1887.
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Nr. SOI Zweites Blatt. Sonntag den 25. December
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Wochen - Ueberficht.
Gießen, 24. December.
Im Kreise unserer erhabenen Kaiserfamilte herrscht diesmal bei der Christseier eine große, eine schmerzliche Lücke — er fehlt der Kronprinz mit den Seinen. Fern von der Heimath, an den sonnigen Gestaden der Riviera, verbringt die kronprinzliche Familie dar schönste, trauteste Fest der Jahre» und längst wissen wir ja alle, baß eine tückische Lra-ckheit dm ritterlichen Thronfolger a« den Aufenthalt im Süden bannt. Mit theilnahmvollster Spannung folgte dar deutsche Volk den so wechseloollen Stadtm in dem Leiden der allgeliebten Kaisersohne», er athmete froh bei jeder hoffmmg»vollen Botschaft auf und er trauerte bei jeder beunruhigender klingenden Nachricht. Gerade in der letzten Zeit schien die Krankheit de» Kronprinzen infolge der neuentstaudenm Wucherung im Halse wieder eine bedmklichere Wendung genommen zu haben, dem indessen jetzt abermals zuversichtliche Nachrichten gegenüber stehm. Jhnm zufolge handelt er sich bei der neuen Wucherung um eine völlig gefahrlose Bildung und soll der bisherige Gang der Leiden» den Schluß gestattm, daß der Hals des hohen Patienten vielleicht niemals vollständig geheilt werden könne, daß aber bet fortgesetzt regelmäßiger Behandlung, wie gegenwärtig, die eigentliche Gefahr sich auf ein Minimum verringern und der Kronprinz in der Lage sein werde, allen an ihn herantretenden Pflichtm zu genügen, die ihm nicht geradezu körperliche Anstrengungen auferlegten. Man kann nur innigst wünschen, daß sich diese neuerliche hoffnung-frohe Auffassung bestätigen möge!
Die Berliner Hofnachrichten veröffentlichen eine« dringenden Wunsch de» Kronprinzen, daß ihm freundlich zugedachte Sendungen, wie sie dem hohen Herrn die letztm Wochen hindurch in Gestalt von hundertm von Geschenken der mannigfachsten Att zugegangen sind, nicht mehr direct zugeschickt werden möchten. Vielmehr soll betreffs dieser Zusendungen künftig beim kronprinzlichen Hosmarschallamte in Berlin angefragt werden, wohin sie zu richten seien. Unter den nach Sau Remo abgesandten Geschenken haben sich auch zahlreiche Tannenbäume au» den deutschen Wäldern befunden.
Die Weihnachtswoche hat auf dem Gebiete der inneren Politik nicht- sonderlich Neues gebracht. Die parlamentarischen Verhandlungen feiern sämmt- ltch und hiermit ruhen auch die Fragen, die in ihnen zur Erörterung gelangten, resp. welche sich noch in der Schwebe befinden. Letztere» hat namentlich von der Verlängerung de» Socialtstengesetze» zu gelten, welche im Bunde-rathe noch vor der Weihnachtspause beschlossen worden ist, ohne daß doch der betreffende Entwurf dem Reichstage bis jetzt zugegangen wäre. Al» Grund dieser Verzögerung wird die Schwierigkeit genannt, bis Motive für die Verschärfung de» Gesetze» — Verlängerung auf 5 Jahre und Ermöglichung der Ausweisung aus dem ganzen Reichsgebiete — auszuarbeiten. Besonder» günstig scheinen die Aussichten für die Annahme de» dergestalt verschärften Gesetzes im Reich»tage nicht zu sein; die Nationalliberalen wollen ihre Zustimmung zum Gesetze verweigern und würde demnach die Entscheidung vom Centrum abhängen. Augenscheinlich ist die ganze Frage noch nicht spruchreif uno wird erst noch eine Klärung der Parteistellungen hierzu abzuwarten sein.
Auf militärischem Gebiete beabsichtigte die preußische Regierung, mit einer neuen, nicht unwichtigen organisatorischen Maßregel oorzugehen. die man offenbar ebenfalls mit dem Ernst der allgemeinen Lage i« Verbindung zu bringen hat. Es ist die Errichtung von 14 Carps-Bekleidungsämtern nebst Werkstätten mit mechanischer Triebkraft, unter gleichzeitiger Aushebung der Mon- Lirung-depot», beschlossen worden. Der preußische MUitäretat enthält ein» bezügliche Denkschrift, welche die erwähnte Maßregel in sehr eingehender Weise begründet. Hiernach sollen die Corps-Rrservewerkstätten die Hauptaufgabe haben, im Mobllmachungsfalle den sehr gesteigerten Bedürfnissen der Armee an Beklei- dungsgegenständen, namentlich an Schuhzeug, gerecht zu werden und um diese wichtige Aufgabe sofort im vollsten Umfange erfüllen zu können, ist es »othwe» !
big, daß dis Corps-Reservewerkstätten schon im Frieden entsprechend eingerichtet werden, lieber diese Einrichtung, wie über die Verwaltung und den Sitz der Werkstätten enthält dann die Denkschrift noch nähere Bestimmung.
