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24.7.1887 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt. Sonntag dr?ii 24 Juli 1887.

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Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für dm Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

f.ntc<iu: Schulstraße 7.

soll denn nun auch der famose Probe-Mobilistrungr-Versuch doch noch in Scene gesetzt werden, nachdem die Kammer den betr. Entwurf bereits genehmigt hat und derselbe auch bet Zustimmung des Senats sicher ist. Die Modilisirung, bei welch.r er sich bekanntlich um Die vollstänvige Kriegsbereitschaft eines Armee- Corps von 20.000 Mann und 10 000 Pferden handelt, soll kommenden Herbst erfolgen. Man darf gespannt fein, was aus diesem einigermaßen kostipieligen Expe­riment, welcher zudem militärische Fach-Autoritäten Frankreichs selber als gänz­lich nußlo« bezeichnen, heraus kommen wird.

Ein neuer Zwischenfall von Pagny macht von sich reden. Hier, wo die Schnäbele-Affaire in ihrem Anfangsstadium sprelte, schoß etn mit dem Zuge von Metz gekommener Reisender, seines Zeichens ein Bäcker- geselle, der aus der Gegend von Trier gebürtig ist und den seltsamen Namen Zangerle trägt, mehrere Revolverschüsse auf den Polizei-Commissar Ritter, den Nachfolger Schnäbele's, ab; Ritter wurde jedoch nur leicht verwundet. Die Voruntersuchung ergab, daß Zangerle in Paris eine dreijährige Gefängniß- strafe erlitten hat und dann dort ausgewiesen wurde, wofür sich Zangerle an der ersten besten behördlichen Persönlichkeit rächen wollte. Zangerle soll geisteskrank gewesen sein, was aber die prosessionellen Deutschenhetzer jen­seits der Vogesen nicht hindern wird, den Vorfall nach Kräften aus­zubeuten. , ,, .. ,.r ,

Die verschiedenen Wahlniederlagen, welche die englischen kon­servativen bei den Ersatzwahlen zum Unterhause in letzter Zeit erlitten haben, bestimmen das Ministerium Salisbury augenscheinlich zu einer weiteren An­näherung an die Gruppe der liberalen Unionisten. In einer conservativen Versammlung thellte der Premier Salisbury mit, daß die Regierung, um den Anschauungen der Unionisten Rechnung zu tragen und ihre Unterstützung zu behalten, beschlossen habe, gewisse Zugeständnisse in der irischen Bodengesetz­bill zu machen. Als solche bezeichnete Salisbury den Wegfall der Bankerott­klausel und die provisorische Revision der gerichtlich festgesetzten P^chtzins^ Es deutet diese Linksschwenkung darauf hin, daß das Torycabmet den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt.

Die afghanische Grenzfrage soll nun wirklich und wahrhaftig gelöst sein.Daily News" zufolge geht die Lösung dahm, daß Rußland das Gebiet zwischen den Flüssen Ruschk und Murghab, welches den Pendjeh-Turk- menen durc^ die jüngste Grenzahsteckung genommen wurde, erhält. Dagegen stimmt Rußland der englischerseits am Oxus gezogenen Grenzlinie zu und ver­zichtet auf die Districte, auf die es laut Vertrag von 1873 Anspruch hätte. Meruschak verbleibt also den Afghanen. Bestätigung bleibt abzuwarten.

Die Candidatur desCoburgers" für den bulgarij ch en Thron wird jetzt allseitig alsabgethan" betrachtet. DasWiener Fremden­blatt" hält es für ausgemacht, daß der Versuch der bulgarischen Deputation, den Prinzen Ferdinand von Coburg zur Abreise nach Bulgarien zu bewegen, an den bekannten, sehr bestimmten Erklärungen des Prinzen gescheiter^ fei. Was nun? ____________

Vermischtes.

In vielen Zeitungen und namentlick in Extra-Beilagen wird, wie schon früher, so auch neuerdings wieder unter dem Namen Homertana-Pflanze (^hee) ein angeblich gegen Brust- und Halskrankheiten (Asthma, Lungen- und Hal.leiden rc.) wirksames Heilmittel von der sogenannten centralen Betriebsstelle in Trieft angepriesen, welches von dem Agenten Ernst Weidemann in Liebenburg am Harz m Päckchen zu 60 Gramm Inhalt bei einem reellen Werthe von 5 bis 6 ^ früher für den Preis von 2 jl jetzt \ jH*. verkauft wird. Dieses Geheimmtttel, welches angeblich nur aus einer in Rußland vorkommenden Knöterichpflanze gewonnen wird, besteht, wie eine sachverständige Untersuchung ergeben hat, aus einfachem Vogel^iotench, der auf allen Wengen und oft auch in wenig oerkebrsreichen städtischen Straßen zwilchen den Pflastersteinen wachst. Es unterscheidet sich von dem früher und letzt unter dem gleichen Namen durch den Templinerstraße Nr. 12 in Berlin wohnhaften Albert Wolffsky und Paolo Homero in Triest angepriesenen Mittel außer dem Preise nur noch durch einen starken Zusatz von unreinen Bestandtheilen, wie Hühner- und Tauben­federresten, ausgedroschenen Kornähren rc. Eine specistsche Hellwirkimg hat das ge­nannte Kraut nicht. Solches wird zur Warnung für das Publikum von dem Berliner

