Ausgabe 
21.12.1887 Erstes Blatt
 
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LS sehr vermessen, Voraussagungen jetzt nur viele Jahre hinaus machen zu wollen. Salisdury wandte sich alsdann der Darlegung innerer Fragen zu.

Telegraphische Depesche«.

Wolff'S tele-r. «orrefpondem'Burea«.

Berlin, 19. December. Seine Majestät der Kaiser empfing Vormittags den Besuch des Großherzogs von Weimar und arbeitete dann mit Wilmowski. Heute Abend ist bei den Majestäten kleine Theegesellschast.

Der Bundesrath stimmte heute dem Gesetzentwurf über Abänderung des Zolltarifs (Getreidezölle) in der vom Reichstage beschlossenen Fassung zu und beschloß, das Abkommen mit Oesterreich-Ungarn wegen Verlängerung des Handelsvertrags dem Kaiser zur Ratifikation vorzulegen.

Berlin, 19. December. Die heutige, sehr zahlreich besuchte Generalversammlung des deutschen Colonialvereins unter Vorsitz des Fürsten Hohenlohe-Langenburg ertheilte der Vereinigung des deutschen Colonialvereins mit der Gesellschaft für deutsche Coloni­sation unter dem NamenDeutsche Colontalgesellschaft" ihre Zustimmung.

Berlin, 19. December. Im Admiralsgartenbad (Friedrichstraße) ist 750 Fuß tief eine an die Erdoberfläche aufsteigende Soolquelle mit 3 Procent Salzgehalt beim ersten Anstich erbohrt worden.Muthung" ist für 2.187,000 Quadratmeter eingelegt und Mittags durch die zuständige Bergbehörde abaenommen worden.

KSln, 19. December. Ein Telegramm derKölnischen Zeitung" aus San Remo von gestern sagt:Die heutige Untersuchung des Kronprinzen hat ergeben, daß keinerlei Neigung zur Geschwulst vorhanden ist. Das Allgemeinbefinden ist vor­trefflich."

Wie«, 19. December. Vormittags konferirte Tisza mit Kalnoky im Amte des Aeußeren, wo um 9®/< Uhr der Kronprinz eintraf. Der Kronrath dürfte Mittags stattfinden.

Unter dem Vorsitze des Kaisers fand von 1 bis 3 Uhr ein Ministerrath statt, woran Kalnoky, Bylandt-Rheydt, Taaffe, Tisza, Dunajewsky, Welsersheimb, Fejervary und Orczy theilnahmen.

DasFremdenblattt" meldet: Die gestrigen Minister-Conferenzen, welche im heutigen Ministerrathe unter dem Vorsitze des Kaisers ihren Abschluß fanden, ergaben, daß keine Maßregeln zu treffen sind, welche die Einberufung der Delegationen in nächster Zett nothwendtg erscheinen lassen.

Basel, 19. December. Der große Rath beschloß mit großer Majorität die 'Ein­führung des kantonalen Monopols für den Branntweinverkauf über die Straße.

Paris, 19. December. Der deutsche Botschafter Graf Münster begibt sich in 14tägigem Urlaub nach San Remo zu seiner dort weilenden kranken Tochter.

London, 19. December. Nach einem amtlichen Erlaß tritt das Parlament am 9. Februar zusammen.

In der heutigen letzten Sitzung der Zucker-Eonferenz, welche 4 Stunden dauerte, wurde das Protokoll unterzeichnet. Die Mehrzahl der Delegirten machte bei der Unterzeichnung verschiedene Vorbehalte. Die Conferenz vertagte sich hierauf aus unbestimmte Zeit. Sie dürfte voraussichtlich vor April n. Js. nicht wieder zu- sammentreten.

Die Dynamitarden Callan und Harkins erschienen heute wiederum vor dem Polizeigericht in Bow Street und wurden den Assisen überwiesen.

Cork, 19. December. Das Unterhausmitglied Hooper (Parnellit) wurde wegen Beröffentlichung von Berichten verbotener Versammlungen der Nalionalliga zu etn- monatlichem Gefängniß verurtheilt.

Sa« Remo, 19. December. Der Kronprinz machte gestern Vormittag mit dem Prinzen Heinrich und dem Herzog von Edtnburg einen Spaziergang. Die Frau Kronprinzessin nahm mit den Prinzessinnen Töchtern und dem Herzog von Edinburg das Frühstück an Bord des AvisoSurprise" ein, welcher später, mit dem Herzog von Edinburg an Bord, nach Neapel abfuhr.

Universität» - Ghronik.

Für das Fach der Mineralogie habilitirte sich an der Berliner Universität Dr. Friedrich Rinne.

