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1887.

Air. 97 Donnerstag dm 28. April

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Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraß- 7.Erscheint täglich mit Ausnahme d-s Montags. Mch 2^grf 50°!?:

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§ Amtlicher Hheit.

Gießen, am 25. April 1887.

Betreffend: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags im Jahre 1887.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise».

Sie erhalten mit nächster Post die zu rubr. Zwecke erforderlichen Formularien, um die nöthigen Vorbereitungen behufs demnächstiger Aufnahme des Ernteertrags zu treffen. Es empfiehlt sich, möglichst dieselben Personen wieder in die Commission zu wählen, welche bereits früher bei Aufnahme des Ernte­ertrags lhätig waren. Im Uebrigen wollen Sie alle in vorderen Jahren ergangenen Verfügungen genau beachten, damit Anstände möglichst vermieden werden.

Am 30. August l. I. ist an uns zu berichten, wie weit Sie mit der Ernteaufnahme gekommen sind. Die Uebersichten selost sind spätestens bis zum 1. November l. I. an uns einzusenden.

Politische Nederßlchr.

Gießen, 27. April.

TieAsfaire Schnäbele" spielt noch immer zwischen Berlin und Paris und da bis zur Stunde eine authentische Darstellung des ganzen Sach­verhaltes noch fehlt, so ist es begreiflich, daß sich bereits ein förmlicher Sagen­kreis um Herrn Schnäbele und seine Verhaftung gewoben hat. Die Pariser Chauvinisten-Blätter sind natürlich außer Rand und Band; für sie ist es sonnenklar, daß hier eine flagrante Verletzung des Völkerrechts von deutscher Seite vorliegt und stellen sie die lächerlichsten Zumuthungen an die Regierung, welche unbedingt vom Berliner Cabinet Genugrhuung verlangen soll. Um so anerkennenswerlher ist es, daß man im Ministerium Goblet volle Ruhe und Besonnenheit bewahrte, wenngleich sofort eine eingehende Feststellung des That- bestandes angeordnet wurde, und der Verlauf des diplomatischen, durch den Fall Schnäbele" heroorgerusenen Notenwechsels zwischen Berlin und Paris gestattet sicheren Informationen zufolge den Schluß auf einen baldigen befriedi­genden Ausgang der Affaire. Wie derTemps", welcher als Organ des Präsidenten Grövy gilt, schreibt, ist seitens der deutschen Regierung dem Minister des Auswärtigen, Flourens, eine spontane Mittheilung geworden, weiche drm Fall Schr äbele" durchaus den Charakter einer absichtlichen Provokation gegen­über Frankreich nehme; nun, daß von deutscher Seite bei der Verhaftung Schnäbele's nicht im Entferntesten eine Herausforderung Frankreichs beabsichtigt war, erscheint wohl selbstverständlich. Im Uebrigen scheint es sich aber zu be­stätigen, daß man in Herrn Schnäbele den Mann gefunden hat, durch dessen Hände mindestens seit zwei Jahren die Fäden des von französischer Seite aus im Reichslande betriebenen Spionage-Systems lausen; Schnäbele wird ferner beschuldigt, militärpflichtige Elsaß-Lothringer zur Flucht nach Frankreich verleitet zu h^ben. Der Verhaftete steht in den fünfziger Jahren; er bekleidete seit 15 Jahren seinen Posten als Grenz-Polizeicommtffar, auf welchem er sich nach den verschiedensten Richtungen hin ausgezeichnet hat, wofür er von der franzö­sischen Regierung zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde. Wenn sich indessen auch die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen als wahr erweisen sollten, so ist seine Verurtheilung doch noch nicht sicher; dettn salls Schnäbele wirklich auf französischem Territorium verhaftet worden sein sollte, und wenn es nur einen Schritt von der Grenze gewesen wäre, so stünde.seine Freigabe kaum zu bezweifeln.