3E seines Reichihums wegen Inhaber einiger Ehrenämter, deren Bürde jedoch ausschließlich aus den Schultern d^ °dnchin genug geplagten Buchhalters ruht, wird wieder einmal zum Schriftführer eines Gefeuigreits- Vereins ernannt. Der Buchhalter (der diese Nachricht soeben m der Zettung gelesen). Herr Prinzipal, ich bedauere, die auf Sie gefallene Wahl wegen Mangels an Zeit nicht annehme,, gn den Gärten ist Ernte und in den Haushaltungen

v'el zu thun. Das erste Blut fließt, nämlich das der Himbeeren, der Kirschen und ^obannlsbeeren und die Küchenräume strömen in alle übrigen jenessuße Aroma aus, ob welchem die Leckermäulchen des Hauses das Wasser im Munde rufamnienlaufen füblen Eine rechte Lust freilich bringt die Vorkehrung zu diesem fußen Geschäft, nämlich das Pflücken von Baum und ^txauä).cbc.rf.c§JDi^cn S!f!

...ifhts bieten sie sick bilfsbereiter?an. Im Ezarenreiche ist es gang und gäbe, daß Ler Mamt^'7u!ch dchen Hand Steuer, Strafgeld unt) sonstige

der Ablieferung versilberte Finger hat, die kleine Gesellschaft, wetteim@eaft ober hinter dem Busch pflückt, hat keine Ahnung, daß M°mtUchen Mustern nachett-^, aber sie kommt sicher mit rothem Mundrande zum Vorschein, ?*bbeni 1 <6

Händen und nicht mit den Lippen pflücken ollte Ueber die Abwnderlichke.t^,e,er Erscheinung werden aber zu heutiger Zeit elterlicherfeits lang oder wie

mieden. Sei es, daß die häusliche Autoritatsmftanz an £Ianx .ur Verwaltung der Ezar bei der Entdeckung an gar nichts den . Was in Aland ^ur^rwa^u g gehört, gehört hier zur Einmachezeit: Amnestie ^r die -cafcy . Magen

auch wir sie nicht denuneiren, sondern wünschen, daß ihnen ihr verooroener auageu leicht sei.

Woche««Ueberfkcht.

Gießen, 23. Juli.

Die allfommerliche politische Windstille scheint allgemach aus «rem Höhepunkte anzelangt zu fein, soweit er sich um die inneren Angelegen- Kiten bandelt, denn dar vorliegende Nachrichts-Material kann auf besondere Sitlil keinen Anspruch erheben. Auch die abgelaufene Woche machte h/er- «keine Ausnahme und höchstens verdienen da noch die Mittheüuugen über i - Alters- und Jnvalivitüts-L-rstch-rung der Arbeiter, resp. über du Grund- .L der betr. Entwurfes einiges Interesse. Indessen ist auch das , mH man fietübet erfährt, noch ziemlich spärlich, es verlautet da nur, daß die Wittwen- md Waifen-Verstcherung einer späteren gesetzlichen Regelung vorbehalten bleiben

J daß die Lasten der Alters- und Jnvaliditäts-Verstcherung in drei .Heiien Th-ilen vom Staate, vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer getragen verben würden und solle aus Jeden ein Proeent des Lohnes entfallen Mit riesen mageren Andeutungen läßt sich freilich nicht viel anfangen und ehe srüge der Alters- und Jnvaliditäts-Verstcherung der Arbeiter nicht aus dem e-ßen vorbereitenden Stadium herausgetreten ist, kann hierüber auch nicht gut em Urtheil abgegeben werden. t ~ . - ..

Wetter bildete dis Aushebung des an der Spltze der geheimen Organifa» vn der Berliner Socialdemokraken stehenden Central-Co mitös emen Stoff für verfchiedentltche Betrachtungen, zumal noch immer ergänzende Larhrichtm über diesen Vorgang, welcher unter den Berliner Socialdemokraten rfe Bestürzung hervorgerussn haben soll, nachkommen.

