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AK. 197. Freitag den 26. August 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzkigeblatt für der? Kreis Gießen.

Durearr: Schulst raße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MonLagS.

Amtlicher Hheit. Bekanntmachung.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinaerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Großherzogliche Kreisveterinärarzt Professor Dr. Winckler zu Gießen auf die Dauer von 4 Wochen vom 20. d. M. an beurlaubt und mit seiner Vertretung der Großherzogliche Kreisveterinärarzt Mai zu Nidda beauftragt worden ist.

Gießen, den 24. August 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Kommenden Sonntag den 28. l. M., Nachmittags 3 Uhr, wird eine Versammlung des landwirthschaftlicheu Lokalvereins Hungen unter dem Vorsitze des Herrn Gutspachters v. Oven zu Hungen imSolmfer Hofe" stattfinden, in welcher Herr Landwirthfchaftslehrer Ullmann von Büdingen einen Bortrag über Herbstsaat und Beschaffung guten Saatgutes halten wird.

Alle Landwitthe und Freunde der Landwirthschaft sind zum Besuche dieser Versammlung freundlichst eingeladen.

Gießen, den 25. August 1887. Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen.

Nover.

Politische Uebersicht.

Gießen, 25. August.

Das Project der Spiritus-Coalition steht fortgesetzt an erster Stelle ver innerpolttischen TagrSdiscussion. Berliner Börsenblättern zufolge soll nach den bisher erfolgten Beitritts'Erklärungen von Spiritusbrennern das Zu­standekommen der signalifirten Actiengefellschaft als unbedingt ficher zu be­trachten sein. Andere Nachrichten besagen freilich das Gegentheil und wenn die Leiter des Unternehmens an der Bedingung festhalten-, daß alle Kartoffelbrenner beitreten müßten, so wäre das Unternehmen höchst zweifelhaft, da bereits auch entschieden ablehnende Erklärungen vorliegen. Es ist allerdings nicht wahr­scheinlich, daß jene Bedingung ganz wörtlich genommen wird; aber auch die Versicherungen, daß die Coalttton bereits als gelungen zu betrachten sei, dürsten nur agitatorische Bedeutung haben. Was die noch offene Frage des Beitrittes ter süddeutschen Brenner zu der Spiritus-Coalition anbelangt, so werden sich die in der laufenden Woche zu Regensburg, resp. Frankfurt a. M. stattfindenden Versammlungen der bayerischen und der hessischen Brenner hiermit befassen. Es ließ sich erwarten, daß die Ankündigung des Spiritus-Consorttums, die Actiengefellschaft gedenke durch niedrigste Preisnotlrung dem deutschen Spiritus die Herrschast aus dem Weltmarkt zu sichern, itn Auslande volle Beachtung finden würde. Die PetersburgerBörsen-Zeitung" erwartet denn auch um­fassende Gegenmaßregeln der russischen Regierung. Es genüge nicht meint da» genannte Blatt daß zu Anfang dieses Jahres in Warschau eine Actten- gesellschast für Sptritusaussuhr in's Leben trat und daß jetzt auch unter den baltischen Brennern eine denselben Zweck verfolgende Vereinigung besteht; man dürfe annehmen, daß alsbald nach dem Zustandekommen der deutschen Gründung russischerseits ein derselben gewachsenes Unternehmen im Anschluß an die Mono- polplüne des Ftnanzministers in's Leben gerufen werden dürfte.

Die Jnthronifation des Bischoss Dr. Kopp als Fürstbischof von Breslau soll gegen Ende October erfolgen; seine Ernennung ist letzthin in Breslau eingetroffen. Eine wettere kirchenpolitische Nachricht ist diejenige vom Erlaß eines gemeinsamen Hirtenschretbens des preußischen Episcopats an seine Diöcesen anläßlich des bevorstehenden Priester-Jubiläums des Papstes. Das Schreiben soll am ersten Sonntage im September von allen Kanzeln der ver­schiedenen Diöcesen verlesen, vor diesem Zeitpunkte jedoch nicht' veröffentlicht werden. Der Text des Hirtenbriefes ist auf der heurigen Fuldaer Bischofs- Conferenz festgestellt worden.

