittwoch nach Venedig ab und der Kronprinz ist gestern Vormittag nach Triest gereist; Mackenzie begleitete den Kronprinzen ein Stück und ging Nachmittags nach Meran.

Sara, 25. September. Zu Ehren des Mlttelmeer-Gefchwaders gab die Stadt gestern ein Fest, das glänzend verlief und mit der englischen Nattonal- Hymne eröffnet und beschloffen wurde.

Belgien.

Brüssel, 26. September.Etoile belge" vernimmt, die Regierung werde die Initiative für eine Gesetzes-Vorlage ergreifen, wodurch die Einjührung der persönlichen Dienstpflicht und die Errichtung zweier weiterer Artillerie* Regimenter beantragt wird._________________________________________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondeuz-Bureau.

Baden-Baden, 26. Sept. Se. Majestät der Kaiser ist heute Vormittag 91/« Uhr im besten Wohlsein hier eingetroffen und auf dem Bahnhofe, wo der Kaffer von Brasilien zum Empfang anwesend war, von dem preußischen Gesandten v. Eisen­decher und von den Spitzen der Behörden begrüßt worden. Die Kurkapelle spielte bet der Ankunft des Zuges die Nationalhymne; den ganzen Weg vom Bahnhofe bis zum Meßmer'schen Hause entlang hatten sich die Schulen und alle Korporationen und Vereine mit ihren Fahnen zum Empfang aufgestellt. Sr. Majestät wurden vielfach Blumenspenden dargebracht, die gesammte Bevölkerung begrüßte Se. JJiaieftat mtt begeisterten Zurufen. Die Stadt hatte festlichen Flaggenschmuck angelegt.

Karlsruhe, 26. September. Zur Verhinderung des Mißbrauchs des Namenz Rothes Kreuz" nahm die Conferenz den Vorschlag des belgischen Counts s mit de^