M'. 67 Erstes Blatt. Sonntag d.. 20. März
1887.
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Anits- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vurea«r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt.
Amtlicher Hheil.
Gefunden: 1 Vorstecknadel, 1 Maaßstab, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Militär-Dienstabzeichen. Gießen, am 19. März 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius
Darmstadt, 16. März. Das Großh. Regierungsblatt (Vellage Nr. 6) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Organilalion der Unfallversicherung betreffend.
2. Bekanntmachung desselben Ministeriums, den Ausschlag der zur Bestreitung der allgemeinen Bedürfnisse der evang. Kirche des GroßherzogthumS im Etatjahr 1887/88 erforderlichen Steuern betreffend.
3. Ueberstcht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz
für das Jahr 1887/88 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse
ver israelitischen Religions»Gemeinden des Kreises Bingen.
4. Ueberstcht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz
für das Etatsjahr 1887/88 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Com-
munal-Bedürsnisse in den israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Gießen.
5. Verzeichniß der Vorlesungen, Uebungen und Praktika, welche im Sommer-Semester 1887 in den 6 Fachabthellungen der Großherzoglichen technischen Hochschule zu Darmstadt gehalten werden.
7. Ordensverleihungen.
8. Dienstnachrichten:
Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnadigst geruht: Dm 12. Febr. dem evang. Pfarrer Hermann Deichert zu Merlau hie evang. Psarr- stelle zu GroßeN'Buseck zu übertragen; am 13. Febr. den von dem Herr? Grasen von Stolberg-Wernigerode aus die evang. Psarrstelle zu Lindheim prä- sentirten evang. Pfarrer Wilhelm Werner zu Udenheim für diese Stelle zu bestätigen.
Am 16. Febr. wurde die Schulamtsaspirantin Luise Wenck aus Darmstadt zur Lehrerin an der höheren Mädchenschule flu Wcrmr, unter ” in der Kategorie der Volksschullehrerinnen, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, ernannt; am 19. Febr. wurde der von dem Herrn Fürsten zu LSwenstein- Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg aus die erledigte erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Sandbach präsentirte Schulamtsaspirant Leonhard Krämer aus Güttersbach, an dems. Tage wurde der von dem Herrn Fürsten zu Dsenburg-Birstein auf die erledigte zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dreieichenhain präsentirte Schulamtsaspirant Wilh. Weimer au« Lehnheim für diese Stelle bestätigt.
8. Dienstenllassung.
9. Ruhestandsversetzungen:
Am 8. Febr. wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Steinheim Phllipp Würtenberger auf sein Nachsuchen bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, am 9. Febr. wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Erzhausen Friedrich Brustus aus sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. Mai d. J-. an, in den Ruhestand versetzt.
10. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Die evang. Psarrstelle zu Kettenheim im Dekanate Alzey. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Geinsheim mit einem Gehalt von 900 «X Dem Herrn Fürsten zu Menburg-Birstein steht das Präsentation-recht zu dieser Stelle zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrersteüe an der Gemeindeschule zu Erzhausen mit einem Gehalt von 900 «X Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Sauer-Schwabenheim mit einem Gehalt von 900 <x Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lich mit einem nach dem Dienstalter des betr. Lehrers stch bemessenden Gehalt von 1000 bis 1500 Jt. Dem Herrn Fürsten zu Solms-Ltch steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Münster mit einem Gehalt von 900 tX Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Fürsten zu Solms- Lich steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Neuhausen mit einem jährl. Gehalt von 900 JL
11. Sterbefälle:
Gestorben sind: Am 4. Deeember 1886 der evang. Pfarrer Dr. Wilh. Wägner zu Kettenheim; am 9. December der evang. Pfarrer Ludwig Rudolf Schlich zu Partenheim; am 13. December der Lando richts-Actuar i. P. Ludwig Friedrich Seitz zu Lauterbach; am 26. December -tc evang. Pfarrer Reinhold Zöckler zu Laubach; an dems. Tage der evang. Pfarrer Johann Wilhelm Kleinhanß zu Hochheim; am 9. Januar der Wagenrevisor bei den Oberheff. Eisenbahnen Robert Hertwig zu Gießen; am 11. Januar der Hauptstaatrkaffe- Director i. P. Ernst Feidel zu Darmstadt; am 24. Januar der Heizer bei den Oberheff. Eisenbahnen August Sudheimer zu Gießen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenr-Brrreair.
Berlin, 18. März. Se. Majestät der Kaiser empfing gestern Nachmittag 4 Uhr den Afrikareisenden Junker. Heute Nachmittag 1 Uhr empfängt der Kaiser vier japanische Offictere in Begleitung des Attaches Grafen Anenokosi.
Berlin, 18. März. Se. Maj. der Kaiser empfing Vormittags den Hauptmann v. Hülsen und den Premierlieutenant v. Hanffstengl, welche sich Abends nach Petersburg begeben, um dem Kaiser von Rußland eine Anzahl Mannschaften des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments in der neuen Gepäcksausrüstung oorzustellen. Der Kaiser nahm sodann den Vortrag des Grafen Stolberg und des Polizeipräsidenten v. Richthosen entgegen. Sodann machte Seine Majestät eine Spazierfahrt. Nachmittags um 4 Uhr kommt der Staatssecretär Graf Bismarck zum Vortrag.