Der die allgemeine Lage noch immer beherrschende österreichischrussische Zwischenfall hat in dieser Woche eine wesentlich andere Physiognomie erhalten. In dem Wiener „Hoskriegsrathe" vom Sonntag und Montag ist dss alte österreichische Motto: „Immer langsam ooran* wieder einmal zum Durchbruch gelangt, denn seine Beschlüsse gipfeln darin, bi» auf Weiteres gegenüber den russischen Rüstungen keine besondere« Abwehrmaßregeln zu ergreifen. Wenn dieser Beschluß lediglich von dem Bestreben der österreichisch-ungarischen Regierung dictirt gewesen ist, ihrerseits nichts zur Verschärfung de» Conflicte» beizutragen, so wäre eine derartige Politik nur zu loben. Aber e» scheint, al» ob noch andere Ursachen bei dem Entschlüsse der Wiener Militär-Conferenzen, einstweilen noch keine Thaten sehen zu lassen, mitgewirkt haben und private Berichte deuten darauf hin, daß in den leitenden Kreisen der österreichischen Hauptstadt eine Partei anscheinend nicht erfolglo» thätig ist, die maßgebenden Factore» von der „Friedensliebe" Rußland» zu überzeugen. Ja, es ist sogar die Rede davon, daß diese Bestrebungen darauf zielen, den Dreibund zu treffen und demselben Oesterreich-Ungarn zu entziehen, indem man letztere» zu einer directe« Verständigung mit dem Petersburger Cabinet dränge.
Die Schweiz wird nach einem jüngst erfolgten Beschlüsse de» National- rathe» zu dm wenigen Staaten gehörm, welche die Pariser Weltausstellung officiell zu beschicken gedenken; es sind zu diesem Zwecke vom Nationalrsthe 450,000 Frc». bewilligt worden. Dis Haltung der Schweiz zu der vorliegenden Frage wird indessen die größeren Industrie-Staaten in ihrem Entschlüsse, die Weltausstellung in Pari» im Jahre 1889 officiell nicht zu beschicken, schwerlich schwarckmv machen.
Die bulgarische Frage tritt allmälig au» dem Stadium ihrer letzten Versumpfung heran». Zu der inneren Krisi» in Bulgarien, die sich durch die bevorstehmde Demission der Mnister Natschevitsch und Stoiloff markirt, gesellt sich eine äußerliche, denn der österreichisch-russische Zwischenfall wirkt ganz augenscheinlich auf Bulgarien zurück. Nach englischm Informationen würde Fürst Ferdinand der angebahnten Verständigung zwischen Rußland und Oesterreich zum Opfer fallen, es soll eine Aufforderung in unzweideutiger Weise an ihn erfolgen, da» Land zu verlassen. War aber geschehen soll, wenn der Bulgarenfürst dieser freundlichen Einladung nicht Folge leistet, dürften die Herren Diplomaten selber noch nicht wissen, benn eine etwaige russische Intervention würde offenbar die Lage nur nrch weit mehr verwickeln. Begreiflicher würde e» darum erscheinen, wenn die inneren Zustände de» Lande» den Coburger zur Abdankung nöthigten; da» Gerücht, Fürst Ferdinand bereite schon ein Manifest zur Begründung seiner Abdankung vor, ist aber offenbar den Ereignissen noch weit voraus, klebrigen» schreibt das Wiener „Fremdenblatt", daß an maßgebender Stelle von Verhandlungm zwischen den Mächten Über die bulgarische Frage nicht» bekannt fei.
In Frankreich folgt man den Vorgängen in der auswärtigen Politik, speciell wa» den österreichisch-rufsischeü Conflictsfall anbelangt, mit einer gewissen Reserve, die ganz gut zu dem Wunsche paßt, mit dessen Uebecmittelung an allerhöchster Stelle Präsident Carnot den französischen Botschafter in Berlin beauftragt hat, daß nämlich die besten Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich obwalten möchten.
Lokales.
©ieftett, 24. December. Es geht dnrch die Lüfte ein geheimnißoolleS Weben und in das Menschenherz zieht ein Gefühl unnennbarer Wonne und Freude. Weihnacht e n ist wieder herangekommen. Die Brust weitet sich bei dem Gedanken an die Heberolle Erlösung de» Menschengeschlechts durch die Sendung Christi, in der Er- i.nerung Itbtn -°r un8 btt J-Hrt dtr «tndhttt wteber «uf, unb ft> trauri,I unb schloss« der Ernst des Leben» uns auch gemacht haben mag, ein Strahl remster Fest-


