Nr. 1M5» Zweites Blatt. Sonntag den 26. Juni 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Uebersicht.
Gießen, 25. Juni.
Die politische Lage Deutschlands ist in dieser Woche mit der Physiognomie der Börsen in ziemlicher Uebereinstimmung gewesen. Es ereignete sich Nichts, was besonders aufregend oder verstimmend auf weite Kreise hätte wirken können; im Gegentheil: das zunehmende Wohlsein des Kaisers, die guten Nachrichten über das Befinden des Kronprinzen, die günstige Stellung zu allen Mächten in der Runde konnte beruhigend und an der Börse „fest machend" wirken. Aber eine eigentliche Vertrauensstimmung, ein dauerhafter Optimismus hat deshalb doch nicht Platz greisen wollen. Passivität und stilles Zuwarten war die Losung. Man ließ sich auch nicht durch die Nachricht allarmiren, daß der ReichrtagS'Äbgeordnete Kräcker unmittelbar nach Schluß der Session wegen Zugehörigkeit zu einer geheimen Verbindung verhaftet wurde, welchem Geheim- bund auch der gleichfalls in Haft befindliche Studiosus Markuse angehört haben soll; die Politik schwieg überhaupt in Norddeutschland (wo die Aufmerksamkeit des Publikums sich eher dem Eisenbahn-Unglück in Wannsee zuwandte), und sie bildete nur in Bayern, aus Anlaß der Wahlmännerwahlen den Haupt- gegenstand des Interesses. Eine Niederlage der Ultramontanen in einigen wichtigen Städten (München, Augsburg u. a.) und ein ziemlich bedeutender Gewinn an Einfluß seitens der Liberalen bilden die hervorstehendsten Züge des Wahlresultats. Vielfach hatte die freisinnige Partei mit der nationalltberalen zum Zweck der Bekämpfung des Ultramontanismus ein Bündniß ad hoc geschloffen und es klagen nun die freisinnigen Blätter, daß die nationalliberale Partei dieses Bündniß zu sehr in ihrem eigenen Jntereffe ausgebeutet habe. Stellenweise aber ging der Freisinn mit der Volkspartei Hand in Hand und verdrängte Nationalliberale wie Ultramontane. Letztere haben, feit ihnen der Rückhalt in Rom fehlt, den sie unter Pius IX. hatten, große Mühe, ihr Ansehen und ihre Einigkeit zu bewahren. Als ein neues Zeichen des guten Einvernehmens der Kurie mit der Reichsregierung darf die beschlossene Ernennung des Bischofs Kopp zum Fürstbischof von Breslau betrachtet werden. Der Bischof von Fulda verläßt aber seine Diöcese nicht, ohne Vorsorge für die Niederlassung eines der Orden getroffen zu haben, welche, in Folge des Friedens mit Rom, ihre Klosterzellen in Deutschland wieder begründen dürfen.
In Rom hat die klerikale Partei bei den Gemeindewahlen obgesiegt, was durch die versöhnliche Haltung vieler liberaler B'ätter gegen den anscheinend versühnungssreundlichen Papst erleichtert wurde. Seit man aber weiß, daß die italienische Negierung dem Papst kein Gebiet abtreten wird, verlieren sich die Aussöhnungsgerüchte in der Presse wieder. Minister DepretiS ist übrigens erkrankt, und das Volk im weitesten Sinne kümmert sich weniger um Politik als um das „liebe Brod", welches durch das zollpolitische „Sperrgesetz" schon in 900 Gemeinden einen Ausschlag erfahren hat und bet fortgesetzten Getreide«Schutzzöllen noch mehr sich vertheuern wird.
Rascher als in Italien pvlsirt das politische Leben jetzt in England und Irland. Neben den schön und glücklich verlaufenen Jubiläums'Auszügen der Königin Victoria, die von ihren Kindern, Enkeln uno Großenkeln, sowie von begeisterten Volksmaffen umgeben war, bilden der theatralische Abzug Gladstone's aus dem Parlament, äugen Annahme der irischen Verbrecher-Bill und dis Unruhen, die an verschiedenen Orten Irlands am Jubiläumstag ausbrachen, unwillkommene Schattenpartien. Zugleich droht im Orient ein Gewitter. England drängt den Sultan, die Convention wegen Egyptens zu unterzeichnen, während Rußland und Frankreich mit Drohungen und Jntriguen der Unterzeichnung entgegenarbeiten. An der Grenze Armeniens sollen russische Truppen angehäuft sein, um einzumarschiren, wenn der Sultan Rußlands Willen nicht thue. e
Frankreich, der diplomatische Bundesgenosse Rußlands, tritt für | seine eigene Rechnung in der auswärtigen Politik jetzt wenig hervor und im Innern hat sich die neue Regierung der heftigen Angriffe des Radikalismus zu !
erwehren, während die monarchische Rechte unverzagt dem Wiederausrichten eines Throne» vorarbeitet. Die große Masse der Pariser vertagt übrigens die politischen Demonstrationen aus dar Nationalsest, bas mit der Revue der Truppen und Schulbataillone verbunden sein soll und widmet sich zur Zeit den Betrachtungen über die große Hitze, über die Entführung der Spanierin Campos, die Einsperrung des angeblich verrückten Baron Seillieres, das Abenteuer des Herrn von Erlanger und den Umbau der Theater. Der Leipziger Hochverrathsproceß wird erst in zweiter Linie und nicht in voller MeinungS-Uebereinstimmung zum Gegenstand der Pariser Discussion gemacht.
