Ar. 2LS Dienstag den 20. September M87.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzkigkblatt für bcn Kreis Gießen. »
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Politische Ueberficht.
Gießen, 19. September.
Die große Aufmerksamkeit, welche von Setten höherer und höchster Kreise dem Prinzen Wilhelm gewidmet wird, hat im Allgemeinen wohl mehr
Vermuthungen erzeugt, als richtige Erklärungen gesunden. Besonder» ritt al« Deutung der ungewöhnlichen Jntereffennahme für den Prinzen Wilhelm die Befürchtung hervor, da» Befinden de» Kronprinzen könne weniger zufrieden- üellend sein, al» die osficiellen Berichte bekannt werden ließen. Diese Annahme ist jedoch erfreulicher Weise unbegründet. Selbstverständlich ist, daß der Kron- Mim noch längere Zeit sich schonen, eine» anhaltenden und lauten Sprechen» ■enthalten, rauhe Witterungrverhällnisfe möglichst meiden muß und daraus allein schon erklärt sich da» öftere Hervortrelen de» Prinzen Wilhelm, da er zur Lösung non Ausgaben berufen wird, die sonst dem Kronprinzen zusallen würden. Tatsache ist allerding», daß Prinz Wilhelm in militärischen Kreisen hoch «erchrt wird, aber angenommen werden darf nicht, daß seine Stellvertretung le» Kronprinzen hierzu Veranlassung gebe. Die Verehrung gründet sich vor- -ugrweise au? die wunderbare Fähigkeit de» Prinzen Wilhelm, mit Leichtigkeit Idie schwierigsten Aufgaben aus dem Gebiete militärischer Operationen zu lösen. Kon eingeweihten und zuverlässigen Personen wird versichert, der Prinz ent- vickele Feldherrn-Talente, welche an den Geist de» großen Friedrich erinnerten uind jeden Militär mit Bewunderung, jeden deutschen Mann mit Stolz und Be- rnhigung erfüllen müßten.
Die erste württembergifche Kammer hat gleich der zweiten dar Branntweinsteuergefetz genehmigt, nur mit dem Unterschiede, daß die Slanderherren da» Gesetz einstimmig genehmigten. Al» ein Curiosum au» der beglichen Debatte der ersten Kammer ifi eine Rede de» Erbgrafen Reipperg hervorzuheben, in welcher dieser vortreffliche Mann sein Bedauern darüber auigebrüdt hatte, daß mit der Annahme der Vorlage ein weiterer Fortschritt der Reichseinheit verwirklicht werde. In dem politischen Oberstübchen de» Herrn Erbgrasen muß e» recht fett' im aurfehen!
Die bäuerische Abgeordnetenkammer nahm am Donnerstag die kräfidiaknthl vor. Er wurde gewählt: Mit 155 Stimmen B-ron v. Ow > Centr.) zum Präsidenten, O'oeramtrrichter Alwen» (liberal) mit 154 Stimmen mm Viceprästdenten, Landgerichtrrath Geiger (Centr.) mit 154 Stimmen zum nisten und Dr. Eugen Buhl (liberal) mit 152 Stimmen zum zweiten Schrift- Phrer. Die Liberalen wie die Klerikalen sind bei dieser Verthetlung der parla- «entarischen Ehrenposten zu ihrem Rechte gekommen; freilich hat die bayerische Abgeordnetenkammer auch den großen Vorlheil vor den meisten anderen Parlamenten, daß e» in ihr nur zwei große Parteien flieht.
