Mittwoch de» 37. Juli 1887.
Sir- m
Hießen er Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Niirca«! Schulstraße 7.
_r _ , , _ . Ä Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. . Kurch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Frankfurter Transport-Unfall- und Glas-Versicherungs-Aktien-Gesellfchast in Frankfurt a. M. die nachgesuchte Erlaubniß zum Betriebe auch der Unfallversicherung im Großherzogchum Hessen ertheilt worden ist.
18 Gießen, den 23. Juli 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boek mann. ________________________________
Politische Ueberficht.
Gießen, 26. Juli.
Die Gasteiner Nachkur Kaiser Wilhelms nimmt den befriedi- wnbfcn Fortgang und Befinden wie Stimmung des erlauchten Kurgastes find Weid) vortrefflich. Dem Vernehmen nach gedenkt der Kaiser bis zum 16. August rin Gastein zu weilen und ist gegen den 7. August die Begegnung mit Kaiser Franz Joses, welche wiederum in Gastein, nicht, wie zuerst gemeldet, aus der Mckreise Kaiser Wilhelms in Salzburg, stattfindet, in Ausficht genommen.
Die Angelegenheit der russischen Werthe scheint vorerst in ein ruhigeres Stadium getreten zu sein, obgleich fich in der „Kreuz-Zeitung" noch Wmer antirussische Artikel vorfindrn, tndeffen deutet vorerst nichts daraus hin, in maßgebenden Berliner Kreisen weitere und ernsthaftere Schritte gegen nie russischen Valuten vorbereitet würden. Offenbar will man fich einstweilen mit den in der „Poft", „Kreuz-Zeitung" u. s. w. erlassenen Warnung«- Signalen begnügen und es wird denn jetzt auch von den europäischen Börsen keuchtet, daß daselbst bezüglich der „Russen" wieder eine festere Stimmung mrsche. Was die Meldungen über finanzielle Gegenmaßregeln Rußlands anbe- lkngt. wie die angebliche Ausdehnung der Steuerpflichtigkeit auf fämmtliche Werthpapiere und die vorgeschlagene Umwandlung der rusfischen Goldanleihen iün Kredit-Rubelanleihen, so hat man es hier nur mit unverbürgten Gerüchten M thun und ebenso haben die Meldungen über die beabsichtigte neue russische iLnleihe und deren vermuthliche Unterbringung auf dem Pariser Geldmarkt noch ilünerlei Bestätigung erfahren.
Die aus der Blüthezeit des Culturkampfes stammende Einrichtung der Staatspfarrer in Preußen ist dem Erlöschen nahe. Von den zehn Staatspfacrern, welche noch vor einem Jahrzehnt in der Provinz Posen amtirten, ■faib nur noch drei übrig geblieben, die andern verzichteten entweder oder gingen 'mit Tode ab; auch dieser kleine Rest schmilzt zusammen, da, wie die „Posener Zeitung" zu melden weiß, Probst Rymarowicz seine Stelle in Gr. Chrzypsko am 1. October d. I. niederzulegen gedenkt. Es würden dann noch Brenk in Kosten und Lizak in Schrotz die einzigen Staatspfarrer in der Erzdiöcese Gnesen- Posen sein und auch sie werden angesichts der veränderten kirchenpolitischen Verhältnisse zweifellos aus ihren Stellungen scheiden.
Die französische Kammersession ist in voriger Woche geschlossen worden und hiermit hat nun auch bei unseren Nachbarn jenseits der Vogesen die Zeit der politischen Sommer-Siesta begonnen. Wahrscheinlich werden aber General Boulanger und seine radikalen Freunde schon dafür sorgen, daß es den Franzosen auch in der stillen Jahreszeit nicht an Abwechslung fehlt. Meister Boulanger vermag sich offenbar noch immer nicht recht in seine „Verbannung" nach Clermont-Ferrand zu finden und fühlt das Bedürfniß, fortgesetzt von sitz reden zu machen, wie sein bekannter Bries an den Deputirten Laur beweist, Uebrigens knüpft sich an dieses Schreiben eine fernere Episode, indem Laur aus Grund desselben mit „Enthüllungen" hervorgetreten ist, wonach einmal 94 Gmeräle und dann wieder eine monarchistische Deputation mit dem Ansinnen emes Staatsstreiches an Boulanger herangetreten seien, der aber beide Male die Verlockung entschieden zurückgewiesen habe. Allgemein glaubt man jedoch, diese Geschichte von den Freunden Boulanger's einfach erfunden fei, um Bouianger's rein republikanische Gesinnung als über jeden Zweifel erhaben Hin- Mellen. Men diesen Stückchen, welche der „Boulangismus" sortgesetzt zum Besten giebt, läßt auch der bevorstehende Probe-MobilisirungS-Versuch die Franzosen nicht recht zur Ruhe kommen. Wie jetzt verlautet, würde der Mobili- nrungz,Versuch am 8. September beginnen, und zwar soll hierzu eines der Armee-Corps im Westen des Landes bestimmt sein; vermutlich ist in letzterer Mehung die Rücksicht auf Deutschland, welches einem französischen Mobili-
Versuche in den Ostdepartements nicht hätte ruhig zusehen können, ^gebend gewesen. Jedenfalls haben die Commandeure her Armee - Corps «n westlichen Frankreich nunmehr genügend Zeit, sich auf die „Probe" immer einzurchten!
h <m^n nächsten Wochen sollen die Wahlausschreibungen zur Neubesetzung oer Mandate, welche durch den Austritt der Deutschen aus dem böhmischen Landtage daselbst erledigt wurden, vor sich gehen; die Wahlen selbst dürsten Wen Mitte August erfolgen. In den Wiener politischen Kreisen sieht man
Ausgange dieser Ersatzwahlen mit lebhaftem Jntereffe entgegen, da die nichts unversucht laffen werden, bei dieser Gelegenheit wieder einige rutsche Wahlkreise zu erobern, obwohl die Aussichten für czechische Wahlsiege made nicht günstig stehen. Darüber, ob die Deutschen nach den Ersatzwahlen rwl im böhmischen Landtage endlich wieder einnehmen werden, verlautet ™ nichts Bestimmtes, im Jntereffe der deutschen Sache läge dies aber gewiß.
