1887.
Siebener
nzeiger
Nr. 214 Erstes Blatt. Donnerstag den 15. September
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinaerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Romrod, 13. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog und die Höchen Herrschaften wohnten gestern dem Manöver zwischen Heimertshausen und Angenrod bei. Zur Tasel in Romrod hatten die Generale v. Wtssmann und v. Wulfen, Oberst v. Chappuis, Major v. Philippsborn, Kreisrath Hoffmann und Oberamtsrichter Bornemann Einladungen erhalten. Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog kam nach Beendigung des Manövers zur Tasel und kehrte dann nach Vockenrods zurück, wo Höchstderselbe sein Quartier beim Bürgermeister hat. Die Musik des Leibgarde-Regiments concertirte während der Tafel.
Stettin, 13. September. Die Katserparade aus dem Krekower Felde ist bei prachtvollem Wetter glänzend verlausen. ‘ Se. Maj. der Kaiser tras kurz nach 11 Uhr aus dem Paradeselde ein, fuhr, von Ihrer Maj. der Kaiserin, Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Wilhelm in einem Sechsspänner, sowie von Ihren Königl. Hoheiten den Prinzen Wilhelm und Leopold zu Pferde und einer glänzenden Suite gefolgt, zunächst das in zwei Treffen aufgestellte Armee-Corps entlang und ließ fodann die Truppen zweimal in Parademarsch vorbeidefiliren. Bst beiden Vorbeimärschen führte Se. Königl. Hoheit Prinz Wilhelm das Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pommerfches) Nr. 2, Feldmarschall Gras Moltke oas Kolberg'sche Grenadier-Regiment (2. Pommerfches) Nr. 9 vor Er. Maj. dem Kaiser vorüber. Bei dem ersten Vorbeimarsch des Kürassier-Regiments Königin (Pommerfches) Nr. 2 verließ Se. Maj. der Kaiser seinen Wagen, ging zu dem daneben hallenden Wagen Ihrer Maj. der Kaiserin, saluttrte und blieb am Wagen Ihrer Majestät stehen, bis das Regiment desilirt hatte. Während beider Vorbeimärsche stand Se. Majestät fast ununterbrochen im Wagen. Gegen l3/4 Uhr war der Vorbeimarsch beendet. Se. Maj. der Kaiser fuhr fobanrt. v n Ihrer Maj. der Kaiserin und der ganzen Suite gefolgt, die Front einer Reihe von Kriegeroereinen ab, welche aus der ganzen Provinz mit mehr als 200 Fahnen und ihren Musik-Corps erschienen waren. Ununterbrochene enthusiastische Hochrufe begleiteten die Majestäten aus der ganzen Fahrt.
Stettin, 13. September. Der Kaiser wohnte dem heutigen Parade- biner bei und zog sich alsdann zurück. Die Abfahrt Sr. Majestät zum morgigen Corps-Manöver bei Brunn ist auf 9Vs Uhr festgesetzt.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorresporrvenz-Brrrearr.
Berlin, 13. September. Die „Nsrdd. Allg. Ztg." bemerkt zu der Mittheilurn der Blätter, daß eine Erhöhung einzelner Offiziers-Gehälter beabsichtigt werde, das Gerücht scheine bisher nur in Reportercombinattonen seinen Ursprung zu haben.
— Der Fürst und die Fürstin Bismarck reisten heute Nachmittag um 5V< Uhr nach Friedrichsruh ab.
Nürnberg, 13. September. Die 41. Hauptversammlung des Gustav-Adolf- Vereins wurde heute Nachmittag durch feierliche Begrüßung der Versammlung im großen Rathhaussaale eröffnet.. Nach dem Vorsitzenden des Lokalcomitä's und dem Vorsitzenden des Anspacher Hauptvereins, Consistorialrath Burger, ergriff der Bürgermeister v. Stromer das Wort, um den Verein im Namen der an evangelischer Erinnerung so reichen Stadt Nürnberg willkommen zu heißen. Regierungsrath v. Götz aus Anspach überbrachte dem Verein den Gruß der dortigen Regierung. Geh. Kirchenrath Fricke erwiderte diese Grüße unter Hinweis auf die Bedeutung, welche Nürnberg gerade von jeher für die Sache des Evangeliums gehabt habe. Die Betheiligung an der Versammlung aus der Nähe und Ferne ist eine überaus zahlreiche.
