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-2 Donnerstag dm 28. Juli 1887.

neljener Anzeiger

Anüs- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Mureanr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Nr. 27 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 21. d. M., enthält:

sNc 1738) Gesetz, betreffend die Unfallversicherung der Seeleute und anderer bei der Seeschifffahrt betheiligter Personen. Vom 13. Juli 1887.

Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 21. d. M., enthält:

(Nr. 1739.) Gesetz, betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter. Vom 12. Juli 1887.

Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 22. d. M., enthält:

sNr 1740.) Gesetz betreffend die Anwendung abgeänderter Reichsgesetze auf landesgesetzliche Angelegenheiten Elsaß-Lothringens. Vom 7. Juli 1887.

Gießen, den 26. Juli 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. Boek mann.

Politische Uebersicht.

Gießen, 27. Juli.

Im Bundesrathe sind die Arbeiten ungeachtet der bis zum September Wählenden Vertagung des Plenums nicht gänzlich eingestellt, da die Ausschüffe von Z.it zu Zeit Sitzungen abhalten. Erst in voriger Woche fand wieder eine Ausschuß-Sitzung statt, in welcher die nicht unwichtige Vorlage über die Uri* urstützung der Familien der in den Dienst getretenen Mannschaften mr Vocberathung gelangte; über den Inhalt des Entwurfes verlautet jedoch nichts Specielleres. Im Uebrigen herricht in den innerpolitischen Angelegen­heiten nahezu vollständige Ruhe, die sich schon darin widerspiegelt, daß von den Mitgliedern des preußischen StaalSministeriumS zur Zeit nur drei in Berlin uruvefend sind, nämlich der Cultusminister, Dr. v. Goßler, der Finanzminister, Zerr v. Scholz, und der Minister für Landwirthschaft, Dr. Lucius. Was i'peciell den Finanzminister anbelangt, so halten ihn die Berathungcn über die Kursührungs * Bestimmungen zum Branntweinsteuergesetz noch in der RcichS- Lrup'stadr zurück und werden dieselben wohl erst gegen Mitte August zum Ab- Wuß gelangen.

Die Frage der russischen Werthe bildet noch immer ein vielerörtertes Tages-Thema, nur daß jetzt die Dlscussion hierüber in ein ruhigeres Fahrwasser seingelenkt ist. Die Abstoßung der russischen Werthe aus den Händen des deut­schen Kapitals geht glatter vor sich, als erwartet worden war und wird ver- schert, daß die russische Regierung Finanzgruppen in Petersburg und Paris gewonnen habe, um die von dm deutschen Börsen abgegebenen Papiere auszu­nehmen und im Cours zu halten. Die Einlösung derselben durch das russische Finanzministerium soll bis diesen November erfolgen, gewiß ein sehr löbliches Vorhaben, ob daffelbe aber zur Durchführung gelangt, erscheint bei dem Stande der russischen Finanzen noch fraglich. Vor Allem muß da der Erfolg der An- ! leihe abzuwarten sein, die Rußland auf dem französischen Geldmärkte unter# bringen will, doch scheinen die bezüglichen Verhandlungen zwischen Paris und Petersburg noch nicht zum Abschluß gelangt zu sein.

