Nr. 2S8 Zweites Blatt. Donnerstag den 2S. Deccmber 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
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Die italienischen Finanzen, mit denen es bislang ziemlich bö6 aussah, weisen nach dem eingehenden Bericht, den der Finanzmintster in der italienischen Deputirtenkammer am Samstag, der letzten Sitzung der Kammer vor den WeihnachtLferien, erstattete, eine bemerkenswerlhe Besserung auf. Nach seinem Exrofö beträgt die Besserung in den Einnahmen des italienischen Staates für das Finanzjahr 1886/87 12 Millionen Lire, wodurch stch ein posttioer Ueber- schuß von 7 Millionen ergibt. Die Zunahme in den Einnahmen ist lediglich auf die gemachten Ersparnisse zurückzuiühren und würden dieselben noch größer gewesen sein, wenn man nicht dar Austreten der Cholera im Lande und die verstärkten Rüstungen, sowie die neue Afrika-Expedition berücksichtigen müßte. Weniger günstig gestaltet sich aber die Sache für dar Finanzjahr 1887/88, für welches sich ein Fehlbetrag von 70 Millionen hcrausstellt, welchen der Finanz« Minister als durch „wesentlich transitorische Verhältnisse" entstanden zu erklären versuchte; er will für diesen Ausfall 70 Millionen tn's nächste Budget einstclllN und dieselben durch Obligationen realifiren. Dafür weisen die Voranschläge für dar italienische Budget pro 1888/89 wiederum eine bedeutende Besserung auf.
In Petersburg hat ein neuer geheimer nihilistischer Proceß begonnen. Derselbe bezieht sich auf den Anschlag, Der auf den Czaren gelegentlich seiner heur'gen Anwesenheit im Lande der donischen Kosoken geplant gewesen war und worüber nur unbestimmte Gerüchte in die Ocffentltchkeit gedrungen sind.
Vie Thätigtreit des Pereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen im Erotzherzogthum Hessen.
Am 29. October d. I. fand zu Mainz unter dem Vorsitze des Präsidenten, Oberlandesgerichisratbs Frdr. v. Ricon die 24. Generalversammlung des obengenannten Vereins statt. Der Herr Vorsitzende gedachte zunächst mit ehrerbietigem Danke dcr von Sr. König!. Hohen dem Großherzog erfolgien Uebeniahme des Pvolectorates über den Verein und bemerkte zugleich, daß die für die diesmalige Rechenschajtsperiode erwarteten günstigen Resultate sich sowohl hinsichtlich des Bestandes des Vereins durch erhebliches Wachsen desselben wie namentlich auch hinsichtlich einer gesteigerten Vereins- thätigkeil erfüllt hätten; freilich bleibe immer noch in Heranziehung der breiteren GeseUschaftSschichten für die Humanitären Bestrebungen des Vereins, die ja diesen vorzugsweise zugute kämen, viel zu thun. Das hier vielfach verbreitete Vorurtheil, daß der Verein einerseits eine Art Schmerzensgeld für die ausgestandene Freiheitsberaubung gewähre, andereiseits eine gelindere Polizeiaufsicht mit sich führe, müsse namentlich von den Bezirkscommissi«nen, welche mit dem Publikum in Berührung ständen, zerstreut werden. Letzteres könne insbesondere auch, und zwar nicht minder als durch Spenden von Geldbeiträgen, durch Verschaffung von Gelegenheiten zu dauernder Arbeit und geeigneten Stellungen für die Entlassenen, die Vereinszwecke fördern. Zur Erläuterung und Begründung des abgeschlossen vorliegenden 24. Hauptrechenschaitsberichts übergehend, brachte der Präsident zunächst das Ergebnitz der Vereinsrechnungen für 1884 und 1885, der vom Vereinsausswusse beratenen Voranschläge über Einnahme und Ausgabe für 1888 und 1889, sowie der Uebersicht über den Stand des Vereinsvermögens zur Kenntniß und Genehmigung der Versammlung; diesem Thetle entnehmen wir folgende Ziffern: ,nn..,n a
Einnahmen in 1884 und 1885 .... 12092.19 JL Ausgaben „ „ „ „ .... 10323.52 „
sodaß Ende 1885 ein Kasseoorrath verblieb von 1768.67 JL
Unter den Einnahmen befinden sich 2000 Staatsbeitrag ber Großh. Regierung, Geschenke und besondere Gaben 256 JL, Kapitalzinsen 2890.92 JL, Mitglieder beiträge 5644.96 JL und zwar participiren an den letzteren die Provinzen Starkenburg mit 2379.35 JL, Ober Hessen mit 1237.35 JL, Rheinhessen mit 2027.57 JL Die Ausgaben zerfallen in Unterstützungen für Vereinspflegltnge mit 7541.70 JL, in Verwaltungskosten mit 2141.88 JL, in uneinbringliche Beiträge mit 133.04 JL, tn neu ausgeliehene Kapitalien mit 507 Jü
Bei Erwähnung der Mitgltederbeiträge, welche in den beiden Jahren um rund 1100 JL wuchsen, wurde anerkannt, daß eine Reihe von Gemeinden durch Ausnahme eines ständigen Mitgliederbeitrags in ihr Budget dem Verein ihre Unterstützung zuwenden, zugleich aber dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß noch sehr viele Gemeinden, namentlich ,n Rheinhessen sich — gegen ihr eigenes Interesse — beharrlich von demselben fernhielten. t , . , . .,. .
