Ausgabe 
21.8.1887 Zweites Blatt
 
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Liebe zu dem angestammten Herrscherhause immer wieder der neutrale Boden ist, aus welchem sich die durch den leidigen Nationalitätenhader entzweiten Völkerstämme der Habsburgischen Monarchie immer wieder zusammenfinden und das ist ein trostreicher, lichter Punkt in der Nationalitätenmisvre des Kaiserstaates.

Die Rede König Leopolds bei den Denkmalsfeierlichkeiten in Brügge wirkt noch immer in Belgien nach. Allgemein wird die begeisternde Aufforderung, im Nothsalle jedes erforderliche Opfer zur Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des belgischen Staates zu bringen, als eine Desavouirung des die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht verwerfenden Beschlusses der belgischen Kammern betrachtet. Der Wort­laut der königlichen Rede, den jetzt die belgischen Blätter veröffentlichen, bestätigt allerdings diese Auffassung voll und ganz und vielleicht wird das belgische Parlament bald Gelegenheit finden, seinen kleinherzigen Beschluß in der Mllitärfrage, den mit dem König die Mehrheit der belgischen Nation miß- billigt, wieder rückgängig zu machen.

Ein Friedenssymptom aus Rußland! DieP. C." läßt fich aus Petersburg melden, daß seit Kurzem der Effektivbestand der russischen Armee in fast allen Waffengattungen unauffällig, aber beträchtlich reducirt würde. Auch Urlaubsgesuche von Officieren und Mannschaften der activen Armee würden bereitwilligst gewährt; nur die Festuugsbauten in Podolien sollen ausgesührt werden. Wahrscheinlich geht den Russen allmälich das Geld zur Erhaltung ihrer kolossalen Streitkräfte aus, anders ließe sich die gemeldete Truppenreduktton kaum erklären.

In England zieht sich die parlamentarische Session ungewöhnlich in die Länge. Oberhaus und Unterhaus können sich über die irische Landbill nicht einigen, da das erstere die vielen vom Hause der Gemeinen an der Vor­lage vorgenommenen Abänderungen verwirft. Nach neueren Meldungen hat das Oberhaus seinen Widerstand gegen eine Reihe von Amendements des anderen Hauses zwar fallen lassen, dagegen hält jenes um so hartnäckiger an seinem Widerspruche gegen die Bestimmungen hinsichtlich des Pachtzinses fest. Von einer Einigung zwischen den beiden Häusern über die Pachtzinsfrage ist bis zur Stunde noch nichts bekannt.

Ein trauriges Zeitenzeugniß.

Nachdruck verboten.

Tausende von Handlungsdienern irren in den großen Städten ohne Beschäftigung umher, täglich durchsuchen sie mit erneuter Hoffnung den Jnseratenthetl der Zeitungen, um auf jede nur irgendwie geeignet erscheinende Stellung ein Anerbieten einzureichen. Mit fieberhafter Spannung harren sie Tage und Wochen auf ein positives Ergebniß ihrer Bemühungen, um immer wieder enttäuscht von Neuem zu beginnen. Umsonst! DaS Angebot übersteigt zu gewaltig die geringe Nachfrage, die Offertschreiben sind in zu riesigen Mengen eingelaufen, als daß eine Prüfung im Einzelnen dem Prinzipal auch nur annähernd möglich wäre. So vergehen für den Stellungsuchenden Wochen und Monate. Der kleine Zehrgroschen ist längst ausgegeben, ein Stück nach dem andern wird verkauft oder verpfändet, erst das scheinbar Entbehrliche, dann nur zu bald das Unentbehrliche, und ehe ein halbes Jahr verflossen, ist der früher in geachteter Stellung conditionirende junge Kaufmann zu einem äußerlich reductrten und ver­nachlässigten Menschen herabgesunken, der aus einen Platz in einem respektablen Hand­lungshause kaum noch Anspruch machen darf. Und was ist die Folge? In den meisten Fällen ist körperliche und geistige Verkümmerung das Loos eines Mannes, der mit so hohen Erwartungen in das Leben trat.

fl H I I Prakt. Arzt und Geburtshelfer, Special-Arzt für |P lIVDPlÜPh grauen-und Geschlechtskrankheiten Frankfurta.M.