Bern, 13. September. Die Nachricht des „Temps", daß die Schweiz bei Frankreich wegen Unterhandlungen betreffs der Besetzung Savoyens im Kriegsfälle angefragt habe, wird bestunterrichteterseits für unbegründet erklärt.
Prag, 13. September. Bet der heutigen Wahl der Handelskammer zum Landtage erfchtenen die deutschen Kammermitglteder nicht. Die Candidaten bÄ böhmischen Partei wurden gewählt.
Agram, 13. September. Der kroatische Agitator Abgeordneter David Starcsevics wurde wegen Verbrechen des Betrugs rc. zu sechsjährigem schwerem Kerker, Verlust des Doctortitels und der Advokatur verurtheilt.
Prag, 13. September. Bei den Städtewahlen wurden sämmtliche Candidaten des deutschen Eentral-Comitä's gewählt, nur in Wildestein siegte der selbstständige Can- dtdat. Die Wahlbetheiligung war überall äußerst gering.
Kopenhagen, 13. September. Der Kaiser von Rußland nahm heute an dem Ausflug der Königsfamilie nach Fredricksborg Theil.
Kopenhagen, 13. September. Der Prinz von Wales reist am 21. September mit der Nacht „Oedorne" nach England zurück. Die Prinzessin folgt später über Land.
London, 13. September. Im Unterhause erklärte gestern Baron Worms, das Handelsamt habe keine Nachricht darüber erhalten, daß viele Personen auf dem Festlande in Folge Genusses von Hamburger Speck an Trichinose leiden. Das Lokalverwaltungsamt habe im Jahre 1881 eine Instruktion erlassen über Trichinose und die -'cothwendigkeit, das Fleisch zu kochen; die Controle in Betreff der Einfuhr von Fleisch let Sache der Zollbehörden. Der Marincminister erklärte, ihm sei nicht bekannt, daß für die Flotte Kontrakte für Lieferung von Speck in Hamburg abgeschlossen worden feien. Parnell's Antrag, die Debatte zu vertagen, wurde mit 228 gegen 87 Stimmen avgelehnt und darauf in der Einzelberathung das Finanzgesetz angenommen. Hierauf wurden sämmtliche Amendements der Bill in Betreff des Betriebsreglements für die Kohlenminen angenommen.
r — Im Dorfe Ballyponeen bei Mitchelstown (Irland) wurde die Polizei, ^ner Schlägerei ein schreiten wollte, von einem Volkshaufen angegriffen und mdre Kaserne gedrängt, von wo dieselbe schoß. Es wurde jedoch Niemand verwundet; 1 -Personen wurden verhaftet.
t_L Eork, 13. September. Der Prozeß gegen O'Brien wurde bis zum 23. Sep- «nbcr vertagt. O'Brien soll dann vor dem Gerichte in Mitchelstown erscheinen.
London, 13. September. Das Oberhaus nahm in allen Lesungen die Bill, in r? e Errichtung technischer Schulen in Schottland, an. Sodann nahm das Haus «erster Lesung das Finanzgesetz an.
Petersburg, 13. September. Das „Journal de St. Petersb." sagt bezüglich der Erwiderung der „Nordd. Allgem. Ztg." auf eine Auslassung der „K. Ztg." über die Stellung Deutschlands zu Rußland in der bulgarischen Frage: Wir nehmen befriedigt Akt von dieser freimüthigen Erklärung, welche schwerlich nicht allein an die ,/K. Z." gerichtet ist. Die Erklärung kann zu gleicher Zeit auch als Antwort auf Angriffe gewisser deutscher Blätter gegen die russische Politik und gewisser russischer Blätter gegen die deutsche Politik dienen. Daraus, daß bei Liner so hervorragend wichtigen Frage beide Mächte, deren Politik nicht von einem Tage zum andern lebt, in ihren Urthetlen und ihrer Aktion sich begegnen, folgt weder, daß die eine Macht der Hilfe der anderen mißtraut, noch daß die eine sich im Schlepptau Der anderen befindet. Was würde aus dem Weltfrieden werden, wenn dieses Mißtrauen das höchste und alleinige Gesetz jeglicher Politik wäre?
