Mittwoch den 27 April
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1887
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Amts- «nd Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 26. April.
Der vom Bundesrathe am Donnerstag genehmigte Nachtrags- Etat ist nebst dem dazu gehörigen Anleihegesetz dem Reichstage noch in voriger Woche zugegangen. Aus dem reichen Zahlen-Material seien folgende Hauptziffern hervorgehoben: Fortdauernde Ausgaben 19,408,019 «X, einmalige Ausgaben 156 677,931 JC.; zur Deckung der einmaligen Ausgaben und einer besonderen Forderung von 15*/r Mill, e/ft wird in dem Anleihegesetz die Ausnahme einer Anleihe von 172 Mill. «M. vorgeschlagen. Unter den eingehend begründeten Forderungen des außerordentlichen Etats figuricen 29,500 000 JL für Festungsbauten und 36,314 000 Jt. für die strategischen Bahnbauten als die hervorragendsten Positionen; letztere Summe ist indeffen nur als „erste Rate" auszufaffen. Die 36 Millionen sollen zu Ergänzungsbauten an vorhandenen Eisenbahn-Linien aus reichsländischem, preußischem (Sachsenhausen-Forst- haus^, bayerischem, badischem, »ürttembergischem und hessischem Gebiete, ferner zur Herstellung permanenter Mllitär-Rampen und zugehöriger Ladegeleise auf einer Reihe von Bahnhöfen und endlich zum Bau ganz neuer Lmien verwendet werden. Als solche erscheinen die projectirten Linien Leopoldshöhe-Lörrach, Schopfheim-Wallbach-Säckmgen, Weizen-Hintschingen-Immendingen und Tuttlingen-Inzigkofen-Sigmaringen. Diese neuen Strecken würden im Verein mit der bereits durch bayerisch - württembergischen Staatsvertrag genehmigten Linie Memmingen - Leutkirch die Herstellung einer Eisenbahn-Verbindung des Ober- Elsaß mit den süddeutschen Hinterlanden unter Umgehung schweizerischen Gebietes und hiermit eine schnelle Ansammlung größerer Truppenmaffen im oberen Rheinthale ermöglichen. Mit diesen Vorlagen zugleich ist dem Reichstage auch der neue Gesetzentwurf, betr. die Quartierleistung für die bewaffnete Macht im Frieden, zugegangen. Sämmtliche neuen Gesetzentwürfe standen für den gestrigen Montag auf der Tagesordnung des Reichstages.
Die erste Lesung des Gesetzentwurfes, betr. die Abänderung de- Gerichtskosten-Gefetzes und der Gebührenordnung für Rechtsanwälte in der Freitagsfitzung des Reichstage» ergab die Uebereinstimmung 'der Regierung mit fast allen Parteien bezüglich der Nothwendigkeit, die hohen 'Gerichtskosten herabzufetzen und auch hinsichtlich der Gebührenordnung für Rechtsanwälte wog die Meinung vor, daß hier eine Revision angezeigt fei; von Haus aus gegen die Vorlage erklärte sich nur die freisinnige Partei, deren Redner, Abg. Munckel, die ablehnende Haltung feiner Partei hauptsächlich durch Zen Hinweis daraus motivirte, daß die Vorlage nur den Anwaltsstand treffe, den Fiskus aber schone. Auch von anderen Seiten wurden bezüglich verschie- ldener Punkte des Entwurfes gewichtige Bedenketi geltend gemacht, die deffen -Verweisung an eine besondere Commission al» gerechtfertigt erscheinen lassen.
