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Mittwoch den 25. Mai

1887.

Nr. 119

ießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Betreffend: Sterblichkeitsstatistik.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 23. Mai 1887.

Das Großherzogliche Kreis-Gesundheitsamt Gießen

an die Großherzoglichen Standesämter des Kreises Gießen.

Von verschiedenen Standesämtern wird immer noch die Vorschrift nicht beachtet, nach welcher in jedem Fall, in welchem keine ärztliche Bescheinigung der Todesursache auf dem Todesschein beigebracht wird, der Standesbeamte sich darüber, daß wirklich keine ärztliche Behandlung stattgefunden, stch zu ver­gewissern und im bejahenden Fall dies unter Beifügung feiner Namensunterschrift auf dem TodeSzeugniß zu bescheinigen, im entgegengesetzten Fall aber die Erlaubniß zur Beerdigung bis zur Beibringung des ärztlichen Ältestes zu versagen, eventuell die Weigerung des Arztes, dasselbe auszustellen, uns anzuzeigen hat.

Wir bringen diese Bestimmung wiederholt in Erinnerung mit dem Bemerken, daß wir Verfehlungen gegen dieselbe künftighin zuständigen Ortes zur Anzeige bringen müßten. , " _ t p , L , , ~

Selbstverständlich wird hierdurch die Pflicht des Leichenbeschauers oder des Standesbeamten nicht aufgehoben, in denjenigen Todesfällen, m welchen keine ärztliche Behandlung eingetreten ist, die Todesurfache selbst anzugeben, insoweit dieselbe dem Verständniß eines Nichtsachverständigen zugänglich ist.

Gleichzeitig sind wir durch das Verhalten einiger Standesämter veranlaßt, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Einträgen der Todesursachen in die Sterbfalls-Zählkarten Ihnen obliegt und wir um fo mehr darauf bestehen müssen, daß Sie dies, insoweit dieselben leserlich geschrieben sind oder die Nummer des Schema's beigefügt ist, auch selbst besorgen, da durch die theilweise sehr verspätete Einsendung der Sterblichkeitsnachweise uns kaum die nöthige Zeit für die Aufstellung der Mortalitätstabelle bleibt.

vr. Köhler. _____________________________________________________ ____

Politische Ueberstcht.

Gießen, 24. Mai.

In Bayern wie in Sachsen finden demnächst Neuwahlen, resp. Ergänzungswahlen zum Landtage statt. Während es sich in Bayern im Wesentlichen um den alten Kampf zwischen dem Liberalismus und dem Klerikalismus handeln wird, dürste in Sachsen mehr das Eingreifen der Social­demokratie hervortreten. Dieselbe besitzt in der sächsischen zweiten Kammer bereits vier Mandate und hoffe nun, diese Zahl in der bevorstehenden Wahl- Campagne zu vermehren und bei dem verhältnißmäßig niedrigen Steuercensus sür die Wahlberechtigten sind die Chancen für die Socialdemokraten in Sachsen keine ungünstigen. Wie man hört, haben dieselben in 13 Wahlkreisen, also für mehr als ein Drittel der zur Erledigung kommenden Mandate, Candidaten aus­gestellt und die Ordnungsparteien werden da gut thun, die Augen offen zu halten.

Seit Freitag weilt Prinz-Regent Luitpold von Bayern zum Besuche seiner Schwester, der Herzogin von Modena, in Wien, wo er Gegenstand besonderer Auszeichnungen seitens der kaiserlichen Fannlie ist. Kaiser Franz Josef war in den ersten Morgenstunden des Freitag eigens von Ischl nach Wien zurückgekehrt, um den Prinz-Regenten am Bahnhofe begrüßen zu können.

Die Spaltung des Czechenclubs des Reich srath es ist das neueste Ereigmß im parlamentarischen Leben Oesterreichs. Der Czechenclub In seiner bisherigen äußerlichen Zusammensetzung wird überhaupt verschwinden; die Alt Czechen haben unter Leitung Dr. Rieger's und in Verbindung mit den feudalen Vertretern des böhmischen Großgrundbesitzes bereits einen neuen Club gegründet und werden sich nun auch die Jung-Czechen unter ihrem Wortführer Dr. Gregr zu einem besonderen Club zusammenthun; die steten Reibungen zwischen den mehr conservatioen Alt-Czechen und den liberale Neigungen bekun­denden Jung-Czechen führten zu dieser Spaltung. Ob dieselbe aber auf die varlamentarische Gesammt-Situation im Reichsrathe von wesentlichem Einflüsse sein wird, ist zu bezweifeln.

Die Nachricht von dem Ableben des berühmten Wiener Chirurgen Pro­fessors Billroth bestätigt sich nicht, nur liegt er an einem heftigen Bronchial- Katarrh schwer darnieder.

Der Stand der belgischen Strikebewegung ist noch unverändert. Wenn einerseits gemeldet wird, daß dieselbe im Central-Kohlenbecken keine wei­teren Fortschritte gemacht habe und daß in verschiedenen Werkstätt.n und Gruben die Arbeit zum Theil sogar wieder ausgenommen worden sei, so in Chatelet, Gilly, Lambisart, Cuesmes, Frameries u. s. w., so muß anderseits auch die Nachricht verzeichnet werden, daß im Kohlenreviere von Charleroi auf zahlreichen Arbeiterversammlungen der Beginn eines allgemeinen Strikes proklamirt worden ist; in den meisten Gemeinden des Strikegebietes sind die Bürgerwehren unter Waffen. In Mons gelang es, einen der Haupturheber der Bewegung zu verhaften.

