Ausgabe 
15.12.1887 Erstes Blatt
 
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Telegraphische Depesche«.

Wolff'S telegr. »»«»cntu

Berlin, 13. December. Der Kaiser hörte Vormittag« eine große Reihe militärischer Meldungen, dann die Vorträge Albedyll's und Caprivi'- uns machte gegen 2 Uhr eine Spazierfahrt.

DerReich-'Anz." publicirt die Verhängung refp. Verlängerung de» sog. Kleinen Belagerungszustandes für die Stadt» und Landkreise Frankfurt unn Hanau, den Kreis Höchst und den Obertauuus-Kreis bis zum 30. Sep» tember 1888.

Bei der heutigen Stadtoeroroneten-Stichwahl wurde im 8. Wahlbezirk Seeger mit 114 Stimmen gewählt, Major a. D. Hinze erhielt 80 Stimmen.

Berlin, 13. December. DemReichs-Anz." ist aus San Remo fol* gendes Schreiben zur Veröffentlichung zug-gangen:

w9)ie täglich sich mehrenden Zeichen der Theilnahme haben Se. Kaiser!, und Kör.igl. Hoheit den Kronprinzen veranlaßt, nochmals Höchstseinem wärmsten Dank hiervurch Ausdruck zu geben. Gleichzeitig ist Höchstdemselben zu Ohren gekommen, daß in der Heimath vielfach von öffentlichen und privaten Festlich» ketten in Hinblick auf Sein Leiden Abstand gen mmen wird. Se. Kaiser!, und König!. Hoheit ist durch diese Rückstcht innig gerührt. Der Gedanke ist Höchst» demselben tndeß peinlich, daß Seine Krankheit, die einen langwierigen Charakter anzunehmen scheint, eine in das öffentliche Leben so tief eingreifende Störung Hervorrufen sollte. Der Kronprinz wünscht daher, daß die Festlichkeiten und Vergnügungen des Winter«, zumal da gegenwärtig eine entschiedene B'fferung im Befinden Sr. Kaiser!, und König!. Hoheit eingelreten ist, in hergebrachter Weise stattsänden.

San Remo, 11. December 1887.

Der Hosmarschall:

Gras Radottneki.

Leipzig, 13. December. (Landesoerrathsproceß Cabannes.) Nachdem die Zeugenvernehmung beendigt ist, in der sich noch ergab, oaß der Angeklagte auch Drucker dec Bezirk-präsidien in Metz und Kalmar zur Aushändigung amt» licher Schriftstücke verleiten wollte, erfolgte die Verlesung weiterer Verwaitungs- berichte, deren Sendung nach Frankreich Cabannes einräumt. In nichtöffent­licher Sitzung erfolgte die Verlesung besonders geheimer, von Cabannes ebenfalls verrathener Schriftstücke.

Wien, 13. December. Unter dem Vorsitz des Kaisers fand Vormittags eine zweite militärische Conferenz statt, an welcher der Erzherzog Albrecht, der Kriegs Minister Bylandt» Rheydt, Generalstab-- Chef Beck, verschiedene Sections- Chefs des Kriegsministeriums theilnahmen.

Stockholm, 13. December. Sämmtliche Mitglieder des Ministeriums gab-n dem Könige heute ihre Entlassung. Der König ersuchte dieselben, vor­läufig noch weiter im Amte zu bleiben.

Pari-, 13. December. Kammer und Senat vertagten sich nach Ver­lesung der Botschaft bis nächsten Donnerstag. Ministerpräsident Ticard brachte eine Vorlage ein, in welcher Die Bewilligung provisorischer Zwölftel bean­tragt wird.

L *o t a I e t.

