Alr. 198, Samstag den 27. August 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 26. August.
Der Kaiser ist von seinem jüngsten Unwohlsein erfreulicher Weise wieder hergestellt und konnte der hohe Herr dem am Mittwoch vom Osficier-Corps bet 1. Garde-Regiments z. F. veranstalteten Adlerschießen im Katharinenholz be Potsdam bereits beiwohnen. Ueber den Tag der Ueberstedeluug des Kaisers von Babelsberg nach Berlin ist noch nichts Bestimmtes bekannt.
Das Zustandekommen der Spiritus - Actien - Gesellschaft, das schon gesichert schien, ist plötzlich wieder fraglich geworden. Nicht nur größere Spiritusfabrikanten haben den Eintritt in die geplante Coalition verweigert, sondern es find auch förmliche Gegen-Coalitionen in Bildung begriffen. In Breslau haben eine Anzahl Gast- und Schankwirthe die vorbereitenden Schritte zu Errichtung einer Genoffenfchafts-Brennerei gethan und in Nordhausen, dem Hauptfitze der deutschen Spritfabrikation, ist seitens der Vereinigung der dortigen Branntweinbrenner beschlossen worden, mit denjenigen Brennereien und Sprit- sabriken, welche dem Spiritusring nicht beitreten wollen, zu unterhandeln und diesen die Abnahme des ganzen Bedarf» zu sichern. Da in Nordhausen jährlich mehr als 30 Mill. Liter Sprit verarbeitet werden, was etwa dem zehnten Theile des inländischen Gesammt-Spritconsums entspricht, so hat die Spiritus-Coalition allen Grund, die ihr durch den Beschluß der Nordhäuser Vereinigung drohende Gefahr nicht zu unterschätzen; es ist jedenfalls die Realisirung des Projectes der Spiritus - Actien - Gefellfchaft noch immer abzuwarten. Uebrigens muß anerkannt werden, daß die Discuffion für und wider den Spiritusring sich jetzt in fachlicheren und ruhigeren Bahnen bewegt, als beim ersten Auftauchen des Projectes.
Alle aus Kissingen über das Befinden des Reichskanzlers einlau- senden Meldungen bekunden, daß sich derselbe des besten Wohlseins erfreut. Der Kanzler giebt sich aber an dem Strande der fränkischen Saale durchaus nicht dem dolce far mente eines Badegastes hin. im Gegentheile, er arbeitet auch in Wngen so angestrengt, wie er es in Berlin thut. Außer Geheimerath v. Rotünburg befindet sich auch Staatssecretär Graf Herbert Bismarck beim Kanzler, um denselben zu unterstützen; Graf Herbert Bismarck hat deshalb sogar eigens feinen Erholungsurlaub im Taunus abgebrochen. Es sind vor Allem die bulgar. Dinge, welche die Zeit und Kraft bes leitenben beutschen Staatsmannes in Anspruch nehmen. Währenb seiner letzten Anwesenheit in Berlin hat Fürst Bismarck bekanntlich ben russischen Botschafter Grafen Schuwaloff empfangen unb conferirten beibe Staatsmänner längere Zeit mit einanber; bas Ergebniß der Conferenz ist natürlich in feinen Einzelheiten nicht bekannt geworden, es läßt sich aber nach bem wärmeren Winde, der seitdem wieder zwischen Berlin und Petersburg weht, hinlänglich beurteilen. Als selbstverständlich kann man annehmen, daß bei dieser Gelegenheit auch von ben bulgarischen Dingen die Rede gewesen ist und verschiedene Anzeichen deuten daraus hin, daß nach dieser Richtung hin eine vollkommene Verständigung zwischen Deutschland und Rußland erzielt worden ist.
Aus dem bekannten belgischen Seebade Ostende werden Ausschreitungen der dortigen Fischer gegen landende englische Fischerbarken gemeldet. Die Menge zerstörte einen Theil der Ladung der englischen Barken und waren die Polizei und die Gensd'armerie genötigt, mit der Waffe in der Öanb die Ruhe wieder herzustellen; mehrere Tumultuanten wurden hierbei schwer verwundet. Die englischen Fischerboote konnten ihre Ausladung nur unter dem Schutze der Gensd'armerie bewerkstelligen. Dem ganzen Vorgänge Kn offenbar lediglich Brodneid der Ostender Fischer gegen ihre englischen Collegen und Concurrenten zu Grunde und wird deshalb wohl kaum zu diplö- Mischen Reklamationen Englands bei der belgischen Regierung Anlaß geben.