In den Wiener ossiciösen Kreisen versucht man, aus dem be­kannten Gruße, welchen KaiserWtlhelm bei seiner Abreise aus Innsbruck dem Statthalter v. Widmann für den Ministerpräsidenten Grasen Taafse mitgab, Kapital zu schlagen und ihm eine tiefere politische Bedeutung zuzu­schreiben. DiePolit. Corresp." z. B. widmet dem Vorgänge eine eingehende Betrachtung, an deren Schluffe das allerwelts osfictöse Blatt zu der Ueberzeu- gunz gelangt, Kaiser Wilhelm habe durch seinen Gruß zu erkennen geben wollen, daß ec das deutsch-österreichische Bündntß als nicht im Geringsten durch die vom Grasen Taaffe eingeschlagene innerösterreichische Politik gefährdet erachtet. Nun, es ist gewiß, daß der Gruß, welchen der deutsche Herrscher dem leitenden österreichischen Staatsmanns hat übermitteln lassen, für letzteren eine ehrenvolle Auszeichnung ist. aber diese Kundgebung nun gleich für die flavophile Politik der Grasen Taaffe zu verwerthen, ist denn doch ein wenig stark. Dem öster­reichischen Ministerpräsidenten ist der Gruß Kaiser Wilhelms zu Theil geworden, wen ec sich wegen seiner persönlichen Eigenschaften der Sympathien des greisen Monarchen erfreut und weil ihn Kaiser Wilhelm als treuen Diener seines ^ouverains kennt- Wenn aber diePolit. Corresp." in den Gruß des Kaiser- Wilhelm gar eine stillschweigende Anerkennung der Leitung der innerösterreichi#

Angelegenheiten durch den Grafen Taaffe hineinprakticiren will, so ist das eine Absicht, die nur verstimmend wirken kann. In den maßgebenden Berliner Kleissn betrachtet man offenbar die Bedrückungen, denen das Deutschthum in ^erreich feit dem Beginne der Taaffs'schm Aera ausgesetzt ist, als ein ',K:äutlem-rühr-mich-nicht-an" für Deutschland und dies vom staatsrechtlichen Me politischen Standpunkte aus mit Recht, aber daß man in Berlin der Laaye'schenVersöhnungs-Politik"' so sehr sympathisch gegenüberstehe, das glaubt

diePolit. Corresp." selber nicht I

Die große Frage, welches französische Armee-Corps der Ehre der -vrobe-Mobilisirung theilhastig werden solle, ist jetzt im Allgemeinen beant- wortet: Wie dieAgence Havas" meldet, würden das 10., 11. und 12. Armee- ~orP$ zu dem Mobilisirungs-Versuche destgnirt werden. Das 10. Armee-Corps M seinen General-Commandositz in Renms, das 11. in Nantes und das 12. tar lr°öe8' 66 würde nur noch abzuwarten sein, welches der 3 Armee-Corps & ? mobilisirt werden soll. Der Mobilisirungs-Versuch wird also im Persien Westen Frankreichs vor sich gehen und für Deutschland entfällt somit le Aothwendigkeit, seinerseits besondere militärische Vorsichtsmaßregeln zu treffen, ^"Zweifelhaft geschehen wäre, hätten die Franzosen dieProbe" in die i ltzen Departements verlegt; auch so wird man deutscherseits noch ein scharses

9"f den französischen Mobilisirungs-Versuch haben,

Ue&er den Stand der Cholera-Epidemie in ©teilten hat sich der italienische Telegraph bis jetzt, ausgenommen die ersten fluchtigen Andeutungen, hartnäckigausgeschwiegen." Nunmehr scheint es mit dem beliebtenVer- tuschungs.Systeme" doch nicht mehr weiter gehen zu wollen; eine römische De­pesche besagt, daß seit dem 17. d. MtS. in Catania täglich 15 bis 20 Personen an der Cholera erkrankt seien, am 20. ds. habe die Zahl der Erkrankten 25 be­tragen; auch aus Francoforte, Paterno (Palermo?) und Gtrgenti würden mehrere" Cholerafälle gemeldet. Diese osficielle Mittheilung ist noch kärglich genug, denn über die Zahl der Todesfälle enthält sie kein Wörtchen; dafür erfährt man aber aus privaten Berichten, daß speciell in Catania, dem Haupt- seuchenheerd, die Zahl der Todesfälle an Cholera ungefähr die Hälfte der Er­krankungen beträgt und daß die Zahl der täglichen Cholera-Erkrankungen eine weit höhere ist, als nach den osfictellen Angaben. Man befürchtet, daß die Epidemie leicht nach Neapel überspringen könne und da Neapel in Folge Ver­siegens der städtischen Leitung schon seit Wochen an Wassermangel leidet, in Folge dessen Krankheiten drohen, so fände hier die Cholera einen nur zu gün­stigen Bo^en.

