Nr. 301 Erstes Blatt. Sonntag den 25. December 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Vur.a«! Sch.lstroß, 7. CtMefait tifitid) mit Tlubn-Hm- bei Wonta««. Sfaf Bofö
Amtlicher Hy eil.
Gefunden: 1 Regenschirm. 2 Taschentücher, 1 Eiswolltuch, 1 Mütze, 1 Handschuh, 1 eiserne Kette, 1 Kragen, 1 Kinderschürze, an Geld 20 mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Zugeflogen: 1 Hahn.
Gießen, am 24. December 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
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Weihnachten.
Mitten in einer ernsten, von mancherlei Sorgen und Gefahren schwerster Art erfüllten Zeit feiern wir in diesem Jahre dar hehre Weihnachtsfest, das erste Fest der Christenheit und das schönste Fest des deutschen Hauses. Aber bange Sorgen, welche die Herzen ernster Männer wie thellnehmender Frauen erfüllen, sollen uni doch nicht die Freude und den Frieden des Weihnachtsfeftes rauben. Religion und Poesie, Gottes- und Menschenliebe haben uns die erhabene Weihnachtsfeier geschaffen, und wenn wir auch sonst Kämpfen und Prü- fungen im Leben nicht entgehen können, so sollen doch die Weihnachtstage ein Fest der reinen Freude und des stillen Friedens sein, an welchem bange Herzen sich so gern erquicken und neuen Balsam der Hoffnung für künftige schwere Stunden empfangen. „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" hieß ja auch schon die erste frohe Weihnachtsbotschaft, welche vor fast zwei Jahrtausenden den frommen Hirten verkündet wurde, und diese fröhliche Botschaft, zum ersten Male gehört in eine Zeit der tiefsten Barbarei, wo Rom's Kaiser fast die gesammte damalige gebildete Welt beherrschten und die Hülste der Menschheit als wirkliche Sclaven lebten, sollte diese in einem christlichen Zeitalter, auch wenn dasselbe voller Sorgen und Gefahren ist, ihre weihevolle Kraft verfehlen? Alle Bekümmernisse dieser Welt find nicht dazu an- gethan, um un» den Frieden de» christlich gesinnten und erhaben fühlenden Herzens zu rauben und am allerwenigsten an dem Feste, welches dar Symbol der wahren Herzensfreude geworden ist.
So ist das erhabene Srinnerungsfest der christlichen Kirche, das heilige Andenken an den in Armuth und Roth geborenen göttlichen Stifter der christlichen Rel'gion, auch in diesem Jahre, trotz Sorgen und bangen Hoffnungen, des deutschen Hauser schönstes Fest, der Nächstenliebe schönste Weihe. Freundschaft und Liebe, Wohlthätigkeit und edler Sinn zeigen fich zu Weihnachten auch wieder in so herrlicher Blüthe, daß wir nicht in Klelnmuth verzagen, sondern mit frohem Muthe in die Zukunft sehen müssen. Nicht nur die Familien, ja alle christlichen Völker feiern ja Weihnachten, das Fest der christlichen Liebe, und so lange die Nationen diese Feier begehen, darf auch die Hoffnung nicht aufgegeben werden, daß der Hader und Streit, der ganze Völker einander entfremdet, durch die Macht der Nächstenliebe gemildert und die furchtbarsten Heimsuchungen der Völker, die blutige Kriegsge.ßel, nicht frevelhaft heraufbeschworen werden wird.
Wie hohl, wie erbärmlich erscheinen doch auch im Lichte der Weihnachtsfreude, im Spiegel der christlichen Liebe alle auf Habsucht und Hoffahrt gerichteten Bestrebungen eigennütziger Menschen, alle auf den bloßen Ehrgeiz, die Ruhmessucht und Ländergier angelegten Pläne kriegslustiger Völker! Und ach, in zwei Hälften getheilt, die eine friedlich und nachsichtig gefinnt, die andere Böses im Schilde führend, erscheint uns noch immer die Culturmenschheit! Möchte doch die große Partei des Friedens und der Humanität in der gegenwärtigen Weihnachtszeit viele neue Schaaren überzeugter Anhänger erwerben und dadurch das Werk des christlichen Friedens auf der Erde noch weiter be- feAgt werden l
Keulschlaud.
