Nr. 117. Zweites Blatt. Sonntag den 22. Mai 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Butt Am Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». ^rrid Hertel jähr! ich 2 lUort 20 Pr mit Brmgerlod».
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Wochen - Uebersicht.
Gießen, 21. Mai.
Der parlamentarische Schwerpunkt der Woche lag weniger im Reichstags-Plenum als vielmehr im Ausschüsse desselben für die Borberathung der Branntweinsteuer-Vorlage. Bis Mittwoch waren die drei ersten und grundlegenden Paragraphen derselben seitens der Commisston erledigt worden und zwar § 1, der die Steuer auf O.öO, resp. 0,70 J4 für den Liter Alkohol festsetzt, durchaus unverändert nach den Regierung- Vorschlägen, während § 2 (Zahresbemessung des nach dem niederen Steuersätze herzustellenden Bcannt- weiN'QuantumS) und § 3 (Eintritt der Abgabepflicht) mit einigen Abänderungen, welche den von agrarischer Seite geäußerten Wünschen entgegenkommen, genehmigt wurden. Die Verhandlungen erwiesen sich als sehr complicirt, da von verschiedenen Seiten zahlreiche Amendements eingebracht worden waren, von denen aber die große Mehrzahl schließlich theils abgelehnt, theilL wieder zurückgezogen wurde. Im Allgemeinen berechtigt der Verlauf der Commissions-Verhandlungen zu der Annahme, daß der Entwurf auf Grund eines Compromiffes zwischen den beiden conservativen Fraktionen und eines Theiles des Centrums, sowie der Nationalliberalen die Zustimmung de» Reichstages finden wird, nur ist es wieder ungewiß geworden, ob die Specialberathung der Vorlage im Plenum wirklich noch vor den Pfingstferien zur Erledigung gelangt, da sich die Commissions-Verhandlungen doch mehr in die Länge ziehen, als ursprünglich angenommen wurde. Hiervon dürste auch die parlamentarische Behandlung der Zuckersteuer-Vorlage beeinflußt werden, indem jetzt kaum noch Hoffnung vorhanden ist, dieselbe in erster Lesung noch bis Pfingsten erörtert zu sehen. Au» den übrigen noch versammelten Commissionen des Reichsparlaments sind die Beschlüsse der Commission für die Innungs-Vorlage hervorzuheben, durch welche die von nationalliberaler und freisinniger Seite gestellten mildernden Amendements abgelehnt und dafür die vom Abg. v. Kleist-Retzow vorgefchlagenen verschärfenden Bestimmungen angenommen werden; die letzteren laufen im Wesentlichen darauf hinaus, daß in gewissen Fällen die facultative Berechtigung der höheren Verwaltungs-Behörde zur Ueberweifung erweiterter Befugnisse an die Innungen obligatorisch gemacht wird.
Die Plenar-Verhandlungen des Reichstages boten in dieser Woche im Allgemeinen nicht viel Bemerkenswerthes dar. Einestheils pausirte das Haus an zwei Tagen, anderntheils macht sich aber schon eine gewisse lieber* müdung geltend und wenn nicht gerade wichtige Gegenstände zur Debatte stehen, weist das Haus schon bedenkliche Lücken auf. Höchstens wäre aus der Mittwochssitzung die Debatte über das Schächten der Schlachtthiere zu erwähnen. Anlaß hierzu gab die Petition der deutschen Thierschutzvereine, das Schächten der Thiere zu verbieten, denen eine Massen-Petition jüdischer Gemeinden entgegengesetzten Sinnes gegenüberstand. Die ziemlich eingehende Discussion hierüber streifte selbstverständlich wiederum die Judenfrage und der sattsam bekannte antisemitische Abg. Böckel spielte in den Verhandlungen abermals eine recht groteske Rolle; die Debatte selbst endete mit Uebergang zur Tagesordnung über die auf das Schächten bezüglichen Petitionen.
Der bayerische Landtag wurde aufgelöst; die Urwahlen finden am 21. Juni, die Abgeordnetenwahlen am 28. Juni statt. Die bayerischen Land- lagswahlen erregen diesmal ein besonderes Interesse, weil sich die National- liberalen und die Freisinnigen zu einem gemeinsamen Anstürme gegen die klerikale Mehrheit der bayerischen Abgeordnetenkammer verbunden haben.
