Ausgabe 
18.12.1887 Erstes Blatt
 
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wie ihrer Rüstungen die friedliche Aufrechihaltung des etatus quo auf Grund der bestehenden Verträge. Wenn dem wirklich so ist, schließt sich Rußland dieser Friedens­garantie nur an, indem es an der Grenze die nolhwendigen Defensiomaßregeln trifft, um das Gleichgewicht der Streitkräfte zu bewahren. Es bleibt nur noch zu entscheiden, inwieweit der Mißbrauch des Principssi vis pacem, para bellum, welcher schwer lastet auf den Finanzen aller Länder, auf ihrer ökonomischen Situation und jeder Bewegung der Geschäfte, indem er die Leidenschaften aufregt und die Geister beun­ruhigt, das belle Mittel ist, den Frieden zu bewahren, den alle Welt zu wünschen scheint und auch wir für uns, Dank unserer guten Beziehungen zu den Nachbarn, auf lange gesichert glauben.

Der Studirende Sinjawski, welcher den Inspektor der Moskauer Universität thätlrch insult rte, ist auf drei Jahre einem militärischen Disciplinar-Bataillon über- wiesen worden.

Lokale».

GietzeN, 18. December (Theater.) Wie uns soeben mitgetheilt wird, dauert die diesjährige Theatersaison bis gegen Ende Januar nächsten Jahres, da es wegen der ausfal­lenden Feiertage nicht möglich ist, die angekündigten dreißig Vorstellungen früher zu geben. Abonnements für den Monat Januar werden in der Ferber'schen Universitätsbuch­handlung ausgegeben. Die trefflichen Aufführungen der Rudolph'schen Gesellschaft er­freuen sich täglich mehr der Gunst unseres Publikums. Gestern, bei der Wiederholung vonDer Stabstrompeter" war das Theater wieder sehr gut besetzt und wurde die Vorstellung mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

(Theater.) Die Theaterdirection ersucht uns mitzutheilen, daß die heute zur Aufführung kommende LokalposseGießener Fahrten" nicht zu verwechseln sei mit einer bereits vor langen Jahren hier aufgeführten Lokalpoffe, welche einen ähnlichen Namen führte.

X Die Weihnachtsferien an den höheren Schulen beginnen, den gesetzliche» Bestimmungen gemäß, am Donnerstag den 22. December und dauern bis Mittwoch den 4. Januar, einschließlich._________________________________________

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Mainz, 16. Dec. Ein vor den hiesigen Gerichten schwebender Civtlprozeß wird I)iet viel besprochen. Es handelt sich hierbei um die Kleinigkeit von 35,000 X, für welchen Betrag ein Kaufmann Durlacher von Frankenthal seine Gemälde- Gallerie an den vorigjährigen Tenoristen unserer Bühne Herrn Forest laut Vertrag ver­kauft haben will. Der Verkauf soll aber für einen Berliner und nicht für eigne Rechnung des Herrn Forest bestimmt gewesen sein. Die Kaufsverhandlungen, die sich größtentheils beim Weine abgespielt, seien indeß von dem Berliner Herrn, als er wieder in seine kältere Heimath zurückgekehrt, abgebrochen, während Herr Durlacher auf seinem Schein besteht und seine Gemälde - Gallerte für 35,000 X los sein möchte. Sein Vertrag mit Herrn Forest, welcher seinerseits behauptet, daß derselbe gelöst worden, bildet nun den Gegenstand der die Gerichte beschäftigenden Klage. Der ganze Kauf, bemerken dieM. R." zu dem Prozeß, erinnert lebhaft an eine Scene aus Boildieu's weißer Dame", in welcherGeorg Brown" sich das ersteigerte Schloß nach und nach an seiner Gage abziehen lassen will.

A Main z, 16. Dec. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts kam heute ein seltener Fall zur Verhandlung, nämlich eine Anklage wegen Beleidigung dreier Landgerichtsräthe, zweier Amtsrichter und eines Staatsanwaltes bei den Mainzer Gerichten. Der Sachverhalt ist kurz Folgender: Gegen den Angeklagten Bankier Joseph Hirsch hier, schwebt schon seit längerer Zeit eine Strafprozedur, in deren Verlauf Hirsch im verflossenen Jahr zwei Monate in Untersuchungshaft verbrachte. Als Ver­ursacher dieser Strafprozedur, der eine Anklage wegen allerlei unerlaubter Wechsel­manipulationen zu Grund liegt, vermuthete Hirsch einen ehemaligen Geschäftsfreund, einen gewissen Penell in Paris, an welchen er nach seiner Freilassung ein längeres Schreiben richtete, in dem nicht nur dem Adressaten alle möglichen Insulten gemacht, sonder» auch den in beregter Strafprozedur beschäftigten richterlichen Beamten Un­fähigkeit und Bestechlichkeit in der ungeschminktesten Form vorgeworsen werden. Das Schreiben wanderte von Penell an den Staaisprocurator von Paris, von hier an die deutsche Gesandtschaft dorten und von dieser an das Ministerium In Darmstadt, welch' Letzteres unter dem 19. Juni Namens der in Betracht kommenden richterlichen Be­amten, der Herren Landgerichtsräthe Dr. Pauly, Dr. Bockenheimer, Dr. BerdeW, des Untersuchungsrichters Dr. Praetorius und Amtsrichters Bücking sowie des Staatsan­walts Dr. Best Strafantrag wegen Beleidigung gegen Hirsch stellte. Hirsch, der in einem Gesuch um Niederschlagung der Untersuchung die beleidigenden Ausdrücke zurück- nimmt und dem Ministerium gegenüber Abbitte gerichtet hat, gibt zu, Verfasser des Briefes zu sein und will solchen nur in der Aufregung geschrieben haben. Das Ur- theil gegen Hirsch lautet auf 6 Wochen Gefängniß. Die Staatsanwaltschaft hatte 2 Monate beantragt gehabt.