Die Unterstützungen der Pfleglinge des Vereins wurden tn den verschtedensien Formen verabreicht, so durch Beschaffung von Kleidern, Betten, Lebensmitteln, Handwerkszeug, Landwirthschoftsgeräthe, Samenkartoffeln, Kapitalzinsen, durch Einlösung verpfändeter Gegenstände, durch Zahlung rückständiger Hausmiethen, sowie ferner durch Beihülfe zur Auswanderung rc. E ri c: . .
Von der Gesammtzabl der aus den hefftschen Strafanstalten Entlassenen hat sich ungefähr ein Drittel der Vereinspflege unterzogen. Von den Ende 1885 vor- banbenen 1070 Vereinspfleglingen waren nach Abzug der wahrend der dretiahrigen Dauer der Aufsicht verstorbenen (71), abwesenden, fluchtigen oder ausgewanderten (244) und ausgetretenen (22) als gebessert entlassen worden 170, als gut qualifictrt wurden 272, während 190 als schlecht bezeichnet und 101 als unverbesserlich ausgcstoßen werden mußten. Als gebessert galten hierbei Diejenigen, welche sich in den letzten zwet Jahren der Vereinspflege tadellos geführt, als gut Diejenigen, bei welchen dies im letzten Jahre der Fall war, als schlecht Diejenigen, bei welchen es nicht der Fall war, als unverbesserlich Diejenigen, die sich der erhaltenen Unterstützung unwürdig gezeigt ober wieberholt rückfällig geworben waren. _
Von ben im Jahre 1884 aus ben Strafanstalten bes Großherzogthums Entlassenen unterzogen sich der Vereinspflege 233, von den in 1885 Entlassenen 271, m Summa 504 Pfleglinge, darunter 49 weibliche. Von den in den beiden Jahr en aut- genommenen Pfleglingen standen im Altn unter 20 Jahren 2^on 20-^0 Jahren 142 von 30-40 Jahren 135, von 40—50 Jahren 120, von »0—60 Jahren 62, über 60 Jahren 20 — Von den oben erwähnten 1070 Pfleglingen erhielten materielle Unter: ftügungen 342, während bte übrigen 728 eine foltbe Unterftutjung nicht erhielten, ba diese entweder von vornherein einer solchen weder bedürftig noch würdig erschienen oder die statutarische Probezeit nicht bestanden haben oder deren Gesuche in ben Bereich ber gesetzlichen Armen- unb Krankenpflege gehörten, daher von den betr. Gemembe- resp Armenverbänden die erforderliche Hülfe zu . leisten war Wenn hiernach nur ungefähr ein Drittel sämmtlicher Pfleglinge materielle-Unterstützungen.erhalten hat, io ist doch allen Pfleglingen die Wohlthat der Vereinshülfc durch Rath und That und
Politische Uebeestcht.
Gießen, 22. December.
Auf die sich vielfach widersprechenden privaten Meldungen, welche in letzter ’ Zett über das Befinden bei Kronprinzen in Umlauf waren, ist nunmehr au» San Remo ein den Sachverhalt richtig stellendes ärztliches Bulletin gefolgt. Dasselbe constatirt allerdings eine neue Wucherung im Kehlkopfe des hohen Kranken, die aber vorläufig durchaus nichts Bedrohliches an sich hat und auch auf das vortreffliche Allgemeinbefinden des Kronprinzen von keinerlei beeinträch« tigender Einwirkung gewesen ist. Außerdem spricht auch die Wiederabreise Dr. Mackenzie's für die Ungefährlichkeit des Zustandes.
Mil der Vertagung des Reichstages hat die Weihnachtspause in der inneren Politik begonnen, die vermuthlich durch kein besonderes Ereigniß unterbrochen werden wird. Dem Reichsparlamente ist in dem bisherigen verhält« nißmäßig so kurzen Sessionsabschnitte bereits die Erledigung zweier wichtiger Gegenstände gelungen, nämlich diejenige des deutsch-österreichischen Handelsvertrages und der Kornzoll-Vorlage. Mit der Annahme de» neuen Handelsvertrages ist unser zollpolitisches Verhältniß zu dem befreundeten Donaureiche in der bisherigen Weise zunächst auf ein halbes Jahr erneuert worden, doch steht zu erwarten, daß diese Verlängerung zu einer festeren Gestaltung der handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich führen werde. Durch die d finitive Genehmigung der Kornzoll-Vorlage ist die erregte Disciffsion über dieses Thema wie immer außerhalb der parlamentarischen Arena einstweilen zum Abschluß gelangt; in ihren Wirkungen werden die beschlossenen abermaligen Erhöhungen der landwirthschaftlichen Zölle erst zu zeigen haben, inwieweit sich die an sie geknüpften Hoffnungen oder Befürchtungen als gerechtfertigt erweisen.