— Der Botschafter Graf Paul Schuwaloff ist zum General der Infanterie befördert worden.
Sofia, 13. September. Gestern fand auf dem Platze vor der Kathedrale eine von 800 Personen besuchte Versammlung der nationalen Partei statt, wobei Stojanow und Vultschew sprachen. Das Protestmeeting war durch die Angriffe veranlaßt, welche Karawelow in seiner Zeitung gegen den Fürsten und die Führer der Nationalpartei gerichtet hatte. Man forderte die Verhaftung Karawelow's und Vultschew schlug eine Resolution vor, worin gesagt wird, daß man dem Fürsten in seinen Bestrebungen für das Wohl Bulgariens bis zum Aeußersten Beistand leisten müsse. Hierauf begab sich ein großer Volkshaufen zum Hause Karawelow's, warf die Fensterscheiben ein und stieß Drohrufe aus. Die Gensdarmerie griff wiederholt den Haufen an. Es sollen mehrere Personen, sowie einige Gensdarmen verwundet worden sein. Die Menge zog hierauf nach der Druckerei der Zeitung „Tirnowska Conftitutia", zerbrach auch dort die Fensterscheiben und riß das Schild herunter, wobei gerufen wurde: „Nieder mit den Verräthern!" Sodann begab die Menge sich nach dem Palais des Fürsten und brachte demselben lebhafte Ovationen dar. Der Fürst trat auf den Balkon und nachdem die auf dem Meeting beschlossene Resolution verlesen worden war, dankte der Fürst für die patriotischen Zurufe. „Liebet mich", sagte er, „und seid Patrioten. Es lebe Bulgarien!" Hierauf zogen die Manifestanten nach dem Hause Stambulow's, welcher sagte, so lange die Sache Bulgariens solche Vertheidiger habe, werde dieselbe nicht verloren sein. Eine weitere Ansammlung vor dem Hause Karawelow's wurde von der Polizei zerstreut.
Kairo, 13. September. Der Nil ist fortdauernd im Steigen begriffen und beginnt auch bei Wadibalaf und Wadihalfa wieder zu steigen.
Lima, 13. September. Meldung des „Reuter'schen Bureaus."! Durch eine Dynamitexplosion im Zollamte in Callao wurden sechs Personen getödtet und acht verwundet.
Bombay, 13. September. (Meldung des Bureau Reuter.) Nach einer Depesche aus Kabul vom 6. September fand am 31. August bei Mashaki am Abistada-See ein hartnäckiger Kampf zwischen den Truppen des Emirs und den Insurgenten statt, wobei 500 Mann getödtet und verwundet sein sollen.
Die Nhätigkeit der Socialdemokratie.
Von allen unbefangenen Vertheidigern des Socialistengesetzes wurde vorausgesehen, daß dasselbe die Verbreitung socialdemokratischer Lehren und Gesinnungen nicht verhindern, nur mindern könne. Was ehedem öffentlich mittelst Rede und Presse im Großen betrieben wurde, ist jetzt auf Heimlichkeit und Schleichwege angewiesen. Dank einer höchst geschickten Organisation und zahlreichen unverzagten und unermüdlichen Helfern in Stadt und Land geht die Propaganda vorwärts, langsamer zwar aber sicher und stetig, trotz aller Prozesse, Verhaftungen, Ausweisungen und häufiger Beschlagnahme starker Posten von Drucksachen.