Einiges Interesse widmet man dem (in Paris erzogenen) König Milan von Serbien, dessen Neubildung eines Ministeriums Rtstics theils politischen, theils finanziellen oder auch rein persönlichen Motiven zugeschrieben wird. Oesterreich'Ungarn und Bulgarien haben vorerst von Herrn Ristics die Ver- ficherung erhalten, daß er ein friedlicher Nachbar sein wolle; aber zu trauen ist diesem intriguanten Staatsmann nicht von heute auf morgen! In Ungarn unterhält man fich weniger über Serbien als über die soeben vollzogenen Wahlen, welche oem Reichstag eine stattliche, zwei Dritttheile der Abgeordneten umfassende liberale Majorität zuführen. Höchst bedauerlich sind die antisemitischem Ausschreitungen, welche während der Wahlen stattsanden. Die Katastrophe von Packs, wo 300 Wallfahrer in der Donau ertranken, machte auf die Gemüther den tiefsten Eindruck. Man vergißt darüber fast, solche Symptome zu beacht-n, wie die bedeutende Besetzung der russischen Grenze mit russischer Gensd'armerie, eine Maßregel, die in Verbindung mit der Massenauttreibung von Deutschen aus Rußland immerhin viel zu denken giebt. In Erwartung ihres Anbindens mit den Deutschen und Oesterreichern fallen die Russen über die in Astrachan angesiedelten persischen Kaufleute her. Die einmal angestachelten Pöbel-Leidrn- schasten sind mit jedem Object ihrer wilden Gier einverstanden, wenn es nur zu morden und zu plündern giebt!
Betemisc-tes.
Berlin, 21. Juni. Von den bei der Wannseer Eisenbahn-Katastrophe Verletzten ist das Dienstmädchen Amanda Steinbach heute Morgen um 7 Uhr im Elisabeth- Krankenhause an ihren entsetzlichen Brandwunden gestorben. Die Unglückliche war erst 16 Jahre alt, bei Meserttz in der Provinz Posen geboren. Die Leichen der beiden umgekommenen Mädchen sind nunmehr recognoscirt worden. Nach der Erklärung, welche das in der hiesigen Filiale der Königsberger Thee - Compagnie beschäftigte Fräulein Johanna Wächter zu Protokoll gegeben hat, sind die beiden Getodteten zwei Schwestern Namens Emma und Marie Pangritz. Eine dritte,, ebenfalls in der genannten Thee-Compagnie beschäftigte Schwester, Johanna Pangritz, befand sich gleichfalls in dem brennenden Wagen, es gelang ihr jedoch, sich zu retten, wobei sie allerdings nicht unerhebliche Brandwunden davontrug. Die Identität der Leiche des jungen Mannes ist von seinen Angehörigen festgestellt worden. Der Verunglückte ist ein Sohn des in weiten Kreisen bekannten hiesigen Rentiers Jakob Pollack, ein lunger Mediciner, der vor dem Staatsexamen stand. — Beim Hereinschaffen der beschädigten Wagen von Wannsee nach Berlin hat sich ein neuer Unfall zugetragen, der aber glücklicherweise ohne Folgen verlief. Der Stationsoorstand in Potsdam meldet hierüber: Der heruntergebrannte Wagen (Frankfurt 737) ist bei der Einfahrt des Extrazuges mit den befchädigten Fahrzeugen auf erstes Hauptgeleise wegen zerbrochenen Achfen- lagers auf dem Herzstück der Weiche 39b aufgesetzt und mit dieser Achje entgleist, worauf der Zug zum Stehen gebracht wurde. Hierdurch erlitt Zug 55 sieben Mtnuien und der Vorortszug 737 zehn Minuten Verspätung. - An nachträglichen Ettizern- heiten wird heute u. A. gemeldet, daß der Bahnassistent Arnold, welcher durch zeitiges Geben des Haltesignals das Unglück verschuldet haben soll .und deßhalv o Amt enthoben ist, am Sonntag von früh 4 Uhr 30 Minuten mit elnstündiger muer^ brechung bis zum letzten in Wannfee einlaufenden Nachizuge 0 ) ; f
Die Wannseeer Katastrophe ist nunmehr die dritte in verhallnißmatz g s ^glitzer der Berlin-Potsdamer Bahn. Die erste war das entsetzliche^Ung J|ner Bahnhofe
Bahnhof, die zweite der Anprall des Neservtstenzuges auf dem '^^thung einer in Berlin. Bereits ist der neueste Eisenbahnunfall Gegenstand d-r^o-r- gestern abgehaltenen Conferenz der Menbahn-Abtherlung de ^ )üerben .erlichen Arbeiten unter Vorsitz des Ministers Maybach S J L^ren zwischen Berlin zu glich sehr umfassende Vorkehrungen auf den sammtUchen v -9 9 ö


