Ar. 196. Donnerstag den 25. August 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzcigkbtatt für den Kreis Gießen.
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Politische Uebeestcht.
Kietzen, 24. August.
Der Kaiser ist von seiner jüngsten Erkältung nahezu wieder hergestellt unb gedenkt er in diesen Tagen von Babelsberg nach Berlin üderzustedeln.
Ueber die Spiritus-Coalition liegen neuere Meldungen nicht vor, nur wollen die hessischen Brennereibesttzer am nächsten Montag in Franksurt a. M. unb ihre bayerischen Collegen am Donnerstag in Regensburg zusammentreten, um die Frage ihre« Beitrittes zu der SpirituS-Actien-Gesellschaft zu erörtern. Bislang hat sich aus den Kreisen der süddeutschen Brenner noch keine einzige Stimme zu Gunsten des Anschlusses an die norddeutsche Coalition erhoben, weniger aber wohl aus prtncipieller Abneigung gegen das Project, als vielmehr, weil die süddeutschen Brenner den aus 130 JL normirten Lerkaussprei» noch nicht hoch genug finden und Vergütung der Fracht des von den norddeutschen Collegen bezogenen Spiritus fordern. Wahrscheinlich werden aus den Brenner- tagen von Regensburg und Franksurt die Bedingungen, unter denen die süddeutschen Brenner der Spiritus-Coalition beitreten wollen, bestimmt formultrt werden.
Osficiöserseits werden nunmehr die im preußischen Finanzministerium entworfenen Bedingungen über die Branntweinsteuer veröffentlicht. Danach ist der zu gewerblichen Zwecken verwendete, der im Befitze von Schänkern und Kleinhändlern befindliche Branntwein bis zu 40 Liter, der im Besitze von Haus- haltungs-Vorständen befindliche Alkohol bis zu 10 Liter, der gegen Erlegung des Zolles vom Auslande eingeführte und der zum Export gekvngende Branntwein von der Nachsteuer befreit. Die Anmeldung des nachsteuerpflichttgen Branntweins liegt dem Inhaber defielben ob; die Anmeldung muß schriftlich, unter Benutzung der oorgeschrtebenen Formulare, bis zum 3. October erfolgen; bei Dem mit Zucker versetzten Branntwein wird der Alkoholgehalt auf 30 pCt. angenommen; Schänker, Kleinhändler und Haushaltungs-Vorstände brauchen ihren Vorrath, wenn derselbe die oben angegebenen, von der Nachsteuer befreiten Mengen nicht übersteigt, auch nicht anzumelden.
Der Besuch der bayerischen Minister v. Lutz und v. Crailsheim in Kis sing en beim Fürsten Bismarck ist nur ein kurzer gewesen, denn die Minister kehrten bereits am Sonntag wieder noch München zurück. Der Verkehr zwischen dem Reichskanzler, in beffen Begleitung sich auch Gras Herbert BlSmarck befand, und den Herren v. Lutz und v. Crailsheim war ein sehr herzlicher; ob und welche politischen Fragen hierbei zur Erörterung gelangt sind, entzieht sich noch der Beurtheilung. Von der Begegnung zwischen Fürst Bismarck und dem Grasen Kalnoky ist es einstweilen wieder ganz still geworden, so daß das Gerücht nicht unbegründet erscheint, die Begegnung werde erst in Friedrichsruhe siattfinden. Sämmtliche Berichte über das Befinden des Fürsten Bismarck lauten durchweg befriedigend und bekommt ihm die Kissinger Kur bis jetzt vortrefflich.
