Pr, 215 Freitag den 16. September 1887.
Kreßener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schnlstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
C3
Politische Ueberficht.
Gtetzen, 15. September.
An dem Programm für die Stettiner Kaisertage hatte sich keine Aenderung nöthig gemacht und so sind denn die kaiserlichen Herrschaften mit alLiuendem Gefolge in Stettin angekommen und allenthalben jubelnd begrüßt worden. Den Glanzpunkt der Stettiner Tage bildete die große Parade über da, 2 Armee-Earp« auf dem Krekower Felde und war es auch hier wieder der Kaiser, auf welchen sich alle Blicke seiner geliebten Pommern richteten, die roch in den letzten Tagen in Ungewißheit schwebten, ob er dem greisen Monarchen verobnnt sein würde, nach Stettin zu kommen.
lieber dar Befinden der deutschen Kronprinzen laufen au» Toblach die erfreullchsten Berichte ein und begünstigt von dem schönen tzerbstwetter, unternimmt der hohe Herr mit seiner Familie fast täglich größere und kleinere Auiflüge in die herrliche Umgebung Toblachr.
Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt in ihrer Montag »Abendausgabe bereit« wieder eine Kundgebung znr auswärtigen Politik. Dieselbe betrifft die bulga» rischen Angelegenheiten und dementtrt dar osficiöse Blatt die Nachricht, daß Mr st Birmarck sich zum Vermittler in der inzwischen gescheiterten „Mission Ernroth" angeboten habe. Deutschland habe, führt die „Nordd. Allg. Ztg. au«, die von der Pforte gewünschte Vermiltelung abgelehnt, weil er keine V-r» anlwortlichkeit in der Orientsrage übernehmen, angeficht« der Situation Europa« nicht seine Aufgaben vermehren und seine Kräfte nicht lheilen wollte. Deutschland sei indeffen mit der Entsendung General Ernroth'r nach Bulgarien nicht nur einverstanden, sondern auch bereit, fie anderen Mächten anzuempsehlen, wenn dieselbe von der Pforte amtlich beantragt würde. — Die Erklärungen der „Norvd. Allg. Ztg." haben dmchau« nicht« Ueberraschende», denn fie stimmen mit der bulgarischen Politik Deutschland« ganz und gar überein und speciell in P-tersburg wird da« Sinverständniß Deutschlands mit der Misston Ernroth nur angenehm berühren. Ob indeffen Rußland und die Pforte, der von deutscher Sette gegebenen Anregung folgend, noch nachträglich mit einem amtlichen Anträge bezüglich der Million Ernroth hervortreten werden, ist mehr als zweifelhaft, nachdem die vorliegenden Erklärungen Oesterreich-, Italiens und England- erkennen lasten, daß diese Mächte der Entsendung eine- neuen russtschen Com- miffar- nach Bulgarien nicht zustimmen würden.
Die letzten Vorgänge aus Samoa bedürfen noch immer der amtlichen Bestätigung von deutscher Seite, obwohl die gemeldete Landung deutscher Marine-Truppen und deren Vorgehen gegen den König Maltetoa durchaus nicht unglaubwürdig erscheint. Die „Nordd. Allg. Ztg." giebt eine Charakteristik dieser braunen Majestät, welche das Verhalten de» samoanischen Herrscher- Deutschland gegenüber mehr als doppelzüngig erscheinen läßt und die auch aus sein Privatleben ein höchst bedenkliche» Licht werfen. Hiernach würde e» nicht mehr überraschen, wenn Deutschland endlich in entschiedener Weise gegen den, den deutschen Jntereffen so feindlichen König von Samoa vorginge.
BeiderReichstags-Nachwahl in Cannstatt-Ludwigsburg ist der nationalliberale Candtdat Veiel mit großer Mehrheit gegenüber dem socia- listischen Candtdaten wiedergewählt worden. Die Volk-partet betheiligte sich gar nicht an der Wahl.
