die Polizei zwar gute Kenntniß; die Schwierigkeit für sie liegt aber einmal darin, daß nur selten die Versammelten in corpore zu überraschen sind, sodann, daß vor dem Richter nicht leicht der Beweis zu erbringen ist, daß jene dem Geheimbunde wirklich angehören. Denn vor schriftlichen Abmachungen hütet man sich sorgfältig und bündige Zeugenaussagen sind aus einleuchtenden Gründen fast nie zu beschaffen. Daher verlaufen fo viele Prozesse im Sande.
Aus alledem erhellt von Neuem, wie wenig man erwarten darf, eine an Zahl, Rührigkeit, Entschlossenheit, Umsicht und Selbstentäußerung so starke Partei allein durch gesetzliche und staatliche Mittel zu entwaffnen. Das Beste, was die bürgerliche Gesellschaft in dieser großen Lebensfrage thun kann, ist das ernste, nachhaltige Streben, die wahren Bedürfnisse der arbeitenden Massen immer besser verstehen zu lernen und ihnen nach Vermögen gerecht zu werden. Großer Opfer bedarf es dazu zweifellos. Blicken aber die besitzenden Klassen auf die Summe materieller und immaterieller Opfer, welche die Socialdemokralen jahraus jahrein bringen und zum Theil ihrem Nothbedarf abbrechen müssen, so kann das Jenen nur die Ueberzeugung aufdrängen, daß sie selbst erst in oerbältnißmätzig kleinem Stile begonnen haben, eine kluge, verständige Socialpolitik zu verfolgen und zugleich praktisches Chrtstenthum zu üben. Ein weiter, steiler Weg liegt noch vor ihnen.
L o V « l e 4.
Darmstadt, 13.September. Die Reblausuntersuchunaen im Hessen haben sich bis jetzt über nachfolgende ©emarfungen erftrerf f Mombach, Budenheim, Hetdesheim, Frei-Weinheim, Ober- und Nieder ^nadbeim" Ah gleich bis jetzt keine Infektionen aufgefunden worden sind, so wurde"doch eine aSt Anzahl ausländischer Reben, namentlich Amerikaner Captrauben, spanische <R,h?„ ?C in den dortigen Wemarkungen und zwar nicht blos in den HauSqartm sondern in den dortigen Weinbergen angetroffen, was trotz des negativen Ergebnisses suchungen immerhin als eine recht bedenkliche Thatsache erscheint. unter-
Die Untersuchungs-Commission bestand aus den Herren eanbroirtbtönftar.hr., Dern, Kreisschulinspector Dosch, Gymnasiallehrer Dr. Quentell, sämmtlich von nnlJm? Dr. Eurich von Mannheim, Gymnasialreallehrer Dr. Nies von Main» oc wtrthschaftslehrer Letthiger von Alsfeld. Die drei zuletzt genannten Herren die Untersuchungen im Kreise Bingen fortsetzen, während die Herren 5^r«Cr k Dr. Quentell in den Kreisen Oppenheim und Worms vorerst eintae als nprhsJL» bezeichnete Stellen untersuchen werden. Die Herren Dosch und Dr 9
Geisenheim sind von dem Herrn Minister Dr. Lucius beauftragt worden die gnD;On Pflanzungen in den Gärten und Anlagen der König!. Lehranstalt zu Geisenbdm „7?J3 unter der Direktion des Herrn Oekonomierath Goethe stehen (von der ®n#th5r* C Gärtnerei in Cannstadt wurden s. Z. die erkrankten Reben im Btebricher Scklab^' ♦ bezogen) zu untersuchen. uB8arten
Gießen, 14. Septbr. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 15» September 1887, Nachmittags 4 Uhr.
1. Vergebung der Ktrch'schen Stiftungszinsen.
2. Gesuch des Karl Drommershausen um Erlaubniß zum Betrieb einer Zapfwirthschaft.
3. Desgl. des Georg Hebstreit.
4. „ „ Karl Loth.
