Ax. 88. Dienstag den 22. März 1887.
Gießener Anzeiger
Aints- und Anzcigeblaü für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bureau: Schnlstraße 7.
K3
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Amtlicher Hheil.
Mittwoch den 30. I. Mts., Vormittags 10 Uhr, findet in dem Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Sitzung des Provinzial- tags der Provinz Oberheffeu statt.
Tagesordnung:
1. Prüfung der Wahlen zum Provinzialtag.
2. Erstattung des Rechenschaftsberichtes für 1885/6.
3. Prüfung der Provinzialkafferechnung für 1885/6.
4. Feststellung des Provinzmlkaffevoranschlags für 1887/8.
5. Wahl von 4 Mitgliedern und 2 Ersatzmitgliedern des Provmzialausschuffes. (Es treten aus die Mitglieder Fabrikant Trapp-Fnedberz, Steuerrath Pfannmülle r-Ridda, Bürgermeister Fendt-Schotten und Oeconom Schade-Altenburg; ferner die Ersatzmitglieder Ingenieur Schiele-Gießen und Postoerwalter Engel in Homberg a. d. Ohm.)
6. Wahl eines Mitgliedes und eines Ersatzmitgliedes zur Ober-Ersatzcommission. (Seither Mitglied Victor Freiherr von Nordeck zur Rabenau, Gießen, Stellvertreter Bürgermeister Bopp, Bellersheim.
Gießen, am 18. März 1887.
Der Vorsitzende des Provinzialtags der Provinz Oberhessen.
Dr. Boekmann.
Eine iieulsche 3uöeffeicr.
Am 22. März begeht Alldeutschland eine Jubelfeier der seltensten Art. An diesem Tage vcllendet der erste und höchste Vertreter des Deutschthums, der ruhmgekrönte Kaiser Wilhelm, fein neunzigster Lebensjahr, und die göttliche Vorsehung fügt mit diesem Tage ein neues wunderbares Ereigniß uud einen neuen Gnadenbeweis dem gottbegnadeten Leben des erhabenen Gründers und Schirmherrn des deutschen Reiches zu. Gott hat wahrhaftig mit diesem erhabenen Greise das deutsche Vaterland gesegnet, denn ohne Kaiser Wilhelm, ohne feine männlichen Tugenden und ritterlichen Eigenschaften, ohne seine uuübertroffenv Pflichttreue und ohne seine Mäßigung nach großen kriegerischen Ersolgen konnte kein neues deutsches Reich entstehen und bestehen, konnte der einst verachtete deutsche Name mcht zu Den Ehren gebracht werden, die er in den letzten 20 Jahren erlangt hat. Niemals, seit die Germanen eine weltgeschichtliche Rolle spiele«, gab es einen besseren Vertreter deutscher Kraft und deutscher Wurde als Kaiser Wilhelm. Wie hoch mußte doch das Vertrauen dieses Monarchen auf das gute Recht seiner politischen Mission fein und wie richtig mußte Kaiser Wilhelm deutsche Macht und deutsche Tapferkeit, wie er solche bereits als Preußenkönig vertrat, würdigen, wenn er es wagen konnte, bereits im Greisenalter stehend, das Werk der nationalen Wiedergeburt Deutschlands zu unternehmen und gewaltige Schlachten gegen die Widersacher der deutschen Einheit zu schlagen! Welche hohe Einsicht mußte ferner Kaiser Wilhelm beseelen, daß er sich zum rechten Werke auch die rechten Männer auszuwählen und sich und dem Vaterlande glänzende Staatsmänner und Feldherrn zu schaffen und auch zu erhalten wußte! So sehr auch das deutsche Heer Kaiser Wilhelms eigenstes Werk ist und fo stolz er auch auf dasselbe stets blicken konnte, so ist tr doch sich auch stets bewußt gewesen, daß mit dem Schwerte allein kein Volk beglückt werden kann, und als das Gebäude des neugeschaffenen Reiches in blutigen Schlachten gezimmert worden war, dachte er auch schon daran, ein Mehrer friedlicher Güter und ein Schützer der Armen und Geplagten zu sein. An dieser erhabenen Gesinnung haben auch die Frerelthaien nichts geändert, welche verblendete Schurken gegen sein dem Wohle des Vaterlandes gewidmetes Leben richteten. Von der durchaus richtigen Anschauung ausgehend, daß die untersten Volksschichten einer größeren staatlichen Fürsorge bedürfen, um den g sährUchen Verführungskünsten socialistischer Jrrlehrer allmälig entzogen zu werten, hat Kaiser Wilhelm in einer feiner berühmtesten Botschaften die Noth- wmdiqkeit socialer Reformen betont und ist ja auch bereits ein großer Theil derselben ausgeführt worden.
