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Mittwoch den 24. August

Mr. iss.

1887.

Meßemr Anzeiger

Amts- und Anzcigtblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r S ch u l st r a ß e 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinaerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil. Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Arbeiten an der Wasserleitung für den Kliniksneubau ist der Verkehr für Wagen und Reiter auf dem Aulweg von dem Uebergang der Oberhessischen Eisenbahn bis zur schönen Aussicht bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, am 22. August 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

___________________________________________________Fresenius.__

Politische Ueberficht.

Gießen, 23. August.

Der Kaiser ist von seinem Erkältungszustand noch nicht wieder ganz hergestellt und steht er stch deshalb genüthigt, bis auf Weiteres das Zimmer zu hüten. Schloß Babelsberg liegt gegen Nord- und Ostwinde nicht besonders ge­schützt und da der Kaiser von jeher trotz seiner sonstigen kräftigen Constitution gegen Wttterungseinflüsse empfindlich gewesen ist, so hegten die Aerzte gegen die Übersiedelung desselben von Gastein nach Babelsberg Bedenken. Der greise Monarch hat indessen für sein Sommerhetm an den Usern der Havelseen, das er stch bekanntlich selbst gebaut, eine ausgesprochene Vorliebe und die Aerzte gaben nach, aber schon nach den ersten Tagen der Heimkehr traten bei dem ^kaiserlichen Herrn Symptome von Erkältung auf, wozu jedoch auch der plötzliche Witterungsumschlag das Seinige beigetragen haben mag. Bei seinem hohen Alter ist es selbstverständlich, daß stch der erlauchte Schloßherr von Babelsberg -möglichste Schonung auserlegen muß; nur schwer konnte er fich indessen dazu verstehen, der Potsdamer Fahnenweihe am Donnerstag fernzubleiben und wie verstchert wird, entschloß stch der Kaiser erst aus dringende- Bitten und in letzter Stunde hierzu.

Die projectirte Spiritus-Vereinigung befindet stch noch immer in der Schwebe, obwohl verschiedene Anzeichen darauf hindeuten, daß die Aus­sichten für das endliche Zustandekommen des Planes keine ungünstigen find. Auch der Entwurf des Vertrages, den die Spiritus-Actien-Gesellschaft mit den Brennern zur Abnahme des Spiritus schließen will, wird allmälig bekannt, doch dürsten an dem Entwürfe noch einschneidende Veränderungen vorgenommen werben. Das vorläufige Betriebskapital der Gesellschaft soll 30 Mill, dft be­tragen , doch gilt diese Ziffer nur als das Minimum; 25 pCt. des einen Ge­winn von 5 pCt. übersteigenden Reingewinns sollen als Dividende an die Interessenten verthetlt werden. Eine specielle Frage ist die Stellung der süd­deutschen Brenner zu dem Unternehmen, welche» stch in diesen Kreisen noch keiner besonderen Sympathien zu erfreuen scheint; offenbar, da die süddeutschen Brenner die Befürchtung hegen, von ihren norddeutschen Collegen überflügelt zu werden. Die süddeutschen Brenner sollen deshalb durch Entsendung beson­derer Agitatoren und durch Gewährung vorthetlhaster Bedingungen für die Coalition gewonnen werden. In welcher Weise stch die Angelegenheit weiter entwickeln wird, muß bei der noch völlig schwankenden Sachlage einfach abge­wartet werden.

Obwohl wir noch in der innerpolitischen Sommerpause stehen, tauchen schon Meldungen über den Zeitpunkt der nächsten Reichstags- Einberufung auf. Dieselbe soll im Lause de» November vor sich gehen, man will sogar wissen, zwischen dem 20. und dem 25. November. Letzteres Arste aber jedenfalls nur auf Vermuthungen beruhen und ob überhaupt der Reichstag im Laufe des genannten Monats zusammentritt, ist wohl auch noch nicht al» so feststehend zu betrachten. Als Vorlagen für die Herbstsesston de» Reichstage» werden mit Sicherheit bis jetzt der Entwurf über die Altersver- wrgung der Arbeiter und die Vorlage über die anderweitige Festsetzung, resp. Erhöhung der Getreidezölle genannt; daß die Regierung zur Erledigung der Getreidezollfrage eine besondere Session de» Reichstages, etwa im September, Plane, wird nach wie vor als unrichtig bezeichnet.

Der Beschluß der deutschböhmischen Abgeordneten, auch nach den Neuwahlen, die in den kommenden Wochen stattfinden, den Landtag zu melden, ist charakteristisch für die Lage in Böhmen. E» ließe stch vielleicht noch oarüber streiten, ob den Vertretern des deutschböhmischen Volkes nicht noch ein anderes Mittel zur Verfügung gestanden hätte, um der ste erfüllenden Stimmung Ausdruck zu geben; jedenfalls kann aber die Fortsetzung dieser Abstinenzpolitik ihres Eindruckes bei den Czechen, wie in den Wiener Regierung-kreisen nicht verfehlen. Das osficiöseFremdenblatt" brachte bereits anläßlich der Erneue- rungswahlen zum Prager Landtage einen Artikel, welcher zwar die schroff abweisende Haltung der Deutschen verurtheilt, zugleich aber auch den Czechen ob ihrer Unduldsamkeit derb den Text liest; indessen wird man in Wien gegen ote Herren Czechen noch ganz andere Satten aufziehen müssen!