Ul e UV ul lUull Stiftstraße 22. Sprechstunde täglich von 10 bis 1 und

3 bis 5 Uhr. Auswärts w. a. brieflich. 4468

Die Schilderung dieses Nothstandes ist kaum zu grell ausgemalt- ied-nk.n- * sie in den Grundzügen zu. 9 ' Ebenfalls trifftt

Man wird sich erinnern, daß im Sommer 1880 zum ersten Male in as land Versammlungen über Versammlungen abgehalten wurden in denen ^.Zutsch- Kaufleute die Schwierigkeit, Stellung zu finden, erörterten. Die damaliae ®2Un0era verlief allerdings im Sande, ohne ein greifbares Resultat zu hinterlassen. r 8Ucn@ fast jedes Jahr wieder auftaucht, wesentlich intensiver und verbreiteter, dürfte Zeugntß dafür ablegen, daß sic aus dringenden, unabweisbaren Bedürfnissen5 erwachsen, nicht künstlich erregt worden ist, und ihre Naturwüchsigkeit wird"-» verhindern, daß sie von der Oberfläche des öffentlichen Lebens sobald mi-E schwindet. Warum sollte auch der kaufmännische Stand allein sich nicht m l?' samem Handeln auf wirthschaftspolttischem Gebiet zusammenschließen? 1 gefeit gegen die wirthschaftlichen Nöthen, welche alle anderen Stände heimsüA-»str schwerer, jenen leichter? Ein Beruf nach dem andern fühlt die verheerenden Tom,, 611 der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung, ein Stand nach dem andern mirh mählich seines Anteils an dersocialen Frage" bewußt und es ist denn aC: natürlich, daß der Kaufmannsstand oder, richtiger, der Stand der kauimHnÄr^ Arbeiter, im Laufe der Jahre mit seinen Klagen bestimmter heroorgettelen ist fr,!uch ohne es bisher zu klaren Forderungen, zu einheitlichem Vorgehen und einhoiH Organisation durch ganz Deutschland gebracht zu haben. 9 t d)tr

Daß die vom Kaufmannsstande selbst ausgehende Schilderung feiner crtl.ur Lage, wie sie die obige Thatsache ergibt, wirklich den Verhältnissen entspricht eratbtfii aus den verschiedensten Anzeigen und Erfahrungen. In den Inseratenteilen ist » g? die Zahl der Stellengesuche weit größer als die Zahl der ausgeschriebenen Vakant und fast bei jeder Vakanz wird die Erfahrung gemacht, daß die Offertbrtefe nicht zu Dutzenden, sondern oft zu Hunderten eingehen. Sucht Jemand einen Arbeiter für ein dem Handel verwandtes Fach, etwa ein Rechtsanwalt einen Schreiber so befinde!- sich unter den sich Anbtetenden immer auch ein beträchtlicher Procentsatz jünger Kauf­leute. Ja, selbst bei vielen anderen, einer umfangreicheren technischen Vorbildung nicht bedürfenden Beschäftigungen bieten sich auf bezügliche Annoncen nicht selten stellenlos. Kaufleute für gewöhnliche Handarbeiterdienfte an.e,

So ist es seit Jahren in großen Städten nichts Seltenes, daß junge Kauflent- Kellner werden. Der Preis der kaufmännischen Arbeit ist notorisch bedeutend ae- sunken. Endlich, was vielleicht am schärfsten die traurige Lage vieler kaufmännischen Gehilfen bezeugt, unter den Wanderburschen, denarmen Reisenden", befindet sich heute eine große Zahl stellungsloser Kaufleute. In allen Städten wird heute von den Geschäftsinhabern, größeren und kleineren, lebhaft über die neue Species von wandernden Commis geklagt, die natürlich durch das Straßenleben rasch herunter­kommen.

Dürfte somit das Bestehen eines Nothstandes in den betheiligten Kreisen keinem Zweifel mehr begegnen, so scheinen doch andererseits die Vorstellungen über die Größe desselben ganz unzulängliche zu sein. Daß er groß, überraschend groß ist, schließen wir aus den Resultaten des Stellenvermittelungsgeschafts der kaufmännischen Vereine Dieselben zeigen stets eine breite Kluft zwischen der Zahl der angemeldeten freien Stellen und der Zahl der Bewerber und Stellesuchenven. Den größten Segen bieten, hier aber die kaufmännischen Stellenvermittelungs-Vereine, z. B. in Frankfurt a. M. Mannheim, Stuttgart, Leipzig, München, Nürnberg rc. Sie alle sind bestrebt, denn Elende zu steuern.

Und viel, ungeheuer viel wirken und schaffen sie, leider nicht genug, um das Uebel ausrotten zu können.

Immer und immer wieder müssen wir das alte Lied singen:Es drängen sich zu viel Leute zum Kaufmannsstande."

Wann wohl wird dies enden? Wann werden die Eltern wohl einsehen lernen, daß dieser Beruf zu überfüllt ist?

Nun, wir hielten es wieder für unsere Pflicht, zu den zahllosen Warnungen eine neue hinzuzufügen. Möge sie nicht ungehört verhallen! _____________________________ Egon W.

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