Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Giehcn.
11187.
dVt. 29S Viertes Blatt Sonntag den 18 Decembcr
»WMIU Gchulstr.ße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. £td* !*lCTm W*2
B Durch die Post bezogen vierteliLhrlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher HyeiL.
Betreffend: Maßregeln gegen das Vagautenthum.
Bekanntmachung.
Nachdem der Kreistag die Errichtung von Naturalverpflegungsstationen in Gießen, Hungen und Grünberg genehmigt hat, ist diese Einrichtung de« 20. November l. I. in's Leben getreten. In diesen Verpflegungsstationen erhält jeder unbemittelte Durchreisende freie Verpflegung und freies Nachtlager. Durch diese Einrichtung ist für die Unterstützung von armen Reisenden hinlänglich Sorge getragen. Die Unterstützungen werden gegen eine entsprechende Arbeitsleistung der Nachsuchenden gewährt. Durch die Errichtung dieser Stationen soll dem Haus- und Straßenbettel Durchreisender entgegengewirkt werden. Zur wirksamen Durchführung dieser Anordnung ist aber vor Allem erforderlich, daß die durchreisenden Bettler keine Unterstützung von Privatpersonen mehr erhalten. Die Bewohner des Kreises werden daher dringend ersucht, keinerlei Almosen au Durchreisende vom 20. d. Mts. an mehr zu gewähren, sondern dieselbe« an die NaturalverpftegungSstationeu zu verweisen.
Die Naturalverpflegungsstationen befinden sich:
1) in der Herberge zur Heimath zu Gießen,
2) bei Herrn Kourad Groß in Grünberg,
3) bei Herrn Wilhelm Heßler in Hungen.
Die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen sind in Gießen das Großherzogliche Polizeiamt und in Grünberg und in Hungen die betreffenden Großherzoglichen Bürgermeistereien.
Mit der Verpflegungsstation ist nun auch eine Arbeitsnachweisestelle verbunden worden. Wir richten daher an alle Industrielle, Gewerbtreibende und Landwirthe, welche Gehülfen und Arbeiter bedürfen, das Ersuchen, die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen hiervon in Kenntniß zu setzen, damit ihnen vorkommenden Falles die die Stationshülfe in Anspruch nehmenden Arbeitsuchenden zugewiesen werden können.
Gießen, im November 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmanu.
Darmstadt, 15. December. Das Großh. Regierungsblatt (Bellage Nr. 30) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die Organisation der Un-allverstcherung betreffend.
2. Summarische Uebersicht der Rechnung Großh. Landes-Waisenanstalt zu Darmstadt für 1886/87.
3. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1887 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse in den israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Heppenheim.
4. Ordensverleihung.
5. Namensveränderung.
6. Dienstnachrichten:
Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 29. Noobr. dem mit Wirkung vom 1. Januar 1888 ab nach Darmstadt versetzten Postinspcctor Hartmann aus Hannover in gedachter Eigenschaft die landesherrliche Bestätigung zu erthetlen.
Am 16. Novbr. wurde dem Schullehrer Ernst Winter zu Steinbuch die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Etzen-Gesäß übertragen; am 18. Noobr. wurde der von dem Herrn Fürsten zu Solms-Ltch auf die 3. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lich präsentirte Schulamtsaspirant Wilhelm Zimmer au» Lich für diese Stelle bestätigt; am 23. Noobr. wurde dem SchulamtSaspiranten Heinrich Fink aus Beienheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Köddingen , am 25. Novbr. wurde dem Schulamtsaspiranten Friedr. Jakob Steiger aus Langen-Brombach die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ostheim, an dems. Tage wurde dem Schullehrer Friedrich Weitz zu Rodheim v. d. H. eine Lehrerstelle an dec Gemeindeschule zu Beffungen, an dems. Tage wurden dem Schullehrer Karl Lepper zu Nieder-Stoll und dem Schulamtsaspiranten Phil. Schmäht aus Wöllstein Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Reichelsheim t. W. übertragen; an dems. Tage wurde der von dem Herrn Grafen zu Solms- Laubach auf die 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Laubach präsentirte Schullehrer Jacob Spilger daselbst für diese Stelle, am 27. Novbr. wurde der von dem Kreisrath und dem kathol. Pfarrer zu Heppenheim auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kirschhausen präsentirte Schuloerwalter Adam Linden- schmitt daselbst für diese Stelle bestätigt; am 29. Novbr. wurde dem Schulamtr- asptranten Peter Gatzert aus Ostheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nidda übertragen.
