Nr. 86
Freitag b(ti 15. April 1887.
icßcncr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Dureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Hheit.
Nr. 12 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 7. d. M.,, enthält:
(Nr. 1710.) Übereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Serbien, betreffend den gegenseitigen Schutz der gewerblichen Muster und Modells Vom 3. Ju^M. bie Unzulässigkeit der Pfändung von Eisenbahnsahrbetriebsmitteln Vom 17. März 1887.
1 J Nr. 13 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 12. d. M.. enthalt:
(51t 1712 ) Verordnung betreffend die Einsuhr bewurzelter Gewächse aus den bei der internationalen ReblauSconventwn mcht betheürgten Staaten.
Vom 7. April 1887.
Gießen, den 13. April 1887.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen - 14. April.
Die Stille der Osterseiertage wirkt in der auswärtigen wie in der inneren Politik noch immer nach und namentlich ist aus jenem Gebiete das an neuen Nachrichten vorliegende Material noch ein recht dürftiges, jedenfalls kann man da einmal sagen: „Keine Nachrichten - gute Nachrichten und wenn die hohe Politik feiert, so ist dies nur ein günstiger Symptom für bie äugen- blickliche Weltlage. In der Thal schreitet die schon seit einiger Zeit etngetrdene Aufklärung des europäischen Horizonts, wenn auch nur zögernd, fort und felvst die modernste Sphinx für die europäische Diplomatie, die bulgarische Frage, scheint ihrer Lösung um ein Weniges näher gerückt zu fein. 3" dieser Beziehung sollen bestimmte Anzeichen vorliegen und heißt es, daß Rußland, auf welche Macht es bei der Weiterentwickeiung der bulgarischen Dinge ja Haupt» sächlich ankommt, sich mit einer bescheidenen Genugthuung für den Widerstand, den cs mit feinen Plänen bislang bei den Bulgaren gesunden, begnügen wolle. Welcher Art diese „Gmugthuunz" sein wird, darüber kann man kaum Ver- wuthunpen hegen, aber es ist doch immerhin schon etwas, wenn Rußland erklärt oder andeutet, von der von ihm in der bulgarischen Frage bislang befolgten politischen Richtung der absoluten Negation endlich abweichen zu wollen. Im Uebrigen dars schon aus der vierwöchentlichen Urlaubsreise, welche der deutsche Botschafter in Petersburg, Herr v. Schweinitz, angetreten hat und mit welcher er eins Cur m Wiesbaden verbindet, geschloffen werden, baß in den leitenden Petersburger Kreisen zur Zeit keinerlei beunruhigenden Dispositionen obwalten.
Nächsten Dienstag, den 19. April, nehmen der Reichstag wie das preußische Abgeordnetenhaus gleichzeitig ihre Beralhungen wieder auf uno hiermit wird dann die österliche Ruhepause in der inneren Politik ihren natürlichen Ausgang erreicht haben. Bis dahin muß sich der Tages Berichterstatter mit dem Wenigen begnügen, was noch die letzten Tage vor Ostern gebracht haben und unter diesem war auch die interessanteste Mittheilung diejenige über die Berfügung des reichsländischen Ministeriums betreffs des Aufenthalts von Angehörigen der französischen Nation in Elsaß - Lothringen. Bislang hatten nur Personen, welche dem actioen französischen Heere angehörten oder zu demselben in Beziehungen standen, eine fpecielle Genehmigung zum Ausenchalte in den Reichslanden einzuholen. Nunmehr ist aber diese Bestimmung auf alle Franzosen, welche sich daselbst aufzuhalten gedenken, ausgedehnt worden und nur diejenigen französischen Unterthanen, die bereits in Eisaß- Lothringen wohnen, sind ausgenommen. Die gemeldete Maßregel wurde schon vor einiger Zeit signalisirt, doch glaubte man nicht, daß sie so rasch verwirklicht weroen würde; jedenfalls hat sie angesichts der Thatsache, daß zwischen den im Reichslande sich aushaltenden Franzosen und der Heimath stets die regsten Beziehungen gepflogen werden, ihre volle Berechtigung.