Berlin, 23. December. Die „Nationa!<Zeitung" läßt fich heute aus Wien melden: „Es bestätigt fich trotz aller officiösen Ableugnungen aus Kopenhagen, daß die Gemahlin des Prinzen Waldemar von Dänemark, Tochter de» Herzoas von Chartres, dem Czaren auf Schloß Fredensborg die gefälschten Actenstücke überreichte. Hier anwesende Mitglieder der dänischen Königrfamtlie beklagen dies sehr."
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt in ihrer Rundschau: „Das Weih- nachtssest steht vor der Thür und bringt eine Verlangsamung der Entwicklungstempos der öffentlichen Angelegenheiten mit sich, die um so mehr mit Befriedigung vermerkt werden dürfte, je unerquicklicher gerade in letzter Zeit der Ausblick in die Zukunft sich gestaltet hatte. So liegen Denn auch eben keine Meldungen vor, welche auf das schwebende Problem des Tages direct Bezug hätten. In losem, aber nichtsdestoweniger hinlänglich erkennbarem Zusammenhang mit demselben dürfte aber wohl jedenfalls der Stoßseufzer stehen, welchen die „Rsp. frany." von fich gibt, indem sie über den gegenwärtigen Organisationsstand der französischen Infanterie Betrachtungen anstellt und zu dem Ergebniß kommt, daß die Effektivstärke der Bataillone geradezu lächerlich gering sei."
Bulgarien.
Sofla, 23. December. Seit gestern erheben die türkischen Zollbeamten an der rumelischen Grenze einen Zoll von 8 pCt. von den au» Rumelien oder Bulgarien kommenden Waaren; ebenso die bulgarischen Zollämter von den au»
der Türkei kommenden Waaren. Sonstige europäische Waaren gehcn durch dis Türkei im Transit, ebenso bulgarische für Europa bestimmte Waaren. — Da» Budget ist fast ganz volirt. Die Ausgaben betragen 61 Millionen einschließlich de» Tribut» für Ostrumelien, die Einnahmen 53 Millionen. Die Differenz von 8 Millionen soll ebenso wie da» außerordentliche Budget durch die rückständigen Steuern gedeckt werden, welche ca. 30 Millionen betragen.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'- telegr. «ottespondenr-Bnrenn.
Berlin, 23. December. Seine Majestät der Kaiser nahm Mittags den Vortrag des Wirklichen Geheimeraths v. Wilmowskt und Nachmittags den des Ministers des Innern, v. Pnttkamer, entgegen, empfing darauf den aus San Remo zurück- gekehrten Hofmarschall Graf Raooltnskt und .später den Staatssecretär Graf Herbert Bismarck.
— Am ersten Weihnachtstage findet Vormittags im PalaiS des Kaisers Gottesdienst statt, Nachmittags ist Familiendiner bei Ihren Majestäten.
— Staatssecretär Graf Herbert Bismarck reist heute Abend mit der Fürstin BiSmarck nach Friedrichsruh, wo er während der Feiertage verbleibt.
Berlin, 23. December. Angeregt von einer Anzahl angesehener hiesiger Bürger wird eine Neujahrsglückwunschadresse an Sc. Könial. Hoheit den Kronprinzen nach San Nemo abgehen, zu welcher Unterschristsbogen von dem ersten Weihnachtstage ab öffentlich zur Unterzeichnung aufgelegt werden.
— Der Geh. Commercienrath Schwabach stiftete bei seinem Ausscheiden aus dem Aeltesten-Collegium zu dem Sttftungsfonds Der Berliner Fondsbörse einen Betrag von 30,000 •*, um bei plötzlich eintretenoer Nothlage eines Mitgliedes der Corporation demselben durch einjährigen Zinsgenuß eine Aushilfe zu aewähren.
