Pr. 192, Samstag den 20. August 1LL7.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Übersicht.
Gießen, 19. August.
Im Stadtschlolse zu Potsdam hat am Donnerstag Mittag im Beisein der Kaiserin, des Prinzen Wilhelm, zahlreicher höherer Osficiere u. s. w. die feierliche Nagelung und Weihe der den am 1. April d. Js. neu errichteten preußischen Regimentern und Bataillonen verliehenen Fahnen stattgesunden. An die erhebende Feier, welcher der Kaiser leider wegen Unwohlsein nicht beiwohnen konnte, schloß sich dann ein größeres Dejeuner int Stadtjchloffe. Der militärische Act hat dadurch eine besondere Bedeutung erhalten, daß er sich am 17. Jahrestage der gewaltigen Doppelschlacht von Gravelotte-St. Privat vollzog und die Erinnerung an jenen herrlichen Ruhmestag der preußisch-deutschen Armee schwebte auch über der Potsdamer Feier. Die Kämpfe vom 16. und 18. August 1870 tragen in ihrer Gesammtheit ebenso gut den Charakter einer Entscheidungsschlacht als die Schlacht bei Sedan und vielleicht tritt das todesmuthige Ringen der preußischen Regimenter bei Gravelotte und bei St. Privat — hier im Verein mit den sächsischen Waffengenosien — noch mehr hervor, als in der Sedanschlacht, lieber 19,000 Todle und Verwundete kostete der 18. August den Deutschen, aber das Erreichte war auch dieser Verluste werth, denn die große französische Rheinarmee ward, zum Theil in völliger Auflösung, nach Metz zurückgeschlagen, um hier von dem eisernen Ringe der deutschen Truppen bis zur Capitulation eng umschlossen zu werden. Die Erinnerung an jene große Waffenthat ist es, welche durch die Fahnenweihe von Potsdam wieder lebendig wird und welche diesem Acte seine eigene Weihe verlieh; möge der Geist vom 18. August 1870 auch in den neuen Truppentheilen walten 1
Am Donnerstag vollendete der österreichische Kaiser sein 57. Lebensjahr und der engen Freundschaft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef entspricht es nur, wenn der Geburtstag des österreichischen Herrschers auch am deutschen Kaiserhose festlich begangen wird. Diesmal ward bet Geburtstag des österreichischen Monarchen durch ein aus Schloß Babelsberg staltgefundenes größeres Galadiner gefeiert, an welchem sämmtliche zur Zeit in Berlin anwesende Mitglieder der österreichisch-ungarischen Botschaft thellnahmen. Der Botschafter Graf Szecheny hatte eigens seinen Sommer-Urlaub unterbrochen, um der Geburtstagsfeier seines Souverains in Babelsberg beiwohnen zu können.
Das Tages-Thema in der innerdeutschen Politik bildet noch immer die projectirte große Vereinigung der deutschen Spiritusbrenner zu einer Spiritus-Actien-Gesellschaft. Es hat sich in der Presse hierüber schon eine lebhafte Discussion erhoben und daß das Project bei dieser Gelegenheit zu politischer Tendenzmacherei ausgebeutet und al» der Vorläufer des staatlichen Spiritus-Monopols hingestellt wird, kann gerade nicht überraschen. Es wird hierbei auf da» neue Branntweinsteuergesetz hingewiesen und diese» gleichsam als die Grundlage bezeichnet, aus welcher die genannte Coalition sich erst hätte bilden können; e» mag sein, daß einzelne Bestimmungen des Gesetzes dem Plane förderlich gewesen sind, indessen hätte die Bildung einer solchen Coalition auch vor dem neuen Gesetze stattfinden können. Richt zu leugnen ist aber, daß die Existenz eines derartigen Verbandes, der nach den bisherigen Meldungen 8/io der Spiritusbrenner umfassen soll, seine großen Gefahren, in erster Hinsicht für dm deutschen Spiritus-Export, haben würde. Die in national - öconomischen Dingen wohl bewanderte „Hamb. Börsenhalle" prophezeiht, falls die Spirttus- Actien»Gesellschaft noch zu Stande kommen sollte, den Verfall der wirthschastltch so wichtigen und so hochgebrachten Spritaussuhr Deutschlands und erblickt in dem Coalitionr-Unternehmen eine förmliche Untergrabung der Stellung des deutschen Spiritus auf dem Weltmärkte. Ueber die Stellung der Reichsregierung, lesp. der preußischen Regierung zu dem Projecte verlautet auch jetzt noch nicht» Näheres und find dessen Grundlagen überhaupt noch so schwankende, daß erst noch eine weitere Klärung der ganzen Angelegenheit abzuwarten ist; mit der vestigen Polemik, die sich hierüber zwischen den Blättern der verschiedenen Par- mrichtungen entsponnen hat, ist aber der Gewinnung eine» objektiven Urtheile» schwerlich gedient.
