Ausgabe 
27.10.1887
 
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M. 2SO Donnerstag dm 27. October 1887.

Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.

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Nnreau r Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil.

Nr. 41 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 22. d. MtS., enthält:

(Nr. 1752.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 20. October 1887.

Gießen, am 25. Oktober 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische UebersichL.

GieHen, 26. October.

Mit lebhafter Genugthuung ersieht jeder patriotische Deutsche aus der Antwort des Kronprinzen auf das ihn zu seinem Geburtstage beglück­wünschende Telegramm des Statthalters Fürsten Hohenlohe, daß es mit dem Befinden des hohen Herrn entschieden bester geht und daß die Aerzte mit seiner noenn auch nur langsam fortschreitenden Genesung durchaus zufrieden sind. Lach diesem Zeugniffe des erlauchten Patienten selbst dürsten nun wohl alle Geisel und beunruhigenden Gerüchte, welche in letzter Zeit in weiten Kreisen der Nation hinsichtlich des Gesundheits-Zustandes des Kronprinzen ausgetaucht lMen, wieder verschwinden, hoffentlich wird dastelbe nun aber auch von den lüngathmigen und nicht immer tactvollen Preßerörterungen über das Halsleiden ws deutschen Thronfolgers zu gelten haben. Es ist ja fehr erklärlich, daß das inm schon viele Monate andauernde Leiden und das hierdurch bedingte Fernsein s»es kronprinzlichen Herrn von der Heimath im deutschen Volks einige Besorg- ßiffe und weitgehende Theilnahme hervorrust und daß sich daher die Blätter beeilen, ihr Publikum über das Befinden des Erben de» Kaiserthrones auf dem Laufenden zu erhalten. Aber wenn fich schließlich hierbei eine förmliche Polemik varüber herausbildet, ob die bet dem hohen Patienten angewandte Heilmethode Vie richtige sei, ob die englischen oder die deutschen Aerzte bei seiner Behandlung ü>as Richtigere träfen und was dergleichen Ratsonnements mehr sind, so läßt W eine solche Haltung nicht mehr mit dem Interesse und der Theilnahme an ftiem Leiden des fürstlichen Herrn decken. Den Kronprinzen selbst dürste es nicht sonderlich berühren, wenn er in den deutschen Blättern aus spaltenlange, ihn und sein Befinden mit allen Details behandelnde Artikel stößt und da es .jetzt feststeht, daß der Kronprinz ärztlich durchaus gut berathen ist und seine Genesung in dem milden Klima Italiens langsam, aber sicher vorwärts schreitet, so steht zu erwarten, daß in der öffentlichen Beurthetlung dieser Angelegenheit Mich etwas mehr Zurückhaltung eintritt.

Aus die Reichstagsnachwahl im Wahlkreise Sagan-Sprottau ist die Nachwahl zum Landtage für denselben Wahlkreis, der durch den verstor­benen Abg. Schmidt im Reichstage wie im Abgeordnetenhause vertreten wurde, ziemlich rasch gefolgt. Gewählt wurde der Candidat der Conseroativen, Graf zu Dohna - Mallmitz, mit 187 von 287 abgegebenen Stimmen. Der Candidat der Nationalliberalen, Amtsrath Reinecke, welcher bekanntlich auch bei der Reichstagsnachwahl candidtrte, erhielt 55 Stimmen, der Rest fiel auf den frei­sinnigen Candidaten.

Der eben erst inthronisirte Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau hat bet Antritt seines neuen hohen Amtes einen Hirtenbrief an seine Diöcesanen erlassen, der das Zeichen wahrer Versöhnlichkeit an der Stirn trägt. Es heißt in dem Schreiben u. A.: Wir Katholiken wollen die Kluft nicht erweitern, die zwischen den Kindern eines Landes durch die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses besteht; wenn wir auch mit Ueberzeugung gegen unseren Glauben Treue und Hingebung bewahren, so wollen wir das Alles vermeiden, was Andere mit Recht verletzen oder mit Grund empfindlich berühren könnte. Wir wollen dabei wetteifern mit ihnen in Ausübung aller Bürgertugenden und ulcht zurückbleiben, wo es gilt, unjern Antheil zum Wohle des Gemeinwesens und des Vaterlandes beizutragen. Wir wollen endlich in gemeinsamer Arbeit die Säulen aufrecht erhalten, welche das Christenthum in unserem Vaterlande noch tragen und stützen. Das find echt priesterliche Worte, die hoffentlich überall eine gute Stätte finden werden.