Dem Metzer Gemeinderathe ist auf die Ergebenheits-Adresse, welche die genannte Corporation zum 22. März an den Kaiser gerichtet hatte, ein Dankschreiben aus dem Civil-Cabinet des Kaisers zugegangen. In dem» selben drückt der Monarch nochmals sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß er durch plötzlich eingetretenes Unwohlsein bei seiner vorjährigen Anwesenheit im Elsaß daran gehindert wurde, seinen Wunsch, Metz zu besuchen, auszusühren. Schließlich versichert das Schreiben, daß der Kaiser an der Wohlfahrt der ehrwürdigen Hauptstadt Lothringens warmes Interesse nehme und zuversichtlich hoffe, daß die Stadt einer fortschreitenden Entwickelung entgegengehen werde.
Ja Straßburg sand am 9. April das Begräbniß des Reichstags« Abgeoroneten Kabl6 unter Teilnahme weiter Bevölkerungskrelse, jedoch ohne irgendwelche politische Demonstrationen statt. In der protestantischen Jung Sanct Pelerskirche und am Grabe hielten die Pfarrer Trauerreden, und zwar in deutscher Sprache; das Auftreten anderer Redner hatte die Regierung Untersaat.
Die französische Regierung hat ihren seitherigen Consul in Mass au ah abberusen, was in Rom nur mit Befriedigung begrüßt werden dürste. Der betr. Herr stand nämlich schon längst in Verdacht, mit dem Negus Johannes von Abyssinien eine geheime Corresondenz zu pflegen, um die Anerkennung des Protectorats Frankreichs über gewisse Gebiete in der Umgegend Maffauahs durch den Negus zu erwirken. Es sollen für die Schuld des Con- suls directe Beweise vorliegen und scheint die französische Regierung von dem Treiben ihres Vertreters in Maflauah selbst keine Ahnung gehabt zu haben, wofür wenigstens die sofortige Abberufung desselben spricht. Ob der ConsulatS- Posten so bald wieder besetzt werden wird, erscheint noch fraglich.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenr-Brrreatt.
Berlin, 13. April. Seine Majestät der Kaiser nahm Vormittags Vorträge Perponcher's und Wilmowski's entgegen, empfing später den Oberstallmeister Rauch und den General Stolberg und machte Nachmittags eine Spazierfahrt. Morgen Abend findet bei den kaiserlichen Majestäten eine größere Soiree statt, zu der 120 Einladungen ergangen, firch^ ^^nprinz und die Kronprinzessin empfingen Mittags die hier anwesenden Minister. . ,, . .
Berlin, 13. April. Die „Verl. Polit. Nachr." weisen darauf hin, daß der Nachtraas-Elat, welcher der Berathung des Bundesraths derzeit unterliegt, wenngleich vornehmlich die Forderungen für militärische Zwecke seine Einbringung nothwendig gemacht, keineswegs jene sensationelle Bedeutung habe, welche ihm von mancher eeite beigelegt wird. Es handle sich um Ausgaben auf Grund des neuen Mitttargesetzes, um strategische Bahnen, den Ausbau und Umbau von Festungen, wie es die neue Geschütz,Geschoß-Technik nöthig mache, endlich um die Ausrüstung mit dem neuen Gepäck, alles Ausgaben für Zwecke, die längst bekannt sind und die gewrtz schon detz- halb weil sie für längere Zeit beanspruchende Arbeiten gemacht werden, jeden Gedanken einer unmittelbaren Kriegsgefahr ausschließen. Was die Zeitungen bisher über die Höhe des Betrages gemeldet, ist unzutreffend.