Gießen, 14. December. Nur wenige Tage trennen uns noch von dem schönen Wethnachlsfen und das Herannahen desselben macht sich freilich etwas später wie in früheren Jahren nunmehr in unserer Stadt bemerkbar. Die allmältg beginnenden Ausstellungen locken bei Einbruch der Dunkelheit Jung und Ali hinaus auf die sonst nur mäßig erleuchteten, jetzt aber lichtdurchflutheten Straßen und es entfaltet sich dort ein so lebendiges Treiben, wie man es an Winterabenden eben nur zur Weihnachtszeit zu sehen gewöhnt ist. In allen Straßen, in denen Gewerbetreibende ihren Sitz haben, strahlen während der ersten Abendstunden die Geschäftsräume im hellsten Lichterschein und überall, wo erleuchtete Schaufenster blinken, da sind sie von Schaulustigen um­standen, welche nicht müde werden, die mannigfaltigen Auslagen anzusehen und zu bewundern. Zunächst sind es die Ausstellungen der Juweliere, Bijouterie-, Galanterie- und Porlefeuillewaarenhändler, welche die Hauptanziehungspunkte für das schaulustige Publikum bilden; alle nur erdenklichen Gegenstände präscntiren sich hier dem Auge in geschmackvoller Gruppirung, von den einfachsten und billigsten Nippsachen bis zu den kunstvollsten und theuersten Luxusartikeln. Während die Ausstellungen der in großer Anzahl vorhandenen Kleiderbazare, Schnitt- und Modewaarenhandlungen, sowie Aus- staltungsgeschäfte aller Art das Interesse der Erwachsenen auf sich lenken, fesseln vor­nehmlich die Bücherläden, Conditoreien und Spielwaarenläden die Aufmerksamkeit der Kinder; es schaart sich die reifere Jugend um die in ersteren ausgelegten, in prächtiger Gewandung erscheinenden Jugendschriften, die Kleinen aber ergötzen sich an den in den letzteren ausgestellten Herrlichkeiten. Porcellan- und Glaswaaren-, sowie Blumen­handlungen, Buchbindereien, Schuhwaarenhandlungen u. dgl. haben gleich den übrigen Geschäften sich bestrebt, auf den betreffenden Gebieten dem Publikum das Schönste und Beste vorzulegen und wem es nicht an Geld mangelt, um nach Herzenslust einfaufen zu können, der wird finden, daß in unserer Stadt Alles zu haben ist, was zum Bedürfnisse, zur Bequemlichkeit oder zur Freude des Menschen dienen könnte. Ein Hinweis auf die einzelnen Ausstellungen würde zu weit führen, wir überlassen dieselben deshalb der eigenen Inspektion unserer verehrten Leser und sie werden die Ueberzeugrmg gewinnen, daß unsere hiesige Geschäftswelt zu Weihnachten eine tüchtige Probe ihrer Leistungsfähigkeit gegeben hat, deren Anstrengungen durch ein flottes Weihnachtsgeschäft belohnt zu werden verdienen.

Gieße«, 14. December. ^Schwurgericht.) Die gestern unter der Anklage der BrandfUfrung vor dem Schwurgericht gestandene Friedrich Kittel Ehefrau von Langenbergheim wurde nach Verneinung der Schuldfrage durch die Geschworenen kostenlos freigesprochen.

Gießen, 14. December. Der gestern Abend im Saale desPrinz Karl" dahier abgehaltene fretreligiöfe Vortrag war sehr gut besucht. Herr Prediger Voigt von Offenbach sprach in längerer Rede über die religiöse Erziehung der Kinder und erntete am Schlüsse seines Vortrags einmütigen Beifall.

Gießen, 14. December. Wie aus Bad-Nauheim mitgetheilt wird, hat der erste im Kinderhospital eingerichtete Wtntercursus sehr ermuthigende Resultate gehabt. Es soll daher am 2. Januar mit einem neuen begonnen werden. Derselbe wird auch auf 2 Monate berechnet sein. Die Kosten betragen nur 60 JL Anmeldungen sind binnen 8 Tagen an Dr. Abse in Bad-Nauheim zu richten. Auskunft ertheilt auch Pfarrer Schlosser dahier.

Gießen, 14.December. Herr Schreiblehrer Gottlieb aus Leipzig hat zufolge seiner rationellen Lehrmethode in hiesiger Stadt recht erfolgreiche Resultate erzielt. Dis jetzt hat er 35 Schüler nach seiner Methode im Schönschreiben unterrichtet. Bei allen wurde die Handschrift sehr gebessert. Zahlreiche Zeugnisse von Eltern seiner Schüler bestätigen seine günstigen Erfolge.

