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Ar. 219. Mittwoch den 21. September 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Sckulftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinflerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Betr.: Lieferung der Fouragebedaifr für die Truppen im Frieden.

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch zur Kenntniß der interessirten Kreisangehörigen, daß die Haferankäufe für das Königliche Magazin in Bockenheim in nächster Zeit beginnen werden. Der Ankauf fall möglichst direct bei den Producenten erfolgen; dar Königliche Proviantamt in Bockenheim ist auf Vor- läge bemusterter Offerten bereit, jede gewünscht werdende Auskunft über Qualitätsansprüche und die je nach den Handelsconjuncturen zu gewährenden Preise mündlich oder schriftlich zu ertheilen. . x ,

Gießen, am 19. September 1887. Großherzogliche» Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Gießen, am 17. September 1887.

Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen

a« die GroßherzogUche» Bürgermeisterei«»» und Großherzoglich« Gendarmerie de» Kreise».

Der Züchtling Goldarbeiter Johann Georg Weber aus Unterhaugstedt in Würtemberg, letzter Aufenthalt Frankfurt a. M., ist heute Abend 6 Uhr m der Feldarbeit auf der Domaine Schafhof entsprungen. ,

Wir beauftragen Sie hierdurch, auf denselben zu fahnden und denselben im Betretungsfalle an uns abzuliefern.

. Sianalewent: Familienname: Weber, Vorname: Johann Georg, Geburtsort: Neipperg (Würtemberg), Heimathsort: Unterhaugsteiten, Aulentbaltsoit - Frankfurt a. M.. Alter: 26 Jahre (am 16. Mat 1861 geb.), Religion: evangelisch, Stand oder Gewerbe: Goldarbeiter, Größe: 1,75 Meter, Lame' blond,' Stirn: frei, Augenbrauen: blond, Augen: grau, Nase und Mund: gewöhnlich, Zähne.unvollständig, Kinn und Gesichtsbildung: oval, Bart: rasirt, Gesichtsfarbe: gesund, Statur: groß, Sprache: deutsch, besondere Kennzeichen: keine. - Bekleidung: 1 schwarze Tuchmütze, 1 weiß.blau «arirte» Halstuch, 1 weißes Hemd mit Nr. 240 und K.Sl.Z., 1 braune Jacke, 1 braune Hose, 1 Paar schwarz wollene Strümpfe, 1 Paar Lederschuhe ti.it Riemen, 1 braune Weste, 1 weiß'blaues Taschentuch, 1 grobe Leinwandschürze.

Lehrer-Conferen; des Conferenz-Bezirks Lich-Hungen.

Die aus Donnerstag den 22. d. M. in Lich anberaumte Conferenz kann eingetretenen Hindernisses wegen an diesem Tage nicht abgehalten

Gießen, den 19. September 1887.

Politische Ueberskcht.

Gießen, 20. September.

Die glanzvollen Fest- und Manövertage in Pommern stnd am Samstag mit den Feldmanövern bet Sparrenselde und einem Nachmittags im Stettiner Schlöffe beim Kaiser stattgefundenen Diner beendigt worden. Am Abend des genannten Tages kehrte der Ka.,'er von der pommerschen Hauptstadt nach Berlin zurück, begleitet vom Prinzen und der Prinzesstn Wilhelm, sowie dem Prinzen Friedrich Leopold. Die Kaiserin hatte stch bereits am vorherge­gangenen Tage nach Berlin zurückbeg-ben und reiste am Samstag Vormittag nach Baden-Baden ab. Die Anstrengungen der Katsertage in Pommern haben erfreulicher Weise keinerlei nachtheil'ge Folgen sür den Kaiser zurückgelaffen, auch der leichte Ohnmachts-Anfall, welcher den hohen Herrn bei dem von den Stettiner Civilbehörden gegebenen Diner betraf, wurde von ihm bald überwun­den. Die nächsten Tage wird der Kaiser noch in Berlin residiren, um dann gegen Ende der Woche ebenfalls nach Baden-Baden überzustedeln, wo die Maje­stäten, andauernd günstiges Wetter vorausgesetzt, bis Mitte October zu weilen gedenken.