q . DieMoskauer Zeitung" unternimmt es jetzt, ihren verstorbenen geller Katkow nachträglich von der Beschuldigung retnzuwaschen, als ob er Em grimmiger Deutschenhasser gewesen sei. Katkow sei weder dies, noch ein vegetsterter Verehrer des Franzosenthum», sondern eben nur ein wahrhafter vufsijcher Patriot gewesen. Dar Blatt weist daraus hin, daß der Verstorbene Gbgentheile deutsche Kunst und deutsches Wissen hochgeschätzt und die Deut- Men selbst wegen der Grundzüge ihres nationalen Charakters stets geachtet habe. Bestimmend indessen für die politischen Anschauungen Katkow's sei die Ueber-

zeugung gewesen, daß die russisch-deutsche Freundschaft schließlich nur Deutschland Nutzen gebracht habe und habe Katkow darum für Rußland in den internatio­nalen Fragen stets volle Unabhängigkeit und Actionssretheit gefordert. Die Mosk. Ztg." kommt dann auf das angestrebte rusflsch-französische Bündniß zu sprechen und meint sehr offen, daß ein solches so lange unmöglich sei, so lange Frankreich einer festen und stetigen Regierung, gleichviel, welcher Herkunft, ent­behre; nur dann, wenn es eine solche Regierung besitze, könne Frankreich bei seinen Bestrebungen, die ihm zukommende Rolle im europäischen Concert wieder zu erlangen, auf die sympathische Mitwirkung Rußlands rechnen. Letzteres Geständniß ist interessant; wenn Frankreich sich eines Tages einer stetigen Regie­rung, gleichviel, ob monarchisch oder republikanisch, erfreue, dann sei es aller­dings reif zum Bundesgenossen für das Czarenreich sehr gut! Indessen gesteht dieMosk. Ztg." selber zu, daß ein Krieg mit Deutschland so wenig wünschenswerth wäre, wie ein anderer nationales Unglück. Im Uebrigen weiß man, was man von der Versicherung, Katkow habe Deutschland keineswegs ge­haßt, zu halten hat, ober glaubt etwa dieMosk. Ztg.", in Deutschland seien die giftgeschwollenen antideutschen Artikel, welche Katkow in seinem Organe ver­öffentlichte, schon vergessen?

Die italienische Regierung hat seitens des Oberst-Commandirenden in Maffauah, Generals Saletta, die telegraphische Meldung erhalten, daß Gras Savoiroux nunmehr ebenfalls von den Abyjsiniern sretgelassen worden und in Maffauah eingetroffen fei. Savoiroux war das einzige Mitglied der seiner­zeit in abyssintsche Gefangenschaft geratenen Expedition Saltmbeni, welches die Abyssinier nach Freilassung der Uebrigen als Geißel noch zurückbehielten.

Heber den Verlauf der ostrumelischen Reise des Fürsten Fer­dinand und namentllch über feinen Besuch in Philippopel lagen bis Ende voriger Woche noch keine speciellen Berichte vor. Inzwischen empfindet der Koburger das Bedürsniß, auf seine Proklamation von Sofia aus beruhigende und beschwichtigende Erklärungen folgen zu lassen. In einer derselben heißt e», Fürst Ferdinand denke gar nicht daran, die Unabhängigkeit Bulgariens zu pro* klamiren, er habe ja vor seiner Abreise nach Bulgarien den Mächten Ausklä­rungen über sein Verhalten gegeben und sofort nach seiner Landung in Wtddtn dem Sultan telegraphisch seine Huldigung dargebracht und ihn seiner Treue und Loyalität versichert.

Deutschland.

Darmstadt, 22. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 20. d. Mt«. den Revisions - Controleur bei dem Hauptsteueramte Darmstadt Karl Weiß zum Hauptsteueramts-Controleur bei diesem Amte

den Hauptsteueramts-Asststenten 1. Klaffe bei dem Hauptsteueramte Gießen, charakterifirten Revtstons-Controleur Friedrich Henkel zum Revision»-Contro­leur bei diesem Amte

den Hauptsteueramts-Asststenten 2. Klaffe bei dem Hauptsteueramte Offen­bach Wilhelm Ahlheim zum Hauptsteueramts-Asststenten 1. Klaffe bei diesem Amte und den

Finanzaspiranten Karl Bauer au» Mainz zumHauptsteueramts-Asfistenten 2. Klasse bei dem Hauptsteueramte Darmstadt zu ernennen.

Kiel, 22. August. Der Chef der Admiralität, Generallieutenant v. Ca­privi, hat sich heute Früh an Bord de« AvisoPseil" begeben, um dem Ostsee'Geschwader entgegenzufahren. Da» ganze Manöver-Geschwader, mit Prinz Ludwig an Bord des Panzerschiffe»Kaiser", verließ ebenfalls heute Früh den Kieler Hasen, macht morgen Landungsversuche in der Eckernsörder Bucht und kehrt Donnerstag» hierher zurück.

England.

London, 22. August. DemBureau Reuter" wird au» Simla ge­meldet: Um den Truppen des Emirs von Afghanistan zu entgehen, sind gegen 2000 Flüchtlinge des Ghilzai-Stammes nach Pishin und aus das Gebiet von Toba gezogen; die Ausständischen des Naziri-Stammes entflohen in das Zhobthal und riefen den Schutz Englands an. Der Aufstand gelte als vollständig unterdrückt.

Serbien.

Belgrad, 21. August. Mit der Türkei und Rumänien sind Verband- lungen wegen Abschlusses von Handelsverträgen im Gange, welche seitens Ru» ä- niens dessen hiesiger Geschäftsträger Djuvara führt, während für die Verhand- lungen mit der Türkei jüngst definitive Instructionen an den dieffeitigen Ge- sandten in Konstantinopel ergingen.