In diesen Tagen erfüllt sich ein Zeitraum von neun Jahren, daß dis Oesterreicher in Serajewo, die Hauptstadt Bosniens, einrückten, womit die Occupatton dieses Landes und der Herzegowina beendigt war. Damit war aber frethdj noch nicht viel erreicht, denn es galt vor Allem, das Jnsurgenten- und das hiermit enge zusammenhängende Räuberunwesen, das sich noch überall in den occupirten Provinzen bemerklich machte, zu unterdrücken, die durch den Lerrschastswechfel aufgeregte und von den türkischen, montenegrinischen u. s. w. Sendltngen in Athem gehaltene einheimische Bevölkerung zu beruhigen, mit dem Schlendrian der türkischen Verwaltung auszuräumen und dafür der Bevölkerung die Geflttung und Cultur des Westens zu bringen. Es galt da zahllose Schwte- TWeiten zu überwinden und in den ersten Jahren nach der Occupatton schien es manchmal, als sollte die ganze mühevolle Arbeit umsonst sein. Indessen, deute, nach 9 Jahren, beginnt die Culturarbeit Oesterreichs in den neuen Pro- vinzen sichtlich Früchte zu tragen. In der Bevölkerung ist längst das Vertrauen zu dem neuen Regime eingezogen, ein Netz ausgezeichneter Kunststraßen breitet flch über dar ganze Land, auch mehrere Eisenbahnlinien durchschneiden dasselbe und in administrativer und gesetzgeberischer Beziehung ist überhaupt Alles gethan, ®Q8 sich eben bet den eigenartigen Verhältnissen in „Neu-Oefterretch" thun ließ. Die Rrcrutirungen vollziehen sich in ordnungsgemäßer Weise, von Ausstands- versuchen ist längst keine Rede mehr und auch die Räuberbanden find im Großen und Ganzen ausgerottet, wenngleich freilich auch jetzt noch in den entlegneren Agenden Bosniens und der Herzegowina hie und da Banden austauchen. Nur die Entwickelung von Handel, Ackerbau und Industrie anbelangt, so hat in dieser Beziehung auch die österreichische Verwaltung noch keine nennen»* Akrthen Ersolge auszuweisen; bei den Zuständen indessen, wie sie unter der Herrschaft der Moslems in den beiden Ländern sich herangebildet hatten, war aber auch ein rascher Umschwung aus diesen Gebieten gar nicht zu verlangen, ^ebenfalls haben aber die neun Jahre österreichischer Verwaltung dargethan, aaß sich Bosnien und die Herzegowina unter den Fittichen des Doppelaares entschieden wohler befindet, als unter dem Glanze de» Halbmonds und gewiß Dird „Neu Oesterreich" noch einer besseren Zukunft entgegengehen.
Die vor einiger Zelt signalisirte englische Vermittelung in dem italie* nisch-abyssinischen Stretthandel wegen Maffauah läßt noch immer aus sich warten. Es heißt, man habe in London gar nicht Neigung, diese 93er* unttler-Rolle ernstlich zu übernehmen, angeblich, weil eine Vermittelung bei den Wen Bedingungen, die Italien stelle, ausfichtslos fei. In Rom fordere man
als Vorbedingung des definitiven Friedensschlusses, daß der Negus Johannes die Oberhoheit Italiens anerkenne, inoem er demselben die Vertretung Abyssi- Uten» nach Außen überlasse; überhaupt wolle Italien in Abyssinien eine solche Stellung einnehmen, wie etwa Frankreich in Tunis oder aus Madagaskar. — Es scheint hier indessen nur eine ganz willkürliche Combination vorzuliegen, denn von solchen Bedingungen Italiens ist seither noch nichts bekannt gewesen, im Gegentheil, dasselbe wird froh fein, wenn es sich mit dem Negus von Abyfsi- nien in friedlicher Weise auseinandersetzen kann, ohne hierbei besondere Ansprüche zu erheben.
Ganz England wird von der regierungsseitig beschlossenen Unterdrückung der irischen Nation al-Liga beherrscht und mit größter Spannung sieht man den für Donnerstag im Unterhause hierüber angekündigten Debatten entgegen. Indessen scheint die Angelegenheit nicht den für das Ministerium Salisbury bedenklichen Verlauf nehmen zu wollen, den man zuerst befürchtete. Chamberlain, von dem es hieß, daß er mit seinen speciellen Anhängern Stellung gegen die Regierung in dieser Frage nehmen werde, hat in einer zu Birmingham gehaltenen Rede erklärt, daß er zwar mit der Unterdrückung der Liga nicht einverstanden sei, daß er aber dennoch sortsahren werde, die allgemeine Politik der Regierung zu unterstützen, ebenso werde er auch fernerhin für die Aufrechterhaltung der Vereinigung Irlands mit England eintreten. Der Adreffensturm, den die Opposition im Unterhause an die Königin zu Gunsten der Aufhebung der Proklamation, welche die Unterdrückung der irischen Landliga ausspricht, infceniren will, hat also von vornherein keine Ausstcht aus Erfolg, da die Unionisten auch weiterhin mit der Regierung gehen wollen. 93er* muthlich wird sich aber Mr. Gladstone die schöne Gelegenheit nicht entgehen lassen, abermals gegen die irische Politik der Regierung lcüzudonnern und stch hierdurch bei seinen irischen Freunden einen neuen Stein in's Brett zu setzen I
Die ostrumelische Reise des Fürsten Ferdinand hat sich, wie seine Ankunft aus bulgarischem Boden, unter einem wahren Begeisterungstaumel der Bevölkerung abgespielt. Auch in Philippopel selbst, wo Fürst Ferdinand am Freitag Nachmittag eintraf, ist demselben die herzlichste Ausnahme seitens der Bevölkerung bereitet worden, die ihn immer mit erneuten Hurrahrusen begrüßte. Uebrigens berichtet der osficiöse Telegraph über den Verlauf der ostrumelischen Reise in denkbar knappster Weise uno in einem Tone, der deutlich verräth, daß die Huldigungen der Ostrumelioten für den Fürsten Ferdinand in den leitenden Wiener, Berliner u. s. w. Kreisen nichts weniger als mit Behagen betrachtet werden. Von Philippopel aus sollte die Fahrt birect nach Sofia gehen und erwartete man hier die Ankunft des Fürsten Ferdinand für Montag Nachmittag 3 Uhr.
