Ar. 300 Samstag den 24. December 1887.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße 7. ' Erscheint «Lglich mit Ausnahme d-s Montag«. L^rAl^A-VilchrWsoVk
Amtticher HHeiü
Betreffend: Die Beförderung portopflichtiger Packetsendungen. Gießen, am 21. December 1887.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Kirchen- und Schulvorstände und die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Nach den bestehenden Vorschriften hat bei Packetbesördemngen in Staatsdienstangelegenheiten auch in allen denjenigen Fällen eine Erhöhung de» "Porto's (Zuschlagporto) einzutreten, in denen "die Begleitadreffe nicht vorschriftsmäßig ausgefertigt war.
Nach der Vorschrift über die Behandlung der Postsendungen — Seite 288 de» Küchler'schen Handbuchs — soll bezüglich der nicht ftankirten portopflichtigen Postsendungen die Adresse mit dem Vermerk „Portopflichtige Dienstsache ' und außerdem mit dem Dienstsiegel der absendenden Stellen versehen sein und von einzelstehenden Beamten, welche ein Dienstsiegel nicht führen, unter dem bezeichneten Vermerk die „Ermangelung eines Dienstsiegels" mit der Unterschrift des Namens und Beisetzung des Amtscharacter» bescheinigt werden.
Gegen diese Vorschrift wird bei Sendungen der gedachten Art von Bürgermeistereien, Kirchenvorständen, Rechnern rc. vielfach in der Weise gefehlt, daß sich der Vermerk und der Dienstsiegelabdruck nicht auf der Packet-Adresse, sondern auf dem Abschnitt zu derselben befinden oder auch, daß dem auf der Packet-Adresse vorgetragenen Vermerk der Abdruck des Dienstsiegels nicht beigefügt ist.
Damit für die Folge Anstände der vorbezeichneten Art und Nachforderungen von Porto vermieden werden, weisen wir Sie hierdurch zur genauen Befolgung der angegebenen Vorschriften an. Zugleich beauftragen wir Sie von dem Inhalte dieses Ausschreibens auch die Gemeinde-Einnehmer und Kirchenrechner in Kenntniß zu setzen.
_______________________________________________________________I V.: Jost.__
Bekanntmachung.
Als Gerichtstage für 1888 sind bestimmt: Dienstag und Donnerstag.
Die Gerichtsschreiberei ist täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage van Vormittags 10—12 Uhr für die Rechtssuchenden geöffnet. — Der Richter ist — dringende Fälle ausgenommen — nur an den Gerichtstagen zu sprechen.
Lich, den 17. December 1887. Großherzogliches Amtsgericht Lich.
Langermann.
Politische Neberstcht.
Gieße«, 23. December.
Abermals steht das schönste Fest der Christenheit vor der Thür und schon vor Eintritt desselben hat sich sein Einfluß in unserem öffentlichen Leben bis zu einem gewissen Grade bemerklich gemacht. Allenthalben ruht die parlamentarische Thätigkeit und auch die Discusston über verschiedene Fragen der inneren Politik ist zum Theil gänzlich verstummt, zum Theil wenigstens vertagt. Was wir als besonders geeignet zur Erhöhung der Festessreude betrachten müssen, ist das Zurücktreten der Parteileidenschaften, wie sie sich namentlich im Reichsparlamente früher manchmal in geradezu häßlicher Weise zu offenbaren pflegten. Wohl platzten auch in der neuen Session des Reichstages, deren erster Abschnitt nun vollendet ist, die Geister manchmal heftig auseinander, aber im Allgemeinen wog doch ein maßvoller, ruhiger Ton in den Verhandlungen der Reichsboten vor und auf allen Seiten war man beflissen, den Ernst der gesetzgeberischen Arbeit nicht noch durch die Härte der politischen Leidenschaften verschärfen zu lassen. Aus diesem Bestreben darf man gewiß die Erwartung herleiten, daß auch im neuen Jahre der Parteigeist in möglichst enge Kreise ge» bannt sein und somit die parlamentarische Thätigkeit einen ersprießlichen Fortgang nehmen werde und so kann das deutsche Volk wenigstens nach dieser Richtung hin eine fröhliche Weihnachten feiern. Etwas anderes ist es freilich, wenn wir tuf die Weltlage zur heurigen Weihnachtszeit schauen, denn sie nimmt sich ernst, sehr ernst aus, daran werden die augenblicklich wieder etwas beruhigender klingenden Nachrichten nichts zu ändern vermögen. Noch ist es aber nicht so wett, daß von der einen oder der andern Seite das Wort gesprochen werden müßte, welches gleichbedeutend mit der endlichen Entscheidung über Krieg und Frieden ist und noch darf die Hoffnung nicht aufgegeben werden, daß, wenn nicht ein Ausgleich, so doch eine Milderung der vorhandenen internationalen Gegensätze erfolgen wird. Wenn in dieser Beziehung die Bemühungen der Staatsmänner und Diplomaten vom Erfolg gekrönt werden, so wäre dies gewiß das herrlichste Geschenk zum Feste der christlichen Liebe und Versöhnung für die Völker Europas und daß dem so sein möge, darin begegnen sich die Wünsche aller Friedensfreunde.