Ein neue« Manifest der Grafen von Parir hat da» Licht der Welt erblickt. Der orleantstische Thronprätendent führt in diesem Manifest eine frhr selbstbewußte Sprache und thut so, als ob die Wiederaufrichtung der orlea- Mischen Königthume» in Frankreich eine Frage der allernächsten Zeit fei. Nicht gewaltsam will aber der Graf von Parts dieser Ziel erreichen, sondern ganz tius legalem Wege durch zweckentsprechende Anwendung der allgemeinen Stimm« i echter; nur müsse da» Land über diesen Uebergang .aufgeklärt" werden. E» felgt dann eine Art Regierungs-Programm der Prätendenten, in welchem betreff» ter inneren Politik allen rückschrittlichen Tendenzen ein Absagebrief erthellt wird, während nach Außen hin dar Ansehen Frankreich« auf friedlichem Wege wieder hergestellt werden soll. Mit einigen schönen Phrasen schließt diese neueste Kundgebung der orleanistischen Prätendenten. Welche Aufnahme dieselbe bei den republikanischen Parteien Frankreich« findet, geht genugsam au« der beißenden Abfertigung hervor, welche ihr der ministerielle „Tempi" zu Theil werden löst. Da« republikanische Blatt meint, da» orleantstische Manifest werde weniger tie Republikaner und da» Land, sondern vielmehr die Rechte selber beunruhigen, iia der Prätendent sich durch da» von ihm befürwortete Plebircit der cäsarischen Doctrin de» Kaiserreich» nähere. Die Monarchie könne nur in Folge eine« Siege« der Anarchie wiederkehren und eine solche Chance der Rückkehr würden Ae französischen Republikaner der Monarchie hoffentlich nicht bieten. Da» Manifest scheint ober selbst bei den dem Grafen von Pari» näherstehenden Partiten keinen besonder» günstigen Eindruck hervorgerusen zu haben, denn da» einflußreiche klerikal-legitimistische „Unioer«" sagt, da» Manifest sei ein Verzicht cuf die traditionelle Monarchie, der Graf von Pari» werde ein Nebenbuhler und Nachahmer der Bonaparte«. Von dieser Ausnahme seine» Schriftstücke» in den Ltgitimistischen Kreisen wird der Prätendent wohl kaum angenehm erbaut sein.
Die Ostender Fischer-Krawalle haben, wie sich erwarten ließ, einen Depeschenwechsel zwischen London und Brüssel zur Folge gehabt. Ueber da« Ergebniß desselben verlautet noch nicht», doch ist an einer allseitig besriedi- «enden Beilegung der Affaire nicht zu zweiseln, um so weniger, al« jetzt die aiglischen Fischerboote ihre Ladungen in Ostende wieder ungestört löschen Amen.
Den zum Tode verurtheilten Chicagoer Anarchisten fällt jetzt da» 8er, in die Schuhe. Der oberste Gerichtrhos von Jllinoi» hat bekanntlich da» Ansinnen der Verurtheilten, ein Proceßversahren zu eröffnen, durch welche» sie Möglicher Weise dem Stricke hätten entgehen können, zurückgewiesen und da» Todeiurtheil bestätigt. Jetzt wird den Verurtheilten doch Angst, zumal schon der :ll, November als ihr Todestag angegeben worden ist, und sie wollen an den '»bersten Gerichtrhof der Union appelliren. Was doch diese anarchistischen Mord
gesellen für elende Kerle find — mit ihren Dynamitbomben haben ste Dutzende von Menschen kaltblütig in ein bessere» Jenseitr besördert; jetzt aber, wo er an ihr eigenes kostbares Leben geht, da bekommen die Most'jchen Spießgesellen Heulen und Zähneklappern!
Keutschland.
Nowrod, 16. September. Se. König!. Hoheit der Großherzog ritten heute gegen 8V2 Uhr vom Schloß nach der Straße nach Alsfeld, wo Oberft v. Golomb, der Führer des Ostdetachements, eben die Befehle zum Vormarsch ertheilte. Der vorgehenden Kavallerie folgend, begaben Sich Se. Königl. Hoheit nach dem Schmittberg, nordöstlich von Billertshausen, der eine weite Ausstcht gewährte über die Ausstellung des Ostdetachements und den Anmarsch des Westdetachements , das mit dem linken Flügel gegen Gethürms und mit dem Gros gegen Leusel anrückte. Nachdem letzterer Ort genommen war, wurde der Angriff gegen die Hauptposttion des Westdetachements auf dem Ruppler Berg eingeleitet, worauf das Signal zum Einstellen des Gefechts und zur Kritik gegeben wurde. Nach derselben erfolgte der Rückzug des Ostdetachements, da die angekommenen Verstärkungen dem Westdetachemcnt bedeutende Ueberlegenheit gegeben. Der Vormarsch erfolgte noch bis Alsfeld.
Se. Königl. Hoheit der Großherzog, begleitet von Sr. Großh. Hoheit dem Prinzen Heinrich und Sr. Hoheit dem Fürsten Alexander, ritten von Alsfeld nach Romrod zurück. Zur Tafel kamen auch Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog, begleitet von den Hauptleuten v. Schwartzkoppen und Freiherrn v. Stoltzenberg. Nach der Tafel kehrten Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog in fein Quartier nach Vockenrods zurück.