Wenn rheinische Blätter recht berichtet sind, so hat es die sranzöftscye A atriotenliga verstanden, auch Angehörige des deutschen Reichsheeres mit d. ihr Getriebe hineinzuziehen. Unter der Mainzer Garnison sollen An­fänger Der Patriotenliga, natürlich Elsaß-Lothringer, entdeckt und in das MÜH* LrgejÜngniß zur Untersuchung abgesührt worden sein. Es heißt, es seien bei km verhafteten Soldaten eine ganze Anzahl verdächtiger Briefe, theuwetfe nach Z-rankieich bestimmt, theilweife von dort herstammend, entdeckt worden; einstweilen wirb über den wahren Sachverhrlt noch strenges Geheimniß bewahrt.

Die deutsche Reichshauptstadt scheint Heuer eine besondere An- ifchungtzkrast für orientalische Fürstlichkeiten zu besitzen. Zuerst wellte M japanischer Prinz in Berlin, dann folgte Prinz Davawongse von Siam mit vier Nchen. die sämmtlich unaussprechliche Namen trugen bekanntlich hatte Prinz Davawongse den Auftrag, dem Prinzen Wilhelm den höchsten stame- nschen Orden zu überreichen und nun ist auch ein indischer Fürst, Sir Soler Amg, begleitet von mehreren anderen indischen Rajoh», in Berlin liingetroffen.

In Essen ward am Dienstag der Geheime Commercienrath Alfred FRrupp unter großartiger Beiheiligung aller BevölkerungSkreise zur letzten Ruhe Wollet.

DieKreuz-Zeitung" setzt ihren Feldzug gegen die russischen Werthe mit bemerkensweriher Energie fort. Sie stellt einen förmlichen russt- Wit Sioatibankerolt in Aussicht und führt hierbei eine auffallend feindselige Spreche gegen Rußland, dem vorgeworsen wird, der Haupturheber der sortwäh- nenben Beunruhigung zu sein; das Blatt schließt mit der Erklärung, daß es Bk absehbare Zeit nicht an die Wiederkehr der deutsch-russtfchen Freundfchast Äoube. Bei den bekannten Verbindungen der hochconservaiiren Organes W dessen Aussälle gegen Rußland immerhin symptomatisch für den Stand mferer Beziehungen zu Rußland.

In Kopenhagen hat am Mittwoch im königlichen Schlosse die Taufe ües Sohnes der Prinzen Waldemar von Dänemark, bekanntlich mit ^iiner oüeanistifchen Prinzefstn vermählt, stattgefunden. Taufzeuge irarsn da« dänifche stö.iigspaar und dar ruffifche Kaiferpaar, letzterer natürlich ließ sich ^treten. Der feierlichen Handlung wohnten außer fämmtlichen Mitgliedern »er königlichen Familie der Herzog von Chartres und die Minister bei. Die Taufe des erstgeborenen Sohnes der Prinzen Waldemar ist schon vorher In einem Theist der europäischen Presse in gerade nicht sehr tactvolle: Weife eifrig erörtert worden; erst stritt man sich, ob die Taufe fchon stattgefunoen habe -der rächt, und dann, ob der junge Prinz in die katholische oder evangelische üirche ausgenommen werden solle. Diejenigen, welche dar letztere behaupteten, *n Recht behalten.

Die Blätter der österreichischen Hauptstadt haben nicht ge- tat, fern deutschen Kaiser auch heuer bei seinem Eintritte aus dar Gebiet m hobsburgifchen Monarchie ebenso ehrerbietige wie herzliche Willkommengrüße darzubringen und daß hierbei neben der innigen persönlichen Freundschaft zwi- ta Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joses auch der engen politischen, ihre Keich- verbindenden Freundschaft gevacht wurde, ist wohl selbstverständlich. Nicht unbemerkt ist die besondere Auszeichnung geblieben, deren stch der Minister« nrästdent Gras Taaffe seitens des Kaisers Wilhelm dadurch zu erfreuen halte, daß her Monarch bei der Abreise von Innsbruck den Statthalter Baron Witt- mnn beauftragte, dem Grasen Taaffe zum Zeichen seiner sreundlichen Erinne- rung bis herzlichste r Grüße zu überbringen.

Die Mitglieder der bulgarischen Deputation haben Wien bis auf W verlassen und sind nach Bulgarien zurückgekehrt.

Die Franzofen haben stch zwar Boulanger's als Kriegsminister glücklich «edigt, aber die Schrullen, welche Boulanger während feiner ministeriellen *-9fttigteit ausgeheckt hat, lassen sich doch nicht gänzlich über Bord werfen. So

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.