Am 31. Octbr. wurde dem Pfarrer Lerker zu Zellhausen die kath. Pfarrstelle zu Mörlenbach, am 2. Noobr. wurde dem Pfarrverwalter Danz zu Gabsheim die kath. Pfarrstelle zu Gundheim, an dems. Tage wurde dem Pfarrer Hrlbig zu Hridesheim die kath. Pfarrstelle zu St. Quintin zu Mainz übertragen.
7. Ruhestandsversetzungen.
8. ConcurrenzeröMngen:
Erledigt sind: Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an Der Gemeindeschule zu Strebendorf mit einem Gehalt von 900 JL Mit der Stelle ist Kirchendienst verbunden. Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrersttlle an der Gemeindeschule zu Welgesheim mit einem Gehalt von 900 Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden.
Darmstadt, 16. December. Durch Verfügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz wurden die Gerichtraccesfisten 1) Franz Hosstn- ger aus Worms, 2) Hermann Kampf aus Osthofen, 3) Friedrich Kolb aus Dieburg, 4) Dr. Josef Kuhn aus Mainz, 5) Dr. Otto Lichte» aus Mainz, 6) Karl Ferdinand Römheld au» Düdelsheim
zu Gerichtsassessoren und
die Regierungsaccessisten 1) Wilhelm Alefeld aus Octenberg, 2) Franz Xwrr Börckel aus Mainz, 3) Franz Neff aus Heppenheim
zu Regierungsassessoren ernannt.
Berlin, 16. December. Die verschiedenen hier vorliegenden Prioaimeldungen über den Zustand des Kronprimen geben noch immer kein einheitliches Bild. Wur Eines scheint sicher, daß die Meldungen von vorgestern und die daran geknüpften Befürchtungen übertrieben waren. Der sogenannte Hofbericht behauptet heute in.Ueber- etnsttmmung mit der Meldung der „Franks. Ztg.", daß die Reise Mackenzie's nach San Remo aus keiner besonderen Veranlassung erfolgte, sondern seit längerer Zeit in Aussicht genommen sei. Daß eine wenn auch nur mäßige Zunahme der Geschwulst oder, was richtiger zu sein scheint, das Auftreten einer Vteubtlbung an einer neuen Stelle erfolgt ist, unterliegt wohl keinem Zweifel mehr. Doch scheint diese Neubildung nicht dtrect beunruhigend zu sein und sogar wieder Zweifel an der krebsartigen Natur des Leidens hervorzurufen. Aus San Remo wird dem „B. T." von einer Mackenzie nahestehenden Seite in einem heute Mittag aufgegebenen Telegramm berichtet:
Unmittelbar nach seiner Ankunft erhielt Mackenzie einen detaillirten Bericht von Dr. Krause und Dr. Hovell, worauf alle Aerzte den Kronprinzen untersuchten. Hierauf fand eine Consultatton zwischen Mackenzie, Krause, Schrader und Hovell statt. Ich erfahre, daß Mackenzie vor allem Anderen höchst erfreulich überrascht war über die Besserung der Stimme des Kronprinzen, welche jetzt ganz phonetisch klingt. Ja, manchmal kommen wie unwillkürlich helle Töne aus dem Kehlkopfe. Ferner ist jetzt nicht daS geringste Anzeichen eines Oedems vorhanden. Folgende Symptome zeigten sich Abends den untersuchenden Aerzten: eine Verdickung, welche auf das mtttlereFünftel des kranken linken Sttmmbandes sich beschränkt, ist eingetreten; dieselbe ist von blaß rosa Farbe und besitzt nicht jenes helle, rothe, reizbare Aeußere, welches der Krebs an dieser Stelle dem Auge gewöhnlich darbietet. Die Schwellung hat ungefähr die Größe einer gespaltenen Erbse und könnte zweifellos leicht exstirpirt werden. Allein da dann leicht wieder ein Oedem