Gießen, 15. December. sTheater.j Die Lustfpielvorstellungen der Rudolph- schen Gesellschaft, welche sich einer so allgemeinen Beliebtheit zu erfreuen haben, finden in der heutigen Aufführung des drolligen ScherzspielsDer Liebe Lust und Leid", gedichtet von der Prinzessin E. v. M., jedenfalls eine Bereicherung, welche unsere Damenwelt besonders interessiren dürfte. Im Zwischenact wird unsere anmutige Solotänzerin Frau Anna Rudolph eine ihr vom Eomponisten Hempel gewidmete Graziosa tanzen. Die gestrige Vorstellung:Durchlaucht haben geruht" wurde wieder mit großem Beifall ausgenommen. Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt.

S < i » i f cM < «

A Mainz, 13. December. Wie dasM. I." mitteilt, sollen, nachdem die verwaisten Pfarreien der Diöcese Mainz jetzt sämmtlich besetzt sind, demnächst auch die Dekane für die einzelnen Eapttel bestellt werden. Da während des Eulturkampfes diese Stellen nicht besetzt werden konnten und die Amtsdauer eines Dekanes nach den Diöcesenstatuten sich nur auf 5 Jahre erstreckt, mithin längst abgelaufen ist, so hat das Bischöfliche Ordinariat die Neuwahl der Dekane für sämmtliche Eapitel des Bisthums angeorbnet.

Nach einer heute hierhergelangten Nachricht ist am verflossenen Sonntag zu Neuhaus in Oesterreich der Pater Johann Nep. Eori, Militär-Bezirkspfarrer, Ehren­domherr und Geistlicher Rath zu Mainz, gestorben. Der Verschiedene war zur Zeit, als Mainz noch Bundesfestung, hier über 30 Jahre österreichischer Feldgeistlicher und eine weithin belieote und populäre Persönlichkeit.

Ein unangenehmer Mißton wurde durch die Prämiirung unter einen Thcil der Aussteller der eben hier flattfinbenben Blumen- und Pflanzenausstellung gebracht. Wie das häufig geschieht, glaubten einige der Aussteller bei der Präiniirung nicht richtig gewürdigt zu sein, was die Veranlassung zu heftigen Erörterungen und fchließlich sogar zu ©eenen gab, über welche mit Rücksicht auf die gelungene Ausstellung des Sängers Höflichkeit wohl schweigen darf.

Da es nur allzu häufig oorkommt, daß Weinfässer auf dem Transport an­gebohrt werden, hat eine Anzahl hiesiger Weinhandlungen eine Denkschrift an die Direction der Ludwigsbahn gerichtet, in welcher um Maßnahmen zur Verhinderung dieser Vorkommnisse ersucht wird. Wie die Denkschrift anführt, ist der Schaden, welcher den Weinhandlungen durch diese Art Beraubung erwächst, alljährlich ein ziemlich beträchtlicher.

A Aus Rheinhessen, 13. December. In der Doedling'schen Branntwein- und Liqueurfabrik in Oppenheim brach gestern Vormittag Feuer aus, welches in kurzer Zeit die großen Fabrikgebäude sammt dem lagernden Spiritus zerstörte.

Literarische-.

Ueber Meyers KonversationS-Lexikon, von dem soeben der 9. Band der jetzt erscheinenden, vollständig umgearbeiteten 4. Auflage ausgegeben wurde, bemerkte dieDeutsche Rundschau", die sonst mit Lobsprüchen sehr sparsam ist, in ihrem neuesten Heft:Es ist nicht möglich, die Aufgabe eines solchen Werkes höher zu erfassen, als hier geschehen, auch noch in jedem Betracht, dem literarischen, artistischen und rein technischen, vollkommener zu erfüllen. Keine Frage, daß es, wenn vollendet, alles, was auf diesem Gebiet jemals in Deutschland geleistet worden ist, übertreffen und auch die Probe des Auslandes siegreich bestehen wird." Wir unterschreiben dieses rühmende Urteil aus eigener Anschauung, denn wir haben das Werk erst jüngst als einen wahren Hausfchatz bezeichnet und dessen Anschaffung angelegentlichst empfohlen. Daß der 9. Band noch vor dem Weihnachtsfeste ausgegeben wurde, wird jeder von den Vielen begrüßen, die das hervorragende Werk als prächtiges und wertvolles Geschenk zu ver­wenden beabsichtigen.

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