Skarl-rnhe, 23. December. Den Kammermitgliedern ging durch den Staats- Minister ein Handschreiben des Großherzogs zu, worin er anzeigt, daß er dem Kronprinzen den Ausdruck der Theilnahme des Landtags übermittelt habe. Die Kungebung habe den Kronprinzen tief gerührt. Bei der zur Zett fühlbaren Besserung glaubte der Kronprinz hoffen zu dürfen, mit Gottes Hilfe dereinst noch die Kraft wieder zu finden, um seine Pflichten dem Vaterlande gegenüber erfüllen zu können. Dann heißt es In dem Schreiben des Kronprinzen: „Ich setze mein Vertrauen auf Den, der unsere Geschicke in Händen hält, der sich uns so häufig gnädig erwies, wenn wir uns von Gefahren umgeben wußten. Wenn aber etwas Irdisches tm Stande ist, mich aufzurichten und mir wohlzuthun, so ist es die allgemeine Theilnahme, welche mir da» gesammte Vaterland zu erkennen gab. Nie werde ich dies vergessen. Mir ist zn Muthe, als sei ein Band mehr zwischen meinen Landsleuten und mir entstanden, welches mir beweist, daß ein größeres Vertrauen, als ich für möglich hielt, auf mich gesetzt wird. Gebe Gott, daß mir noch Gelegenheit geboten wird, mich dessen würdig zu erweisen."
München, 23. December. Der Magistrat genehmigte das Pensionirungsgesuch des schwer kranken ersten Bürgermeisters Erhardt.
Wien, 23. December. Das „Fremdenblatt" dementirt eine Nachricht deS Pariser Correspondenten der „Etoile Beige", wonach Verhandlungen wegen Einberufung einer Conferenz zur Regelung der bulgarischen Frage statlfänden und der Erlaß einer Collectionote an den Fürsten Ferdinand mit der Aufforderung, Bulgarien zu verlassen, in Aussicht genommen sei.
Belgrad, 23. December. Bei den Nachwahlen wurden, ausgenommen im Nischer Bezirk, wo die Wahl ststirt wurde, durchweg Liberale gewählt.
Petersburg, 23. December. Die russische „Börsenzeitung" glaubt versichern zu sollen, daß das Kriegsministerium keinen besonderen Credit verlangt habe; sämmtliche Ausgaben desselben, darunter diejenigen für die Truppenverpflegung, hätten in den letzten Wochen die Voranschläge nicht überstiegen.
— Der „Regierungsanzeiger" meldet: In der vergangenen Woche Hefen Nachrichten ein über Ruhestörungen in den höheren Lehranstalten in Charkow, Ooessa und Kasan. In dem Charkow'schen technologischen Institute veranstalteten die Studenten eine Versammlung und verweigerten den Behörden dm Gehorsam. Gegen 30 Studenten der Charkower Universität verließen am 15. December plötzlich die Auditorien, vereinigten sich nach vorheriger Abmachung auf der Straße mit einer Anzahl Besuchern des Technologischen und des Veterinär-Instituts, verübtm Ruhestörungen und schlugen Fenster der unteren Etage des Universitätsgebäudes ein. Im der Odessaer Universität arrangirten die Studenten am 14. December ebenfalls eine Zusammenkunft, störten die Vorlesungen und verlangten lärmend die Aufhebung der bestehenden Unioersitätsordnung. In Kasan hielt am 16. December eine größere Anzahl von Studenten der Universität und des Veterinär-Instituts lärmende Versammlungen, wobei die Hörer der Vorlesungen ähnliche Forderungen stellten wie in der Odessaer Universität. In diesen drei Universitäten und in dem Charkower Technologischen Institut wurden die Vorlesungen eingestellt. Durch Vergleich mehrerer hierbei zu Tage getretener Umstände ergibt sich, daß bei aflen diesen Unruhen Aufhetzungen übelwollender Leute mitwirkten.
Lokales.
Gießen, 24. December. Papst Leo XIII. feiert in diesen Tagen sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum. Die katholische Welt wetteifert bei dieser Gelegenheit in der Veranstaltung von kirchlichen und außerkirchlichen Festen und bringt ihre Huldigungen dem greisen Jubilar auch in zahlreichen, größtentheils künstlerisch vollendeten Geschenken dar.
Die hiesige katholische Gemeinde, welche als Jubiläumsgabe ein sehr schön gearbeitetes Meßgewand überreichen läßt, wird das kirchliche Fest am 2. Weihnachtstage begehen und ist auch eine außerkirchliche Feier für den 8. Januar in Stein's Garten in Aussicht genommen.