Der Reichstag ist am Montag in die Berathung des Nachtrags- Etats eingetreten und soll es der dringende Wunsch der Regierung sein, die Erledigung der Vorlage auf das Acußerste zu beschleunigen. Gewiß wird der Reichstag sich bestreben, diesem Wunsche nach Kräften Rechnung zu tragen, an­derseits haben aber auch die Vertreter der Nation die Vorlage der ernstesten Prüfung zu unterziehen, angesichts der bedeutenden Forderungen, welche jene enthält. Bekanntlich belaufen sich diese aufgrund 176 Mtll. für militärische Zwecke, aber diese Summe wird sich im nächsten Budget noch vermehren, da für die Verstärkung und Ergänzung der Festungen später noch 96.800,000 JL zur Verwendung gelangen und außerdem für dnHirategischen Bahnen in Süd- Demschland weitere 30 Mill. verausgabt werden sollen. Im Ganzen würde dies einen Gesammtbetrag von 320 Mill. «X ergeben; die dauernde Belastung, welche aus dieser BewDguna für den Etat-' des Reichs resultirt, würhL üch auf ca. 31 Mill. jähMch>beläusen,. die fich^lrs1$400,000 an fort­dauernden Ausgaben uno 11 Mill. für die Verzinsung des übrigen, durch eine Anleihe zu deckenden Betrages zusammensetzen. Solche Forderungen erhei­zen die gewiffephasteste Erörterung und^ därf^man überzeugt sein, daß der Reichstag bet all?r nationales Gesirfllung MW O^ferwilligkeit die Vedürfnißfrage bei den einzelnen Positionen in genaue Erwägung ziehen wird. Jedenfalls ist eme Specialberathung in der Budget-Commission nicht zu umgehen, um so weniger, als in derselben^vLn^deXRegierunq Auskunft über die im Nachtrags- Etat nicht näher specialiurte (Lumme von 45.613,190zur Steigerung der Operations- und Schlagfertigkeit des deutschen Heeres" zu geben sein wird.

Die Gewerbeordnungs-Commission des Reichstages hat den Paragraphen über den BesähigungS-Nachweis in der Ackermann-Biel'schen Fassung angenommen, wonach also die Meisterprüfung sozusagen obligatorisch gemacht werden soll; hoffentlich wird das Plenum diesen Beschluß modtficiren.

Der Ausgang der Specialberathung über das Gesetz, betr. die Feststellung der Leistungen für Volksschulen, womit sich das preußische Abge­

ordnetenhaus am Samstag befaßte, bedeutet einen Sieg der klecikal-confer- vativen Mehrheit des Hauses. Bekanntlich handelt es sich in dem Entwürfe darum, die Entscheidung über die Nothwendtgkeit erhöhter Schul-Leistungen, die bisher der Regierung als Schulaufsichts-Behörde zustand, den Kreisausschüffen zuzuweisen. Von der liberalen Seite wurde hauptsächlich die Besorgniß ausge­sprochen, daß in den Kreisausschüssen sich die Neigung kundgeben könnte, erhöhte Schul-Leistungen für unnöthiq zu erklären und von oen Freisinnigen war des­halb Zurückverweisung an die Commission beantragt worden, um hier womöglich einen anderen Beschluß herbeizusühren. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt und ebenso ein zweiter Antrag der Freisinnigen, die Competenzen der Lehrer von den Wirlungen des Gesetzes auszunehmen und dasselbe Geschick widerfuhr dem Anträge der Nationalltberalen aus zeitliche Begrenzung der Dauer der Gesetzes. Dafür wurden überall die Commissions-Anträge, in denen die An­schauungen der Conservatioen und der Ccutrumr zum Ausdruck gelangten, angenommen, nachdem sich auch die Regierung mit der Commissions-Fassung einverstanden erklärt hatte.