Während die deutsche Presse durchweg den „Fall Schnäbele" ruhig mnd ohne Voreingenommenheit beurtheilt und auf die Nothwendigkeit hinwetst, weitere Aufklärungen abzuwarten, ergeht sich ein Theil der Pariser Blätter in Iden gröbsten Beschimpfungen und Beschuldigungen Deutschland». Dabet wird ldie gehässige Darstellung des Falle» seitens der „Agence Havas" ausrechtge- Ihalten, nach welcher Schnäbele (der ein Schwager des bekannten Antoine ist) Hn einen Hinterhalt gelockt und überfallen wurde; es wird sogar die Behauptung aufgestellt, Schnäbele sei auf französischem Boden festgenommen und mit Gewalt rüber die Grenze gebracht worden. Das Chauvinisten-Organ „Paris", welches won einem „casus belli“ spricht, verlangt auf Grund dieser Behauptung die Auslieferung der — beiden deutschen Polizisten. Der größere Theil der fran- Zösischen Presse scheint jedoch nach der ersten Aufregung die Besonnenheit wiedergefunden zu haben und einzusehen, daß es das Gerathenste ist, eine Klarstellung lder Angelegenheit abzuwarten. Einige Zeitungen, darunter „Figaro", „Gaulois", „XIX. Siöcle" u. f. w. sind überzeugt, daß es sich um ein Mtßverständniß handle, da der Fall für eine absichtliche Herausforderung zu plump fei. „Justice" mahnt zur Kaltblütigkeit, allerdings mit dem Zusatz, daß Frankreich -alsdann angesichts „unerhörter Herausforderungen" Europa für sich haben werde. Heber den Vorgang der Verhaftung und die Gründe derselben ist Bestimmtes noch nicht bekannt. Festgestellt ist aber, daß die Verhaftung auf deutschem Boden erfolgte. Dies haben der Oberstaatsanwalt von Colmar, der Erste Staatsanwalt von Metz in Begleitung des vom Reichsgericht beauflagten Untersuchungsrichter» aus Straßburg und Polizetbeamte von Metz und Nov^ant an Oct und Stelle in jeder Weise festgestellt. Einem Gerücht zufolge flott Schnäbele sich mit einem Dolchmeffer gegen die Polizisten gewehrt haben. Ob Schnäbele, wie behauptet wird, die in Metz aufgebrachten Geldmittel zur Unterstützung der Patriotenliga nach Paris vermittelte oder ob noch schwerere Beschuldigungen wider ihn vorliegen, wird die Untersuchung gegen ihn erweisen. Nach einer Angabe hätte man bei der Verhaftung ein Lerzeichniß der Mitglieder der „Liga" in feinem Besitz gefunden. Einer Nachricht der „Köln. Ztg." zufolge wäre Schnäbele im Augenblicke verhaftet worden, wo er die Berichte eines feiner Spione in Elsaß-Lothringen entgegennahm. Offictös wird von Berlin ou» erklärt, daß die Verhaftung Schnäbelet auf Verfügung des Untersuchungsrichters (Leoni in Straßburg) erfolgt fei und in Verbindung mit landesver- rätherifchen Vorgängen im Reichslande stehe. In Uebereinstimmung damit will die „Liberi" aus deutscher Quelle erfahren haben, daß das Reichskanzleramt in Berlin seit einiger Zeit davon unterrichtet gewesen, daß Schnäbele de» Spto- ntrens verdächtig sei und daß Befehl gegeben worden, ihn festzunehmen, wenn er deutsche» Gebiet betrete. Der „Tempr" meldet au» Straßburg, in dortigen
amtlichen Kreisen werbe versichert, die deutsche Regierung habe Anzeichen, daß Schnäbele auf deutschem Gebiete verdächtige Verbindungen unterhalten habe und in der Lage gewesen sei, durch eigene Thätigkeit ober vermittelst Agenten der französischen Regierung Nachrichten über militärische Maßregeln zu geben, welche in der Umgebung vorgenommen würden; in Folge dessen habe die deutsche Justiz den Befehl zur Verhaftung Schnäbele'» gegeben. Auf Schnäbele wurde feit reichlich sechs Wochen gefahndet, doch hatte dieser zweifelsohne Wind davon bekommen, so sehr man sich auch bemühte, die Sache geheim zu halten, denn feit dem genannten Zeitraum hatte Schnäbele, entgegen feiner sonstigen Gepflogenheit, sich ängstlich gehütet, deutsches Gebiet zu betreten. Schnäbele auf irgend eine Weise in die Hände zu bekommen, damit war speciell der Polizeicommiffar Gautsch in Ars. ein ob seiner Tüchtigkeit erprobter Beamter und — nebenbei bemerkt — Elsässer von Geburt, betraut worden — bei der geradezu sprich- wörtlich gewordenen Schlauheit des Schnäbele eine nichts weniger als leichte Sache. Die beiden Geheimpolizisten, welche Herrn Schnäbele dingfest machten, nachdem er deutsche» Gebiet betreten hatte, waren Herrn Gautsch unterstellt und handelten im Austrage und unter Leitung de» Letztgenannten. — Die französische Regierung beschäftigt sich fortgesetzt mit der Angelegenheit und hat eine eingehende Untersuchung derselben angeordnet. Vor Beendigung derselben soll kein diplomatischer Schritt geschehen. Der französische Botschafter in Berlin, Herbette, der auf Urlaub gehen wollte, bleibt aber bis auf Weiteres in Berlin und wurde beauftragt, officiös Erkundigungen einzuziehen. — Was die Persönlichkeit des Verhafteten betrifft, so wird gemeldet, Schnäbele, geborener Elsässer, der in der Mitte der fünfziger Jahre steht, habe sich in feiner bisherigen Stellung zu Pagny während 15 Jahren durch Spürsinn und Gewandtheit als Polizeibeamter, durch die Entdeckung und Verhaftung zahlreicher Ausreißer und Verbrecher sowohl im deutschen als im französischen Grenzlande einen gewissen Namen und Ruf gemacht.