Das russische Kaiserpaar hat am Dienstag Nachmittag seine all- Mlche Sommerreise nach Kopenhagen auf der Jacht „Derschawa" von Kronstadt aus angetreten; die Jacht „Zarewna" gab der „Derschawa" das Ge- lbtte. gjHt bem Eintreffen der russischen Herrschasten in der dänischen Haupt- llaot wird der fürstliche Familientag aus Schloß Klampenborg wieder vollzählig '^. dahier, in dem Sommerfitze der dänischen Königssamilie, bereits das griechische Königspaar und feine Kinder, sowie die Prinzessin von Wales mit ^ren beiden ältesten Töchtern weilen. Dem Kaiser Alexander pflegt die idyllische u kmUnl> bie Abgeschlossenheit von Schloß Klampenborg sehr wohl zu thun ,unö W deshalb der Ausenthalt des Czaren daselbst immer ein verhältnißmäßig Mer; wahrscheinlich wird das russische Kaiserpaar auch diesmal mehrere rochen in der Abgeschiedenheit von Klampenborg zubringen.
Die Streit-Asfaire zwischen dem spanischen Marineminister und dem Gouverneur von Cuba, General Salamanca, hat nun doch zur Amtsnieder- egung des Letzteren geführt. Der General hatte die Verwaltung Cubas einer ^sprechenden Kritik unterzogen und hierdurch den Marineminister veran- W, feine Entlassung zu geben, doch ließ sich der Minister bewegen, dieselbe wieder zurückzuziehen, nachdem sich Salamanca zu einer Art Widerruf bereit S hEe. Indessen hielt es Ministerpräsident Sagasta doch nicht für mi ml ben intriguanten General, der mit seinem Angriff aus den Marine- pirff c .b/nahe eine Cabinetskrisis herbeigeführt hätte, noch ferner auf feinem rputzreichen Posten zu belassen und so legte er es ihm nahe, seine Entlassung s Generalkapitän von Cuba zu nehmen. Freilich ist nicht ausgeschlossen, daß " ehrgeizige General, welcher eine Art spanischer Boulanger ist, nunmehr erst
recht gegen das Ministerium Salamanca intriguiren wird. General Salamanca hat sich auch in der Carolinen-Affaire, seligen Andenken», einen „Namen" gemacht, er entpuppte sich hierbei al» ein Deutschensreffer und Bramarbas ersten Ranges und wenn es nach ihm gegangen wäre, so hätte Spanien wegen der Vorgänge auf der Insel Jap sofort den Krieg an Deutschland erklären müssen. Nun, wer weiß, zu welchen großen Thaten das Schicksal den tapsern General noch aufgespart hat!
Auf der Insel Corsica wüthen große Waldbrände, welche bislang das Gebiet von 14 Gemeinden verwüsten.
Verlin, 23. August. Dr. Mackenzie hat in einem an die Frau Kronprinzessin gerichteten Schreiben vorn 18. d. Mts. derselben aus Grund der neuesten Untersuchungen di- feste Ueberzeugung von der völligen Gutartigkeit der Halsleidens des Kronprinzen ausgesprochen und dabei versichert, daß, soweit da» menschliche Ermessen reiche, dessen gänzliche Wiederherstellung in absehbarer Zeit mit Sicherheit zu erwarten fei. Der Kronprinz hat dem Professor Virchow schriftlich über sein Befinden Bericht erstattet und daran ben Dank gefügt für Virchow's Untersuchungen, „die für die Kurmethode bestimmend, für- meinen Gemüthszustand maßgebend" gewesen sind. Der Kronprinz besuchte am'Samstag Balmoral. Am Sonntag wohnte er Morgens und Abends dem Gottesdienste bei und Nachmittags machte er dem Earl of Fife in Mar Lodge einen Gegenbesuch. Dr. Morell Mackenzie traf gestern (Montag) in Braemar ein, um ben Kronprinzen zu besuchen. Die Kronprinzessin stattete heute mit ben Prinzessinnen Victoria, Sophie unb Margarethe bem Matrosenheim in Portsmouth einen Besuch ab.