* * (Weihnachtsbaum für den Kronprinzen.) DerBote aus dem Riesengebirge"

schreibt: In diesen Tagen ist von Hirschberg aus ein sinniges Weihnachtsangebinde für die kronprinzliche Familie nach San Remo abgegangen. Die Section Petersdorf des Niesengebirgvereins hat einen Weihnachtsbaum, den schönsten, den man auf unseren schönen Bergen finden kannte, wohl eingepackt, damit auch nicht ein Zweiglein knicken kann, in einem besonderen Eisenbahnwagen nach San Remo gesandt, damit unser allverehrter Kronprinz und die kronprinzliche Familie auch fern der Heimath unter einem deutschen Tannenbaum das Weihnachtsfest feiern könne. Die Petersdorfer hoffen auf die Annahme ihrer Sendung und freuen sich schon im Voraus in dem Gedanken, daß die kronprinzliche Familie das schönste Fest des Jahres unter einem Weihnachlsbaume aus Schlesiens Bergen begehen wird.

Moskau, 7. December. Hebet die Studentenunruhen werden demBerl. Tagbl." noch folgende Einzelheiten gemeldet: Die Studentenunruhen dauerten auch gestern und heute noch fort und machten sogar das Einschreiten von Militär nothwendig. Gestern begannen die Vorlesungen wie gewöhnlich, während derselben aber sammelte sich auf dem Hofe der Universität ein Haufen von Studenten an, der zum Rector geführt zu werden verlangte, um von diesem die Freilassung der verhafteten Studenten, sowie die Entfernung des Jn- spectors Brysgalow zu verlangen. Der Rektor, ein aller kränklicher Herr Namens Iwanow, oem die zu solchem Amte nöthig« Energie vollkommen mangelt, blieb unsichtbar, bis es

plötzlich hieß, er werde die Stu-enten in der Aula empfangen. Das war jedoch nur eine Kriegslist der Polizei, denn als sich eine größere ' .nzahl ren Studenten in der Aula ver­sammelt hatte, erschien nicht der Rector, sondern die Poln.i, schloß die Thüren und forderte den Eingeschlossenen ihre Legitimalionskartcn ab. Tie '.Nachricht von diesem polizeilichen Geniestreich verbreitete sich mit Blitzesschnelle in allen Auditorien und rief eine furchtbare Aufregung unter den Zuhörern hervor. Die Vorlesungen mußten geschlossen werden unb bald hatte sich der große Hos vor dem Universitätsgebäude mit einer tobenden und schreienden Menge gefüllt, die stürmisch die Freilassung der Eingeschloffenen verlangte. Die Polizei versuchte vergebens, die Studenten zum Auseinandergehen zu bewegen, selbst die persönliche Intervention des Oberpolizeimeisters Generalmajor Shurkowski, der den jungen Leuten vernünftig zuredete, hatte keinen Erfolg. Das GeschreiWon! won! (fort mit ihm!") übertönte seine Worte und er mußte sich zurücksiehen. Da hörte man plötzlich Pferdegetrappel und von der Machowoi her schwenkten 2 Sotnien Kosaken in den Hof ein. Jetzt machte sich ein Theil der Studenten aus dem Staube, auf die Zurückbleibenden aber hieben die Kosaken in rücksichtsloser Weise mit ihren kurzen Peitschen (Ragaika) ein. Die Studenten wehrten sich so gut dies ohne Waffen möglich war. Zwei Kosaken wurden vom Pferde gerissen, ein Dritter, der schon halb heruntergezerrt war, schwang sich wieder empor und traf einen seiner Angreifer mit der Nagaika so wuchtig in's Gesicht, daß dem unglücklichen jungen Manne sofort das rechte Auge auslief. Sein Geschrei und der Anblick seines blutüberströmten Gesichtes verbreitete unter den übrigen Studenten eine Panik, sie ließen sich ohne weiteren Widerstand wie eine Heerde Schafe von den Kosaken zum Öofe hmansprügeln. Auf der Straße wurden die meisten von ihnen verhaftet und in's Ge­fängniß abgeführt. Die Kosaken hielten den Hof besetzt und auf der Straße vor dem­selben ließ man sogar eine vom Exerzierplatz zurückkehrende Abtheilung Artillerie Auf­stellung nehmen, so daß es eine Zeitlang aussah, als wolle man die Universität in Grund und Boden schießen, was freilich der gegenwärtig am Ruder befindlichen Partei am liebsten wäre. Heute ist die Universität noch mit Kosaken besetzt, so daß dort keine Demonstration möglich ist; deshalb versuchten die Studenten heute Morgen eine solche vor dem Gebäude der Universitätsklinik. Unter dem Vorwande, ihre dort untergebrachten verwundeten Kameraden besuchen zu wollen, drangen viele Studenten in den Hof der Anstalt und suchten den Eintritt zu erzwingen; nach kaum einer Viertelstunde aber erschien eine Abtheilung Kosaken, vor deren Nagaiken Alles auseinander stob. Aehnlich ging es am Strastnoi- Boulevard vor dem Gebäude der Universitätsdruckerei, wo sich ein Haufen von Studenten angesammelt hatte. (Rach einer Mittheilung desRegierungsbote" ist die Bewegung unter­drückt; eine Anzahl Studenten sei verhaftet und aus Moskau entfeint morden. Am 9. December sei wiederum eine Gährung unter den Studenten entstanden in Folge des Gerüchts, zwei Studenten seien an den bei Wiederherstellung der Ordnung durch die Polizei erlittenen Verwundungen gestorben. Trotz autoritativer Widerlegung dieses Gerüchts hatte dasselbe am 10. December derartig auf die Studentenschaft eingewirkt, daß die Studenten sämmtlich den Besuch der Collegien einstellten und den Gehorsam gegenüber den Universitäts- behörden gänzlich versagten. Daher die zeitweilige Einstellung der Vorlesungen. Red. d. Franks. Ztg.)