][ Darmstadt, 18. September. Ihre Großh. Hoheiten die Prin- zefflnnen Irene und Alix find heute früh, über Vltfstngen kommend, aus England hierher zurückgekehrt-
— Am Ludwig - Georgs - Gymnasium Hierselbst fand gestern und vorgestern die Maturitäts-Prüfung statt. Dem Examen unterzogen stch 27 Abiturienten, welche fämmtlich bestanden. Als Regierungs-Commiffarius fungirte der Director des Gymnasiums Dr. Becker.
Berlin, 17. September. Se. Majestät der Kaiser, Prinz und Prinzessin WU- helm, Prinz Friedrich Leopold und Moltke sind mit Gefolge 9V< Uhr Abends aus Stettin hier eingetroffen. ~ t .o ,, , . .
— Graf Herbert Bismarck ist von Friedrichsruhe Abends hierher zuruck- gekehrt.
- Gutem Vernehmen nach wird dem Reichstage eine Vorlage wegen der Ausdehnung der Unfalloersicherungspflichl auf eine Anzahl weiterer der Unfallsgefahr unterliegender Betriebe zugehen. Ob die Unfallversicherungsgesetzgebung Aenderungen unterliegt, hangt von den augenblicklich schwebenden Ermittelungen ab.
Dänemark.
Kopenhagen, 17. September. Nach der heutigen Vorstellung im Theater wird das russische Katserpaar nicht nach Fredensborg zurückkehren, sondern Nachts auf „Der- schawa" bleiben. Montag wohnt die königliche Familie mit den Gasten der Mikado- Vorstellung im Easino bet.
England.
Dublin, 17. September. Mandeville wurde heute aus dem nämlichen Anlaß wie vordem O'Brien wegen Aufreizung der Pächter zum Widerstande gegen bte Gesetze verhaftet. Mandeville soll mit O'Brien zusammen vor Gericht erscheinen.
Amerika.
Newport, 17. September. In Folge der Entscheidung des obersten Gerichtshofes von Illinois auf die Berufung der in Chicago zum Tode verurtheilten Anarchisten werden von den Anarchisten Gehetmversammlungen abgehalten und alle Anstrengungen gemacht, um öffentliche Meetings zu organisiren, in welchen gegen die bevorstehende Hinrichtung protesttrt werden soll.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Corresponden-- Bureau.
Berlin, 18. September. Se. Majestät der Kaiser ist im besten Wohlsein heute zur gewohnten Stunde aufgestanden. t x . o .
— Se. Majestät der Kaiser nahm Vormittags den Vortrag des Ober-Hos- marschalls Grafen Perponcher entgegen und empfing darauf den Besuch der Prinzessin Wilhelm, welche sodann nach Potsdam zurückkehrte. Ilm 12 Uljt empfing der Kaiser den Staatssecretär Grafen Herbert Bismarck zu längerem Vortrag. Nachmittags machte Seine Majestät eine Ausfahrt; auf 4 Uhr ist der Botschafter Graf Münster zur Audienz befohlen 18. September. Der russische Botschafter am Berliner Hofe, Graf
Schuwalow, ist gestern über Dünaburg nach Berlin zurückgereist. t m
— Der „Neuen Zett" zufolge ist die Uebernahme der Nicolaibahn in die Verwaltung des Staates definitiv beschlossen.
Universität- - Ehronik.
- ^Friedrich Theodor Vischer f-J Am Donnerstag voriger Woche brachte der Telegraph die Trauerbotschaft, daß der Aesthetiker Friedrich am Mittwoch Abend um V18 Uhr in Gmunden, wohin er sich zum.Besuch ' Verwandten begeben hatte, gestorben ist. Mit ihm ist eine der markantes ch festesten Persönlichkeiten der Jetztzeit, ein unermüdlicher, nie erlahmender Kampfe^ mr das Wahre, Schöne und Gute, eine Zierde der Wissenschaft, aus dem Lebenlgeschttvm. In scharfen Worten zog er gegen alle Lüge und Unnatur zu Fe Faust", der vor Jahresfrist erschienenen dritten neu bearbeiteten Auflage feines ,