Vermischte».

Darmstadt, 19. December. Bei der am 14. December stattgehabten Ver­losung der von demKunstoerein für das Großherzogthum Hessen" im laufenden Jahre angekauften Kunstgegenstände im ungefähren Gesammtwerthe von 3000 X fielen Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog drei Gewinne zu. Von den 36 Gewinnen sind zu­gefallen den Mitgliedern des Vereins Darmstadt 16, den Mitgliedern des Vereins Offenbach 6, den Mitgliedern des Vereins Gießen 6, den Mitgliedern des Vereins Worms 8. Aus der Zahl der vorstehenden Gewinne waren 7 von hessischen Künstlern erworben worden.

Mainz, 19. December. Der gestrige Tag brachte für die hiesige Stadt und deren nächste Umgebung eine ganze Reihe mehr oder minder erhebliche Unfälle. In einer Fabrik erhielt ein Arbeiter von einer Maschine zwei Finger abgequetscht; auf dem Wege zwischen Oppenheim und Nierstein gerieth ein Fuhrmann unter eine schwere Weinfuhre, bet Sprendlingen wurde ein Jäger bet der Jagd vom Schlage gerührt. In Kastel scheuten die Pferde einer Bierrolle und stürzten sich in dem Augenblick, als ein Zug daherbrauste, über das Bahngeleise. Während der Zug unbeschädigt blieb, wurden die Pferde derart verletzt, daß sie alsbald verendeten. In Kostheim ist ein Müllerfuhrwerk mit zwei Pferden in den Main gerollt. Der Fuhrmann konnte sich mit knapper Noth retten.

Mainz, 19. December. In Betreff der Invaliden- und Altersversorgung hat die gestern hier tagende Süddeutsche Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft folgende Resolution angenommen: Die Versammelten erklärten, dem Gesetz sympatisch gegenüber zu stehen, sie sprechen sich gegen eine Reichsanstalt und Kapitaldeckung aus. Dagegen erachten sie die Berufsgenossenschaften für die berufensten Träger des Gesetzes; das Umlageverfahren ist einzuführen und sollten in den ersten fünf Jahren je 1 Pfennig pro Arbeiter von diesem und dem Arbeitgeber pro Arbeitstag erhoben werden, bis sich ein anderer Beitrag als nöthig erweist.

Aus Anlaß des Papst-Jubiläums finden am zweiten Weihnachtsfeiertag hier große Festlichkeiten statt, wozu Seitens des Festcomitös an die Spitzen der Behörden Einladungen ergehen.

Berlin, 16. December. Die Deutsche Genossenschaftsbank ließ heute durch einen Kassenboten einem Fuhrherrn Lehmann einen Wechsel von 3000 X vorlegen. Lehmann benutzte den Umstand, daß ihm der Wechsel in die Hand gegeben wurde, um denselben zu verschlingen.

Frankfurt a. M., 19. December. Gestern Nachmittag hat in der Waldschmidt- straße die Frau des ehemaligen Schutzmannes Schleinitz, der ohne Stelle ist, ihre zwei lungften Kinder im Alter von zwei Jahren und sieben Monaten und sodann sich selbst erhängt. Gegen 3 Uhr hatte der Ehemann seine Wohnung verlassen, um mit einer befreundeten Familie einen Spaziergang zu macken und hatte die Frau den Spaziergängern noch einJMbieu aus dem Fenster zugerufen. Gleich darauf rief die Frau ihr zweijähriges Töchterchen zu sich und hängte dasselbe in dem Scklafsimmer ihres Ehemannes auf. Darauf holte die Frau den über dem Bett ihres Mannes hängenden Revolver, ging in das Wohnzimmer und rief ihre beiden Söhne zu sich Diese hatten jedoch wegen deS auffallend blassen Aussehens der Mutter Angst und liefen fort. Hierauf rief die Mutter ihre 8jährige Tochter Anna, faßte sie an der Hand und fetzte ihr den Revolver auf die Brust, der aber glücklicherweise nicht geladen war. Das Kind, welches in diesem Zimmer das Schwesterchen Paula an der Wand hängen sah, riß sich los und lief fort. Die Mutter zündete nun eine Lampe an, schloß die Thure zu und hängte sich an einem Gasarm auf. Die Kinder mußten nun bis zur Rückkehr des Vaters (9 Uhr Abends) vor dem Hause warten und wagten in der Er­regung über das Geschehene keinen Lärm zu machen. (F. Z)

e _ viel besprochen wird in München ein Proceß, den ein Bankier gegen die konigl. bayerische Cabmetskasse angestrengt hat. Der Bankier will zu einer Provision gelangen, welche er für ein im Auftrage des verstorbenen Königs Ludwig aufge- . nommenes Anlehen zu fordern haben will. Dieses Anlehen kam, nachdem die Geistes- l

jerrüttung des Monarchen maßgebenderseits festgestellt worden, allerdings nicht zu Stande. Der Bankier soll angeblich 130,000 X fordern.