Diese werden in der vom ehemaligen Abgeordneten Motteler mit Klugheit und Kraft geleiteten Partei-Druckerei in Hottingen-Zürich hergestellt. Der „Socialdemokrat" erscheint in einer Auflage von 12 000 Exemplaren. Etwa 400 gelangen nach Deutschland unter verschlossenem Umschlag durch die Post, 9000 werden dahin in Ballen, meistens durch Träger, über die Grenze gepascht.
Jenseits befördert diese dann ein anderer Vertrauensmann mit Fuhrwerk ober Eisenbahn einige Meilen lanbeinwärts. Tags barauf gehen sie in einer Kiste, meist als Räucherwaaren beklarirt, als Frachtgut weiter, hauptsächlich über Baben, auch Württemberg unb Bayern, seltener durch ben Elsaß, wo bie preußischen Beamten scharf aufpassen. In ber Transportweise unb ben Mittelspersonen wirb fortwährenb gewechselt, je nach ben Erfahrungen, welche bie Mitgliebschaften ber betheiligten schweizerischen Grenzcantone machen. Aehnlich behanbelt man auch bie anberen Druckschriften. Von biesen gehen ferner Ballen über Paris zur See nach Hamburg, Ottensen rc. Die Züricher „Volksbuchhanblung" soll durchschnittlich für 10 000 JL nicht periobischer Schriften, Lieberbücher unb Hefte ber socialbemokratischen Bibliothek alle Monate nach Deutschlanb einführen, von welchem Betrage etwa Vs für Spesen abfallen. Die beutschen Socialiftcn in ber Schweiz unterstützen ben Schriftenvertrieb in Deutschlanb nach Vermögen.
Als Empfänger von Ballen unb Packeten wählt man nie in ber Oeffentlichkeit unb bei ber Polizei bekannte, fonbern möglichst obscure Personen, Wittwen, Greise, welche von ben „Beauftragten" ber geheimen Organisation jeher Stabt streng überwacht werben. Bei ber geringsten Unregelmäßigkeit wirb in Hottinaen bie betreffenbe Abresse gestrichen, unter Umftänben ber Name auf bie schwarze Lifte gesetzt. Jene Empfänger kennen nie ben nächsten Absenber ber Packete unb vernichten stets bie ihnen behufs Weiterbeförberung zugeschickten Abressen. Innerhalb ber beutschen Grenzen besitzt wahrscheinNch Oiiemanb ein Derzeichniß aller Vertheiler. Daher rührt es auch, baß jebe neue Aufhebung von Personen unb Schriften so wenig bas ganze Getriebe stört.
Die geheime Organisation scheint bald nach Erlaß jenes Gesetzes in Berlin geschaffen worden zu sein. Innerhalb ber 56 000 Personen, welche 1878 socialbemokratisch stimmten, entstauben Verbänbe unter harmlos klingenben Namen, Gesang-, Spiel-, Rauch-Clubs rc., es würben Gelber für „bie Sache" zusammengesteuert, Vertrauensmänner unb Obmannschaften gewählt unb ein CentralcomitS gebilbet. Zuerst hanbelte es sich um Unterstützung ber Ausgewiesenen unb ihrer Familien; balb jeboch bemächtigte sich bas Comit6 ber Leitung ber Berliner Parteiangelegenheiten unb genoß unumschränktes Ansehen in allen wichtigen Dingen.
Die „M. Allg. Ztg." macht, wie es scheint, auf amtliche Quellen gestutzt, nähere Angaben über basselbe. Alle nicht in ber Stille zu betreibenben Parteigeschäfte werden nicht burch bie ber Polizei bekannten Partei-Leiter, sondern durch bewahrte Ersatzv männer besorgt unb mit diesen fleißig gewechselt. Auch „Hauptmannschaften von sehr veränberlicher Abgrenzung hat man eingerichtet; in ihnen wirkt ber Vertrauensmann, vermittelt bie Beschlüsse bes ComitSs unb aus ihnen heraus beeinflußt man die breiten Massen in vorsichtigster Weise, veranstaltet „Lanbparthien" u. f. w. Von alledem Hal