Der bayerische KriegSminister hat in einem Erlaß an die Amberger Gewehrfabrik die Einstelluna der Fabrikats.on von Gewehren. Ileir en Kalibers angeordnet, da deren Treffsicherheit mangelhaft sei. Dafür wird die Herstellung von Repetirgewehren älteren Musters in der vorläufigen Anzahl von 32 000 angeordn-t. Ob diese Anordnung mit einem Aufgeben rer Einführung eines kleinen Kaliber» in her deutschen Armee in Verbindung steht, muß abge« wartet werden.
Heber die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche in Bayern gedenkt ber Papst eine Encyclica an die bayerischen Bischöfe zu richten, deren Veröffentlichung für Januar erwartet wird.
Die Berliner Meldungen, wonach sich in ber Reichshauptstadt ein Con- fortium zur Ausbeutung der Metallschätze und speciell der neu entdeckten Gold' lager in Deutsch-Südwestafrika gebildet haben sollte, sind der „Rational« Zeitung" zufolge ungenau. Es haben bis jetzt innerhalb der Colonisations- Gesellschaft für Südweftafrika nur Beratungen über die etwaige Ausbeutung der Goldlager stattgefunden, ohne daß indessen schon bestimmte Beschlüsse gefaßt worden wären. Zunächst will die Gesellschaft nur ben kaiserlichen Schutzbrief für das geplante Unternehmen nachsuchen, sowie den Erlaß eines Berggesetze» am egen welche» speciell für die Gewinnung von Gold im deutschen Colonial- gebiete bestimmt sein soll. Ferner bestätigt sich aber die Mittheilung. daß Sach- verständige zur Untersuchung der Goldfunde an Ort und Stelle abgesandt werden sollen und daß die Bildung eines au» Eingeborenen zusammengesetzten, berittenen Polizeicorps unter Führung preußischer Unteroffiziere beabsichtigt ist, mit Rück- sicht auf Die bedenklichen Zustände, welche stch in ber Nähe von Goldfeldern zu entwickeln pflegen. _ ., , , r,
Die militärischen Conferenzen in der Wiener Hofburg haben sich zu einem großen Kronrath erweitert, der am Montag ftattfand. Vermuthlich wird erst bleiern Kronrathe eine entscheidende Bedeutung zuzuschreiben sein, während die Verhandlungen der bisherigen mflitärischen Conferenzen in W'.en wohl nur einen vorberathenden Charakter getragen haben. Dem Ministerrathe vom Sonn- taa wohnten u. A. der ungarische Ministerpräsident Tisza, der KriegSminister Gras Bulandt-Rheydt, sowie die beiden L^ndesvertheidigungSminister, Graf Wel- sersheimb und Baron Fejeroary, bei. Vor und nach dem Ministerrathe conferirte Tisra längere Zeit mit dem Grafen Kalnoky im auswärtigen Amte, woselbst am genannten Tage auch noch eine mehrstündige Besprechung des Gesammtministeriums berüalich des KronratheS stattfand. An und für sich bedeuten indessen diese fort« Jefcten Beratungen der maßgebenden Persönlichkeiten Oesterreich-Ungarns noch keineswegs eine ausgesprochene Verschärfung der Situation und diese Auffassung erhält ihre Bestätigung durch die osficiöse Wiener Meldung, wonach zur Zeit von einer Einberufung der Delegationen keine Rede fei denn für etwaige m,li- sticke Vorkehrungen solle nur eine verhältnißmäßig geringe Summe in Anspruch kommen werd«? Es wird berichtet, daß der bekannte Artikel des „Russischen ^2en" durch seine herausfordernde Sprache und Schärfe der Ausdrucksweise überragt habe, Di- ganze pMische W-lt °°° N-wa. M°tr°P°l° soll durch ben ungeschlagenen Tun de« »rt.-e - m Erstaunen -ersetzt wurden sein unb habe letzterer im Allgemeinen einen ehr schlechten Einoruck ” 5 ' «ber maßgebenden Orte« in «Petersburg scheint die Auslassung de« ^noliben" dach aesallen zu haben, denn General Ruropitfine -am Generalstab, ’3.ThX Mniden- dieselbe -ersaßt worden ist, wird stch jedensall» °°r m'aff.LunkÄMrtitel« über»eu8tVben. daß er allerhdchsten Orte» ein ’Ä Ä w^rb “ ® bie s&auuiniflen an der Newa und Maskaw- bit publiciftisth-Leistung de» S-n-nnlen Gener^» besudeln, kann wähl nicht mehr überraschen, glücklicher Weise beißen diese Kläffer nicht!