Aus Gotha wird berichtet: Bei einer am Dienstag in G. abgehaltenen Jagd wurden in einen in dem abzujagenden Revier gelegenen Dachsbau vier Teckel- Hunde abgelassen. Einer derselben kehrte nach kurzer Zeit, der zweite am Abend aus dem Bau zurück, wogegen die zwei letzten, angeblich die besten, auch am nächsten Morgen trotz energischer Nachgrabungen noch vermißt wurden. Erst in einer liefe von 14 Fuß trafen die Arbeiter gegen Mittag auf die eigentliche Kammer, in welcher ein Prachtexemplar von einem Dachs erlegt wurde. Dicht hinter der Kammer fand man die beiden Hunde, vom Dachse eingescharrt, bereits erstickt vor.

Einen traurigen Beitrag zum Submissionswesen liefert, wie aus Held­burg geschrieben wird, Ne Verdingung von Schlosserarbeiien für die neue Schule in S. Die höchste OffertOetrug 6000, verschiedene andere 3000 X und darüber, die niedrigste aber nur 1800 X.

Ueberfüllung der Postschalterräume in der Weihnachtszeit ist eine alljährlich wiederkebrende Klage. Bis zu einem gewissen Grade kann das Publikum selbst leicht Abhilfe schaffen. Die Einlieferung der Weihnachtspäckereien, namentlich der Familten- fenbungen, sollte nicht bis zu den Abendstunden verschoben, sondern thunlichst an den Vormittagen bewirkt werden. Mit seinem Bedarf an Postwerthzeichen müßte sich ein Jeder vor dem 19. December versehen. Zeitungsbestellungen dürften in den Tagen vom 19. bis 24. December bei den Postanstalten nicht eingebrackt werden. Selbft- franfirung der einzuliefernden Weihnachtspackete durch Postwerthzeichen müßte die Regel bilden. Für die am Postschalter zu leistenden Zahlungen sollte das Geld abgezählt bereitgehalten werden. Die Befolgung dieser Rathschlage würde der Poft und dem Publikum gleichmäßig nützen.

(Ein höflicher junger Mann.) Alle Plätze des Omnibus sind besetzt, ein Herr ist sogar genöthigt, seinen Sohn, einen etwa siebenjährigen Burschen, auf den Schooß zu nehmen. Da steigt an einer Haltestelle noch eine junge Dame zu, die sich suchend nach einem Platze umsieht. Der kleine Knirps steht auf und sagt mit welt­männischer Gewandtheit:Papa, ich will draußen stehen. Sie können meinen Platz einnehmen, mein Fräulein!"

(Poesie und Prosa.) Adele:Du weinst, theure Helene?" Helene: O, Du glaubst gar nicht, wie so ein Thränenstrom die gepreßte Brust erleichtert." Ach ja, es ist gerade, wie wenn man Abends sein Corsett auszieht."

Gingefaudt.

Gieße«, 20. December.

Der Kirchen-Kalender für die evangelische Gemeinde auf das Jahr 1888 ist erschienen und wird gegenwärtig in den Familien angeboten; er kostet 30 Pfg. Neben den sonstigen vielen Mittheilungen, Wünschen u. s. w. betreffs des ganzen kirchlichen Lebens in der Gemeinde, enthält der Kalender als besondere Zugabe eine genaue Beschreibung der neuen Orgel in der Stadtkirche und eine Schilderung der Einweihung derselben. Er wird neben den übrigen Kalendern zur Anschaffung bestens empfohlen.

Der Trotz seiner Neuheit schon so viel angefeindete denaturirte Spiritus erinnert in Bezug auf diese Anfeindung, sowie auf das ihm entgegengebrachte Mißtrauen ungemein an das Petroleum; auch diesem wurde Anfangs in Folge seines unangenehmen Geruches viel Mißtrauen entgegengebracht, auch dessen Rauch und Geruch erzeugte Kopfweh und Uebelfeit, und selbst Lebensgefahr brachte der Verkehr mit diesem gefähr­lichen Stoffe; in Westphalen starb ein Hausbursche an Blutvergiftung, weil ihm beim Auflegen eines Fasses etwas Petroleum in eine unbedeutende Schnittwunde gekommen war; in der Gegend von Hanau starben einige Bauern binnen weniger Stunden nach dem Genuß von Birnwein, der in einem Petroleumfaß gelegen hatte, obgleich dieses vorher gut gereinigt war, da der Birnwein sonst danach geschmeckt haben würde. Und heute wer denkt beute noch an andere Gefahr beim Gebrauch des Petroleums als an Feuersgefahr? So wird es auch mit dem benaturirten Spiritus werben, der ja viel weniger unangenehm riecht und bei regelrechtem Gebrauche viel weniger dunstet als Petroleum und vor dessen Gebrauch sich deshalb Niemand geniren soll, dem sein Geldbeutel lieb ist; nur schaffe man sich gute Maschinchen an und lösche den Sprit nack dem Gebrauch nicht durch Ausblasen, sondern durch Zudecken des Brenners.

