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Nr. LIL. Mittwoch den 18. Mai 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblati für den Kreis Gießen.

«ß*reairr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Msrrtags.

Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinyerlock«.

Durch die Pott benoaen vierteliübrlirb 2 Mark 50 Ps.

Amtlicher Jheil.

Betreffend: Aussicht über das Fasielvieh. Gießen, am 17. Mai 1887.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der nachbenannten Orte.

Die Bestchtigung der Gemeinde-Zuchtstiere und Zuchteber durch die für Ihren Bezirk von dem landwirthschastlichen Bezirksverein gewählte Commission wird an folgenden Tagen stattstnden:

1) Dienstag den 24 Mai l. I. in den Orten: Weitershain, Rüddingshausen, Odenhausen, Keffelbach, Londorf, Climbach, Allerts­hausen, Geilshausen;

2) Mittwoch den 25 Mai I. I. in den Orten: Weickartshain, Stangenrod, Lumda, Beltershain, Reinhardshain, Grünberg, Stockhausen;

3) Donnerstag den 26. Mai l. I. in den Orten: Lauter, Queckborn, Harbach, Lindenstruth, Saasen, Göbelnrod.

Sie wollen die Bullen- und Eber-Halter anweisen, daß sie zur angegebenen Zeit zu Hause sein müßten, um die Thiere der Commission vorzuführen. Auch empfehlen wir Ihnen selbst, zur Hand zu sein, um etwa verlangt werdende Auskunft zu ertheilen.

Dr. Boekmann.

Nr. 14 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 14. d. M., enthält:

(Nr. 1713.) Bekanntmachung, betreffend die Erweiterung der Festungsanlagen. Bom 13. Mai 1887.

(Nr. 1714.) Bekanntmachung, betreffend die technische Einheit im Eisenbahnwesen. Bom 29. April 1887.

Gießen, am 17. Mai 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Bekanntmachuüg.

Kommenden Sonntag den 22. I. M. werden folgende landwirthfchaftliche Borträge gehalten werden:

1) Zu Hungen im dortigen landwirthschastlichen Localverein unter dem Vorsitze des Herrn v Oven Nachmittags 2V3 Uhr im Gasthause Zur Traube" über die Frage:Worin besteht die Kunst de- Sparen- in der Landwirth schäft?" von General- secretär Müller aus Wiesbaden.

2) Zu Lang-Gän- im dortigen landwirthschastlichen Localvereine unter dem Vorsitze des Herrn Verwalters Schuchard vom Neuhofe Nachmittags 3 Uhr bei Gastwirth Weil in Lang-Göns über die Bortheile der Entwässerung der Aecker und Wiese«, sowie über das siuzuschlagende Verfahren, von dem landwirthschastlichen Provinzialwiesenbaumeister Greb aus Friedberg.

Alle Landwirthe und Freunde der Landwirthschaft werden zum Besuche dieser Vorträge hiermit eingeladen.

Gießen, am 16. Mai 1887. Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen.

Nover.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 17. Mai.

Wer die Berliner Hofberichte aufmerksam verfolgt, wird über die rege Thätigkeit staunen, welche unser allverehrter Kaiser trotz seiner mehr als 90 Jahrs gerade in der letzten Zeit entfaltete. Neben der Entgennahme der gewohnten täglichen Vorträge des Civil- und Militär-Cabinet» ertheiite der greise Monarch säst tagtäglich eine ungewöhnlich große Zahl von Audienzen, wobei die Entgegennahme von Meldungen zahlreicher höherer Osficiere besonders ausfiel. Es dürfte letzteres mit den Veränderungen zusammenhängen, welche durch die jüngste Heeresvermehrung auch in den höheren Commandostellen der Armee hervorgerufen worden find und persönliche Meldungen der betr. Osficiere bei dem allerhöchsten Kriegsherrn bedingen. Daneben setzt der Kaiser die Jn- spicirung der Gardetruppen eifrig fort und hat er sich hiervon auch in voriger Woche ungeachtet der herrschenden rauhen Witterung nicht im Mindesten abhal­ten lassen. Erfreulicher Weise ist das Befinden des greisen Monarchen trotz dieser mannigfachen Anstrengungen ein in jeder Beziehung befriedigendes. Der nunmehr definitiv auf den 3. Juni festgesetzten Feier der Eröffnung Der Arbeite» am Nord-Ostsee.Kanal gedenkt der Kaiser persönlich beizuwohnen und wird er zu diesem Zwecke am 2. Juni nach Kiel abreisen, begleitet vom Reichskanzler, einem Thelle der Bundesraths-Mitglieder und den Vorständen des Reichstages, sowie der beiden Häuser des preußischen Landtages. Am 7. Juni erwartet man den Kaiser in Liegnitz anläßlich seiner 70jährigen Jubelfeier als Ches des Königs»Grenadier - Regiments.

Prinz Friedrich Leopold von Preußen hat am vergangenen Samstag von New-Iork aus die Heimreise mittelst de« Lloyd-Dampfers Eider" angetreten.

