Nr. 239 Freitag den 14 October 1887.
- J
R
'V'(:
■■«5,
Amts- und
für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Rringerlokm.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
*1 -1° z'Püy 'w.y 'l
Politische Ueberskcht.
Gießen, 13. October.
Born Kaiser ist, um das Andenken des verstorbenen früheren commmv bircnbea Generals des 5. Armee Corps, Grasen v. Kirchbach, zu ehren, angeordnet worden, daß sämmtliche Osficiere dieses Armee-Corps drei Tage lang Trauer — Flor um den linker Unterarm — anzulegen haben.
Die Zusammenkunft zwischen Fürst Bismarck und Herrn Crispt kann in der europäischen Presse noch immer nicht zur Ruhe kommen. So war, russtscher Quelle entstammend, dar Gerücht ausgetaucht, es sei in Friedrichsruhe auch die Frage von Gebietserweiterungen zu Gunsten Italiens und auf Kosten der Psorte erörtert worden. Die hochofficiöse „Agencta Stesani" weist nun diese Anschauung entschieden zurück und sührt das Organ des römischen Gesammt-Cabinets das Gerücht auf den Zweck zurück, bei der Psorte Mißtrauen gegenüber dem Einflüsse Italiens im europäischen Concert zu erwecken. Die Behauptung, man habe in Friedrichsruhe über territoriale Compensationen verhandelt, sei eine völlig willkürliche, indem auch Italien seit 1877 die Achtung vor den Verträgen vertheidige und sich gegen jede Theilnahme von Seiten der Großmächte an Ländererwerb auf der Balkan-Halbinsel erklärt habe. In. ähnlicher Weise spricht sich die „Agencia Stesani" auch gegenüber dem Brüsseler „Nord" aus und betont nochmals, daß zwischen Bismarck und Crispi keinerlei Unternehmung beschlossen worden sei, aus welcher eine Veranlassung zu territorialen Veränderungen hergeleitet werden könnte. — Mlt diesen Erklärungen de» römischen Regierungsblattes werden nun hoffentlich die Acten über die jüngste Mtnisterbegegnung von Friedrichsruhe geschloffen sein.
Wie der „Voss. Ztg." mitgethellt wird, ist die staatliche Aufsicht über die Colonial-Gesellschaft für Südwest-Asrika, welche statutenmäßig von den Ministern des Handels und de« Innern ausgeübt ist, auf den Reichskanzler übergegangen. Die Erwerbungen der Gesellschaft sind vorbehaltlich einer näheren Bestimmung der Grenzen vom Reichskanzler anerkannt worden. Zur Feststellung der Ostgrenze, die theils durch die geographisch unzuverlässigen Bezeichnungen der Verkäufer, theils durch Ansprüche benachbarter und in Streit liegender Häuptlinge noch an mehreren Stellen unsicher ist, hat der Reichs- Commissar Auftrag erhalten, lieber die von britischen llnterthanen angemeldeten privaten Berechtigungen innerhalb des Landesgebietes der Gesellschaft ist durch ein Abkommen zwischen der deutschen und der großbritannischen Regierung jetzt endgiltig entschieden. Auf Antrag der Colonial-Gesellschast hat der Reichskanzler bescheinigt, daß sie „in Gemäßheit der von ihr geschloffenen Verträge seitens der Häuptlinge nicht blos private, sondern öffentliche Rechte erworben habe, deren Ausübung unter dem Schutze des deutschen Reiches späteren Bestimmungen vorbehalten bleibt." In einem anderen Erlasse erklärt der Reichskanzler ferner, daß die von Reichswegen beabsichtigte Erhebung von Zöllen und Abgaben auf die Gesellschaft übergehen solle, sobald sie in die unmittelbare Staatsverwaltung des Gebietes einzutreten in der Lage ist.