ec. Zur Entfernung von Fettflecken an Fußböden eignet sich am besten weißer Thon. Derselbe wird mit heißem Wasscr zu einem Brei angerührt und auf die betreffenden Stellen aufgetragen. Die Wirkung des Thönes kann durch Zusatz von Essig erhöht werden. Besser aber wird eine Mischung aus Benzin und Thon (oder gebrannter Magnesia) wirken, da das Benzin weil rascher verdunstet. Mit dem Ab- bürsten des trockenen Thönes ist auch zugleich der Fettfleck verschwunden.

Eingesandt.

Gießen, 17. December.

Die am Donnerstag den 15. December im Hotel Prinz Carl von der Kindergärt­nerin Fräulein Hermine Möser veranstaltete Weihnachtsfeier fand allgemein die ver­diente Anerkennung. Fräulein Möser hat bei dieser Gelegenheit so recht gezeigt, daß sie durchaus die Kenntnisse und Fähigkeit besitzt, die lieben Kleinen an sich zu fesseln und gleichsam spielend die Anfangsgründe des Wissens in sie zu legen. Die Lieder und Spiele gelangen unter ihrer Leitung zu aller Zufriedenheit, nett war es anzusehen, wie Fräulein Möser es verstand, den Kleinen Muth einzuflößen und mit Liebe sie zu den guten Leistungen anzuspornen wußte. Den Schluß der als gelungen zu bezeichnenden Weihnachtsfeier bildete daS Plündern des prächtig geschmückten Weihnachtübaumes. Fräulein Möser theilte den Kleinen reichlich zu von dem, was das Chrfftkindchen bescheert. Nach dem, was wir gesehen, können wir guten Gewissens allen Eltern Gießens empfehlen, ihre Kinder Fräulein Möser zum Unterricht und zur Aufsicht anzuvertrauen, sie sind bei ihr gut aufgehoben. A.

Handel und Verkehr.

Gießen, 17. December. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund X 1.10-1.12, Hühnereier pr. St. 7-8 Enteneier St. 1314 H, Käse vr. St. 4-8 Käsematre 30 H, Erbsen pr- Liter 20 H, Linsen 30 H, Tauben ver Paar 60 btk 80 Hühner per Stück X 0.901.20, Hahnen vr. Stück X 0.701.30, Enten per Stück X 1.501.80, Ganse per Pfund 4252 H, Ochsenfleisch per Pfund 58 bi« 60 K4ih- und Rindfleisch 4550 H, Schweinefleisch 54-60 Hammelfleisch 40 bis

60 Kalbfleisch 4048 Kartoffeln per 100 Kilo X 4 004 40, Milch per Liter

1218 H, Weißkraut Stück 510 H, Zwiebeln per Centner X 8.0010.00.

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Gießen, den 3. December 1887.

Der Bevollmächtigte: I. Ph. Müller.

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