Die deutsche Kriegsflotte hat bereit» wieder einen Zuwachs erhalten, indem am Dienstag auf der Werft zu Wilhelmshafen der Kreuzer A üom Stapel lief; derselbe erhielt den Namen „Schwalbe."
In Frankfurt a. M. tagte am Montag und Dienstag die constitui- rende Versammlung des evangelischen Bunde», die von ca. 400 Mitgliedern besucht war. Rach der einstimmigen Annahme des Bundesftatuts sandte Versammlung an den Kaiser ein Huldigungs-Telegramm.
Die bayerischen Minister v. Lutz und v. Crailsheim trafen am Diensiag zum Besuche des Fürsten Bismarck in Kisfingen ein.
Die fürstlichen Gäste des dänischen Königrpaares auf Schloß Riampenborg haben sich soeben durch das Eintreffen der Prinzessin von Wale» und zweier ihrer Töchter vermehrt. Der Prinz von Wales dagegen weilt noch in dem Taunusbade Homburg und ist es noch unbekannt, ob er ebenfalls an vem fürstlichen Familientage von Kopenhagen Theil nehmen wird. Der Ankunft ves russischen Kaiserpaares und des Großfürsten-Thronfolgers sieht man in der manischen Hauptstadt in den nächsten Tagen entgegen.
h ->.3" Böhmen stehen die Erneuerungswahlen zumLandtage vor ?ei Thür. Es handelt sich hierbei um die Neuwahl der deutschen Mitglieder Prager Landftube, welche in Folge der die Czechen auffallend begünstigenden
Maßnahmen des Grafen Taaffe gemeinsam den Landtag verlassen hatten. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß bei den Erneuerungswahlen die „strikenoen" deutschböhmischen Abgeordneten im Großen und Ganzen wiedergewählt werden, dieselben machen indessen ihren Wiedereintritt in den Landtag von der Gewährung gewisser Garantien seitens der Regierung abhängig. Vor Allem verlangen die Vertreter des deutfchböhmifchen Volkes die Aufhebung der berüchtigten Brazak'fchen Sprachenverordnung; aber obwohl gegenwärtig der Wind in Oesterreich für die Herren Czechen wieder einmal ein bischen ungünstig weht, so ist doch nicht daran zu denken, daß eine Maßregel aufgehoben werden sollte, welche als eine Grundfäule der Taaffe'schen Regierungsweisheit gilt. Weiter verlangen die deutschen Abgeordneten die sprachliche Zweitheilung des Prager Oberlandesgerichtes und des böhmischen Landeskulturrathes, indessen auch nach dieser Seite hin dürsten die deutschen Forderungen keine Aussicht auf Erfüllung haben. Die parlamentarifchen Vertreter des deutfchböhmifchen Volkes dürsten demnach ihre Abstimmungspolitik sortfetzen, fraglich bleibt es aber, ob dieselbe den wirklichen Interessen der Deutschböhmen entspricht.
Der erste Act des neuen Fürstendramas auf bulgar. Boden ist nun vorüber und Fürst Ferdinand — der osficiöse Telegraph nennt den neuen Landesherrn der Bulgaren noch immer hartnäckig „Prinz" — kann mit dessen Verlaus wohl zufrieden sein. Die Eidesleistung des Fürsten in der alten Krönungsstadt Tirnowa gestaltete sich zu einem glänzenden Huldtgungsacte der Bulgaren für „Ferdinand I." und auch die Armee leistete dem neuen Souverän anstandslos den Eid der Treue. Von Tirnowa aus hat sich Fürst Ferdinand zunächst nach Oft'Rumelien begeben und zweifellos werden ihm auch hier begeisterte Ovationen bereitet werden; die Bildung des neuen Ministerium» soll erst nach dem feierlichen Einzuge in Sofia erfolgen. Soweit wäre Alles ganz gut, aber der hinkende Bote wird wohl nur zu bald nachkommen. Die Proklamation nämlich, mit welcher Fürst Ferdinand die Session der Sobranje schloß, hat an europäischen Höfen ob ihrer stolzen und selbstbewußten Sprache arg verschnupft. Besonders auffällig ist die äußerst scharfe Kritik, welche die „Rordd. Allg. Ztg." an der Proklamation übt; das Berliner officiöse Blatt rügt es namentlich, daß die Kundgebung des Sultan» und der Mächte mit keinem Worte gedenkt und bezeichnet dieselbe als eine flagrante Verletzung des Berliner Vertrages, welche von der deutschen Politik nicht gutgeheißen werden könne. Schließlich spricht die „Nordd. Allg. Ztg." die Befürchtung aus, daß durch die „rechtswidrigen Vorgänge" in Bulgarien die Ruhe und die Friedensaussichten in Europa gestört werden könnten.