Das „Journ. des Döbats" bemerkt zu der schmutzigen Affaire Cafsarel- Limousin, welche eben in Frankreich sich abspielt, Folgendes:
Dieser Handel ist nicht blos eine vereinzelte Thatsache, sondern wirft ein Streiflicht auf gewisse Gewohnheiten, die sich seit einiger Zett in unseren öffentlichen Sitten eingeschlichen haben. In manchen osstciellen und parlamentarischen Regionen athmet man eine ungesunde Lust und verbreitet sich rings umher ein Fäulnißgeruch. Die bedenklichsten Gerüchte werden beständig im Publikum verbreitet und Die, welche das meiste Interesse daran hätten, ste zu zerstreuen und sich zu rechtfertigen, kehren sich nicht daran, sie machen sich nichts daraus, die allgemeine Achtung zu verlieren, wenn sie nur dem Gefängniß ent* gehen und die Aussicht auf ein Portefeuille bewahren. Sie gehen ruhig ihrer Wege und finden in ihrer Umgebung genug Feigheit, um nicht zur Vereinsamung verdammt zu sein. Sie sind mächtig genug, um nichts zu befürchten, gewöhnlich auch schlau genug, um keine materiellen Beweise gegen sich anzuhäufen und aus Denen, die sie verrathen könnten, Anthesihaber, Mitschuldige oder zu Dank Verpflichtete zu machen. Mit ein wenig Gewandtheit und Frechheit machen ste sich über die Gerechtigkeit und die Gesetze lustig, mit ein wenig Schamlosigkeit trotzen ste der öffentlichen Meinung, mit ein wenig Cynismus leben ste selbstzufrieden.
Im Publikum verstärken sich indessen die Gerüchte, der Verdacht nimmt Gestalt an, gewisse Anschuldigungen kehren so oft wieder, daß sie alltäglich werden. Man weiß schon lange, daß anrüchige Persönlichkeiten, verkommene Leute und Kupplerinnen rings um die Administrationen Schleic^eschäste betreiben, daß Weiber, deren Herkunft in Dunkel gehüllt ist, in den Ministerien Zutritt haben, sich ihres Credits rühmen, ihre Protection versprechen, Gunstbezeugungen verheißen und für ihre wirklichen ober vermeintlichen Dienste Commissionen beziehen. Bon Zeit zu Zeit taucht ein Scandal auf, einige dieser Industriellen beiderlei Geschlechts werden wegen Schwindels gerichtlich verfolgt, denn sie haben fi- betrügerischer Manöver bedient, um ihre Kunden glauben zu machen, sie verfügten über eine „imaginäre Gewalt oder Credite oder haben die Hoffnung aus einen chimärischen Erfolg geweckt", wie es in Art. 465 des Str.-G.-B. heißt. Recht schön! „Chimärisch" beruhigt, „imaginär" tröstet uns: aber wenn man dann in den Archiven einer dieser faulen Agenturen Briese findet, welche Unterschriften tragen, die in der politischen und der Geschäftswelt bekannt sind, dann befallen uns Zweifel über das „Imaginäre" und das „Chimärische" der Ver
heißungen und Bemühungen. Ferner ist im Publikum der Glaube allgemein verbreitet, die Deputirten lebten weder von ihren Diäten, noch von ihren Renten, noch von dem Erträgniß bestimmter Berufsarten, sondern ste beuteten ihren „Einfluß" wie ein Geschäfts'Capital aus. Es war vor nicht gar langer Zeit bekannt, daß man in einem gewissen Ministerium ein Geschäft mit dem Minister oder einem der Bureau-Ches« abschließen konnte, sondern stch mit einem Mitglied des Budget-Ausschusses verständigen mußte. Es war bekannt, daß eine Gesellschaft kein Unternehmen gründen konnte, wozu es eines Kammer-Votums bedurfte, ohne eine gewisse politische Persönlichkeit bei dem Geschäft zu interesstren. Auch erzählt man überall laut von einem Geschäftshause, wo Alles in einer Hinterstube vertrödelt wird und man stch keinen großen oder kleinen Gewinn entgehen läßt. Das Alles muß einmal aufgeklärt und die Händler müssen mit Peitschenhieben aus dem Tempel vertrieben werden. Leicht wird dieses Geschäft nicht sein, aber es ist nothwendig.
Am Sonntag wurde der General Caffarel au« dem Gefängniß der Rue du Cherche Midi nach seiner Wohnung gebracht, um hier einer Haussuchung beizuwohnen. Er vermochte kaum die vier Treppen hinauszusteigen und ließ stch, oben angelangt, in einen Lehnstuhl sinken, wo er, ohne ein Wort zu sagen, mit erloschenem Blick den Operationen der Polizei folgte. Diese bemächtigte sich einer Menge Briefschaften, welche in große blecherne Büchsen gepackt und naher Präsectur geschafft wurden. Es heißt, ihre Durchlesung werde mehrere Tage in Anspruch nehmen.
