Pr. 220. Erstes Blatt. Donnerstag den 22. September 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher HHeil.
Lehrer - Confereuj des Eoiljsrcnz-Bezirks Gietze«.
Mittwoch den 28. September, Vormittags 10 Uhr, in Gießen. — Lieder 4. 6. 185.
Gießen, den 20. September 1887. Büchner, Schulrath.__________
Politische Ueberficht.
Gießen, 21. September.
Dar Befinden des Kaisers ist fortgesetzt ein befriedigendes und nichts deutet daraus hin, daß die mancherlei Anstrengungen der nun verflossenen Fest- und Manövertage in Pommern irgendwelche Nachtheile für die Gesundheit des greisen Monarchen im Gefolge gehabt hätten. Ueber Tag und Stunde der Abreise der Kaisers nach Baden-Baden steht noch nichts Genauere» fest, doch wird sie jedenfalls noch im Laufe dieser Woche erfolgen. Merkwürdig ist nur, daß selbst jetzt noch dar Gerücht austauchen konnte, es werde wahrscheinlich doch noch eine Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Kaiser von Rußland statlstnden. Letzterer soll den Wunsch geäußert haben, bei seiner demnächstigen Rückreise von Kopenhagen nach Petersburg in Swtnemünde mit seinem kaiserlichen Großohm zusammenzutreffen und sei Grund zu der Annahme vorhanden, daß man in den Berliner Hoskreisen diesen Vorschlag zustimmend beantwortet habe. Die „Voff. Ztg.", welche diese Mittheilung zuerst brachte, will sie natürlich von „zuverlässtger Sette" erfahren haben, die „Voff. Ztg." muß aber einen seltsamen Gewährsmann besitzen, denn anzunehmen, unser greiser Kaiser, welcher kaum erst von Pommern nach Berlin zurückgeretst ist, würde nochmals dorthin reisen und nun gar nach Swtnemünde mtt seiner scharfen Seeluft, wäre einfach nicht glaublich. Man hat es in dem erwähnten Gerücht eben mit dem letzten Ausläufer jener Bewegung zu thun, welche das Project der Stettiner Kaiser- Begegnung in der deutschen wie auswärtigen Preffe hervorgerufen hatte; nunmehr wird diese Bewegung hoffentlich zur Ruhe kommen. Warum der Czar von seiner dänischen Sommerfrische nicht nach dem verhältnißmäßig nahen Stettin zur Begrüßung unseres Kaisers herübergekommen ist und ob er überhaupt einen solchen Gedanken gehegt hat — da» wird man wohl nie erfahren und so sei denn diese» Kapitel geschloffen.
Die Friedrichsruher Minister-Begegnung hat die deutsche Preffe nicht in dem Maße beschäftigt, wie die» bezüglich der früheren Zusammenkünfte zwischen dem Reichskanzler und dem Grasen Kalnoky der Fall gewesen ist. Die alljährliche Wiederkehr der Unterredungen des leitenden deutschen Staatsmannes mit dem österreichischen Staatsmanns ist eben allgemach eine fast selbstverständliche Erscheinung geworden und so mag e« kommen, daß man der heurigen Begegnung des Kanzlers mit dem Grafen Kalnoky nicht mehr ein außergewöhnliches Interesse entgegentrug. Natürlich verändert dies an der politischen Bedeutung dieses Ereignisses nichts und nur das, was in Friedrichsruhe erörtert und beschlossen worden ist, wird einstweilen noch Geheimntß eingeweihter Kreise bleiben- Indessen will ein Gerücht wissen, daß die hohe Politik diesmal weniger im Vordergründe der Conserenzen beider Staatsmänner gestanden, sondern daß den Mittelpunkt ihres Zwiegespräches das handelspolitische Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn gebildet habe. Diese Annahme klingt gerade nicht unwahrscheinlich, doch wird ihre Bestätigung immerhin erst noch durch die kommenden Ereignisse abzuwarten sein.