Diese Auslassung zeigt deutlich, was der Koburger von den Mächten zu erwarten hat, indessen scheint er sich vorläufig durch die Drohungen der Offi- ciösen der Newa, Donau und Spree nicht etnschüchtern lassen zu wollen und von seinem Standpunkte aus kann man dem Fürsten nicht Unrecht geben.
Hesterreich.
Wien, 18. August. Der „Polit. Corresp." wird aus Petersburg gemeldet, daß seit Kurzem der Effecttvstand fast aller Waffengattungen der russischen Armee in unauffälliger Weise beträchtlich reducirt werde. Urlaubsgesuche der Osficiere und Mannschaften der acttven Armee würden sehr bereitwillig gewährt. Dagegen würden die Fortificationen in Podolien, namentlich bei Luck und Rovno, nunmehr ausgesührt; die Erdarbeiten hätten bereits begonnen. Außerdem sei der Bau von vier großen Kasernen bei Holeszowo in Angriff genommen.
Kngland.
London, 18. August. Die in Cowes verhaftete Mathilde Drouin ist entlaffen worden, nachdem die wieder aufgenommene Verhandlung die Unschuld der Angeklagten ergeben hatte.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorresponderrz-Bnreair.
Potsdam, 18. August. Im Marmorsaale des Königlichen Stadtschlosses fand heute Vormittag 11 Uhr die Nagelung und feierliche Weihe der den neuen Regimentern und Bataillonen verliehenen Fahnen statt. Seine Majestät der Kaiser ließ sich bei der Feier durch Se. K. Hoheit den Prinzen Wilhelm vertreten. Außer Sr.K. Hoheit dem Prinzen Wilhelm nahmen an der Feier Theil: Ihre Majestät die Kaiserin, Ähre K. Hoheiten die Frau Prinzessin Wilhelm, die Frau Prinzessin Friedrich Carl, die Prinzen Friedrich Leopold und Alexander, ferner die im Gardecorps dienenden und zur Zeit bei ihren Truppentheilen anwesenden Primen aus regierenden deutschen Häusern, sämmtliche aktiven Generale der Berliner und hiesigen Garnison, die Generaladjutanten, Generale h la suite und Flügeladjutanten Sr. Majestät, die Umgebungen Ihrer Majestät der Kaiserin und der Prinzlichen Herrschaften. Nachdem Se. K. H. der Prinz Wilhelm auf jede der auf Tischen aufgelegten neuen Fahnen den ersten Nagel im Namen Sr. Maj. des Kaisers eingeschlagen hatte, schlug Ihre Mmestat die Kaiserin den zweiten Nagel ein. Hierauf folgte Se. K. H. der Prinz Wilhelm mit einem Nagel für Se. K. u. K. Hoheit den Kronprinzen, einem Nagel für Ihre K., unv K. Hoheit die Kronprinzessin, einem dritten für sich und mit je esiiem Nage! für reoen seiner vier Söhne, sodann Ihre K. Hoheit die Frau Prinzessin Wilhelm und die übrigen Prinzen und Prinzessinnen nach ihrer Rangordnung, sowie die Hinzen uno Prinzessinnen deutscher Häuser, ingleichen die Generalität, die Regimentscommandeure und die zur Feier kommandirten Osficiere und Fahnen-Unteroffictere. An Nagelung der Fahnen schloß sich, ebenfalls im Marmorsaale, die kirchliche Fein zur Wethei der Fahnen, die vom Feldprobst Dr. Richter vorgenommen wurde. Die neuen ^hnen wurden nach dem Schlüsse der kirchlichen Feier durch die Leibcompagnie des 1. Garde-


