Ausgabe 
27.3.1887 Drittes Blatt
 
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Nr. 73 Drittes Blatt. Sonntag den 27 März 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

a

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil.

Bekanntmachung.

Nachstehend bringen wir das vom Großh. Ministerium des Innern und der Justiz unterm 12. l. Mts. zu Nr. 5960 genehmigte Statut über die Benutzung der Centefiwal Biehwaage der Gemeinde Weitershain zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, am 17. März 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Bo ekmann.

Statut über die Benutzung der Centefimat-Viehwaage der Gemeinde Weitershain.

§ 1. Alle zur Verwiegung gebrachten Gegenstände muffe durch einen verpflichteten Wiegmeister gewogen werden. Außer dem Wiegmeister oder dessen Stellvertreter hat Niemand das Recht, auf der Waage zu wiegen.

§ 2. Der Wiegmeister oder dessen Stellvertreter haben der ihnen zugehenden Aufforderung zum Wiegen alsbald Folge zu leisten. Die Auffor­derung hat von den Betheiligten (Käufer oder Verkäufer) direcr an den Wiegmeister zu geschehen. Wenn der Wiegmeister der Aufforderung nicht entspricht, so ist sich an die Großherzogliche Bürgermeisterei zu wenden, welche denselben zum Wiegen anhalten und nöthigenfalls Großherzoglichem Kreisamt Anzeige erstatten wird.

§ 3. Der Wiegmeister oder dessen Stellvertreter haben über die von ihnen besorgten Geschäfte em Tagebuch zu führen, in welchem unter fort­laufenden Ordnungs-Nummern anzugeben sind:

a. Der Ort des Wieggefchäfts.

b. Der Name des Verkäufers.

c. Der Name des Käufers.

d. Datum der Verwiegung.

e. Die Art der gewogenen Gegenstände.

f. Das Gewicht der einzelnen Gegenstände.

g. Der Kaufpreis pro Centner, infofern Käufer oder Verkäufer den­selben angeben, wozu sie jedoch nicht gezwungen werden können.

h. Der Betrag der erhobenen Wieggebühren.

§ 4. Der Wiegmeister hat dem Käufer oder Verkäufer einen dem Ein­trag ins Tagebuch gleichlaptenden Wiegschein auszustellen, aus dem sowohl das Gesammtgewicht und eventuell der Kaufpreis der einzelnen verwogenen Gegenstände als auch der erhobene Gebührenbetrag zu ersehen ist.

Gebührerr-Tarif.

§ 5. An Wieggebühren sollen erhoben werden:

1. Für Kleinvieh, als Schweine, Schafe, Kälber, Ziegen u. s. w.

von 1 Stück.......10 H

2 20

3 ft .......30

ff if .......35

Mehr als 4 Stück dürfen nicht auf einmal gewogen werden.

2. für Großvieh, als Ochsen, Kühe, Rinder u. s. w.

unter 10 Centner von 1 Stück . 25 H über 10 Centner von 1 Stück . . 30 H

' 3. für andere Gegenstände als Heu, Stroh, Frucht, Kartoffeln,

Steinkohlen, Fässer u. s. w. für 3 Centner und weniger 15 H Für jeden weiteren mitgewogenen Centner 3

§ 6. Sogleich nach stattgefundemr Wiegung sind die vorbemerkten Wieggebühren nebst 5 Vergütung für jede Wiegung an den Wiegmeister oder dessen Stellvertreter auszubezahlen.

§ 7. Am Schluffe jeden Monats hat der Wiegmeister das Tagebuch in der Art abzuschießen, daß sowohl die im Laufe des Monats gewogenen Gegenstände, als auch der erhobene Gebührenbetrag summirt werden. Ferner ist ein Auszug aus dem Tagebuch über die im verflossenen Monat gewogenen Gegenstände zu fertigen, die Richtigkeit deffelben von dem Wiegmeister zu be­scheinigen und der Bürgermeisterei zu überreichen, worauf die erhobenen Wieg­gebühren dem Gemeindeeinnehmer nach Maßgabe des oben aufgeführten Ge­bührentarifs in Einnahme decretirt und von dem Wiegmeister ausbezahlt werden.

