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Samstag den 19. Februar
1887
Nr. 12.
Erscheint täglich mit 9tu§nnhme des Montags.
virrea« r Schulstraße 7.
Zorilla, derFührer der radikalen republikanischen Partei Spaniens, spinnt von Paris aus wieder einmal seine Verschwörungs-Fäden über die Pyrenäen hinüber. Zorilla empfing dieser Tage die Deputation einer kürzlich in Madrid stattgesundenen republikanischen Versammlung, auch gehen ihm von Seilen seiner Anhänger fortgesetzt zahlreiche Zustimmungs-Erklärungen und Ergebenheits-Adreffen zu und soll er dritten Personen gegenüber ganz offen erklärt haben, daß eine republikanische Vereinbarung von größter Tragweite im Werke sei- Eigenthümlich ist, daß die sranzöstsche Regierung den alten Unruhstifter trotz wiederholter dringender Vorstellungen de» spanischen Botschafter» gänzlich ungeschoren läßt und scheint Herr FlourenS. der Minister des Auswärtigen, seltsame Anschauungen über die gewöhnlichsten internationalen Verpflichtungen zu hegen.
Die gemeldeten Grenzdisserenzen zwischen dem portugiesischen Gouverneur von Mozambique uno dem Sultan von Zanzibar müffen, wenn man den portugiesischen Berichten trauen darf, dem Sultan Bargasch den Said zur Last gelegt werden. Derselbe soll sich geweigert haben, mit dem Gouverneur über den Besitz der von Portugal beanspruchten Tungi-Bai und über die Grenze am Cap Delgado zu unterhandeln, so daß Portugal schließlich seine diplomatischen Beziehungen zu Zanzibar abbrach und seine dortigen Untertanen unter den Schutz des deutschen Consuls stellte. Wahrscheinlich wird der zanzi- barische Herrscher auch Portugal gegenüber nackgeben müffen, namentlich da letztere- mehrere Kriegsschiffe nach der streitigen Tungi-Bai entsandt hat.
Die Reconstruction des italienischen CabinetS muß ein schwierigst Stück Arbeit sein. Obwohl Herr Depretir diese Aufgabe bereits am Sonntag übernommen, wußte der römische Telegraph bi- zum Mittwoch noch nichts Authentisches über die neue Ministerliste zu melden und nur unbestimmte Zeitungsgerüchte find hierüber zu verzeichnen. So meint die „Italia", Depretis, Robilant und Magliani, der seitherige Finanzminister, würden die Stützen des neuen CabinetS bilden und die „Tribuna" weiß zu melden, daß entweder General Cialdini und General Bertole - Viale das Kriegsministerium übernehmen würde. Es scheint sogar noch nicht ganz fest zu stehen, ob Graf Robilant wirklich im Amte verbleiben will, denn der „Popolo Romano" spricht einstw-il^ur die Hoffnung aus, daß es den Freunden des Grafen Robilant gelingen werde, denselben zum Bleiben zu bewegen.
Politische Ueberficht.
Gießen, 18 Februar.
Von osficiöser Seite wird die Nachricht, daß eine kaiserliche Proklamation an die Reichstagswähler nicht erfolgen werde, nunmehr be- Migt. Die „Nordd. Allg. Ztg." theilt in dieser Beziehung mit, daß der Kaiser seine Wünsche hinsichtlich des Septennats und der Wahlen bereits beim Empfange der Adreß. Deputation des Herrenhauses klargelegt habe. Von dem Monarchen sei die» so deutlich mit dem Hinzusügen ausgesprochen worden, er möchte diese seim Meinung überall verbreitet werden, daß auch in einer Proklamation an die Wähler über die Stellung des Kaisers in biejer Sache neues Licht nicht verbreitet werden könnte.
Vom Bundesrathe ist, wie über Offenbach, so auch über Stettin enb Umgegenb bie Verhängung bes Kleinen Belagerungszustandes beschlossen worben, wie bies gleich nach dem Bekanntwerben von dem blutigen Stettiner Socialisten-Exceffe allgemein erwartet wurde. Von bieser Maßregel find außer der Stadt Stettin selbst noch bie Städte Grabow a. O. und Altdamm, sowie noch die Amtsbezirke Bredow, Scheune und Finkenwalde betroffen worden.
