AK. 69. Mittwoch -cs 23. März 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Du«-«- Schulstr-ß° 7. Ersch^ täglich mit «M* Montes. MMtafBO
Amtlicher Hheil.
Kriegsgerichtliches Erkenntuift.
Durch kriegsgerichtliches unterm 17. März d. I. bestätigtes Erkenntniß vom 9. März d. I. ist der Unterofficier Louis Reinhardt der 5. Compagnie 1. Großh. Hessischen Infanterie - (Leibgarde-) Regiments Nr. 115, geboren am 10. Februar 1860 in Hungen, Kreis Gießen in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von Zweihundert Mark verurtheilt worden.
Darmstadt, am 19. März 1887. Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.
Politische Ueberficht.
Gießen, 22. März.
Nicht nur im deutschen Vaterlande, sondern wohl allüberall aus dem Erdenrund, wo wackere deutsche Herzen schlagen, begeht man zum heutigen 22. März einmüthig die Feier des SO. Geburtstage» Kaiser Wilhelms. Einzig in der Geschichte aller Zeiten und Völker steht dieser festliche Tag da, denn die Geschichte nennt uns keinen Herrscher, dem es vergönnt gewesen wäre, aus drei Menschenalter zurückzuschauen und schon hierdurch erhält der heutige Tag sein ganz besonderes Relief. Aber Dessen Bedeutung erhöht sich noch, wenn man erwägt, welch' ein verdienstvoller Herrscher ei ist, der heute seinen Ehrentag feiert, denn in jeder Beziehung bildet Kaiser Wilhelm ein leuchtendes Vorbild für Jeden und Alle, er steht als Mensch wie als Herrscher gleich groß und erhaben da und gerade seine seltenen Charakter-Eigenschaften sind es nicht am wenigsten, die zu den unerhörte» Erfolgen seines Ihatenreichen Lebens beigctragen haben. Ein solches Leben, wie das seinige gelebt zu haben, heißt der Menschheit für alle Zeiten nützen, noch ungeborene Geschlechter werden von des ehrwürdigen kaiserlichen Helden Beispiel lernen und ihn ihren Kindern und Ki«deLkindern als die seltene Verkörperung aller menschlichen Tugenden preisen. Es ist dem greifen Monarchen vergönnt, seinen seltenen Jubeltsg in körperlichem Wohlbefinden wie frischen Herzens und Geistes zu begehen und von Millionen Lippen steigen heute inbrünstige Wünsche für da« fernere Wohlergehen des allgeliebten Jubilars empor — möge die Vorsehung auch in dem neubegonnenen Lebensjahre schützend und schirmend über Kaiser Wilhelm wachen!
Sämmtliche europäische Staaten und Herrscherhäuser find, soweit sie nicht besondere Persönlichkeiten aus dem militärischen oder politischen Dienst zur Beglückwünschung unseres Kaisers entsandt haben, heute durch ein oder auch mehrere Mitglieder der betreffenden Negentenfamilien am kaiserlichen Hose vertreten. Die regierenden deutschen Fürsten stnd meist persönlich erschienen, an ihrer Spitze der König von Sachsen, die Großherzöge von Hessen und von Baden u. s. w.; von auswärtigen gekrönten Häuptern sind der König und die Königin von Rumänien eingetroffen. Außerdem stehen in erster Reihe der auswärtigen fürstlichen Persönlichkeiten Kronprinz Rudolf von Oesterreich, der Prinz von Wales und der Herzog von Edinburgh, Großfürst Wladimir von Rußland und feine Gemahlin, Großfürstin Vera, Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden, der Kronprinz von Dänemark, der Herzog von Aosta, Bruder des Königs von Italien, und der Graf von Flandern, Bruder des Königs der Belgier, nebst feinem ältesten Sohne, dem Prinzen Balduin. Im Ganzen sind zum heutigen Tage, wie schon bekannt, mit Einschluß der Mitglieder des Kaiserhauses, 85 fürstliche Persönlichkeiten um das greife Oberhaupt des deutschen Reiche« versammelt — fürwahr eine glänzende, erlauchte Versammlung, wie sie die Kaiserstadt an der Spree noch nie in ihren Mauern geschaut und vielleicht auch nie wieder erblicken wirb l Die kaiserliche Geburtstagsfeier trägt heuer überdies zugleich den Charakter eines Doppel Familienfestes, da sie mit der Feier der osficiellen Verlobung des zweiten Enkels des Kaisers, des Prinzen Heinrich von Preußen, mit der Prinzessin Irene von Hesse» verbunden wird.
Unter den mancherlei Gnadenbeweisen und Auszeichnungen, zu denen der 90jährige Geburtstag Kaiser Wilhelms Anlaß gegeben hat, steht die Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an den Grafen Robilant, den Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Italiens, oben an. Diese Auszeichnung gilt allgemein als das äußerliche Zeichen der Erneuerung der Tripel-Allianz zwischen Deutschland, Oesterreich Ungarn und Italien und darf mau nur gespannt daraus fein, wie die Petersburger und Pariser Blätter die Ordensverleihung commentiren werden.
