Nr. 299 Erstes Blatt. Freitag den 23. December 1887,
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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feste de« Jahres die theilnehmenden Blicke aller patriotische fühlenden Deutschen
Berlin, 19. December. Behufs der Ausstellung der Statistik für gewerbliche Anlagen werden jetzt bei den becheiligten Gewerbetreibenden Mittheilungen über die Löhne zu dem Zweck erbeten, dem von Handelskammern ausgesprochenen Wunsche der Erweiterung einer Gewerbestatistik über die Durchschnittslöhne evtgegenzukommen.
— Da es vielfach vorkommt, daß Handwerks-Lehrlinge wegen einer von dem Lehrmeister erhaltenen Züchtigung aus der Lehre entlaufen und bei den Eltern Schutz finden, so wird auf die Bestimmung der Reichs-Gewerbeordnung verwiesen, wonach dem Lehrherrn oder dessen Stellvertreter das Recht der väterlichen Züchtigung zusteht und nur die Ueberschreitung dieser Grenze als sträflicher Mißbrauch zu ahnden ist. Allerdings wird die Ueberschreitung des Züchtigungs- rechts bestraft. Wie schwierig eine solche jedoch festzustellen ist, dar erhellt ja aus den vielen Bestimmungen und Entscheidungen über das Züchtigungsrecht der Lehrer.
Verstaatlichung als dringend wünschenSwerth erscheinen ließen. Der Nord Ostbahn seien bereits 450 Frcs. per Actie geboten worden, doch habe der Bundesrath noch keine Antwort erhalten.
Das englische Parlament tritt am 9. Februar wieder zusammen und c» scheint, als ob das Ministerium Salisbury bestrebt fei, bis zu diesem Zeitpunkte in der irischen Frage wenigstens einigermaßen annehmbare Resultate zu erzielen. Neuerdings gehl das Cabinet mit einer bemerkenswerthen Confequenz gegen die irischen Unterhaurmitglieder vor, welche aus der Veröffentlichung von Berichten über verbotene Versammlungen der Nationalliga resp. ihrer Zweigvereine eine Art Sport zu machen scheinen. Auch das Parlamentsmitglied Hooper, welcher fich dieses Vergnügen „leistete", ist in Folge dessen in eine empfindliche Strafe genommen worden, indem ihn das Gericht zu Cork zu einem Monat Gefängniß verurthetlte. Falls fich die englische Regierung in dieser ihrer energischen Haltung gegenüber den irischen Hetzaposteln treu bleibt, werden die hiervon zu erwartenden Resultate nicht ausbletben.
Die Schließung der Moskauer Universität ist nur der Anfang von Maßregelungen gewesen, denen eine ganze Reihe anderer höherer Bildungsanstalten in Rußland seitens der Regierung ebenfalls. ausgesetzt worden ist. Es haben darum auch in Petersburg, Odessa, Kiew, Charkow und Kasan Unruhen ©tu* dirender stattgefunden und werden die betreffenden Anstalten sämmtlich von Kosaken bewacht. Seit Kurzem sollen in Rußland gegen 20,000 Studenten gemaßregelt worden sein.
Privaten Meldungen aus Sofia zufolge stünden dort Veränderungen im bulgarischen Ministerium bevor. Es heißt, Natschevitsch, der Minister des Auswärtigen, und Stoiloff, der Justizminister, würden wegen Differenzen mit dem Cabinetschef Stambuioff zurücklreten. — Der bulgarische Kriegsminister, Mut- kouroff, unterhandelt mit auswärtigen Häusern wegen Lieferung von 15 Mill. Patronen bis zum 1. März nächsten Jahres.
immer wieder auf fich zieht. Die schwankenden Nachrichten, welche gerade in der letzten Zeit über den Gesundheitszustand des kronprinzlichen Herrn wiederum in der Heimath eingegangen find, haben erklärlicher Weise das Verlangen in allen Schichten und Kreisen unseres Volkes nur gesteigert, gegenüber diesem Nach- richtenmosaik endlich einmal bestimmtere Meldungen und Aufklärungen zu erhalten. Bis zu einem gewissen Grade entsprechen Denn nun auch die jüngst aus San Remo von zuständiger Sette veröffentlichten Mittheilungen diesem Verlangen und zwar erhellt aus ihnen, daß ungeachtet der neuen Wucherung im Halse des Kronprinzen im örtlichen Leiden desselben keine Verschlimmerung einyetreten, das Allgemeinbefinden aber fortdauernd vortrefflich ist. Auch Kaiser Wilhelm hob, als er am Sonntag den neuen chinefischen Gesandten am Berliner Hose, Hung- Suen, empfing, die im Befinden des Thronfolgers eingetretene augenblickliche Besserung hervor, bemerkte indessen betreffs der Ausfichten auf Genesung, daß Liese in Gottes Hand stehe und gegenüber dieser frommen Ergebung des greisen Monarchen muß sich auch das deutsche Volk darauf beschränken, von der göttlichen Vorsehung eine gnädige Wendung in dem schwer übet dem erhabenen Kaiserhause und dem ganzen Reiche lastenden Geschicke zu erflehen.
Der Empfang des neubeglaubigten Vertreters des chinesischen Reiches am Berliner Hose, Hung-Suen, durch den Kaiser gestaltete sich zu einem feierlichen Staatsacte, der am Sonntag Mittag in Gegenwart der Staatrsecre- tärs Grasen Bismarck stattfand. Bet Ueberreichung seines Beglaubigungs- schreibens entledigte sich der neue Gesandte zugleich einer besonderen Theflnahms- kundgebung für oen deutschen Kronprinzen Namens des Kaisers und der Kaiserin- Mutter von China. Alsbald an den Empfang des chinesischen Gesandten schloß sich derjenige des ebenfalls neuernannten japanesischen Gesandten, Marquis Saionzi, durch den Kaiser an.