Das preußische Herrenbaus hat sich am Dienstag nach zweitägigem Zusammensein abermals auf unbestimmte Zeit vertagt. Am Montag wurde Die Kreis- und Provinzial-Ordnung für die Rheinprovinz unverändert ange- mommen und am Dienstag genehmigte das Haus ebenfalls unverändert den Entwurf über die Feststellung der Leistungen für Volksschulen. Vorausgegangeu war diesem Beschlüsse eine ziemlich lebhafte Debatte, an der sich u. A. auch der snitanweser-de Ministerpräsident Fürst Bismarck betheiligte, welche sich zumeist auf verschiedene, vom Herrenhaus - Mitglied v. Kleist-Retzow beantragte prinzi- rpielle Abänderungen zu § 1 bezogen; die bezüglichen Abänderungs-Anträge wurden aber schließlich von Herrn v. Kleist-Retzow zurückgezogen. Ein Antrag *her Commission, den Entwurf vorläufig nur für die Provinzen mit Krei-ord- mung Gesetzeskraft erlangen zu lassen, wurde einstimmig abgelehnt. Zu Anfang Ler Sitzung constituirle sich die kirchenpolitische Commission des Herrenhauses mit dem Grasen zur Lippe al» Vorsitzenden und dem Grafen Brühl al» dessen Stellvertreter. w r
Den Parlamenten in Wien wie in Pefth sind nunmehr die ange- Lündigten außerordentlichen Credit - Vorlagen nebst den Motiven Jugegangen. Die letzteren enthalten nichts Neues und wird in ihnen versichert, Laß Oesterreich-Ungarn mit feinen Interessen auf da» Gebiet friedlicher Entwickelung verwiesen sei, daß e» aber mit seinen militärischen Vorsichtsmaßregeln tzegenüber den andern europäischen Staaten nicht zurückbleiben könne. Der dem -österreichischen Abgeordnetenhause vorgelegte Entwurf verlangt 12 Mill. Gulden Zur Beschaffung von AuSrüstungS-Gegenständen für Landwehr und Landsturm iin Cisleichanien. Die dem ungarischen Unterhause unterbreitete Credit-Vorlage fordert die Summe von 7,460,000 Fl. zur Beschaffung von Reserve-KriegSvor- räthen für bie Honved-Armee (ungarische Landwehr) und für bie Ausrüstung ÄeS ersten Landsturm-Aufgebotes Welcher Stimmung die Credit-Vorlage im ungarischen Abgeordnetenhause begegnet, beweist die einstimmige Annahme der Forderung durch den Wehrausschuß noch am Tage ihrer Einbringung und im Plenum stlbst wird die Forderung ebenfalls einstimmig und debattelo» genehmigt werden; selbst die äußerste Linke roiü dasür votiren. Die eigentliche Berathung Iber Credit-Vorlage nebst dem regierungsseitig angekündigten anderweitigen, noch nicht fixirten Credit wird jedoch durch die am 1. März zufammentretenden Delegationen erfolgen. . _
Die Demission des ungarischen Finanzminister» Grafen Szapary ist zum Anlaß einer theilweisen Umbildung im Cabinet Tirza geworden. Interimistisch hat Ministerpräsident Tisza die Leitung des Finanzministeriums und der Arbeitaminister Baron Orczy diejenige de» Ministeriums des Innern, welches D«za bislang mitverwaltete, übernommen. An Orczy» Stelle wurde der Directions-Präfident Lukacs zum Minister für öffentliche Arbeiten ernannt. Allgemein wirb angenommen, daß Ti»za da» Portefeuille des Finanzminister» definitiv behalten werde, da fich in der That sonst keine geeignete Persönlichkeit für dieses wichtige Ressort zu finden scheint.
Der ehemalige österreichische Handelsminister Baron Pino ist zum Landesprästdenten der Bukowina ernannt worden. Baron Pino mußte bekanntlich wegen feiner engen Verbindung mit höchst zweiselhaften Persönlichkeiten und seiner höchst eigenthümlichen Stellung in Sachen der böhmischen Nordbahn demisstoniren. Daß eine derartig compromittirte Persönlichkeit trotzdem wieder zu einer so hohen amtlichen Stellung gelangt, beweist wieder einmal, wa» in Oesterreich Alle» möglich ist.
Im englischen Unterhause scheint man die Adreßberathung al» eine Art parlamentarischen Sport» zu betreiben. Volle drei Wochen dauern nun schon diese Erörterungen über alle möglichen Fragen der inneren und äußeren englischen Politik, ohne daß sich noch ein Ende dieser allmälig lang- wellig werdenden Auseinandersetzungen absehen ließe. Die zahlreichen zur Adresse gestellten Amendements begünstigen diese Verschleppung nur zu sehr und ro u naher der Abg. Salt einen Antrag über die Beschränkung der Amendements einbrmgen. . , ,
Aus Capstadt In London eingegangenen Nachrichten zufolge glaubt man in Capstadt nicht an da» Gerücht von der Nteberrnetzclimg Dr. Holub «und seiner Expedition durch bie Eingeborenen. Vielmehr will man daselbst sichere Beweise besitzen, baß der genannte österreichische Reisende sich nebst seinen reuten vollkommen wohl befindet.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post betooen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondsnr -Brerean.