Der deutsche Colonialbesitz hat sich durch die Einfügung der ander Küste von Kamerun gelegenen Amasbay erweitert. Dieselbe war bislang im englischen Besitz, wurde aber am 2. d. Mts. in feierlicher Weise von England an das deutsche Reich abgetreten. Von deutscher Seite war al» Vertreter der Regierung der Kanzler für Kamerun, Herr v. Puttkamer, von englischer Seite Consul Hewett als Regierungs-Vertreter erschienen, außerdem wohnten dem Acte der Uebergabe ein englisches und ein deutsches Kanonenboot bei. Den Beschluß der Feier bildete ein Frühstück in der Woermann'schen Faktorei, zu welchem sowohl von deutscher, wie von englischer Seite zahlreiche Teilnehmer erschienen waren.
Mit Besorgn.iß richten sich die Blicke, wie schon im vorigen Frühjahre, so auch Heuer wieder nach Belgien, wo abermals der Geist der Unzufriedenheit durch die Arbeiterschaft schreitet. Von den Agenten des Brüsseler Central - Stnke - Comitös ist ein allgemeiner Strike der Kohlengruben - Arbeiter des südöstlichen wie südwestlichen Belgiens organisirt worden, bei dem jedenfalls neben den wirthschaftlichen auch politische Motive mit unterlaufen, denn die socialiftischen Hintermänner des Comitös sollen beabstö tigen, durch den Strike eine Pression auf die Regierung zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechtes auszuüben. Zu größeren Ausschreitungen seitens der Strikenden ist es bis jetzt nur in La Croyöre gekommen, wo sich ein energisches Eingreifen der Gensd'ar- merie gegen einen etwa 1000 Mann starken Haufen von Tumultuanten noth- wendig machte. Es kam zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen der bewaffneten Macht und den Arbeitern, wobei von letzteren zwei getödtet und mehrere verwundet wurden. Die Regierung kargt allerdings nicht mit umfassenden mllitärischen Vorsichtsmaßregeln, aber die Situationsberichte aus Belgien lauten trotzdem noch ziemlich pefstmistifch und es läßt sich nicht verkennen, daß die Lage fortdauernd eine sehr kritische ist; vielleicht dürfte schließlich auch die Stellung de» Ministerium» Bernaert'r von der Strikebewegung beeinflußt werden.
Dem Deutschthum in Oesterreich droht schon wieder eine Gefahr, die sehr ernst genommen werden muß. Wenn die Prager „Politik", das bekannte deutschgeschriebene Czechenblatt, recht berichtet ist, soll das Cabinet Taaffe endlich zu dem Entschlüsse gelangt sein, den mährischen Landtag aufzulösen. Auf demselben haben die Deutschen noch die Mehrheit und ganz augenscheinlich zielt die signalisirte Maßregel des Grafen Taaffe auf die Umwandlung der bisherigen deutschen Mchrheit in eine czechische Mehrheit, wie es seinerzeit in Böhmen gemacht wurde. Es bleibt noch abzuwarten, ob diese neueste Wendung der Taaffe'schen Versöhnungspolitik den gewünschten Erfolg haben wird, denn in Mähren gibt bei den Landtagswahlen der Großgrundbesitz den Ausschlag und jener befindet sich weit überwiegend in den Händen der Deutschen. Hoffentlich werden die deutschen Großgrundbesitzer tactsest bleiben, wenn von Seiten der Regierung versucht werden sollte, dieselben durch allerhand Versprechungen der deutschen Sache abspenstig zu machen.
Im Czarenreiche zieht gegenwärtig die Reise der Kaiserfamilie nach Südrußland die Aufmerksamkeit auf sich. Am Dienstag ist das Kaiserpaar nebst dem Großfürst - Thronfolger und dem Großfürsten Georg in Nowo- Tfcherkask angekommen und ging die Reise ohne jeden Unfall von Statten. Nowo-Tscherkask ist die Hauptstadt des dänischen Kosakengebiets und hier ist der Großfürst - Thronfolger durch die feierliche Ueberreichung des Hetmansstabes zum Hetman ober Oberhaupt der dänischen Kosaken ernannt worden, wodurch man hofft, die Kosakenstämme des südlichen Rußlands noch enger an das russische Kaiserhaus zu fesseln. Die Kaiserreise ist indessen unter seltsamen Omen erfolgt: In Petersburg wurden fünf der zum Tode verurtheilten nihilistischen Verschwörer gegen das Leben des Czaren hingerichtet und in Astrachan ward der dortige Gouverneur, General v. Ceumern, von einem der Gouvernements-Beamten erschossen; doch soll es sich bei letzterem Vorgänge nur um einen Akt persönlicher Rache handeln.