Soweit stch die Ersatzwahlen zum böhmischen Landtage übersehen lasten, find die deutsch-liberalen Abgeordneten saft überall wieder-, resp. neugewählt worden. Auch in dem gesährdeten Bezirke Bergreichenstein, wo der Einfluß de» feudalen und mit den Czechen stark liebäugelnden Fürsten Schwarzenberg mächtig ist, wurde trotzdem der deutsche Candidat gewählt und erzielte der Candidat der Schwarzenberg-Partei nur wenige Hunderte von Stimmen. Eine specielle Episode bildet die Wahl in der Prager Altstadt, wo ebenfalls eine Ersatzwahl vorzunehmen war; diesen Wahlkreis betrachteten bislang die Alt- Czechen als ihre fichere Domaine und um so größer ist ihre Bestürzung, daß diesmal nicht der altczechische Candidat Dr. Eiselt, sondern der Candidat der radikalen jungczechischen Partei, Prosestor Blazek, gewählt worden ist. Die alt- czechischen Organe suchen nun für diesen unläugbaren Mißerfolg da» Vorgehen des Unterrichtsminister» v. Gautsch in der Mittelschulsrage verantwortlich zu machen, während sich doch die Alt-Czechen mit der Altstädter Wahl an einem Feuer verbrannt haben, welches fie selber anzünden und schüren geholfen haben.
Kaiser Franz Joses weilt nach Beendigung der österreichischen Herbst- Manöver im südlichen Ungarn, wo die Bevölkerung den Monarchen allenthalben mit großem Enthusiasmus empfängt. Am Sonntag tras der Kaiser in Toeke Terebes ein, wo anläßlich des Namen-tages des russtschen Kaisers große Hostasel flattsand; bei derselben brachte der Kaiser in warmen Worten den osficiellen Toast aus den Czaren aus, woraus die Mlitär-Kapelle die russische National- Hymne intonirte.
Der Czar soll bei seinem heurigen Sommer-Ausenthalte aus Schloß Fredensborg noch viel zurückgezogener leben, als in den vorhergegangenen Jahren. In der ersten Zeit war er von rheumatischen Schmerzen im linken Oberkörper heimgesucht und genöthigt, den linken Arm in der Binde zu tragen, ms bekanntlich die Gerüchte über das angeblich gegen Kaiser Alexander begangene jüngste nihilistische Attentat nur verstärkte. Die Binde hat der Kaiser letzt jedoch abgelegt, doch scheint er im linken Arm noch Schmerzen zu ver- ivlireu, da er bet einer neulichen Ruderpartie im Esrom-See nur den rechten Arm gebrauchte. Dessen ungeachtet soll der Czar dem edlen Waidwerk in der Umgebung Fredensborg» wieder sehr eifrig nachgehen.
Die Mitglieder des französischen Cabinets Rouvier erschöpfen fich schier in Friedensbetheuerungen. So hat erst in diesen Tagen der Ackerbau- mtnister Barbe aus einem Banket in dem Städtchen La Fertö Macö wieder eine politische Rede gehalten, aus welcher er als das Ziel der Regierung die Einigkeit und Stärke der r-ublikanischen Elemente, sowie die Verbesserung der Verhältnisse des Unterrichts und der nationalen Arbeit bezeichnete. Um diese» Ziel zu erreichen, befolge die Regierung eine Politik des Friedens und der Beruhigung, ohne indeffen den Feinden der Republik irgendwelchen Einfluß zuzugestehen. Die letzteren Worte find natürlich gegen die monarchistischen Parteien gsmünzt und die Preßorgane der letzteren werden es jedenfalls nicht unterlassen, dem Ackerbauminister wegen dieser Aeußerung in ihrer Weise zu quittiren.
In Sofia kam es zu einer Protestkundgebung des Volkes gegen Karaweloss, der bekanntlich eine ziemlich zweideutige Rolle spielt. Alsdann zogen die Theilnehmer an der Demonstration vor das fürstliche Palais und brachten dem Fürsten Ferdinand eine Ovation dar, für welche der Fürst bewegt dankte. Dann zogen fie vor das Haus des Ministerpräfidenten Stambuloff, welcher zu den Manifestanten sagte, so lange die Sache Bulgariens solche Ver- theidiger finde, werde fie nicht verloren sein. — Der frühere Minifterpräfident Radoslaweff, welcher als ein Anhänger der battenbergischen Partei gilt, ist verhaftet worden.
Romrod, 13. September. Se. König!. Hoheit der Großherzog fuhren mit den Höchsten Herrschaften und Gefolge um 8 Uhr nach dem Manöverfeld. Auf der Chaussee von Angenrod nach Ober-Gleen wurden die Pferde bestiegen und später aus den Stansberg bei Ober-Gleen geritten, welcher als Haup*- posttion, so zu sagen als Schlüssel der Stellung des Süd-Corps betrachtet wurde; jedenfalls gewährte er den besten Ueberblick über da- Gefecht, welche» mit der Einnahme von Ober-Gleen durch das Nord-Corps und dem Rückzug des Süd-Corps in der Richtung Kirtorf endigte. Nach der Kritik kehrten die Allerhöchsten Herrschasten hierher zurück.