eintreten könnte, so erachtet Mackenzie irgend welchen mechanischen Eingriff nicht als rath» fam, wenigstens für jetzt nicht. Sollte die Schwellung mehr anwachsen, so würde vielleicht die Exstirpirung ihit der Forceps nothwendig sein. Der kleine Umfang der Schwellung verursacht augenblicklich nicht die geringste Verminderung im Umfange des Athmungskanales und es ist daher jetzt gar keine'Gefahr vorhanden, daß irgend welche Beschwerden im Athmen eintreten könnten. Der übrige Theil des Kehlkopfes ist etwas entzündet, allem das rechtsseitige Stimmband hat eine fast natürliche Farbe. Dies wird als sehr befriedigend angesehen, da es beweist, daß der rechtsseitige Theil des Kehlkopfes von der Krankheit nicht ergriffen wurde. Den unteren Theil des Kehlkopfes, wo seiner Zeit in Baveno die Schwellung begonnen hatte, untersuchte Mackenzie gestern Abend noch nicht. Der Kronprinz sieht vorzüglich aus, er speist mit bestem Appetite, er geht auch gern und lange aus. Für heute rathen ihm die Aerzte, im Hause zu bleiben wegen des regnerischen und windigen Wetters. Die Aerzte erklären alle, der Fall des Kronprinzen sei der anormalste, der jemals vorkam. Die Laien und das Publikum müssen sicherlich die verschiedenen Auffassungen der Aerzte zu den verschiedenen Zeiten für noch viel anormaler erklären. Anfangs November erklärten sie, das Leiden sehe ganz wie der Krebs aus, einige von ihnen empfahlen damals bekanntlich die radikalsten Mittel — und heute wieder meinen die hiesigen Aerzte, wenn jene Aerzte heute die Sachlage selbst sehen würden, so müßten dieselben erklären, die Schwellung sehe nicht wie der Krebs aus oder mindestens müßten sie doch sagen, der Fall weise keine Anzeichen auf, welche den Krebs als definitiven Charakter der Krankheit erkennen lassen. Das häufige Vorkommen von Schwellungen im Kehlkopfe und deren gänzliches oder theil- weises Verschwinden sind starke Anzeichen einer chronischen Entzündung, während die Heilung eines Geschwüres, welches sich, wie ich heute erfuhr, vor drei Wochen gebildet hatte, absolut unvereinbar ist mit der theoretischen Annahme, daß das Leiden der Krebs sei. Einen ferneren Beweis des anormalen Verlaufes der Krankheit des Kronprinzen, sowie der unbegreiflich raschen, fast von Tag zu Tag eintretenden Aenderung der Auffassung der Krankheit von Seiten der Aerzte blldet folgender Vorfall der allerletzten Tage: Str Morell Mackenzie wurde dringlich berufen; heute stellt sich beraus und die Aerzte müssen es zugeben, daß sie den Fall heute ganz anders beurlheilen, als während der Tage von Freitag bis Dienstag. Die rasche Entwicklung der neuen Schwellung, welche freilich in kürzester Zeit zu höchst gefährlichen Proportionen hätte an wachsen können, mag wohl die behandelnden Aerzte stark beunruhigt und zur dringlichen Berufung Dr. Mackenzie's veranlaßt haben. Allein merkwürdig bleibt doch, daß mit der zuweilen auch bei anderen Krankheiten vorkommenden Tücke die dringlichen Momente gerade im Augenblick des Erscheinens des Arztes verschwinden. Eines gestehen wenigstens die Aerzte heute zu: sie sehen noch nicht klar, allein sie neigen sich immer mehr zu der Anschauung hin, das Leiden sei doch nicht der Krebs. Bisher sind