5. Gesuch des Bäckermeisters Jo HS. Lein um Erlaubniß zum Ausschänken von Branntwein.
6. Kaufvertrag zwischen der Stadt Gießen und Schneidermeister Ludwig Benner.
7. Die Quellwafferleitung.
8. Gesuch des Rentners Louis Bramm wegen Wasserabführung.
9. Desgl. des Schreinermeisters Karl Hahn und Weißbindermeisters Christof Schmidt.
10. Gesuch des Zimmermeisters Johannes Alker um Bauerlaubniß.
11. Straßenbeleuchtung.
12. Aufstellung eines Abtritts auf dem Krämermarktplatz.
13. Das Polizeireglement zur Lokalbauordnung.
14. Reclamation gegen die Lokalbauordnung.
15. Das Ortsgertcht betr.
vermischtes.
Bad Nauheim, 10. September. Der frühere Pächter des Hofes Hasselheck, jetzt dahier wohnhafte Rentier Fritz Koch, wurde gestern schwer verwundet auf der Jagd. Derselbe ging mit dem Besitzer der hiesigen Colonnade, Herrn Nassauer von Frankfurt, auf den Anstand. Die Flinte des letzteren, welche neben Herrn Koch stand entlud sich jedoch zufälliger Weise beim Frühstück und ging die Ladung Herrn Koch in die eine Hüfte, auch der eine Arm wurde schwer verletzt. Glücklicher Weise soll die Verwundung nicht lebensgefährlich sein.
A Mainz, 13. September. Zu der heute hier beginnenden Generalversammlung des Gesammtvereins der deutschen Geschtchts- und Alterthumsvereine brachten die Nachmitlagszüge aus ganz Deutschland schon Thetlnehmer in großer Zahl. Unter den Ersten auf der Präsenzliste figuriren die illustren Namen von Schliemann, Professor Virchow und Professor Dr. Oehlschläger. Von dem Verein zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer in Mainz ist den Theilnehmern eine prachtvoll ausgestattete, mit reichen Illustrationen und vielen Karlen und Plänen versehene Festschrift gewidmet worden, deren Inhalt einen reichen Schatz von der Geschichte von Mainz und dessen nächster Umgebung wiedergibt. Aus dem Inhalt der Festschrift seien erwähnt zwei Beiträge von Ernst Zais in Wiesbaden, „Zur mainzischen Cultur-, Kunst- und Handwerkergeschichte" und „Matnzisches Bauwesen im 18. Jahrhundert" • ferner „Auszüge aus ungedruckten Urkunden des Klosters Ruppertsburg bei Bingen" von Dr. Bruder; „Mainz und Nachbarstädle im 15. Jahrhundert" von Dr. Falk- Das Kapuzinerkloster von Bingen" von Dr. Bender; „Zum Kampf Adolphs von Nassau und Dtethers von Isenburg im Rheingau" (nebst zwei historischen Volksliedern) von Dr. B. Schädel; „Einleitung in die Geschichte der zweiten französischen Herrschaft in Mainz" von Dr. Bockenhetmer; „Die neuen römischen Inschriften des Museums in Mainz" von Dr. Keller; „Die römische Rheinbrücke bei Mainz" von Baurath Heim und Dr. Velke. In einem Separatheft hat hieran noch Dr. Kvüber einen Beitrag zur römischen Münzkunde angereiht. — Der heutige Tag der Generalversammlung ist nur dem Empfang der auswärtigen Theilnehmer und einer geselligen Zusammenkunft derselben gewidmet.