Deutschland.
]f Darmstadt, 25. April. Prinz Heinrich von Preußen, der hohe Bräutigam unserer Prinzessin Irene, hat heute Vormittag, nach dreiwöchentlichem Aufenthalt Hierselbst, die Rückreise nach Kiel angetreten. Derselbe wurde von dem Großherzog, dem Erbgroßherzog, dem Fürsten Alexander und den Prinzen Ludwig und Franz Josef von Battenberg zur Bahn geleitet. Der Prinz reiste h Begleitung de» Adjutanten Kapitän-Lieutenants v. Usedom zunächst nach Ems. wo er die kronprinzlichen Eltern und seine Prinzessinnen - Schwestern Victoria, Sophie und Margarethe begrüßt, um noch heute Abend nach Hamburg weiter- zureisen. Wie verlautet, soll sich der Prinz nunmehr wieder angestrengt seinem seemännischen Berufe widmen, längere Zeit auf See gehen und daher erst im October d. Js. sein nächster Besuch Hierselbst in Aussicht stehen.
England.
London, 25. April. Gorst thsilt mit, eingegangenen Nachrichten zufolge dehne sich die aufständische Bewegung der Ghizaistämme gegen den Emir von Afghanistan nicht weiter aus. Die Truppen de» Emir hätten verschiedene erfolgreiche Gefechte gegen die Rebellen bestanden. Ferguffon erklärt, der Bericht über die jüngste Rede de» Generalkonsul JoneS in Philippopel, der bei einem Diner zu Ehren der bulgarifchen Regentschaft von Prätentionen des russischen Kolosse» gesprochen haben solle, sei völlig unrichtig. Jones habe keinen Hinweis auf Rußland gemacht.
— Das Oberhaus nahm in zweiter Lesung die GrundbesttzMebertragungL- Bill nach vierstündiger Debatte an.
— Das Unterhaus setzte die Budgetdebatte fort. Goschen wie» Glad- stone's und Churchill'» Angriffe gegen die Reduction des Tilgungsfonds zurück und erklärte, die Einkommensteuer-Zahler trügen hauptsächlich die Tilgungslasi. Sie gehörten überwiegend den minder bemittelten Klassen an und sollten daher eine Erleichterung haben.
Reichstag.
P. Berlin, 25. April.
Eingegangen: Zusammenstellung der Ergebnisse der Reichstagswahlen im Jahre 1887.
Aus der Tagesordnung steht zunächst: Erste Berathung des Vtachtragsetats für 1887/88.
Kriegsminister Bronsart von Schellendorff: Der 9tachtragsetat habe durch seine Höhe allgemeine Verwunderung hervorgerufen. Man habe gesagt, das Volk ernte, was es bei den Wahlen gesät. Das sei ein Jrrthum. Der ^tachtragsetat fordere an dauernden militärischen Ausgaben 181/» Millionen, die auf 218/* Millionen steigen werden, wenn die jetzt berücksichtigten Ersparnisse wegfallen. Von den 163*/, Millionen einmaligen Ausgaben entfallen nur 27Vs Millionen auf die Heeres- verstärkung. Die letztere verursache also nicht mehr Kosten, als von Anfang an dafür in Aussicht genommen war. Im Ganzen werden die für die Heeresoerstärkung erforderlichen einmaligen Ausgaben 483/< Millionen betragen. Die gestellten neuen Anforderungen seien ja sehr hoch, aber die verbündeten Regierungen hielten dre geforderten Easernen- rc., Eisenbahn- und Festungsbauten und Einrichturrgen zur Erhöhung der Schlagfertigkeit des Heeres für nöthig. Er sei bereit, nähere Mittherlui g und Erläuterungen in der Commission zu geben. _ ,
Abg. v. Bennigsen (natlib.) beantragt Verweisung der Vorlage and - g- commission. Die gegebene Mötivirung sei nicht ausreichend; das sei aber .... verständlich, da es sich um Dinge handle, die nicht in einem großen Parlame‘ J besprochen werden könnten. Eine eingehende Prüfung wurden insbefonvere o