London, 13. April. Rach einer Lloyds-Depesche aus Dreppe fuhr der Raddampfer „Viktoria" aus Newhavcn beim Cap Ailly auf einen Felsen. Mehrere Paffa- giere sollen mit Rettungsgürteln über Bord gesprungen und von den Fluthen tn s Meer hinausgelrieben worden sein. Weitere Nachrichten fehlen noch
— Nach einem Telegramm aus Newhaven ist bei dem Unfall des Dampfers „Viktoria" kein Menschenleben verloren gegangen.
Amsterdam, 13. April. Der König empfing heute anläßlich der Feier fernes 70. Geburtstages im Palais die Spitzen der Militär- und Civilbehorden, sowre. die Bürgermeister von Amsterdam, welche ihre Glückwünsche darbrachten. Der Komg sprach seine volle Befriedigung und Dankbarkeit aus für die zahlreichen ihm und der königlichen Familie zu Theil gewordenen Beweise treuer Ergebenheit und Anhänglichkeit. Die Königin durchfuhr mit der Prinzessin Wilhelmine die Stadt, umdre Ausschmückung zu besichtigen und besuchte später die Garten, wo zur Feier des Tagetz Sviele für die Tugend der Hauptstadt veranstaltet wurden. Sodann begab ste sich mtt der Prinzessin^ Wilhelmine an Bord der festlich geschmückten „Galiote", um den Maskenzug zu Schiff an sich paffiren zu lassen welcher sich durch die banale der Stadt bewegte, und den Besuch des Prinzen Wilhelm des Ersten von Oranien und seines Gefolges bei der Geusenflotte in Zeland darftellte.
— Der König empfing eine Deputation des Vereins für die Einführung des allgemeinen Stimmrechts. Dieselbe überreichte^ eine Petition zu Gunsten des Soc aliften- führers Nieuwenhuts, welcher wegen Majeftätsbeletdigung zu einem Jahr Eefangntß verurtheilt worden ist. Die Petition nimmt Bezug darauf, daß Nieuwcnhuis im Gefänauiß ernstlich erkrankt ist. ~ —
X Gießen, 14. April. Die Zahl der Rechtsanwälte im Deutschen Reichs betrug am 1. Januar d. I. 4787 (gegen 4091 im Jahre 1880), wovon jff
landesgerichtsbezirk Darmstadt 130 fallen (gegen 124 imtreten, so daß demnach in unserem Bezirk eine Vermehrung um 4,8 Procent emg 1 Rechtsanwalt auf 7359 Einwohner kommt.
Die spanische Colonial-Politik nimmt jetzt an der Nordweftküste Afrikas einen neuen bemerkens merken Anlauf. Das ganze Küstengebiet vom Cap Blanco bis zum Cap Bojador, südlich von Marokko, wurde laut Proklamation des General-Kapitäns dex kanarischen Inseln den spanischen Colomal- Besitzungen einverleibt und wird das neue Gebiet wohl der Verwaltung des Gencral-Kapitanats der kanarischen Inseln mit unterstellt werden. Am wenigsten erfreut über diese Annexion wird der Sultan von Marokko sein, dem hierdurch die Spanier auch im Süden seines Reiches bedenklich auf den Hals rücken.
In Gerona (Nordspanien) beschlagnahmte die Genrd'armerie drei mit Munition beladene Karren, welche eben die Grenze passirt hatten. Man glaubt, daß die Munition für die Carlisten bestimmt gewesen sei, so daß also dieselben roieDer einmal irgend etwas im Schilde führen würden.
Die rumänische Deputirtenkammer ermächtigte dre Regierung, das provisorische Handels-Uebereinkommen mit Frankreich bis Ende 1887 zu verlängern und auch mit anderen Staaten provisorische Handels-Conventionen abzuschließen.
Darmstadt, 13. Aprrl. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allcrgnädigst geruht: ...
Am 2. April den Geheimen Obermedrcinalrath Dr. Hermann Pferfser zum Vorsitzenden dcr Centralstelle für die Landerstatistik zu ernennen.
Darmstadt, 12. April. *Di- «reife ammSetMg’oor.
regierung bewilligten Beitrag für die Frankfurter Ausste ö