Wöchentliche Neberficht der Todesfälle in der Stabt Gießen.

50. Woche. Vom 11. December bis 17. December 1887.

Einwohnerzahl: 19001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsztffer: 32,84°/«.

__ .. , Kinder

Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom

1. Lebensjahr: 2.15. Jahr:

Lungenschwindsucht

2 (1)

2 (1)

_

Krebs

1 (1)

1 (1)

_

Gehirnentzündung

2

1

1

Organischer Herzkrankheit

1

1

Nierenentzündung

1 (1)

1 (1)

_

Krämpfen

3

3

Magenkatarrh

1

1

Gehirntuberkulose

1 (1)

1 (1)

Summa:

12

6

3 3

Anm. Die in Klammern gesetzten

Ziffern värts na

geben an, wie viele der Todesfälle

in der betreffenden Krankheit auf von Ausr

ch Gießen gebrachte Kranke kommen.

Kleinkiu-er Bewahranstalt.

Nachdem vorigen Sonntag die Chr istb es cheerung für die 209 Kinder unserer Anstalt unter großartiger Betheiltgung der Einwohner Gießens in der städtischen Turnhalle stattgefunden hat, ist es unsere angenehme Pflicht, den herzlichsten Dank Allen ai^zusprechen, die uns zur Ausführung der Bescheerung freundlickst unter­stützt haben. Vor allem danken wir denen, die durch ihre Gaben an Geld, Bekleidungs- gegenstanden , Kleiderstoffen, Confekt u. s. w., sowie durch freundliche Handarbeit, -be­sonders Stricken von Strümpfen, es uns ermöglicht haben, unseren vielen Anstalts- kmdern reichliche Freude ;unb deren Eltern eine bedeutende Unterstützung und Wohl- that zu bereiten. Wir empfingen an Geld durch Fräulein Bansa 118 X 50 ,A, durch Frau Bürgermeister Bramm 125 X 10 durch Frau Dr. Brüel 40 X durch Frau Amtsrichter Gebhardt 53 X 50 H, durch Fräulein Langer mann' 60 X 50 H, durch Frau Pfarrer Naumann 131 X, durch Frau Ottens 11 x, durch tfrau Schwan 27 X, durck Fräulein Wortmann 20 X, durch die Schwestern unserer Anstalt 64 X 90 H; außerdem sammelten von den Mädchen ihrer Schulklassen Fraulein Koch 80 X 60 und Fräulein Müller 29 45

rooiur roir noch besonders herzlich danken; die Gaben, die Herr Oktroi-Inspektor Jost rn liebenswürdiger Weise besonders sammelte, wurden von ihm an einige der vor­genannten Damen abgeliefert; auch ihm fei herzlich gedankt.

= 5,eriIt4er" ¥,anf ^i auch getagt den Herren Besitzer und Redakteur dieses Blattes für die unentgeltliche Aufnahme aller unserer Annoncen für die Christ- db'cheerung, forme das ganze Jahr hindurch; ferner Herrn Bürgermeister Bramm für die Uebcrlauung der Turnhalle und eines Christbaumes zu unserer Feier; ferner ,r, Freimaurer-Loge, dem Concertverein und dem Turnverern für die lieberlafiung von Stühlen, Bänken und Tischen; ferner dem Polizeiamt und den Schutzmännern, die durch freundliche Handhabung der Ordnung zur Sicherung des dichtgedrängten Publikums mitwirkten. Endlich danken wir auch Allen, die durch ihre Betheiligung an unserer Feier ihr Interesse für unsere Anstalt bekundet und dieselbe unterstützt haben.

Möge die unserer Anstalt und deren Kindern so reichlich bewiesene Liebe und Hilfe auch fernerhin, Gebern und Nehmern zum Segen, uns erhalten bleiben.

Gießen, den 20. December 1887.

Der Vorstand der Kleinkinder-Bewahranstalt. Dr. Naumann, 1. Pfarrer.