Der erst kürzlich zum Unterstaatssecretär im elsaß-lothringischen Ministerium ernannte ehemalige Bürgermeisterei-Verwalter von Straßburg, Dack, gedenkt demnächst aus seiner Stellung wieder auszuscheiden, sobald seine desinitive Ernennung zum Bürgermeister von Straßburg erfolgt sein wird. Als Nachfolger im bisherigen Poften des Herrn Back nennt man den Geheimen Oberreginungsrath Schraut in Berlin, welcher schon früher im elsaß'lothringi-

Landesdtenst beschäftigt war und dürften sich die vor Kurzem ausgetauchten Gerüchte über abermals bevorstehende Personal-Veränderungen im Ministerium für Elsaß-Lothringen auf diesen vereinzelten Fall beschränken.

Die in Wien kürzlich stattgefundenen Minister-Besprechungen in der Repetirgewehrfrage haben sehr rasch zu einer vorläufigen Verständigung ge- Wrt. Es wurde beschlossen, für das Repetirgewehr 3Vr Millionen Gulden zu bewilligen. Außerdem hat der ungarische Landesoertheidtgungs-Minister, um den Bedarf von Repetirgewehren für die Honveds zu sichern, besondere Verhand­lungen mit der österreichischen Waffensabrik in Steyr eingeleitet. Die Zahlun­gen sollen, damit keine jährlichen Mehrbelastungen durch die Gewehranschaffungen ^lstehen, auf mindestens 10 Jahre vertheilt oder die für diesen Zweck nöthigen Summen unter möglichst günstigen Bedingungen gegen mehrjährige ratenweise Nückzahlung beschafft werden. Die Entscheidung hierüber werden aber erst die. Ende September in Pesth stattfindenden Minister-Conserenzen bringen.

, Unter der vlämischen Bevölkerung Belgiens ist schon seit Jahren eme Bewegung im Gange, welche den Zweck verfolgt, der im Staatsleben wie im Unterrichtswesen und geselligen Verkehr in Belgien mehr und mehr zu vor- wlegender Geltung gelangenden französischen Sprache zu Gunsten des vlämischen ? Moms durch Wort und Schrift entgegenzuwirken. Dieses Bestreben hat schon

gesetzlich seine volle Berechtigung, indem die belgische Verfassung bestimmt, daß keiner der beiden im Lande gesprochenen Sprachen besondere Vorrechte einzu- räumen seien; außerdem muß aber berücksichtigt werden, daß von der einge­borenen Bevölkerung Belgiens über 3 Millionen vlämischen Ursprunges sind, gegenüber nur 2 300,000 französisch sprechenden Wallonen. Die belgische Regie­rung brachte der vlämischen Bewegung nie große Gunst entgegen, trotzoem gewann sie, namentlich in der Provinz Flandern selbst, immer mehr an Kraft und hat jetzt endlich zu einem großen vlämischen Congreß, Der in den ersten Tagen dieser Woche in Brügge staltfand, geführt. Auf demselben forderten zahl­reiche Redner, daß der Unterricht in den vlämischen Landestheilen in allen Klassen in vlämischer Sprache zu ertheilen fei, daß das Criminalrecht an den Universitäten Gent, Brüssel und Löwen in derselben Sprache vorzutragen und daß im Verwaltungsfache kein Beamter in vlämischen Gebieten zu ernennen sei, der nicht diese Sprache beherrsche. Endlich wurde die Einbringung eines Gesetz- Entwurfes in der nächsten Kammersession gefordert, durch welchen der Unter­richt im Vlämischen auch in der Milttärschule einzuführen ist. Das Ministe­rium Bernaerts wird nicht umhin können, diesen an sich berechtigten Forderungen der Vlämen ernstlich näher zu treten, denn es hat allen Grund, feine ohnehin schwierige Lage nicht noch durch eine schroffe Behandlung der vlämischen Wünsche und Forderungen zu vermehren. Uebrigens scheint es, al« ob die Rede König Leopolds bei der neulichen Denkmals-Einweihung in Brügge, in welcher die Tapferkeit und der Patriotismus der Vlämen so gefeiert wurden, nicht wenig zur Erhöhung des Selbstbewußtfeins der Vlamänder beigetragen hat.