In Belgien haben am Sonntag die Stichwahlen für die Gemeinde­vertretungen stattgesunden. Es wurden gewählt: In Brüssel zwei Gemäßigt- Libsrale, in Schärebeck die gemäßigt-liberalen Candidaten und einUnabhän­giger", in Lüttich die liberalen Candidaten. Dagegen fiegten in Renatx, Ypres, bastelt und Braine le Comte die katholischen Candidaten und sind demnach die Anstrengungen der Liberalen, in den Gemeinderäthen auch dieser Orte festen 8u6 zu fassen, vergebliche gewesen. Um Uebrigen ist durch die Stichwahlen in den Resultaten der communalen Hauptwahlen keine bemerkenswerthe Verände­rung bewirkt worden.

Im auswärtigen Amte zu Rom sind am Samstag die Conferenzen behufs Abschlusses eines neuen italienisch-österreichischen Handels­vertrages begonnen worden. Dieselben erhalten einen bedeutsamen politischen Hintergrund durch den ihnen vorangegangenen festen Anschluß Italiens an das drutsch-österreichische Bündniß und sicherlich wird der mit Bestimmtheit zu erwar­tende Abschluß des Vertrages auch auf das politische Verhältniß zwischen Italien und Oesterreich zurückwirken. Diese Ueberzeugung klingt auch aus der Begrüßungs- Ansprache deutlich hervor, mit welcher der Ministerpräsident Crispi die öster- rrichijchen Vertreter bewillkommnete. Crispi wies in derselben auf die sreund- Mftlichen Beziehungen beider Staaten hin und drückte den Wunsch au», diese

Bande möchten durch rasches Gelingen der Verhandlungen noch befestigt werden. Der österreichische erwiderte in gleichem Sinne.

Die sanitären Maßnahmen der italienischen Regierung gegen Schiffe aus den siciliantschen Häfen sind, sofern während der Uebersahrt keine Seuchen­fälle vorkommen, aufgehoben worden und kann man demnach die Cholera aus Sicilien als erloschen betrachten.

Jüngst ging das Gerücht durch die europäische Presse, der rumänische Ministerpräsident Bratiano werde demnächst eine Reise nach Wien und Berlin antreten und zwar angeblich aus Gesundheits-Rücksichten. Daß man zur Stär­kung seiner Gesundheit von der Balkan-Halbinsel schwerlich nach Berlin und Wien reist, namentlich in jetziger Jahreszeit, ist indessen klar und daher tonnte es nicht überraschen, daß diese seltsame Motivirung nirgends Glauben sand, sondern daß die signalisirte Reise des rumänischen Staatsmannes sofort auf politische Gründe zurückgesührt wurde. Inzwischen dementirte eine Bukarester Meldung die Nachricht von der Reise Bratiano's, aber dieselbe taucht jetzt um so bestimmter aus und versichern Wiener Meldungen, sollte Bratiano abgehallen sein, so würde an seiner Stelle Stourdza, der Minister des Auswärtigen, in Wien und Berlin erscheinen. Seine Reise soll der Erneuerung des Verhält­nisses Rumäniens zur mitteleuropäischen Allianz gelten, welches angeblich binnen Kurzem abläuft; die Erneuerung sei gesichert, nur die Einzelheiten würden noch festgestellt werden. Inwieweit diese Nachrichten begründet sind, muß sreilich noch abgewartet werden._________________________________________________________

Paris, 25. October. In der heutigen ersten.Sitzung der Kammer wird der Ministerpräsident Rouvier einen Gesetzentwurf einbringen, durch welchen das außerordentliche Budget für den Krieg und die Marine auf 100 Millionen festgesetzt wird, sowie einen Gesetzentwurf über die Convertirung der alten IVaProcenligen Rente in 3procentige. Der Kriegsminister wird einen Gesttz- entwurf über die Organisation der Artillerie und der Gebirgstruppen vorlegen. Minister Flourens wird der Kammer die gestern unterzeichneten Conventionen über die Neutralisirung des Suez-Kanäle» und über die Neuen Hebriden unterbreiten.