Deutschland.
Nordhausen, 23. August. Eine Vereinigung hiesiger Branntwein- Fabrikanten beschloß heute, eine gemeinschaftliche Spiritus-Einkaufs,Gesellschaft zu bilden und mit denjenigen Brennereien und Spritsabriken in Verbindung zu treten, welche sich der Actiengesellschast für Spiritusverwerthung nicht an- schließen, unter Zusicherung der Abnahme des Gesammtverbrauchs.
Bulgarien.
Sofia, 22. August. Prinz Ferdinand ist heute hier eingetroffen. Er antwortete aus eine Ansprache des Bürgermeister», er habe die den bulgarischen Delegirten in Ebenthal gegebenen Versprechen, sich Bulgarien widmen zu wollen, erfüllt und sei jetzt hier. Er rathe den Bulgaren Weisheit, Mäßigung und Einigkeit an; wenn die Nation weise und einig stch verhalten werde, so werde er Bulgarien zu einem idealen und starken Staat machen. Die internationalen Beziehungen anlangend, so sei es wesentlich, gute Beziehungen zur Pforte, al» der suzeränen Macht, zu erhalten. Dank seiner Loyalität hoffe er, dem Lande die Geneigtheit der Pforte zu verschaffen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Korrespondenz -Brrrearr.
BabelSberg, 23. August. Das Befinden des Kaisers ist gut Derselbe empfing die Vorträge Perponcher's und Albedyll's. „ Zum Diner sind der General der Infanterie, Strudberg, und der Gesandte v. Schlözer geladen.
Madrid, 23. August. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Dekret, welches die Ernennung des Generals Salamanca zum Gouverneur von Euba wieder annuUtrt.
Sofia, 23. August. Der feierliche Einzug des Fürstm Ferdinand in die Stadt erfolgte gestern Abend um 6 Uhr. Ein Thetl der Bevölkerung hatte den Fürsten schon außerhalb der Stadt erwartet und lebhaft begrüßt. Nach der Ankunft in der Stadt und Entgegennahme der Bewillkommnung durch den Bürgermeister und Deputationen begab sich der Fürst nach der Kathedrale, wo ein Tedeum stattfand, und dann unter Hurrahrusen der Bevölkerung nach dem fürstlichen Palais.
— Der Hauptpassus der gestrigen Rebe des Fürsten Ferdinand in Erwiderung auf die Ansprache des Bürgermeisters lautet: „Ich hoffe, daß es uns mit der Achtung vor den Gesetzen, der Erfüllung unserer internationalen Verpflichtungen, insbesondre mit der wohlwollenden Unterstützung der erhabenen Pforte und der Erlichen -Beobachtung unserer Pflichten gegen den suzeränen Hof gelingen wird, die Krips z - endigen, Bulgarien wiederauf den normalen Weg zu lenken und die Aera des ^rieo , der Ordnung und des Gedeihens zu eröffnen. Ich danke für den mir bereitet n - psang. E8 lebe Bulgarien!" - lieber dl- Bedeutung d-/ Worte. .Erfüllung der internationalen Verpflichtungen" betragt, erwiderte der Fürst , er meinedamtt die Fertigstellung der Eisenbahnen, die Lösung der Frage der Staatsschuld und des Tributs an die Pforte rc.