Frankfurt, 25. August. Der Vorstand des Verbands lüdwestdeutscher Branntwein-Interessenten ist heute hier zu einer Sitzung zusammengetreten, um zu dem Project der Spiritusmonopol-Bank Stellung zu nehmen. Ueber den Inhalt der gepflogenen Verhandlungen erfahren wir Folgendes: Es wurde der Beschluß gefaßt, demnächst eine Generalversammlung des Verbands einzuberufen, um für den Fall des Zustandekommens des Berliner Projects die nöthigen Schritte zur Gründung einer von der Monopolbank unabhängigen Rectifications- Anstalt am hiesigen Platze zu veranlassen. Diese Rectifications-Anstalt würde ihr Rohmaterial nur von solchen Brennern beziehen, welche der Monopolbank nicht beigetreten find; dieselbe würde aber wegen der geringeren Spesen und Verwaltungskosten, sowie in Anbetracht des Umstandes, daß sie ben betreffenben Brennern ihr ganzes Probuct unb nicht wie bei bem Monopolproject nur die Hälfte desselben zu bevorzugtem Preise abzunehmen in der Lage wäre, ben mit ihr abschließenden Brennern im Vergleich zu der projectirten Monopolbank noch günstigere Bedingungen stellen können. Sollte aber im Falle zu zahlreichen Anschlusses der Brenner Südwestdeutschlands an das Berliner Project Rohmaterial aus unabhängigen Brennereien für die vom Verband in Aussicht genommene Rectifications-Anstalt nicht in der nöthigen Menge zu beschaffen fein, so würde bet Verband südwestdeutscher Branntwein - Interessenten mit Zustimmung der Generalversammlung zur Gründung einer eigenen Genoffenfchafts-Brennerei schreiten, so daß die Rectifications-Anstalt in jedem Falle ihr Rohmaterial sich unabhängig vom Norden und von den Manipulationen der projectirten Monopolbank zu beschaffen im Stande wäre. Das zur Anlage des gedachten Unternehmens nothwendige Kapital ist, wie wir hören, in hiesigen Kapitalistenkreifen für ben Bedarfsfall bereits zur Verfügung gestellt. Auch haben schon verschiedene Liqueursabrikanten unb Großdestillateure in Nassau unb Hessen sich bereit erklärt, sich vertragsmäßig zur Deckung ihres gesammten Bedarfs aus der vom Verband in Aussicht genommenen Rectifications-Anstalt zu verpflichten. (Fr. Z.)
Telegraphische Depesche«.
Wolff'S telegr. Eorresporrdenr-Burean.
Babelsberg, 25. August. Der Kaiser nahm die Vorträge Perponcher's und Albedyll's, foroie militärische Meldungen entgegen. Zum Diner sind geladen mehrere Minister, Generaladjutant Rauch und Hofgartendirector Jühlke.
Berlin, 25. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." ist in der Lage, die Meldung bestätigen zu können, wonach die Pforte telegraphisch die Erklärung an den Prinzen von Eoburg gesandt habe, daß die Pforte und die Mächte einig seien, das Vorgehen des Coburgers in Bulgarien als illegal und gesetzwidrig anzusehen.
Regensburg, 25. August. In der heute hier stattgehabten Versammlung der Branntweinbrenner Bayerns erklärten 62 von 70 Anwesenden ihren Beitritt zur „Actien-Gesellschaft für Spiritusverwerthung". Es wurden im weiteren Verlaufe vier Delegirte, unter diesen der Commerctcnrath Puehn (München) gewählt, welche an der am 29. August in Berlin stattfindenden Versammlung theilnehmen und zugleich eine Betheiligung des bayerischen Kapitals beantragen sollen.
Kiel, 25. August. Das Ostseegeschwader unternahm vergangene Nacht einen Angriff aus die Minensperre in der Eckernförder Bucht. Alle Versuche, die Sperre zu durchbrechen oder zu sprengen, mißlangen.
London, 25. August. Gemäß dem neuen irischen Strafgesetze beabsichtigt die Regierung, gegen den irischen Abgeordneten O'Brien vorzugehen, weil derselbe in einer Versammlung vom 9. August die Pächter auf der Besitzung der Gräfin Kingston aufreizte, sich dem Gesetze nicht zu fügen. O'Brien ist zum 9. September vor das Gericht in Mitchels Town geladen.
— Dem Bureau Reuter wird aus Teheran unterm 25. ds. gemeldet, daß Ejub Khan aus Teheran geflohen ist. Erst am 21. ds. M. sei entdeckt worden, daß derselbe Teheran mit anderen afghanischen Häuptlingen am 14. ds. verlassen habe. Die Flüchtlinge seien 180 Meilen östlich von Teheran auf dem 2Üege nach Turshiz gesehen worden. Der Schah habe den Behörden von Herman, Z)ezd und Meshed befohlen, der Ostgrenze