Se. Grohh. Hoheit der Prinz Wilhelm waren heute Vormittag nach Darmstadt abgereist und im Lause des Nachmittags reisten Se. König!. Hoheit der Prinz Christian von Schleswig-Holstein und Prinz Albert eben dahin zurück.
Se. König!. Hoheit der Erbgroßherzog, begleitet von dem Hauptmann v. Schwartzkoppen, fuhren nach dem Manöver ebenfalls mit hierher.
Nürnberg, 14. September. Die 41. Hauptversammlung der Gustav- Adolf-Vereins beschloß aus Antrag des Vorfitzenden, an Se. Maj. den Kaiser, sowie an den Prinz-Regenten Luitpold von Bayern Telegramme zu richten. Das an den Kaiser gerichtete Telegramm lautet:
„Die am Fuße der Hohenzollernburg zu Nürnberg versammelte 41. Hauptversammlung des evangelischen Vereins der Gustav»Adolf-Sttstung bringt, wie gleichzeitig Sr. König!. Hoheit dem erlauchten Regenten dieses Landes, so ihrem erhabenen Protector, unserm o.lloerehrten und geliebten Kaiser ehrerbietigst ihre wärmste Huldigung dar und steht vor Gott mit dem Danke für die gnädige Wahrung des unschätzbaren Lebens Ew. Majestät, zum Heile des Friedens der Welt und der Macht des durch Ew. Majestät geeinten deutschen Volkes, sowie
zum Segen der gesummten evangelischen Kirche und mit der Fürbitte um die baldige volle Genesung Sr. K. und K. Hoheit des Kronprinzen. Der Prästdent Dr. Frieke, Viceprästdent Burger."
Das Telegramm an den Prinz-Regenten Luitpold von Bayern lautet:
„Die in der alten Stadt Nürnberg zu Dienst und Hllfe, auch der bayerischen Diaspora, versammelte 41. Hauptversammlung des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stistung bringt, wie gleichzeitig ihrem erlauchten Protektor Seiner Majestät dem Kaiser, so dem verehrten und geliebten Regenten dieses gastlichen Landes ihre ehrerbietigste Huldigung dar, dem erhabenen Fürsten, der ohne Unterschied der Confesston ein gleich gerechter Vater ist für alle Unterthanen, dem treuen, vom Danke der Nation geleiteten Freunde von Kaiser und Reich. Die Versammlung gestattet fich, ihren unterthänigsten Dank für die in ihrem Lande gefundene Gastlichkeit Ew. König!. H. ehrerbietigst zu
Füßen zu legen."
EC. München, 14. September. ^Eröffnung des Landtags.^ Die Thronrede führt Folgendes aus: Das Budget-Ftnanzgesetz wird alsbald vorgelegt. Ungeachtet günstiger Finanzlage würden die jetzigen Einnahmc-Ueberschusse zur dauernden Befriedigung der sich steigernden Reichs- und Staatsausgaben nicht ausreichen. Die Bestrebungen, neue Einnahmen zu beschaffen, seien von Erfolg gewesen durch das Gesetz über die Besteuerung des Branntweins. Bayern wird sich nicht ausschließen können, so sehr auch der Fortbestand der Reservatrechte am Herzen liegt. Der Landtag wird sich zunächst mit dem Branntweinsteuergesetz beschäftigen und wird der Beitritt Bayerns bis zum 1. October gehofft, weil eine nie wiederkehrende Gelegenheit zur Erreichung namhafter Vortheile und zur Abwendung schwerwiegender wirtschaftlicher Nachtheile geboten. Hierdurch ist auf die Möglichkeit zur Aufbefferung der Gebalte der Geistlichen, Lehrer und instabiler Bediensteter, sowie auf Gründung einer Kasse für Invaliden- und Relicten-Versorgung ständiger Staatsbahnarbeiten Bedacht genommen. Maßregeln für Staatsverkehrsanstalten-Angestellte, zur Verbesserung der Beförderungsverhältnisse und Erhöhung der Bezüge, eine Vorlage wegm Erbauung von Lokalbahnen, die Gesetzvorlage betr. Ausbau der landwirthschaftltchen Gesetzgebung, sowie die Unfall- und Krankenversicherung landwirtschaftlicher Betriebe; ein Postulat für die nächstjährige Kunstgewerbe-Ausstellung werden an den Landtag gelangen, ebenso der Gesetzentwurf über den Vollzug des Paragraphen 18, Tit. 2 der Verfassungsurkunde neuerdings vorgelegt werden.