In Frankreich ist am Montag die Session der Generalräthe eröffnet worden, welche Institution in diesem Lande bekanntlich hervorragend politische Bedeutung besitzt. Indessen scheinen bei Eröffnung der Generalräthe nirgends Reden von allgemeinerem Interesse gehalten worden zu sein.

Entgegen den bisherigen Meldungen, nach denen das 10. oder 12. fran­zösische Armee-Corps für die Probemobilifirung ausersehen sein sollte, be­richten Pariser Privatmeldungen, daß der Mobilistrungsbefehl an das 17. Corps (Toulouse) ergehen würde.

PaulD6roulöde, der bekannteRevanche-Dichter" und Ehrenpräsi­dent der Patriotenliga, weilt zur Zeit in Rußland, vermuthlich, um für das noch sehr embryonenhaste russisch-französische Bündniß Propaganda zu machen, lieber die Erfolge des Herrn D^roulöde in dieser Richtung liegen indessen nur sehr spärliche Erfolge vor; allerdings hat ihm zu Ehren in Petersburg ein panslavistisches Banket stattgesunden, auf welchem die russisch-französische Freund­schaft jedenfalls mit Strömen von Champagner begossen worden ist, sonst aber scheint die Ausnahme in der russischen Hauptstadt den Wünschen des Revanche- Apostels von der Seine gerade nicht entsprochen zu haben. Speciell die russische Geheimpolizei ließ deninteressanten" Gast aus Schritt und Tritt beobachten und in der osficiellen Petersburger Welt scheint man Döroulöde mit mehr als kühler Zurückhaltung behandelt zu haben. Das wird aber nicht verhindern, daß Dvroulöde bei seiner Rückkehr nach Frankreich nicht genug Rühmens von der glänzenden Ausnahme, die er bei den russischenBrüdern" gesunden, zu machen wissen wird da kennt man den Herrn schon genugsam,

Babelsberg, 24. August. Gestern Nachmittag machte das Kaiser- paar eine Spaziersahrt und empfing Abends die anwesenden Mtglieder des Königshauses zum Thee. Heute nahm der Kaiser den Vortrag Perponcher's entgegen. Nachmittags wohnen der Kaiser und die Kaiserin dem Adlerschießen des Osficier-Corps de» ersten Garde-Regiments im Katharinenholze bei.

Potsdam, 24. August. Der Kaiser traf um 4Va Uhr im offenen Zweispänner ein, von dem enthusiastischen Hoch des zahlreichen Publikums be­grüßt, und schritt nach dem Empsang durch den RegimentS-Commandeur, Oberst v. Lindequist, die Schützensront unter den Klängen des Schützenmarfche« ab. Bald darauf traf die Kaiserin im offenen Vierspänner ein. Prinz Wilhelm geleitete dieselbe zu dem Schützenstand, wo ein Polstersessel für sie bereitstand. Der Kaiser gab den ersten Schuß ab und traf dem Adler. Um öVi Uhr kehrte die Kaiserin, bald danach der Kaiser nach'Babelsberg zurück. Außer den genannten Fürstlichkeiten nahmen an dem Feste noch die Prinzessin Wilhelm, der Prinz Friedrich Leopold und die Prinzessinnen Amalie und Lmse von Schleswig-Holstein Theil.