Pari-, 25. October. Deputirtenkammer. Der Deputirte Cuneo d'Ornano beantragte die Einsetzung einer Commission von 22 Mitgliedern zur Untersuchung der Anstoß erregenden Vorgänge im Kriegsministerium und der Beschuldigungen gegen den Abg. Wilson. Cuneo verlangte zugleich die Dringlichkeit für seinen Antrag. Der Ministerpräsident Rouvier erklärte sich gegen die Dringlichkeit, indem er hervorhob, daß diese Angelegenheiten bereits die Justizbehörden be­schäftigten und daß durch Annahme der Dringlichkeit eine Verwirrung in den Competenzen hervorgerusen werden würde. Die Kammer nahm gleichwohl mit 379 gegen 155 Stimmen die Dringlichkeit an.

Paris, 25. October. Deputirtenkammer. Die Minister brachten die bereits gemeldeten Gesetzentwürfe ein. Delatre, von der äußersten Linken, wünscht, die Regierung über die Mobilisirung des 17. Armee« Corps, mit Bezug auf die Sicherheit der Truppentransporte bei derselben, zu interpelliren. Die Berathung wurde auf Donnerstag, den 3. November, festgesetzt. Die Kammer vertagte sich hierauf bis Donnerstag und wird alsdann die Commission zur Untersuchung der Angelegenheit des Ordenshandels wählen.

Im Senat gedachte Lecroyer der während der Vertagung verstorbenen Senatoren. Isaac brachte eine Interpellation ein über das Dekret, betr. cie Vereinigung der indo-chinesischen Besitzungen unter einem General-Gouverneur. Der Tag der Berathung der Interpellation wird später festgesetzt werden. Dor Senat vertagte sich alsdann ebenfalls bis Donnerstag. __________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eonesporrdenz - Bureau.

Wernigerode, 25. October. Seine Majestät der Kaiser fuhr gegen 1 Uhr zur Jagd, welche oberhalb des Christianenthals auf Schwarzwild und Rothwlld statt­finden soll.

Se. Majestät der Kaiser^schoß auf der heutigen Jagd im L-aupark 4 Roth- hirsche, 3 Dammhirsche, 1 Stück Rothwild, 6 Stück Dammwild, 11 grobe und eine geringe Sau. Prinz Wilhelm schoß 1 Stück Rothwild, 1 Dammhirsch, 4 grobe und 4 geringe Sauen. Das gesammt^Jagdergebniß war 79 Stück Wild. Abends um halb 7 Uhr findet das Diner statt. Um 8 Uhr ist die Besichtigung der Strecke im Schloßhof.

Berlin, 25. October. Dem Bundesrathe gingen die Etatsentwurfe für die Reichskanzlei, die Reichsjustizverwaltung, das Reichseifenbahnamt und den Rechnungshof zu. Die einmaligen Ausgaben sind um 450,000 zurückgegangen in Folge Mil.ver- bedarfs für den Bau des Reichsgerichtsgebäudes. . . . .

Die Borsig'sche Eisengießerei in der Kirchstraße Moabit) wurde durch em heute früh ausgebrochenes Feuer bis auf die Umfassungsmauern in Asche gelegt. D^e Ursache des Brandes ist noch nicht ermittelt. Menschen sind, soweit bekannt ist, nicht zu Schaden gekommen. £ in _ ,r. ,

Aacherr, 25. October. Die englische Post von gestern früh ist ausgeblichen,^ weil das Schiff wegen ungünstigen Wetters verspätet in Ostende gelandet ist.