Potsdam, 18. März. Kronprinz Rudolf von Oesterreich fuhr heute Vormittag nach der Kaserne des Gardebusaren - Regiments und wohnte daselbst der Officiers- reitstunde bei. Dann begab sich derselbe mit dem Prinzen Wilhelm nach dem kleinen Exercierplatze, wo ein Exercieren im Feuer von 3 Compagnien des 1. Garderegiments gegen eine Compagnie des Lehr-Jnfanterie-Bataillons stattfand. Die ganz besondere Aufmerksamkeit des Kronprinzen erregte das Feuern mit dem neuen Magazingewehre; einige größere Abtheilungen mußten mit diesem Gewehre Schnell- und Salvenfeuer ausführen; auch nahm der Kronprinz die neue Gepacksausrüstung sehr genau in Augenschein. Später folgte derselbe mit dem Prinzen Wilhelm einer Einladung des Officier- corps des 1. Gmdercgiments zum Frühstück im Officiers-Casino.
Köln, 18. März. Die englische Post von gestern früh ist ausgeblieben, weil das Schiff wegen ungünstiger Witterung im Canal zu Ostende nicht herangekommen ist.
London, 18. März. Das Unterhaus nahm nach neunstündiger Debatte die ersten Positionen des nächstjährigen Marinebudgets, betreffend den Mannschaftsstand und die Löhnung, sowie die Nachtrags-Credite des Marinebudgets für das laufende Jahr an.
— Bei einem Bankett der Liberalen sprach Gladstone über die irische Frage und die Spaltung der liberalen Partei. Er sagte, eine Uebereinstimmung über Worte ohne eine Uebereinstimmung über Principien wäre nur ein Unglück, doch hoffe er, daß es möglich sein werde, sich über viele Abänderungen und Verbesserungen seiner Home- rule-Entwürfe, insbesondere über die Frage des Wiederankaufes des Grundbesitzes in Irland, zu verständigen; er halte es für vollkommen möglich, den Wiederankauf so zu gestalten, daß der Credtl des Reiches dabei nicht in Anspruch genommen werde, hoch würde ein solcher Plan durchaus die Schaffung einer wirklichen Autonomie Irlands erfordern; er wünsche übrigens keineswegs ein zu schnelles Vorgehen in der Homerule- Ftage und sei überzeugt, daß das englische Volk in nicht zu langer Zeit sich mit der Homerule-Gesetzgebung einverstanden erklären werde. . .
London, 18. März. Unterhaus. Unterstaatssecretär Fergusson erklärt, es e ihm nichts davon bekannt, daß Deutschland die Insel Chusan ober eine Neben nf besetzt oder unter sein Protectorat gestellt habe. Gorst erklärt: Ich weiß nichts von der Absicht der indischen Regierung, ein Observationscorps an der Pischmgrenze aus- -ustellen.
Reichstag.
E. R, Berlin, 18. März 1887.
Der Vertrag mit Serbien wegen des gegenseitigen Schutzes der gewerblichen Master und Modelle wird in erster und zweiter Lesung ohne Diskussion genehmigt.
Es folgt die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betr. den Verkehr mit blet- und zinkhaltigen Gegenständen. Nach kurzer Diskussion wird die Vorlage an eine besondere Commission von 21 Mitgliedern zur Vorberathung verwiesen.
Die Novelle zum Reichsbeamtengesetz (Regelung der Pensionirung der Reicksbeamten) wird nach einer kurzen Bemerkung des Abg. Hahn (Kso.) zur zweiten Berathung im Plenum gestellt.
Der letzte Gegenstand der Tagesordnung ist die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfindenoen Gerichtsverhandlungen.
Staatssecretär vr. v. Schelling: Die Vorlage bedeute eine Verstärkung der bisherigen Bestimmungen; sic war nöthig, weil sich im Publikum die Neigung für sensationelle Gerichtsverhandlungen herangebildet hat, dem die besseren Zeitungen Rechnung tragen. Dagegen, daß über Verhandlungen, bet denen die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, Berichte in die Oeffentlichkeit gekommen sind, könne man sich schützen, aber es liegen noch andere Momente vor. Unsere Armeeverhältnisse sind fortgesetzt Gegenstand der Auskundschaftung. Diese Versuche haben zu Landesverrathsprocessen geführt und da ist es denn z. B. beim Proceß Sarauw vorgekommen, daß trotz des Ausschlusses der Oeffentlichkeit Einzelheiten aus der Anklageakte in die Zeitungen gekommen sind, wodurch die Interessen des Deutschen Reiches in empfindlicher Weise geschädigt worden sind. Die bestehenden Mißstände bedürfen einer durchgreifenden Abhilfe; wir hoffen daher auf eine Am»ahme der Vorlage. (Beifall rechts.)
Abg. Rintelen (Ctr.) spricht sich im Wesentlichen für die Vorlage aus, hat aber verschiedene Bedenken gegen Einzelheiten derselben und beantragt Ueberweisung an eine Commission von 14 Mitgliedern.
Ab. Dr. Meyer (natl.) äußert sich in ähnlicher Weise, ist mit Commissions- berathung gleichfalls einverstanden.
Abg. Kräcker (Soz.) erklärt sich als Gegner der Vorlage. Selbst bei politischen re.ffs-n erscheine die öffentliche Urtheilsverkündigung nothwendig, ganz besonders bei der jetzigen Handhabung des Socialiftenaesetzes, wo man überall eine Gefährdung von Staat und Gesellschaft erblicke. Die Bestimmung, daß es selbst dem Angeklagten verboten werden könne, etwas über die Gerichtsverhandlungen mttzutheilen, sei ganz undurchführbar.
Abg. Klotz (dfr.) bekämpft die Vorlage, die in ihren wesentlichen Punkten dringender Abänderungen bedürfe, die die Commission hoffentlich annehmen werden.
Nach einer kurzen Bemerkungen des
Geh. Legationsraths Dr. Kayser auf die Ausführungen des Abg. Kräcker wnd der Gesetzentwurf an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen.
Näckste Sitzung Montag. Etat.