§ 8. Der Wiegmeister und dessen Stellvertreter werden von dem OrtS- vorstano auf Widerruf ernannt und von dem Großh. Kreisamt verpflichtet und unterliegen als Gemeindebeamten den für solche geltenden Disciplinar- , Vorschriften.

Großherzogliche Bürgermeisterei Weitershain.

Faulstich. 2330

Kürst Alexander von Bulgarien über seine Entthronung.

Aus dem soeben erschienenen Buche des Hofpredigers Koch:Fürst Alexander von Bulgarien", entnehmen wir den Bericht, welchen Fürst Alexander in Darmstadt über seine Entthronung und die Schicksale auf seiner Reise einigen Freunden lieferte. Die Erzählung lautet wie folgt:

Ich hatte am 21. August bis tief in die Nacht hinein gearbeitet und war kaum eingeschlafen, als ich durch Lärm, der von dem Gang vor meinem Schlafzimmer aus zu mir drang, wieder geweckt wurde. Es mochte etwa V/a Uhr gewesen sein. In dem nächsten Augenblick stürzte auch schon mein bulgarischer Diener Dimitri in mein Zimmer und rief, an allen Gliedern zitternd und bebend:Sie ünd verrathen; man will Sie ermorden. Fliehen Sie, ehe es zu spät ist!" Ich sprang aus dem Bette und nahm meinen Revolver in die Hand. Da hörte ich militärische Eommandorufe und athmete leichter auf. Ich sagte zu Dimitri:Ich bin gerettet, das Militär ist da." Der aber, immer noch bebend, stieß die Worte hervor:Rein, fliehen L>ie, das Militär ist's gerade, das Sie tödten will." Da stürzte ich im Hemd an die zum Garten führende Thür, aber sowie ich dieselbe öffnete, bekam ich Feuer. Gleich darnach bekam ich Schüsse von allen Seiten^Jch ging daher durch den dunklen Eorridor nach der Dienertreppe und in den ersten Stock hinauf in den Wintergarten, um von dort aus einen Ueberblick zu gewinnen und zu sehen, ob es noch möglich wäre, zu ent­kommen. Es war da droben so dunkel, daß ich meine Hand vor den Augen nicht sehen konnte, aber an der Feuerlinie der schießenden Soldaten konnte ich erkennen, daß das ganze Palais umstellt und an ein Entkommen nicht zu denken war; die ein­schlagenden Kugeln ließen keinen Zweifel an dem Ernst der Lage aufkommen. Zu­gleich hörte ich die hundertstimmigen Rufe:Dolu Knaz! (Rieder mit dem Fürsten!) Darauf ging ich in mein Zimmer zurück, um meine Uniform anzuziehen, denn ich wollte mich wenigstens in Uniform niederschießen lassen. Im Zimmer wieder an­gekommen, beschloß ich Licht zu machen; aber sofort schossen die Soldaten zum Fenster herein. Deßhalb löschte ich mein Licht wieder aus und zog im Dunkeln, so schnell ich konnte und ohne Strümpfe und Unterkleider anzulegen, meine Uniform an.

Während dessen wurde der Lärm, das Waffengeklirr und Geschrei aufgeregter Menschen immer stärker. Als ich fertig war, trat ich hinaus auf den Eorridor. Dort wurde ich sofort von einer Masse Menschen umringt und obwohl nur eine einzige Stearinkerze brannte, konnte ich doch das Blitzen der Bayonnette sehen, es waren etwa hundertundfünfzig Mann, die um mich her standen. An Widerstand war natürlich nicht zu denken, da nur zwei Leibwächter da waren. Diese wollten zwar Feuer geben, aber ich verbot es ihnen. Ich ging nun, gedrängt von diesem Menschenhaufen, in die Vorhalle des Palais. In demselben Augenblicke kam auch mein Bruder. Wie ich da stand, riß ein frecher Kadett aus dem auf dem Tische aufliegenden Einschreibebuch ein Blatt heraus und die ganze, wie deutlich zu spüren war, stark angetrunkene Schaar schrie mir zu, ich sollte meine Abdankung unterschreiben. Einige der Frechsten, darunter namentlich Capttän Dimitriew, hielten mir dabet den Revolver unter die Nase. Eine Unterhandlung mit diesen aufgeregten Menschen war unmöglich. 9tur das eine konnte ich ihnen sagen: sie sollten selber schreiben, da ich nicht wisse, welchen Grund ich für meine Abdankung angeben solle. Da nahm einer der Umstehenden die Feder und