Die jüngste nihilistische Verschwörung gegen Kaiser Alexander III. ist gegenwärtig Gegenstand eifrigster Untersuchung der Petersburger Gerichte und erscheint sie darum der B» wachlung des Auslandes einstweilen mehr entrückt. Es muß eben abgewartet werden, inwieweit es der Untersuchung gelingen wird, die anscheinend weitverzweigten Fäden derselbe» zu entwirren und wendet sich sür's nächste das Interesse der Frage zu, welche Wirkungen das entdeckte Complot gegen den Czaren auf die russische auswärtige Politik haben wird. Hierüber liegen nun birecte Anhaltspunkte allerdings noch nicht vor, aber nach ähnlichen früheren Vorgängen zu schließen, stünde eine stärkere Wiederannäherung Rußlands an die benachbarten Monarchien zu erwarten und welchen Umschwung dieselbe in der europäischen Constellation herbeiführen würde, braucht nicht erst betont zu werden. In der russischen Action gegen Bulgarien scheint durch die Petersburger Vorgänge ein völliger Stillstand tingetreten zu sein und die Regentschaft hat daher Zeit und Gelegenheit, sich im
Sattel möglichst kräftig festzusetzen, denn die Pause in der russischen Mintrarbeit wird wohl nicht allzulange dauern. Ja, die neuesten Meldungen über Bulgarien deuten sogar darauf, daß diese Untertninirung der Stellung der bulgarischen Regentschaft durch die russischen Parteigänger schon wieder begonnen hat. Der aus dem vorjährigen Putsche von Burgas hinlänglich bekannte Capitän Nabukow, der mindestens den Strick verdient hat, soll in der Umgegend von Konstantinopel eine etwa hundert Mann starke Bande angeworben haben — meistens Montenegriner — und beabsichtigen, einen Einfall in Ost-Rumelien zu machen. Die türkischen Behörden stnd loyal genug gewesen, die bulgarische Regierung von dieser neuesten gegen sie gerichteten Flibustier-Expedition in Kenntniß zu setzen und hat man in Bulgarien Vorbereitungen zur Ueberwachung der Grenze getroffen.
Der französische Kriegsminister hat in seiner neuesten Brief- Affaire — seinem Schreiben an die Militär-Commission der Deputirtenkammer — in welchem er die Aufhebung der so beliebten Pariser polytechnischen Schule als Bildungs-Anstalt für die Officiere fordert, sehr bald „pater peccavi“ machen müssen. Die Entrüstung, welche dieses neueste Stücklein Bsulanger's in allen nicht unbedingt radikalen Kreisen Frankreichs erregte und welche durch die Veröffentlichung des betr. Brieses, noch ehe derselbe dem Präsidenten der Militär- Commission zugegangen war, nur noch gesteigert wurde, veranlaßte den Kriegsminister, an den Präsidenten des genannten Kammerausschuffes, de Mahy, ein Entschuldigungs-Schreiben zu richten, welches darauf hinausläuft, daß Herr Boulanger wieder einmal „mißverstanden" worden fei. Wie oft Herr Boulanger in seiner jetzigen Stellung solche „Mißverständnisse" schon hervorgerusen hat, läßt sich gar nicht mehr gut zusammenrechnen, ob aber der französischen Republik mit seinem Minister gedient ist, der sich nachgerade als „Conflictskünstler" aufzuspielen scheint, möchte denn doch zu bezweifeln sein. Frellich, so lange Bou- langer in Frankreich als die Verkörperung des Revanche-Gedankens gilt, fo lange wird er auch überall ungestraft anstoßen dürfen!
Deutschland.
Darmstadt, 21. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 16. März den provisorischen Gymnasiallehrer Dr. Adolf Strack in Gießen zum Lehrer an dem Gymnasium und an der Realschule zu Worms, mit Wirkung vom 7. Mai d. Js. an, zu ernennen.
Darmstadt, 19. März. Der Gesundheitszustand Sr. Hoheit der Fürste« Alexander ist glücklicher Weise so weit vorgeschritten, daß nach sorgfältiger Vornahme der gebotenen Deüinsections-Maßregeln aus das Gutachten der behandelnden Aerzte die bestandene Sperre aufgehoben ist.
Darmstadt, 19. März. (Zweite Kammer der Stände.) Namens bts* Finanzausschusses erstattete Abg. Theobald Bericht über den Antrag der 9l6gg, Ellenberger und Genossen: „Die Kammer wolle Großh. Regierung ersuchen, in dem Budget pro 1888—91 unter dem Titel „Landwirthschast" eine angemessene Summe zur Unterstützung der Bienenzüchter-Vereine der drei Provinzen einzustellen." Der Ausschuß stimmt dem Antrag zu. — Ebenso stimmt der Ausschuß der Vorlage Großh. Ministeriums de« Innern und der Justiz, betr. die Heranziehung der im Großherzogthum garnifonirenben, im Osficiersrang stehenden Militärpersonen des activen Dienststandes zu den Gemeinde-Umlagen, unverändert zu; ferner der Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, betr. Bewilligung einer staatlichen Beihülfe im Betrag von 5400 «X zu den Baukosten der Nebenbahn Stockheim-Gedern.
Aesterreich.
Wien, 21. März. Die „Wiener Abendpost" bringt einen sympathischen Artikel anläßlich des Geburtstages Kaiser Wilhelms, worin es heißt: „Dieser so ereignißreiche und von den schönsten Erfolgen gekrönte Lebenslauf des ebr* würdigen Herrschers auf -dem deutschen Kaiserthrone, verbunden mit seinen anerkannten Vorzügen als Monarch und Friedensfürst, rechtfertigen wohl zur Genüge das lebhafte allgemeine Interesse, sowie die herzlichen Sympathien, welche der morgigen fo bedeutsamen Gedenkfeier allseits entgegengebracht werten. Insbesondere sind es die Völker Oesterreich-Ungarns, deren erhabener Monarch durch Bande innigster Freundschaft mit dem kaiserlichen Jubilar verknüpft tü, welche die morgige erhebende Feier mit ihrer wärmsten Theilnahme begln en und ihre besten Wünsche für das Wohlergehen Kaiser Wilhelms, freudig m den heißen Segenswünschen der ganzen deutschen Nation vereinen.
England. ,
London, 20. März. Croß, zuletzt Unter-Staatrsecretär für Jndrcn m