Die vom Erzbischof Dr. Dinder von Posen zu Gunsten der Ver- deut sch ung des Religionsunterrichtes an den Volksichulen der Erzdiöcese Posen-Gnesen verfügten Maßregeln stoßen beim dortigen Clerus auf Hindernisse. Durch ein erzbischöfliches Rundschreiben waren sämmtliche Decane der Erzdiöcese Posen-Gnesen angewiesen worden, die ihnen unterstellten Pfarrgeistlichen zu ver- anlassen, bei den Staatsbehörden dahin vorstellig zu werden, daß ihnen auf Grund des Artikels 24 der Verfassungsurkunde die Beaufsichtigung des plan, mäßigen Religionsunterrichts in den Volksschulen wieder übertragen und den , Geistlichen zugleich gestattet werde, die Confirmanden nicht mehr in den Kirchen, wie bisher, findern in den Schulhäusern vorzubereiten. Wie man dem „B. T." au« Posen schreibt, sollen 39 Decane der erzbischöflichen Aufforderung nachge- kommen sein, dagegen weigern sich die übrigen Decane — und das ist der überwiegende Theil — ihre Pfarrgeistlichen von dem Inhalt des erzbischöflichen Rundschreibens in Kenntniß zu setzen. Als Beweggrund dieser Weigerung wird die Anschauung der betreffenden Decane angeführt, daß es mit dem Amte eines Geistlichen nicht vereinbar fei, wenn er mit der Leitung eines Religionsunterrichtes betraut werden solle, der den polnischen Kindern nicht in polnischer, son
dern in deutscher Sprache zu ertheilen sei. Zur Klärung der Angelegenheit findet »nächster Tage eine Conferenz der Decane der Erzdiöcese statt. An leitender Stelle der Diöcesanverwaltung soll man, wie versichert wird, in der Angelegenheit dem Grundsatz huldigen, von zwei Uebeln da» kleinere zu wählen, somit es für oortheilhafter halten, wenn die Psarrgeistltchen den Religionsunterricht leiten — auch wenn es in deutscher Sprache geschehen muß — als wenn sie von der Beaufsichtigung dieses Unterrichtsgegenstanoes überhaupt ausgeschlossen wären. Man glaubt, dadurch den Geistlichen wieder den Weg in die Schule zu ebnen.
Der Beschluß des Wiener Kronrathes, wegen der russischen Truppenrüstungen die Delegationen vorläufig noch nicht einzuberusen, hat seitens der öffentlichen Meinung des Donaureiches allgemeine Billigung gefunden. Man bezeichnet es allseitig als richtig, daß die österreichische Negierung durch Vermeidung von Uebereifer die Lage nicht verschärfen will, ohne doch zugleich die nöthi- gen Vorsichtsmaßregeln außer Acht zu lassen. Es sollen lediglich 20 oder 22 Millionen Gulden zu gewissen Maßnahmen aufgewendet werden und dies deutet allerdings nicht darauf hin, daß man in den Wiener leitenden Kreisen den Stand der Dinge besonders tragisch auffaßt; ob Oesterreich vielleicht nicht zu vorsichtig und zurückhaltend auftritt, wird sich ja aus der weiteren Entwickelung des österreichisch-russischen Zwischenfalles erkennen lassen.
In Frankreich hat sich, noch ehe der Schluß der Parlamentssession erfolgte, eine neue Kammergruppe gebildet, jedenfalls, um einem „tiefgefühlten Bedürfntß" abzuhelfen. Die neue Gruppe stellt sich als einen Ablenker der äußersten Linken dar und umfaßt 19 socialistisch angehauchte Deputirte, welche selbstverständlich die Welt auch mit einem Programm beglückt haben, wie es sich die Schwärmer für den großen socialistischen Zukunftsmusterstaat immer nur wünschen mögen. Selbstredend wird indessen die neue Fraction bei ihrer Kleinheit einen nennenSwerthm Einfluß in der französischen Deputirtenkammer nicht auszuüben vermögen, während ihre Bildung anderseits nur ein neue« Anzeichen für die in der republikanischen Partei Frankreichs mehr und mehr um sich greifende innere Zersetzung ist.
Die Studentenunruhen, welche vor einiger Zeit an der Universität Kasan stattfanden, haben noch ein Nachspiel gefunden. Der Student Alexejeff, welcher den Unioersilätsinspector thätlich beleidigt hatte, ist auf 3 Jahre dem Disciplinarbataillon überwiesen worden, eine harte Strafe für einen gebildeten Menschen. Dieselbe tritt um so schärfer hervor, als Alexejeff zu feinem Thun durch den Jnspector erst gereizt worden war. Wahrscheinlich wird der Nihilis- rnus durch Die Verurtheilung Alexejeffs einen neuen Anhänger gewinnen!
In Nord-Arnerika wächst die Bewegung zur möglichsten Einschränkung der Einwanderung. Es soll sogar dem Präsidenten Vollmacht zur Auslassung anstößiger Fremder ertheilt werden und findet dieser Vorschlag im amerikanischen Congreß selber immer mehr Anhänger. Zum Mindesten steht in der gegenwärtigen Session die Annahme eines Gesetzes gegen die Einwanderung mit Sicherheit zu erwarten. _________________________
Aus Hessen, 20. December. Die bei den Landständen beantragte Neuordnung des Flußbauwesens wird im hessischen. Stc-atsbauwesen verschiedene Aenderungen mit sich bringen. Für die Wafferbau-Jnspection Mainz ck, wie mit Sicherheit verlautet, der Großh. Baurath, Kreisbaumeister Herr Schöneck