Unter den innerpolitischen Angelegenheiten stehen jetzt die Verhand­lungen des bayerischen Landtages an erster Stelle, da ste eine Reihe von Fragen betreffen, die gerade nicht nur Bayern interessiren, speciell aber, weil stch der Landtag zunächst mit dem Eintritte Bayerns in die Branntwein- steuer«Gemeinschaft zu befassen hat. Entsprechend dem in der Thronrede des Prinz-Regenten geäußerten Wunsche, wird die parlamentarische Behandlung dieser Frage mit möglichster Raschheit vor sich gehen und überwies die Abgeord­netenkammer noch am Freitag die Branntweinsteuer-Vorlage aus Antrag Mar- quardsen's einem Specialausschub. Am gleichen Tage wählte die Kammer auch einen Adreßausschuß von 21 Mitgliedern. Bei der lebhaften Befürwortung des Anschlusses Bayerns an die Reichs - Branntweinsteuer - Gemeinschaft seitens der Regierung und da der Finanzminister in der Donnerstags-Abendsitzung der Abgeordnetenkammer die hieraus für Bayern erwachsenden Vortheile nochmals beleuchtete, dürfte die Annahme der betr. Vorlage durch den bayerischen Landtag, zumal in dem letzteren eine dem Anschlüsse Bayerns an das Retchs-Branntwein- steuergesetz entschieden günstige Stimmung vorherrscht, nicht zu bezweifeln sein. Die beiden Kammern des württembergtschen Landtages haben das Gesetz, betr. den Eintritt Württembergs in die Branntweinsteuer-Gemeinschast, bereits angenommen, die Abgeordnetenkammer mit großer Mehrheit, die Stände- krmmer einstimmig. Da sich kürzlich auch schon der Beitritt Badens zur Branntweinsteuer-Gemeinschast vollzogen hat, so wird das vom Reichstage be­schlossene Branntweinsteuergesetz am 1- October für das ganze Reich in Kraft treten und hiermit ein neuer hochwichtiger Schritt zur wirthschastltchen Einigung Deutschlands gethan sein. Der Erbgraf von Neipperg hat zwar in der würt- tembergischen Ständekammer fein Bedauern darüber ausgesprochen, daß mit der Annahme der Branntweinsteuer-Vorlage ein weiterer Fortschritt der Reichs- Einheit verwirklicht werde, bei der Lebendigkeit des Reichsgedankens gerade in Eüddeutschland kann man aber getrost annehmen, daß die große Mehrheit der

Süddeutschen diese greisenhafte politische Gesinnung des Herrn Erbgrasen von Neipperg entjchteoen nicht theilt.

Die bayerische Retchsrathskammer hielt am Freitag eine Sitzung ab, in welcher zunächst Prinz Rupprecht, der älteste Sohn des Thronfolgers Prinz Ludwig, sowie sieben andere neu eintretenbe Mitglieder eingeführt wurden. Hieraus erfolgte die Wiederwahl der früheren Ausschüsse, alsdann beschloß die Kammer eine Dankadresse auf die Thronrede und schließlich ward das Brannt- wetnsteuergesetz dem vereinigten ersten und dritten Ausschüsse überwiesen.

In Frankfurt a. M. tagte der Verein zur Wahrung der chemischen Industrie Deutschlands und in Darmstadt der Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke.

Die Frage der Einführung zweijähriger Budget- und fünfjäh­riger Legislatur-Perioden für das Reich ist in der Presse wieder auf­getaucht. Bekanntlich beschäftigte dieses Project den Reichstag in Folge der bezüglichen conservattven Anträge im vorigen Jahre, die damalige Mehrheit des Hauses verhielt sich aber ablehnend und auch die Regierung nahm eine sehr reservirte Stellung ein. Es heißt nun, die betr. Anträge sollen womöglich schon in her kommenden Session eingebracht werden und verlautet, die jetzige confer» vatio-nationalliberale Mehrheit würde denselben nicht unfreundlich gegenüber­stehen, während die Regierung noch Schweigen beobachte. Es muß indessen vorläufig bezweifelt werden, ob sich wirklich eine Mehrheit fände, eines der wich­tigsten Rechte des Reichstages, die alljährliche Prüfung des Etats, durch die Bewilligung zweijähriger Budget-Perioden aus der Hand zu geben, während der Vorschlag, die allgemeinen Wahlen anstatt alle drei Jahre, nur alle fünf Jahre stattfinden zu lassen, vielleicht eher Aussicht auf Verwirklichung hätte.

Bei Doncaster stießen am Freitag zwei Eisenbahnzüge, von denen einer ein Vergnügungs-Extrazug war, zusammen. Nach den bisherigen Meldungen haben hierbei ca. 20 Personen das Leben eingebüßt, während gegen 70 ver­wundet wurden.

Der Appell der zum Tode verurtheilten Chicagoer Anarchisten an den höchsten Gerichtshof der Union gegenüber dem bestätigenden Erkenntniß des Gerichtshofes von Illinois wird als fruchtlos betrachtet. Die Anarchisten von New« York und anderen Städten der Union sollen mit Wiedervergeltung drohen, falls das Urtheil an denGenossen" vollstreckt werden sollte.

Deutschland.

Romrod, 18. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog wohnten mit dem Erbgroßherzog und dem Fürsten Alexander dem Gottesdienste bei, fuhren dann nach Eisenbach zum Besuch des Baron Riedesel und im Laufe de» Nachmittag« nach Schlitz zum Grasen Görtz, in dessen Schloß Allerhöchstdieselben Wohnung nahmen. r .

Schlitz, 18. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog sind gestern nach 1 Uhr mit dem Fürsten Alexander in Schloß ^nbach einge­troffen, woselbst die Höchsten Herrschaften von Baron Riedesel und dessen Mutter, der Baronin Riedesel, empfangen wurden; anwesend dabei waren Oberst v. Kayser