Die Stellung des russischen Ministers des Auswärtigen, des Herrn o. Giers, soll neuerlichen Meldungen aus Petersburg zufolge bedenklich in's Schwanken gerathen sein. Das Unterbleiben der dem leitenden Staats- manne Rußlands vom Czaren zugedachren Ordens-Auszeichnung spricht scheinbar zu Gunsten der erwähnten Meldungen, aber die Position des Herrn v. Giers ist schon wiederholt als erschüttert bezeichnet worden, ohne daß er doch vom politischen Schauplatze abgetreten wäre und so wird er sich auch diesmal nur um einen blinden Lärm gehandelt haben. Von denjenigen Erklärungen, welche bezüglich der Nichtdecorirung Giers' trotz der osficiösen Ankündigung derselben gegeben werden, dürfte wohl diejenige der Wahrheit am nächsten kommen, wo­nach die Herrn v. Giers zugedachte Auszeichnung noch in letzter Stunde unter­blieben ist, weil man es vermeiden wollte, die panslavistischen Kreise aufzuregen, während die Leitung der russischen auswärtigen Politik nach wie vor in den Händen Giers' ruht. Freilich wäre der Verlauf der ganzen Ordens-Affaire alsdann nur ein neuer Beweis für die Unberechenbarkeit de» jetzigen Czaren und dies kann nicht dazu beitragen, das Vertrauen in die Beständigkeit und Zweckmäßigkeit der von ihm persönlich geleiteten Politik zu stärken.

In Pesth soll sich neuerdings die Anwesenheit anarchistischerSend- linge bemerklich machen. Es heißt, dieselben hätten kürzlich versucht, die große Hagenmacher'sche Dampfmühle in Brand zu stecken; ferner weiß derPesther Lloyd" zu berichten, daß anläßlich der Eröffnung der königlichen Oper ein Bomben-Attentat geplant gewesen, aber noch rechtzeitig entdeckt und vereitelt worden sei. Es sollen Haussuchungen vorgenommen worden sein, bei denen man angeblich Sprenggeschosse und anarchistische Flugschriften vorgefunden hat. Eine Bestätigung dieser Meldungen von zuständiger Seite bleibt indessen noch abzuwarton.

Darmstadt,^26. April. [@rfte Kammer der ßanbftänbe.J Gleichzeitig mit ben Verhandlungen der zweiten Kammer nahmen heute bie nur zweitägigen Sitzungen ber ersten Kammer unter dem Vorsitze Sr. Großh. Hoheit bes Prinzen Alexander von Hessen ihren Anfang.

Nach Bekanntgabe einer Reihe Einläuse unb Berichterstattungen erfolgten Neu- wahleiHzum 2., 3: unb 4. Ausschuß, worauf in bie sehr reichhaltige Tagesorbnung ein­getreten würbe.

Als erster Punkt steht bie Ueberreichung einer Glückwunsch - Abresse an Ihre Großh. Hoheit bie Prinzessin Irene anläßlich ihrer Verlobung. Die Kammer beschließt einstimmig bie Ueberreichung und beauftragt bas Bureau mit ber Ausführung bieses Beschlusses.

Die ferneren Punkte, welche nur Mittheilungen unb Rekommunikationen ber zweiten Kammer betreffen, bieten kein besonberes Interesse.

Heber ben Antrag Lautz unb Genossen, bie in Aussicht genommene Verlegung ber Garnison von Babenhausen betreffend schließt sich bie Kammer bem Antrag zweiter Kammer einstimmig an.

Morgen findet eine nochmalige Sitzung statt.

X Darmstadt, 26. April. [II. Kammer ber Sanbftänbe.J Heute steht als 1. Punkt ber Tagesordnung ber für unsere an ben schiffbaren Flüssen unseres Landes liegenben Gemeinben so wichtige Gesetzes-Entwurf:Das Dammbauwesen und das Wasserrecht in den Gebieten des Rhein, Main, Neckar unb des schiffbaren -ibeues der Lahn." , . .

Nachbem bie General-Discussion über ben Gesetzentwurf eröffnet ist, ergreift Der Abg. Möhn bas Wort, welcher bie Rothwenbtgkeit bes Gesetzes wohl anerkennt, aber bie allzugroße Belastung ber Gemeinben nicht für gut befindet, tnbem in erster Mmc