, △ Mainz, 13 September. In dem Hotel „Zum Mainzer Hof" hier spielte sich heute Morgen in den Stunden zwischen 5 und 7 Uhr eine fürchterliche Scene ab Ein in spater Abendstunde ohne Gepäck angekommener Fremder, der sich als ein Herr Moehler von Frankfurt in das Fremdenbuch eintrug, fing gegen 4 Uhr Morgens in seinem in dem 3. Stock gelegenen Zimmer lautes Lärmen und Schreien an so daß alle übrigen Fremden aus dem Schlaf geschreckt wurden. Als der Wirth in das Zimmer eilte, fand er denselben auf der Fensterbank sitzend und zwar die Füße nach der Straße heraushängend. Sofort erkennend, es mit einem Geisteskranken zu thun zu haben suchte der Wirth den Fremden mit Zureden zu beruhigen, was ihm auch soweit gelang' daß der unhe mliche Gast seinen gefährlichen Sitz am Fenster aufgab. Kaum hatte der Wirth das Zimmer verlassen, um Hülfe zu holen, so eilte der Fremde nach der Tbür und verschloß und verbarrikadirte dieselbe und nahm alsdann wieder den vorigen Sitz an dem Fenster ein Befürchtend, daß der Gast sich von der Höhe herabstürzen könnte, requirirte der Wirth dre Feuerwehr, welche sich mit hohen Leitern vorsichtig den Fenstern näherte; da der Fremde aber den Vorbereitungen zusah, so suchte man zunächst ein Fangnetz zu spannen. Dieses sehend stieg der Gast ans dem Fenster auf das G simse und stürzte sich von hier herab An den Beinen, Brust und Kopf schwer verletzt, wurde der Fremde noch lebend aufgehoben, verstarb aber bei dem Transport in das
A Mainz, 13. September. Der Fremde, welcher sich heute Moraen aus htm ^n s^^rk eines Hotels herunterstürzte, beißt richtig, wie er in das Fremdenbuch geschrieben hat, Moehler und stammt von Frankfurt. Nach der Aussage der am Nachmittag hier anaekommenen Familienangehörigen ist der Unglückliche, der früher als Kaufmann in Mannheim ansässig war, schon längere Zeit geistesgestört und gelang es demselben nur durch Zufall, aus seiner ständigen Bewachung zu entschlüpfen 9 rr-hr . ur g, 12. September. Sicherem Vernehmen nach ist die hiesige Universitäts- Musikdirectorstelle dem Concertmeister Herrn Richard Barth in Crefeld übertraaen worden; derselbe wird noch im Laufe dieses Monats sein neues Amt antreten 9
— sZum Submissionsverfahren-j Auf dem kürzlich in Dortmund aW haltenen allgemeinen deutschen Handwerkertag wurden auf Antrag des Bäumest? - Friedrich aus Halle nachstehende Beschlüsse betreffs des Submissionswesens einstimnsta gefaßt: 1) Die Arbeit darf nur vergeben werden an den Unternehmer, welcher dä anerkannte Fähigkeit besitzt, die ausgeschriebene Arbeit auszuführen. Der Minb-st. fordernde ist in der Regel auszuschließen. 2) Zu Ausschreibungen der Submissionen Prüfungen dec Angebote, sowie zur Uebernahme der ausgeführten Arbeiten müllen' Sachverständige hinzugezogen werden. 3) Die Arbeiten sind möglichst an ^nnunas- meister zu vergeben und sog. Uebernehmer, die dem betreffenden Handwerk fernsieben von der Submission auszuschließen. 4) Der Generalunternehmer ist unter allen Um' ständen auszuschließen und jeder Theil der Arbeit nach dem betteffenden Gewerbe für sich auszuschreiben. 5) Der vorjährige Erlaß des preußischen Ressortministers über Handhabung des Submissionswesens wird als ein wesentlicher Fortschritt zum Besseren begrüßt und verdient dieser Erlaß die allseitige Beachtung der Communal- und der übrigen deutschen Staatsbehörden. 6) Bei engeren Submissionen ist dem Mindest, fordernden stets der Zuschlag zu ertheilen. U10c,t
— Bei der Hebung der freiwilligen Feuerwehr in Meiningen rutschten rwei Steiger sammt ihren Leitern vom Dache herab. Während sich der eine noch an der großen angelehnten Leiter halten konnte, sauste der andere, hinter ihm die Leiter ai»f das Pflaster und verletzte sich sehr erheblich. Glücklicherweise war sofort ärztliche Hilfe zur Stelle, später wurde er sofort mittelst Tragkorbs in's Krankenhaus geschallt- er hat innere Verletzungen und einen Schenkelbruch davongetragen, sich auch, da er 'sich im Fallen an den Dachziegeln zu halten suchte, die Fingernägel abgerissen.