Als Abgesandter des deutschen Kaiserpaares zur bevorstehenden Jubelfeier des Papstes wird sich Graf v. Brühl-Pförten nach Rom begeben.
Die Weihnachtspause in der inneren Politik ist mit der nun ebenfalls erfolgten Vertagung des Bundesrathes, sowie der verschiedenen mittelstaatlichen Parlamente, Die noch neben dem Reichstage versammelt waren, eine vollständige geworden. In seiner letzten Plenarsitzung vor den Weihnachtsserien, am Montag, genehmigte der Bundesrath noch die Kornzoll-Vorlage nach den Reichstagsbeschlüssen und ferner beschloß er, den neuen deutsch-österreichischen Handelsvertrag zur allerhöchsten Ratification vorzulegen. Nach einer speciellen Richtung hin ist die Thätigkeit der genannten Körperschaft noch immer nicht abgeschlossen. Wiederholt hat fich der BundeSrath mit den Ausführungsbestimmungen zum Branntweinsteuergesetz beschäftigt, ohne indessen diese Frage definitiv zur Erledigung bringen zu können; es iss von neuen einschneidenden Aenderungen in den jetzigen, allerdings nur provi'orischen Bestimmungen die Rede, doch scheint der Bundesrath sich offenbar noch nicht schlüssig gemacht zu haben. Es wird hierbei darauf hingewiesen, daß bezüglich des Branntweinsteuergesetzes die Nothwendigkeit bestehe, täglich neue Erfahrungen zu machen und daß demgemäß die Ausführungs- Lestim^ungen ebenso gut erweitert, wie beschränkt werden könnten.
Wie erst jetzt bekannt wird, hat jüngst auch in Berlin eine militärische Berathung anläßlich des allarmirenden Artikels des „Russischen Invaliden" stattgefunden. Derselben wohnten außer dem Kaiser Prinz Wilhelm, Graf Moltke der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, der Generalquartierme»ster Graf Waldersee und General v. Albedyll, Der Chef der Mlitärkanzlei des Kat- fers bei Es soll sich lediglich darum gehandelt haben, die vielfach unwahren Behauptungen, die vom „Invaliden" über die gegenseitigen Verhältnisse Deutschlands, Oesterreichs und Rußlands aufgestellt worden waren, zu widerlegen, und darf man jedenfalls einer bezüglichen Kundgebung der Berliner Regierungrprefle
auf ben_12*3)^ä^fl^2cr^ ^schloß die officielle Betheiligung der Schweiz an der
Telegraphische Depesche«.
Wolff'S telegr. Eonewondenz-Brrrearr.
Bekanntmachung.
Der Ortsvorftand zu Biebesheim beabsichtigt, gelegentlich des daselbst am 6. März k. I. stattfindenden Fasel-, Zuchtvieh- und Schweinemarktes eine Verloosung von Zuchtvieh zu veranstalten.
Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ercheilt hat, daß nicht mehr als 5000 Loose i 1 JL ausgegeben werden dürfen und mindestens 76% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, am 21. December 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost. ________________________________________________________________
entgegensehen. u A .
In den Niederlanden tritt man jetzt der Frage des Schutze» der i Kinderarbeit ernstlich näher. Di- Regierung brachis in den «amm-rn einen I berüaliöben Entwurf ein, wonach Kinderarbeit in Fabriken und ähnlichen Etabuffe- 1 — '''—
went» »ertöten tp , faB« die Kinder noch nicht 13 Jahre alt find. Rur bei I Pariser Weltausstellung und bewilligte ,u diesem Zwecke 42»,000 Fr.
Politische Ueberficht. I Feldarbeit dürfen Kinder von 12 Jahren an beschäftigt werden. Die tägliche
öd Arbeitszeit darf bis zum Alter von 16 Jahren 10 Stunden nicht überschreiten.
. er ™ii' x?r q . ; In der Schweiz betreibt man jetzt die Verstaatlichung der Eisenbahnen,
, Sm dunkler Schatten ruht Heuer am dem Weihnachtsfeste des : offen zugegeben wird, in erster Linie aus politischen Gründen. Im National
deutschen Volke« — e« ist die Krankheit seines Kronprinzen mit ihren so eigen- rathe erklärte das Bundesratbsmitalted Welti. daß fick aus dem iehiaen Passant»
Berlin, 21. December. Ein Schreiben des Hofmarschalls des Kronprinzen, des Grafen Radoltnski, besagt, der Kronprinz sei, wie bereits mehrere Male ausgesprochen worden, über die Theilnahme und Anhänglichkeit, die demselben in Briefen und Telegrammen, besonders aus Deutschland, zu erkennen gegeben werde, in hohem Grade gerührt und erfreut. In den letzten Wochen seien derartigen Kundgebungen aber auch Geschenke aller Art in solchen Mengen betgefügt worden, daß es nicht mehr möglich sei, dem Kronprinzen von diesen nach Hunderten zählenden Gaben einzeln Kenntniß zu geben. Es wäre daher sehr erwünscht, wenn künftig betreffs dieser freundlich gemeinten Zusendungen vorher bei dem Berliner Hofmarschallamte angefragt würde, wohin die näher zu bezeichnenden Gaben gerichtet werden sollen.
Bern, 21. December. Der Bundesrath hat den Beginn der Fruhjahrssession
ist die Krankheit seines Kronprinzen mit Ihren so eigen- j rathe erklärte das Bundesrathsmitglied Welti, daß fich aus dem jetzigen Zustand artigen Schwankungen, welche Inmitten der Vorbereitungen zum s^önsten Freuden- i jn Europa Verhältnisse für die schweizerischen Eisenbahnen ergäben, welche bereit