Die irische Frage beschäftigt das englische Parlament auch nach Erledigung der Strasrechtsbill noch fortgesetzt. Zur Zeit wird das Unterhaus durch die Landbill in Anspruch genommen, welche den irischen Pächtern gewisse Erleichterungen gewährt, wozu von conseroativer Seite noch verschiedene Amendements gestellt find, u. A. eines, welches die zeitweilige Ermäßigung des Pachtzinses für dis nächsten 3 Jahre befürwortet. Der Zweck der Bill ist, den Iren zu zeigen, daß da« Ministerium Salisbury gesonnen ist, Strenge mit Milde zu paaren. Hat die irische Strasrechtsbill bie Bestimmung, ein conse- quentes, scharfes Vorgehen aus gesetzmäßiger Grundlage gegen die Ausschreitungen der Landliga zu ermöglichen, so soll die Landbill dazu dienen, dar Loos der irischen Pächter zu erleichtern und hiermit einen der wesentlichsten Faktoren der fortwährenden Unzufriedenheit«» aus Irland zu beseitigen und vielleicht erreicht bie englische Regierung mit letzterer Vorlage mehr, als mit der Strasrechtsbill.
Vor der Königin Victoria fand am Samstag eine große Flottenparade auf der Höhe von Spüehead statt; auch der deutsche Kronprinz und seine Familie wohnten dem imponirenden Schauspiele bei.
Die Lösung der afghanischen Grenzfrage durch den in der bezüglichen russisch-englischen Commission erzielten Vergleich kann in der That als perfect betrachtet werden. Das Protokoll über die Vereinbarung ist von den beive-feitigen Commissaren bereits unterzeichnet worden und die Unterzeichnung, resp. Ratification seitens der beiden Regierungen soll in den nächsten Tagen erfolgen. Einige Londoner Blätter befürworten in Folge der friedlichen Auseinandersetzung über diese Angelegenheit nunmehr den engsten Anschluß der englischen Politik an die russische; indessen dürste man im Cabtnet von St. James hierüber doch etwas kühler denken.
Kattkow's Befinden soll fortdauernd ein sehr schlechtes fein, so daß die Aerzte bei dem hohen Alter des Patienten bte Hoffnung aus Rettung desselben aufgegeben haben, zumal da, wie jetzt bekannt wird, Kattkow am Magenkrebs leidet.
In der bulgarischen Frage ist seit mehreren Tagen ein vollständiger Stillstand eingetreten, vielleicht ist dies nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn es scheint in Bulgarien etwas Entscheidendes sich vorzubereiten, von dem die gerüchtweise auftretende Nachricht, die Demission der Regentschaft werde bem# nächst zu erwarten sein, vielleicht nur als Vorbote zu betrachten ist.
Frankreich.
Paris, 25. Juli. Einer Meldung aus Rouen zufolge hielt Spuller bei der gestrigen Enthüllung der Statue Armand Carrels eine Rede, worin er die Notwendigkeit einer Einigung der Republikaner betonte und wiederholt erklärte, die gegenwärtige Regierung fei nicht eine Regierung des Kampfes, sondern der Reformen und der Beruhigung. Die Rede sand vereinzelten Widerspruch ; von der überwiegenden Mehrzahl wurde sie beifällig ausgenommen. Heredia hielt in Senlis eine ähnliche Rede.
ßnglaub.
London, 25. Juli. Unterhaus. Ferguffon erklärt, es sei kein Grund anzunehmen, daß Stanley getöbtet sei. — Bezüglich der Frage der afghanischen Nordgrenze seien die Bedingungen zur Lösung derselben von der englischen und russischen Commission unterzeichnet und bedürften nur noch der Annahme der betr. Regierungen.
— Oberhaus. Salisbury erklärt, daß über die Lösung der streitigen Punkte betreffs der Afghanistan-Frage eine Vereinbarung erzielt fei und daß der Schriftwechsel demnächst vorgelegt würde. Auf bie Anfrage Kinberley's, ob der Emir den Khamiabdistrict behalte, erwiderte Salisbury, er glaube, daß dem (o fei. Ferner erklärt der Premier, es fei jetzt weniger Aussicht denn je auf die Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts zur Schlichtung internationaler Streitfragen. Marquis Bristol zieht hierauf den bezüglichen An- trag zurück.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bttrea«.
Darmstadt, 25. Juli. Die Landtagswahlen finden am 2. Sluguft ftatt
Breslau, 25. Juli. Nach Mtttheilung der Direction der OberMefijchcn Eisenbahnbedarfs-Gefillschaft in Friedenshütte zerstörte heute Nacht ^ine Kefielexplo) das Kesselhaus der Hochofen-Anlage mit sämmtlichen 22 Kesseln. Dre: Urfach
Explosion ist unbekannt. Sie veranlaßte ein großes Feuer, welches sechs Hauser, f das Magazin und das Maschinenhaus der Hochofen-Anlage zers^rte. -üts jetzl s o bekannt zwei Todte und zwanzig meist leicht Verwundete. Der Betrieb der Hochofen Anlage ist für lange Zeit unmöglich. Alles war versichert.