Berlin, 17. Februar. Se. Maj. der Kaiser empfing Vormittags Perponcher, Oberst Brauchitsch und General Albedyll. Nachmittags 4 Uhr erscheint der Staats- secretär Graf Bismarck zum Vortrag. Die Heiserkeit des Kaisers hat sich bedeutend gebessert^ „Nordd. Allg. Ztg." wendet sich gegen die freisinnige Presse, welche behauptet, daß Europa in tiefstem Frieden lebe, und hebt dem gegenüber hervor, daß gerade die OvpositioMparteien die Kriegsgefahr heraufbeschworen haben. Dieselbe werde nur verschwinden, wenn Frankreich sieht, daß das deutsche Volk sich nicht durch vaterlandslose Politiker leiten läßt, das heißt, wenn eine Majorität in den Reichstag gelangt, die entschlossen ist, das Reich gegen den Feind zu schützen.
Etratzdurg t. E., 16. Februar. Außer den hier, m Mulhausen und Maas- münster in den letzten Tagen stattgehabten Haussuchungen wurden solche auch in Markirch, Barr, Gebweiler und Hagenau vorgenommen; in Markirch wurde Bezirksrath Bloch, in Hagenau wurde Gemeinderath Freund mit Sohn verhaftet.
Laibach/ 17. Februar. Gegen Mitternacht brach in dem landschaftlichen Theater Feuer aus, durch welches das Gebäude bis auf die Mauern zerstört wurde. Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen.
London, 17. Februar. Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus Konstantinopel vom 15. ds. Mts. gemeldet: In gut unterrichteten Kreisen wird versichert, Radowitz hätte den bulgarischen Deputirten eröffnet, daß im Falle der Resultatlosigkeit der Verhandlungen Rußland Bulgarien unter Zustimmung Deutschlands und Oefterrerchs besetzen würde. Gestern circultrte auch ein Gerücht von der wahrscheinlichen Besetzung Bulgariens durch Rußland, allein man wußte nicht, ob Rußland wirklich diese Absicht habe oder das Gerücht blos zu dem Zwecke verbreitet worden sei, um die bulgarische Regierung einzuschüchtern und sie zu veranlassen, das ganze Programm Zankow s auzunehmem ^brusr. „Fanfulla" erwähnt unter Vorbehalt das in der Kammer verbreitete Gerücht, Grimaldi werde Arbeitsminister, Luzzati Handelsminister, Bertole- Viale Kriegsminister, Auriti Justizminister. _
Bukarest, 17. Februar. Die Kammer nahm mit 99 gegen 11 Stimmen den von 80 Deputirten unterzeichneten Dringltchkeitsantrag an, welcher angesichts der militärischen Vorbereitungen Europas und der Nachbarstaaten 30 Millionen zur Bervoll- ständigung der Rüstungen und zur Vertheidigung der 9icutrahtat zur Verfügung stellt. Bratiano erklärte, die Regierung wünsche, daß Rumänien nicht abermals ein Kriegs- seld 1? $e6ruar. (Meldung des Reuter'schen Bureaus".) Bezüglich der
in London verbreiteten Gerüchte, England beabsichtige die Subvention von 250,0M Pfd. zu militärischen Ausgaben Egyptens nicht mehr zu gewähren, wird aus guter Quelle versichert, daß hierüber noch nichts entschieden sei, doch thue Ugland sein Möglichstes, um in dem egyptischen Ausgabebudget Ersparnisse bis zu 250,000 Pfund zu bewirken. ^tlte dem französischen Vertreter d'Aunay mit, daß die Vorschläge
Drummond Wolss's weder eine Bestimmung über eine unmittelbar beooNteyenoe Räumung, noch überhaupt die Feststellung eines Termins für dieselbe enthalten.
Kapstadt, 17. Februar. (Meldung des „Reuter'schen Bureaus vom 17. crj Ein hier eingelaufenes Telegramm meldet, der Afrikaforscher Holubs dem
Zustande in Shoshong (Bechuanaland) angekommen. Sein Lager zwstch n Bangweolo-See und dem Bambesi-Fluß wurde wahrend seiner Abwesenheit geborenen angegriffen und Zoldner daselbst ermordet.