Nicht genug kann es wohl auch geschätzt werden, welch' starker Hort Kaiser Wilhelms Friedensliebe in der unruhigen Epoche ist, welche wir gegenwärtig zu durchleben haben und welche das Aufgebot neuer Machtmittel nöthig machte, um die Schutzwehren des Friedens zu verstärken. Der herzliche Wunsch jedes ehrlichen Patrioten und jedes echten deutschen Mannes ist daher an diesem Tage einer icftenen Jubelfeier:
Gott segne auch ferner das ehrwürdige Oberhaupt des deutschen Reiches l
Deutschland.
j[ Darmstadt, 20. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog ist mit feinen Kineern, dem Erbgroßherzog Ernst Ludwig und der Prinzessin Irene heute Abend nach Berlin abgeretst, um dortselbst an der Feier des Allerhöchsten Geburtssestes Sr. Moj. des Kaisers theilzunehmen. Dre Herrschaften nehmen im kronprinzlichen Palais Absteigequartier und sind von dem Hosmar- fchall, Generaladjutant Generalmajor Westerweller v. Anthoni, sowie von dem Flügeladjutanten Hauptmann Frhr. v. Senarclans, v. Grancy und der Hofdame Freiin v. Grancy begleitet. Das Gerücht, welches seit einiger Zeit mit großer Bestimmtheit auftauchte und eine bevorstehende Verlobung unserer Prinzessin
Irene mit dem Prinzen Heinrich von Preußen in Aussicht stellte, wird in den allernächsten Stunden seine tatsächliche Bestätigung finden; denn wie wir aus bester Quelle versichern können, wird die Verlobung noch vor Kaisers Geburtstag officiell bekannt gegeben werden.
Se. Großh. Hoh. Prinz Heinrich, Commandeur der Großh. (25.) Division hat sich ebenfalls nach Berlin begeben.
Kiel, 19. März. Laut CabinetS'Ordre vom 15. ds. ist Contreadmiral Pafchen zum Ches des diesjährigen Manöver-Geschwaders, Capitän zur See, D.inhard, zum Chef des Ostsee-Geschwaders, Corvetien-Capitän Tirpitz zum Ches der Torpedoboots-Flottille, Prinz Heinrich und Capitän-Lieutenant Modrig zu Chefs je einer Torpedoboots-Division ernannt.
Berlin, 19. März. Die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt bezüglich des von deutschen Blättern erwähnten Landerwerbes durch deutsche Unternehmer im Pando- lande, die in dem veröffentlichten Prospekte enthaltene Angabe, daß die Eingeborenen des Pandolandes bisher noch unter keiner Schutzherrschaft gestanden hätten, ist irr thümlich. Aus dem englischen Blaubuche vom August 1885 ergebe sich, daß die Par.do- fifte bereits im Jahre 1878 unter englischem Schutze gestanden und das Fortbestehender englischen Schutzherrschafl noch im Jahre 1885 amtlich verkündet worden sei. Es könne sich also im vorliegenden Falle nicht um ein deutschnationales Unternehmen handeln; andererseits sei auch in Betracht zu ziehen, daß Umquickela, mit welchem ein Vertrag über Landerwerb abgeschlossen worden, seitens der Engländer anscheinend nicht als oberster Häuptling anerkannt werde.
Hesterreich.
19. März. Der Landesvertheidigungs - Minister Fejervazy empfing eine Deputation der Univerfitätshörer, welche baten, die Referveofficiers- Prüfung in ungarischer Sprache ablegen zu dürfen. Der Minister wies darauf hin, daß die deutsche Sprache als gemeinsames Band die Wehrkraft des Reiches zusammenhalte, er könne daher die Erfüllung der Bitte nicht in vollem Maße in Aussicht stellen, werde aber das zu erwirken trachten, was mit Rücksicht auf die erfolgreiche Wirksamkeit der gemeinsamen Armee und deren Kriegstüchtigkeit erreichbar sei.
Amnkreich.
Paris, 19. März. Der Ministerralh stellte heute den Budget-Entwurs pro 1888 fest. Das Gleichgewicht im Ordinarium ist durch neue Einnahmen im Betrage von 119 Millionen hergcstellt. Hiervon kommen 29 Millionen auf eine Umbildung der gegenwärtigen Steuer vom beweglichen Vermögen, 70 Mill, auf eine Zuschlagstaxs von 50 Francs für den Hectoliter Alkohol und 20 Mill, auf eine Zuschlagstaxe auf Cerealien. Das Extra-Ordinarium wird beibehalten und soll gedeckt werden durch 42 Mill. Obligationen, die in sieben, und 8 Mill., die in sechszig Jahren rückzahlbar sind.
Marseille, 19. März. Der hiesige Municipalrath wird wahrscheinlich aufgelöst, da derselbe gestern anläßlich des Jahrestages des Commune-Aufstandes von 1871, unter Hinweisung auf jenes Ereigniß, feine Sitzung aufhob.
Italien.
Turin, 19. März. Prinz Amadeus, Herzog von Aosta, hat die Reise nach Berlin angetreten.
— Der Kronprinz ist, von seiner Orientreise zurückkehrend, in Brindisi eingetroffen.
Wußland.
Petersburg, 19. März. Der „Regier.-Anzeiger" meldet: Der Rec or der hiesigen Universität hielt gestern in der Aula vor zahlreich anwesenden Studenten und in Gegenwart der vorgesetzten Behörden und des Professoren- Collegiums eine Ansprache, worin er seine schmerzliche Überraschung ausdrucrr, daß nach der amtlichen Meldung drei Studenten der Petersburger Umv ,^ im Besitze von Sprenggeschossen arretirt worden seien. Der Rector sprach ? .
tiefsten Abscheu und fein Bedauern gegenüber dieser Thatsache aus un I die Studenten auf, in der energischesten Weise gegen diese Unthat zu p 1 und diesen Protest in einer einstimmigen Ergebenheits-Adresse an den m i