Das bekannte Rundschreiben des Cardinal-Staatssecretärs Rampolla an die päpstlichen Nuntien, in welchem das Festhalten an der Forderung, betr. die Wiederherstellung der weltlichen Souveränität des Papstes, so energisch be­tont wurde, wird jetzt von demOsservatore Romano" als keineswegs für die Oeffentlichkeit bestimmt bezeichnet. Vielleicht ist diese post festum kommende Erklärung des osfictellen vatikanischen Organs mit dazu bestimmt, den befremd­lichen Eindruck, den dis entschiedene Sprache Rampolla's an den europäischen Höfen gemacht, etwas zu verwischen; übrigens erfährt man aus den weiteren Erklärungen desOfferv. Romano", daß Rampolla auf birecte Initiative des Papstes bin handelte. ____________________

Deutschland.

Homburg v. d. H25. Juli. Ihre Maj. die Kaiserin ist heute Abend 9 Uhr 50 Min. hier eingeltoffen und begab sich vom Bahnhose im offenen Wagen durch die reichqeschmiickten Straßen nach dem Schlosse.

Berlin, 26. Juli. DiePolit. Nachrichten" bemerken zu der von den Blättern erörterten Frage, ob Schuwaloff während seines jüngsten hiestgen Ausenthaltes mit Finanzkretsen in persönliche Beziehungen getreten, um beruht« gende Versicherungen über die russische Finanzpolitik zu geben, daß die Frage müßig sei. Wäre Schuwaloff in der Lage gewesen. Mittheilungen von that- sächlichem Werthe über die russische Finanzlage zu machen, so würde er die­selben in politischen Kreisen zur Sprache gebracht haben. Daß ein Botschasler in privater Unterhaltung nicht anders als beruhigend über die Finanzlage der von ihm vertretenen Lander sprechen könne, sei selbstredend.

Westerland auf Sylt, 25. Juli. Staatrminister o. Puttkamer ist mit Familie heute Nachmittag zu mehrwöchentlichem Kurgebrauche hier einge- troffen. Der Minister wurde an der Landungsbrücke van dem Landrathe. dem Hardesvogte und dem Badedireetor begrüßt.

Arankreich.

Paris, 25. Juli. Jules Ferry hielt gestern in Spinal eine Rede, in welcher er sagte, man müsse die Fortschritte loben, welche die Armee seit 17 Jahren unter der thätigen Leitung der jeweiligen Minister, welche nicht für sich, sondern für das Vaterland arbeiteten, gemacht hätte; man müsse aber die Absicht, die Dienstzeit zu verkürzen, tadeln. Frankreich bedürse nicht einer Nationalgarde, sondern einer Defenstv-Armee. Es fei anzuerkennen, daß die Armee sich stets von der Politik fern gehalten habe. Diejenigen müßten getadelt werden, welche die Regierung anklagten, daß sie antinational fei, nur weil sie nicht an die Stelle der überlegten freien Action der öffentlichen Gewalt eine Action Der Massen, welche nicht zur Verantwortung gezogen werden könnten, treten lassen wolle. Anstatt die Republik zu verschließen, solle man sie lieber allen Männern, welche guten Willen zeigten, öffnen. Was Frankreich in den Augen Europas am meisten schade, seien die inneren Spaltungen und das Her­vortreten einer gouvernementalen Anarchie. Die Republik stehe für etne Einigung aller Republikaner und aller Franzosen unter der Fahne des Z5aiet* lanbes offen. _ __ -

Telegraphische Depeschen.

Wolff s lelcgr. Korrespondenz -»«reaa.

»astein, 26. Juli. Der Kaiser nahm heute Morgen ein Bad und mach daraus eine Spazierfahrt aus dem Böcksteiuwege,