Der Staatsrath hat den Recurs der Herzöge von Aumale und Chartres gegen ihre Streichung aus den Armeelisten zurückgewiesen, dagegen denjenigen des Prinzen Murat als berechtigt erklärt.

In Rumänien fanden vorige Woche die Wahlen zu den Generalräthen statt, welche einen vollkommenen Sieg der Regierung ergaben.

Deutschland.

Darwstadt, 20. Mai. Bekanntlich geht der jetzige XXV, hessische Landtag in wenigen Wochen zu Ende und werden mit demselben folgende Abge­ordnete aus der Zweiten Kammer ausscheiden:

1) Aus Wahlkreisen der Provinz Starkenburg die Abgeordneten Zreiherr v, Wedekind, Provinzial-Director Küchler, Regierungsrath Jost, Ober­

Landesgerichtsrath Dr. Frank, Ober-Landesgerichtsrath Heinzerling, Kreisrath Haas, Gymnasiallehrer Friedrich, Rechtsanwalt Dr. Osann, Director Kugler, Bürgermeister Wolz.

2) Aus den Wahlkreisen der Provinz Ob er Hessen die Abgeordneten Oeconom Schaum, Gutsbesitzer Weich, Forft-Jnspector Theobald, Fabrikant Haustein, Oeconom Psannstiel, Oeconom Schade, Bergrath Tecklenburg, Pfarrer Ellenberger.

3) Aus der Provinz Rh ein Hess en die Abgeordneten Gutsbesitzer Römer, Bürgermeister Pilthan, Kaufmann Stephan, Mühlenbesitzer Matthäi, Architekt Geier, Bürgermeister Möhn, Kaufmann Rackö.

Im Ganzen werden also 25 Abgeordnete ausscheideu, für welche Neu­wahlen stattzufinden haben. Ein Theil der Ausscheidenden dürfte nun wohl wiedergewäh't werden, bei Anderen ist aber eine Wiederwahl sehr zweifelhaft. Von den obengenannten Abgeordneten gehören 4 der katholischen Fraktion an, währen) die übrigen insgesammt Mitglieder der nationalliberalen Partei sind, In der Kammer werden auch für den XXVI. Landtag verbleiben: die Abgg. Wolfskehl, Ohly, Jöst, Ulrich, Mctz-Gießen, Böhm, Jöckel, Grünewald, Reinhart, Pennrich, also die sämmtlichen Abgeordneten der Städte, welche besondere Vertreter wählen. Ferner die Abgg. Kredel, Arnold, Schönberger, Lautz, Metz-Darmstadt, Hechler, Wasserburg, Vogt, Freiherr von Nordeck zur Rabenau, Muth, Zinßer, Sturmfels, Möllinger, Dr. Schröder, Dr. Büchner.

Die Kreisämter fordern in den Wahlkreisen, in welchen Neuwahlen zum XXVI. Landtag stattzufinden haben, bereits die Bürgermeistereien auf, mit der Bildung der Wahl-Commission und mit Aufstellung der Urwählerlisten unver­züglich zu beginnen und sodann die Listen, sobald dieselben vollendet sind, bem1 betr. Großh. Steuer-Commissariat zur Vergleichung mit den Listen der Steuer­pflichtigen und zur Bescheinigung, daß sämmtliche darin aufgeführten Personen seit Anfang des Rechnungsjahres 1887/88 directe Staatssteuer, oder wenn dies nicht der Fall, Communalsteuer zu entrichten haben, mitzutheilen. Die Vorbe­reitungen sind derart zu treffen, daß die Offenlegung der Wählerlisten sofort erfolgen kann. (Neue Hess. Volksbl.)

Darmstadt, 23. Mai. (Militärdienst-Nachricht.) Schmidt II., ©ec. Lieuten. von der Infanterie des 1. Bats. (Gießen) 2. Großh. Hess. Landwehr- Regts. Nr. 116, wurde zum Premierlteutenant befördert.

Potsdam, 23. Mai. Der Kaiser besichtigte heute die erste Garde- Jnsanterie-Brigade, folgte dann einer Einladung des kronprinzltchen Paares zum Dejeuner nach dem neuen Palais und wird um 3 Uhr über Babelsberg nach Berlin zurückkehren.

Berlin, 23. Mai. Durch die Zeitungen gehen feit einigen Tagen Sen­sations-Nachrichten über das Befinden des Kronprinzen. Wie wir aus bester Quelle vernehmen, find diese Nachrichten sämmtlich unbegründet.

Den Abendblättern zufolge gedenkt Schuwaloff im Laufe der Woche abermals nach Petersburg sich zu begeben, wie verlautet, zu einem 14tägigen Urlaub zur Ordnung von Privat-Angelegenheiten. Man dürfte in der Annahme aber nicht fehlgehen, daß die Reise doch mit der späteren anderweitigen Ver­wendung Schuwaloff's im gewissen Zusammenhang stehe. Die Abendblätter sagen, der Zwischenfall zwischen Bitter und Koszielski in der Herrenhaussitzung vom 14. Mai habe in jeder Beziehung und nach jeder ©eite hin eine ehrenvolle Erledigung gesunden.

Die Berufungs-Instanz erachtete die Redacteure desBerliner Tage­blatts", Dr. Zornow und Emil Barth für schuldig, durch Veröffentlichung der Gerüchte über die Erschießung der Oberstlieutenants Villaume groben Unfug begangen zu haben und verurtheilte dieselben zu vierwöchentlicher Hast.

Hesterrcich.

Pesth, 23. Mai. In Beantwortung der Interpellation Helsas wegen Beschickung der Pariser Weltausstellung wies der Mintsterpräfldent Tisza auy