begann zu schreiben, machte aber in seiner Betrunkenheit so viele Kleckse und unleser­liche Zeichen, daß er selbst, wie er das Geschriebene vor lesen wollte, den Versuch wieder aufgab. Da nahm ich ohne Weiteres die Feder und schrieb auf dieses Papier:Gott schütze Bulgarien! Alexander." Kaum hatte ich geschrieben, so rissen sie mir das Blatt unter den Händen weg und Capitän Dimitriew steckte es, ohne es anzusehen so aufgeregt war er in die Tasche. Dann verlangten sie von mir, daß ich nach dem Kriegsministerium gehe. Dort wurde ich in ein Zcmmer gebracht und innerhalb und außerhalb meines Zimmers wurden Soldaten als Wachen aufgestellt. Außerdem ging ein Officier mit einem Revolver in der Hand in meinem Zimmer auf und ab.

Während ich noch dort war, kam Capitän Benderew, die Hände in den Taschen, um sich an meinem Anblick zu weiden. Ich fragte ihn:Was habt Ihr mit mir vor?" und erhielt als Antwort:Du kommst nach Rußland." .Eine halbe Stunde später wurde ich gezwungen, in einen Wagen zu steigen, ohne daß mir erlaubt worden wäre, meinen Bruder, wie ich gewünscht hatte, zu mir zu nehmen. Er mußte in einen anderen Wagen steigen. Beim Einsteigen bemerkte ich etwa neunzig Offfctere, die ruhig meinem Weggehen zusahen. Wir fuhren zunächst auf der Orchanier Straße, bogen aber bald rechts ab und hielten etwa fünfundzwanzig Kilometer von Sofia in einem elenden Kloster auf dem Etropol-Balkan. Dort wurden wir in ein enges, dumpfes Gemach gesteckt, das voll von Flöhen, Wanzen und sonstigem Ungeziefer war und keinen Tisch und Stuhl enthielt. In der Nacht um zwei Uhr wurde ich geweckt. Man brachte mir Cioilkleider aus Sofia. Am folgenden Morgen ging es weiter über Taschkesen, wo wir uns einige Zeit aufhielten, nach Vrazza auf holperigen steinigen Wegen. Wir kamen Abends zehn Uhr dort an. Die Stadt schien wie ousgestorben. Die Nacht brachten wir in einem elenden Hause zu. Morgens halb 6 Uhr wurde wieder aufgebrochen. Zehn Kilometer hinter der Stadt auf der nach Rachowa führenden Chaussee, an einer Stelle, wo sich das Terrain wellenförmig erhebt und Tannen­gestrüpp sich zu beiden Seiten der Straße hinzieht, wurde plötzlich Halt gemacht. Ich sah, wie die Officiere sich im Walde zerstreuten, augenscheinlich, um etwas zu suchen. Ich ahnte sofort Unheil und in der That suchten sie, wie mir später der wachhabende Officier mittheilte, einen Platz aus, um mich zu erschießen, weil sie in Vrazza die sichere Nachricht erhalten hätten, daß ein Theil der Truppen sich geweigert habe, der neuen Regierung den Eid zu leisten.

Nach einer peinlichen halben Stunde ging es weiter. Nachmittags drei Uhr erreichten wir bet Rachowa die Donau. Dort konnte ich einige Augenblicke mit dem Capitän eines österreichischen Donaudampfers sprechen und erhielt von diesem den Antrag, er wolle mich, falls ich auf sein Schiff kommen könnte, an das rumänische Ufer bei Picket übersetzen. Aber es war mir unmöglich. Ich wußte me ne Mcv besteigen, die von Rustschuk geholt worden war, und fuhr mit derselben umer Bedeckung von etwa hundert Mann und vielen, mir meist ganz unbekannten mth stromabwärts. ,

Ich und mein Bruder mußten uns in dem Speisesaale aufhalten,

und Thüren mit Doppelposten besetzt waren. Während des j beschleunigen heiß. Die Maschine unseres Schiffes wurde überheizt, um die Seile hätte

und so jeden Rettungsversuch zu verhindern, der etwa von