Der Schluß des preußischen Landtages ist am Samstag in einer gemeinschaftlichen Abendsitzung der beiden Häuser erfolgt. Am vorher­gehenden Tage fanden noch im Abgeordnetenhause wie im Herren­hause interessante Verhandlungen statt. In jenem veranlaßte die Petition mehrerer Ober-Realschul-Directoren u. s. w. um Zulassung der Ober-Realschul- Abiturienten zu den Staatsprüfungen im Bausache eine eingehende Besprechung der Realschulfrage und ließ die Discusfion erkennen, oaß auch in den parlamen­tarischen Kreisen die Anschauungen über diese wichtige Materie noch wert au«- einandergehen. Die langausgesponnene Debatte endete damit, daß der Antrag Hermes und der sich mit demselben deckende Commissions-Antrag, di« Petition der Regierung zu überweisen, gegen die Stimmen der Liberalen abgelehnt, da­gegen ein conservativer Antrag auf Uebergang zur motivirten Tagesordnung angenommen wurde. Der Mittelpunkt der Freitagssitzung des Herrenhauses bildete die Verhandlung über die Anträge der Geschäftsordnungs-Commission, den Freiherr» v. Schorlemer auf Burg Metternich wegen Beleidigung des Herrenhauses und das Herrenhaus-Mitglied, Freiherrn v, Solemacher-Antweiler,

| wegen Herausforderung des erstgenannten Herrn zum Duell strafrechtlich zu verfolgen. Die Vorfälle, auf welche sich die Anträge beziehen, haben seinerzeit nicht gerin-es Aussehen erregt und knüpfen sie sich an die Adresse, des Herren Hauses an -en Kaiser in Sachen der Militär-Vorlage. Der Referent der Com­mission, Geh. Ober-Justizrath Eggeltng, erläuterte nochmals im Allgemeinen die Mstive der beiorn Anträge und wurden letztere genehmigt. Gras v. d. Schulen­burg. Betzendorf erklärte sich hierbei gegen dis strafrechtliche Verfolgung des Freiherrn v. Solemacher und vertheidigte er hierbei das Duell als ein uraltes gehelligte» Recht des deutschen Adels. Ferner nahm das Haus auch den weiteren CommissionS'Antrag an, fünf Blätter, welche verschiedene Herrenhaus-Beschlüsse einer abfälligen Kritik unterzogen hatten, trotz eines bezüglichen Wunsches aus der Mitte des Hauses nicht strafrechtlich verfolgen zu lassen. Vor Eintritt in die Verhandlung hierüber hatte der Präsident, Herzog v. Ratibor, den Ausschluß der Oessentlichkeit proklamirt, in Folge dessen die Tribünen und die Galerien geräumt wurden.

Der Conflictsstoff, welcher sich in der politischen Atmosphäre Frank­reichs allmälig angesammelt hat, erreicht in dem offenen Zerwürftnß zwischen dem Ministerium Goblet und der Budget-Commission wegen der Budgetfrage seinen Gipfelpunkt. Die Deputirtenkammer wird sich in diesen Tagen entweder für die Auffassung de» Cabinets oder für diejenige her Commission zu entschei­den haben und an dieser Entscheidung hängt das Geschick des jetzigen französi­schen Ministeriums. Falls sich die Monarchisten mit den Opportunisten oder auch den Radikalen zu einem gemeinschaftlichen Anstürme auf das Ministerium verbinden, so ist dasselbe verloren und in dec That wirb ein derartiger Aus­gang der gegenwärtigen Krisis in Frankreich allseitig als wahrscheinlich be­trachtet. Wer indessen das Cabinet Goblet, im Falle dasselbe demisfionirt, ersetzen würde, das ist eine Frage, die bet der Spaltung, welche unter den französischen Republikanern herrscht, noch nicht annähernd beantwortet wer­den kann.

Die französische Regierung hat den berühmten Schnäbele zum Special.Eommiffar in Laon, nicht in Belfort, wie es zuerst hieß, ernannt; wahrscheinlich ist von der Versetzung Schnäbele'« nach Belfort mit Rücksicht auf die Nähe der deutschen Grenze Abstand genommen worden. Die Nachricht, die Regierung beabsichtige, Schnäbele zu pensioniren, bewahrheitet sich demnach nicht; er wäre auch Schade um sein Spionirtalent!

Das russische Kaiserpaar gedenkt in diesen Tage» in Begleitung des Großsürsten-Thronfolgers die längst geplante Reise nach Südrußland, wo dem künftigen Czaren der Hetmannsstab der dänischen Kosaken überreicht wer­den soll, anzutreten. Zur Sicherung des kaiserlichen Extrazuges auf Den betr. Eifenbahnstrecken sind bereits umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen worden und werden z. B. längs der ganzen Bahnlinie Militärposten auf beiden Seiten aufgestellt, dergestalt, daß sich die Posten bequem anrufen rönnen.