JJn die Berathung der irischen Zwangsbill im englischen Unte^aufe kommt jetzt ein etwas frischerer Zug. Am Dienstag wurde nach einer zehnstündigen Debatte der erste Paragraph der Bill unter Ablehnung sämmtlicher Amendements gegen die Stimmen der Gladstonianer und Par- nelliten angenommen und am Mittwoch wurde der zweite Paragraph, welcher die summarische Jurisdiktion auf gewisse Fälle ausdehnt, thellweise erledigt. Auch bei diesem Paragraphen mußten eine ganze Reihe von Amendements, welche die Opposition eingebracht hatte, um die eigentliche Debatte zu verschleppen, erst erörtert werden, doch wurden die Amendements in zum Theile ziemlich summarischer Weise erledigt, resp. abgelehnt; die ganze Vorlage dürste sonach noch vor Pfingsten in zweiter Lesung zur Annahme gäangen.
Am Sonntag, den 22. Mai, findet in der Londoner St. Paulskirche ein parlamentarischer Dankgottesdienst anläßlich des bevorstehenden 50jährigen Regierungsjublläums der Königin Victoria statt.
Die neuen Hafenanlagen in Main;.
(Nachdruck verboten.)
Mit Schluß des laufenden Monats wird in Mainz ein Bauwerk vollendet sein, von dem sich nicht nur die lebensfrohe Rheinstadt für ihren Handel große Vortheile verspricht, sondern welches unter Umständen für die merkantilen Verhältnisse von ganz Süd- und Mitteldeutschland bedeutungsvoll werden kann.
Nachdem Mainz in Folge allzu engherziger und von einem falschen Sparsam- keitsprinctp geleiteten Verwaltung allmälig die Bedeutung verloren hatte, die ihm durch seine Lage an zwei großen Flüssen und inmitten des Knotenpunktes eines der wichtigsten Eisenbahnnetze Deutschlands naturgemäß zustand, gab zunächst die alsbald nach dem Kriege von 1870/71 begonnene Erweiterung des Festungsgürtels Veranlassung, Mittel und Wege in Betracht zu ziehen, um die Rückwärtsbewegung des Mainzer Handels zu hemmen. Um die Wurzel des Uebels zu finden, bedurfte es keiner großen Ueber- legung und man erkannte sofort, daß, wenn der Mainzer Handel wieder concurrenz- fähig werden sollte, in erster Linie die Einrichtungen zu schaffen seien, welche die Nachbarstädte zur Erleichterung des Handels in aller Stille getroffen hatten. Als solche Einrichtungen war in Mainz vor Allem eine innige Verbindung der Stadt mit der Bahn und mit der Schifffahrt, sowie ein großes Zolllager anzustreben.
So rasch man die Fehler erkannt hatte, so groß waren auch die Schwierigkeiten, die sich einer Beseitigung derselben gegenüberstellten.
Neben den nicht zu gering zu betrachtenden financiellen Bedenken bot zunächst die auf dem Nheinufer längst der Stadt ruhende Servitut des 1. Festungsrayons große Schwierigkeiten, indem das Rayongesetz innerhalb des 1. Rayons nur Bauten in ganz leicht zu beseitigenden Eonstructionen gestattet. Diese Vorschrift hinderte mithin die Erbauung von Kellern für ausländische Weine, von mehrstöckigen Lagerhäusern, Fruchl- speichern rc. in unmittelbarer Nähe des Stroines und ließ deren Errichtung nur hinter der cranelirten Festungsmauer zu, also an einer Stelle, die soweit von dem Ufer entfernt, daß der Transport zu und von den Lagerräumen manche Maaren gerade um so viel verteuert haben würden, daß der Handel mit denselben die Eoncurrenz besser situirter Plätze nicht hätte bestehen können.
Die finanziellen Bedenken mußten schwinden in Rücksicht auf die gegebene Thatsache, daß die gedachten Einrichtungen unumgänglich nothwendig, wenn Mainz wieder in aussichtsvolle Eoncurrenz mit seinen vorangeeilten Schwesterstädten treten wolle; zur Beseitigung der technischen Schwierigkeiten bot die Beschaffenheit des Rhem- stromes Mittel und Wege, der unterhalb der Altstadt sich in drei mächtige Arme spalt . Nach langen Unterhandlungen zwischen der Stadt einerseits und den Regierungen Hessen und Preußen, dem Gouvernement und der Ludwigsbahn andererseits _ am 9. November 1880 zum ersten Male eine Commission, zusammengesetzt au; tretern der Stadt, der Steuerbehörde und den obengenannten tntereffnten zusammentreten. a . lxt.
Der Commission, zu welcher Wasserbaudirector Franzlus au l -
gezogen war, legte Stadtbaumeister Kreyssig sein Project vor,, »aSaJe 8 3 '
stimmung fand und welches zur Grundlage der heute geschaffenen Alltagen wuroe.