Bekanntlich besteht zwischen den Küstenstaaten der Nordsee eine üebereinkunst, um dem Mißbrauch durch Verkauf geistiger Getränke an Fischerei'Fahrzeuge aus hoher See zu steuern. Auch Deutschland hat sich bei den internationalen Vereinbarungen auf diesem Gebiete betheiligt. Neuerdings verbreitete Nachrichten über eine bevorstehende Conserenz der beteiligten Staaten sind bereits als irrthümlich widerrusen worden. Thatsächlich handelt es sich darum, sür einzelne Punkte der Convention, die sich im Allgemeinen als zweckdienlich erwiesen hat, weitergehende verschärfte Bestimmungen sestzusetzen und finden hierüber augenblicklich Besprechungen statt.
In der gesammten ungarischen Presse herrscht Entrüstung gegen die rumänische Regierung, weil der resormirte Bischof von Siebenbürgen, Dr. Szasz, aus einer Jnspectionsreise durch die ihm unterstellten reformirten Gemeinden Siebenbürgens eine angebliche Vergewaltigung durch die rumänischen Behörden zu erdulden hatte. Zum Thatbestande ist Folgendes zu verzeichnen: In Braila ließ der dortige Präfect den Bischos wiffen, die Polizeibehörden seien vom Minister de» Innern, Herrn Stourdza, angewiesen worden, es zu verhindern, daß Dr. Szasz außerhalb der Kirchen Reden halte oder die Schulen besuche. Nach Abhaltung einer Consistorial - Sitzung fuhr der Bischos nach Piteß weiter, wo ihm vom Präfecten bedeutet wurde, die Begrüßungs-Anrede an die dortige resormirte Gemeinde und den Schulenbesuch zu unterlaffen; doch kam es hier zu keinem weiteren Zwischenfall. In Bukarest aber, wo Dr. Szasz in der reformirten Kirche gepredigt hatte, wurde er beim Verlassen derselben von einem Polizisten aufgesordert, ihm nach der Polizei zu folgen. Dr. Szasz begab sich indessen zuerst nach der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft, wo er einen schriftlichen Protest gegen das Verfahren der Polizeibehörden aussetzte und ging dann nach dem Poltzeigebäude, wo ihm durch den Präfecten eine rohe Behandlung zu Thetl geworden sein soll. Letzteres behaupten wenigstens die ungari
schen Blätter und fordern sie den Grafen Kalnoky auf, von der rumänischen Regierung Genugthuung zu verlangen. Es ist indessen noch nicht bekannt geworden, daß der Zwischenfall zu einer diplomatischen Reklamation Oesterreich» in Bukarest geführt hätte.
Eine neue RedeBoulanger's meldet der französische Telegraph, Der Revanche-General hielt dieselbe gelegentlich der Truppen-Uebungen des von ihm commandirten 13. Armee-Corps an die Ofsiciere und empfahl er die Entwickelung der Offensivtaktik, die Stunde der Abrüstung habe noch nicht geschlagen; Es sei Thorheit, das zu glauben, ein Verbrechen, es zu sagen. Es würde heißen, der Frieden um jeden Preis sei das einzige Ziel Frankreichs; die Feinde wüßten, daß dem nicht so sei, es gelte also für Frankreich weiterzuarbeiten. E» ist die» offenbar nur ein dürftiger Auszug der Rede, aber er genügt, um auf» Neue erkennen zu lassen, wie General Boulanger trotz seiner „Verbannung" nach Clermont-Ferrand fort und fort der militärische Träger de» Revanchekrieg-Gedankens ist. Frankreich soll für den Tag, an dem e» seine Revanche für Sedan nehmen will, bereit sein und darum an der Verstärkung und Verbesserung seiner Wehrkraft weiterarbeiten — da» ist der Kern der jüngsten Boulangerffchen Kundgebung und sicher wird der französische Chauvinismus dieselbe für seine Zwecke zu verwerthen wiffen. In Paris werden die Auslaffungen des redelustigen Generals vielleicht nicht besonder» angenehm berühren, denn sie sind nur geeignet, dem Cabinet Rouvier Verlegenheiten zu bereiten — nun, die deutsche Regierung wird es dem Ministerium Rouvier nicht entgelten taffen, wenn Boulanger soeben wieder die Revanche-Idee aufgefrischt hat; im uebdgen bleibt noch abzuwarten, welchen Eindruck da» neueste Säbelgeraffel de» General» bei dem vernünftigeren Theile der Franzosen machen wird.