— Weitgereiste Leute standen, wie der „Rh. W. Ztg." aus Düsseldorf berichtet wird, dieser Tage vor dem Schöffengericht, Türken aus dem Dorfe Duhma am Libanon. Die Einwohner des gelobten Landes hatten die Absicht, nach Amerika zu gehen, führten ihre Reise aber sehr im Zickzack aus. Sie kamen über (Spanien, Frankreich und Holland nach hier, wo die Polizei sie wegen unberechtigten Hausirens in Haft nahm. Die Fremdlinge ließen durch ihren Dolmetsch, Pastor Gräber, betheuern daß sie nicht gewußt hätten, daß der Pascha dieses Landes für den Verkauf von Waaren einen Schein verlange. Sie hätten auch nur getauscht und nicht gehandelt und zuweilen sei ihnen von mlldthätigen Leuten, die erfahren, daß sie zwar Türken aber doch gute Katholiken seien, ein Piaster geschenkt worden. Das Gericht sprach dieLeute frei, welche nicht ermangelten, dem Vorsitzenden ihrerseits zum Danke den Wunsch „Gott vermehre Dein Vermögen" ausdrücken zu lassen.
— Um Manuscripte gegen Verlorengehen zu schützen, haben die Verleger des „Century Dikttonary", einer Art Unioersal-Lexikon, in Newyork einen ebenso originellen als zweckdienlichen Schritt gethan. Bereits 25,000 Bogen Manuscripte sind vorbereitet für dieses großartige Werk, und die Gefahr, alles oder einen Theil davon durch Feuer oder sonstwie zu verlieren, mußte natürlich mit dessen Anwachsen sich auch immer mehr erhöhen. Man hatte anfänglich die Absicht, dasselbe für 150,000 Dollars zu v-r- sichern, damit konnte man sich jedoch nur einen pekuniären Ersatz, nicht aber vernichtete Manuscripte wieder schaffen, und diese auf's Neue zu erlangen, würde in sehr vielen Fallen gar nicht mehr möglich gewesen sein; das ganze Unternehmen konnte somit in Frage gestellt werden. Da kamen die Verleger auf die glückliche Idee, sämmtliche Manuscripte photographiren zu lassen, ein Verfahren, das nicht mehr kostete, als der Betrag der Versicherungsprämie gewesen sein würde. Dabet wurde die photographische Copie in stark verkleinertem Maßstabe, das 8:12 Zoll große Original auf 1^ :2s.Zoll reducirt, ausgenommen; man kann sie selbst in diesem reductrten Formate mit Hilfe eines Vergrößerungsglases noch ganz bequem lesen; würde sich aber ein Ersatz nöthig machen in Folge eines Verlustes, so wäre es ja ein Leichtes, die Vergrößerung wieder auf photographischem Wege vorzunehmen. Die Verkleinerung gewährt noch den hoch anzuschlagenden Vortheil, daß man jetzt den Inhalt von 25,000 Bogen in einem einzigen feuerfesten Geldschranke aufbewahren kann. — Sollte es sich nicht empfehlen, „Journ. f. Buchdr.", daß die kostbaren Seltenheiten und Unika unserer öffentlichen Bibliotheken ebenfalls photographisch copirt, diese Copien aber an einem anderen sicheren Orte aufbewahrt würden?
, . “ Die Kuhmilch ist im Hochsommer in Folge ihrer Neigung zur Zersetzung eine sehr bedenkliche Speise für die Kinderwelt. Hohe Sterblichkeit des Säuglingsalters mahnt jetzt zur höchsten Vorsicht. Die Milch bedarf eines Zusatzes, der ihre Mangel gründlich beseitigt und Ernährungsstörungen vorbeugt. Diese Ausgabe hat seit vielen Jabren Timpe'S «indernahruug (hier bei Friedrich Leo) mit so vorzüglichem Erfolge gelöst, daß jeder sorgsamen Mutter ein Versuch dringend zu empfehlen ist.
Wöchentliche Ueberficht der Todesfälle in der Stadt Gießen.
36. Woche. Vom 4. September bis 10. September 1887.
Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsziffer: 0,82 o/«.
rca n _ Kinder
starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom
t n . 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr:
Rippenfellentzündung 1 i _
Scharlach 1 m wn
Angeborenem Bildungsfehler 1 i -
Summa: 3 2 I —
. . ^nm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle 'U oer betteffenden Krankheit auf von Auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Allgemeiner Anzeiger
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