Die französischen Kammern sollen nicht vor dem 20. October einberufen werden. Die radikalen Blätter bezeichnen diesen Entschluß der Regierung angesichts des orleanistischen Manifeste» als eine Gefährdung der republikanischen Interessen und fordern die schleunige Einberufung der Kammern.
Die Verwerfung der Berufung der zum Tode verurthellten Chicagoer Anarchisten hat unter ihren Genoffen im Lande eine lebhafte Bewegung hervor- gerufen. jDer Telegraph berichtet von geheimen Versammlungen der Anarchisten und von großen Anstrengungen derselben, um öffentliche Meetings zu organi- firen, in denen gegen die bevorstehende Hinrichtung der Verurtheilten protestirt werden soll. Vielleicht werden auch noch ein paar Dynamit-Demonstrationen in Scene gesetzt, doch werden alle diese Bemühungen, die 7 Anarchisten vor dem wohlverdienten Strick zu retten, hoffentlich nutzlos sein.
Schlitz, 19. September. Se. König!. Hoheit der Großherzog sind heute früh mit dem Fürsten Alexander, sowie dem Grasen und der Gräfin v. Görtz nach Salzschlirf gefahren, jenseits deffelben zu Pferde gestiegen und nach Großenlüder geritten, um dort dem Manöver der Großh. Division, welche von Generalmajor v. Wissmann geleitet wurde, beizuwohnen. Nach Schluß der Kritik sind die Herrschaften hierher zurückgesahren.
Berlin, 20. September. Das Kammergericht hat die Revision, welche der Redacteur der „Freisinnigen Zeitung", Barth, gegen das Urtheil eingewendet, das ihn wegen der bekannten Meldungen über den Petersburger Militärbevollmächtigten Villaume zu vierwöchiger,Hast verurtheilte, verworfen und das erstinstanzliche Erkenntniß bestätigt.
— Dem Vernehmen nach begiebt sich der Staatsfecretär des Auswärtigen, Graf Herbert Bismarck am 23. September nach Friedrichsruhe zum Reichskanzler und wird bereits am nächsten Tage wieder nach Berlin zurückkehren.
Würzburg, 20. September. Bei der heutigen Landtagswahl stimmten wiederum 44 Wahlmänner für den ultramontanen, 44 für den liberalen Can- didaten. Es ist somit eine nochmalige Wahl nothwendig, die auf den 20. Decem- ber anberaumt ist.
Metz, 20. September. Die „Lothringer Zeitung" meldet: Der sechs- zehnjährige Sohn des Polizeikommiffärs Schnäbele aus Pont ä Mousson wurde gestern in Cheminot verhaftet. Derselbe hatte am 14. September aufrührerische Plakate mit den französischen Nationalfarben an Bäume der Landstraße Cheminot - Pont ä Mousson angehestet. Als er gestern in Begleitung zweier Studenten über die Grenze kam, wurde er bis zur Ankunft der Gensd'armen von Grenzwärtern angehalten und heute früh in's Bezirksgefängniß Metz abgeführt.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Corresponderrz-Drrrearr*
Berlin, 20. September. Seine Majestät der Kaiser hat der ungünsttaen Witterung wegen die Fahrt nach Gransee zur Theilnahme an den Manövern o.s Garde-Eorps ausgegeben.