Der österreichische Reichsrath ist am Dienstag zusammengetreten und es wird stch nun bald zeigen, inwieweit der „eiferne Ring" der flavifch- klerikal-feudalen Mehrheit noch zufammenhält. Bei den Czechen hat stch die Erbitterung über den Mittelfchul-Erlaß des Unterrichts-Ministers v. Gautsch noch immer nicht gelegt und die czechischen Organe kündigen dem Ministerium Taaffe offen den Krieg an, wenn dasselbe nicht bald den bekannten czechischen Wünschen stch geneigt zeigt. Bis jetzt haben die Wiener Regierungs-Organe für das turbulente Auftreten der Czechenpresse nur ein kühles Achselzucken, aber falls die Czechen Ernst mit dem gedrohten Abfall von der Regierungs-Mehrheit machen, dürfte stch die Sache denn doch etwas bedenklich für den Grafen Taaffe gestalten, denn ein „Umfall" der Czechenpartei würde thatsächlich die Sprengung des bisherigen Mehrheits-Ringes im österreichischen Relchsrathe bedeuten. Wahrscheinlich wird indessen der österreichische CabinetSchef zuletzt doch noch ein Mittelchen ausfindig machen, um seine bisherigen czechischen Freunde zu vermögen, am Regierungsstrange weiter zu ziehen, denn die Kunst, in kritischer Lage die Mehrheitsparteien immer wieder zu beschwichtigen, verstand Gras Taaffe bislang aus dem ff.
In New-Dork stnd die Socialisten und die Anhänger de« Arbeiter- Führers Henry George thätlich aneinander gerathen. Die Socialisten wollten ein Meeting auf Union Square abhalten, wurden aber unterwegs von den Georgianern angegriffen, in Folge dessen sich zwischen beiden Parteien eine große Prügelei entwickelte. Schließlich trieben Socialisten die Kämpfenden auseinander und machten hierbei von ihren Knüppeln ausgiebigen Gebrauch, sodaß gegen 50 der Tumultuanten, theils zu den Socialisten, theils zu den Georgianern gehörig, Verletzungen erhielten.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspoirdenr-Birrearr.
Baden-Baden, 12. October. Seine Majestät der Kaiser nahm beute Vormittag Vorträge von dem Militärkabtnet und von dem Wirklichen Geheimen Legationsrath v. Bülow entgegen. Mittags 1 Uhr stattete Se. Majestät auf dem Grotzherzogl. Schlosse einen Besuch ab und machte später eine Spazierfahrt. Zum Diner war Graf Vitzthum geladen. — Nach den bis jetzt getroffenen Bestimmungen wird Se. Majefrät Baden-Baden Mittwoch den 19. October, Nachmittags, verlassen und am Donnerstag in Berlin etntreffen.
Aachen, 12. October. Die englische Post von gestern früh ist ausgeblieben, weil das Schiff wegen ungünstigen Windes in Ostende verspätet angekommen ist.
Pari», 12. October. Das „Journal des Debats" sagt, Frankreich strebe keineswegs nach der Besitznahme Marokkos, da aber andere Mächte Kriegsschiffe nach Tanger entsendet hätten, müßten Frankreich und Spanien, die allein ein direktes bestimmtes Interesse in Marokko hätten, sich miteinander verständigen, um zu verhindern, daß Marokko ein zweites Bulgarien werde.
— Die „Rep. franc." sagt, unter den bet Caffarel beschlagnahmten Papieren befand sich auch ein Resums des Mobtlisirungsplanes, so wie der „Figaro" denselben veröffentlichte. In Folge der bei General d'Andlau vorgenommenen Haussuchung fei eine Anzahl verschiedener Schriftstücke, besonders Agenden und Register, beschlagnahmt worden, in denen die für den Handel mit den Ordenszetchen gezahlten Summen ermahnt werden. Das Gericht habe darauf die Verhaftung d'Andlau's angeordnet; derselbe sei aber bekanntlich in seine Wohnung nicht zurückgekehrt. Der „Gaulois" meint, d'Andlau habe sich nach Brüssel begeben.
Paris, 12. October. Greoy wird morgen hier eintreffen. — Wilson de- mentirt in einem neuen Schreiben formell, daß er weder an Frau Limousin einen auf den Ordenshandel bezüglichen Brief geschrieben, noch einen solchen Kreitmayer gegeben haben will.
— Die „Agence Havas" bezeichnet die Meldungen' der „France", wonach Rou- vier sich der Caffarel'schen Angelegenheit bediene, um Boulanger zu kompromit irren und eine Demission Greoy's herbeizusühren, und daß er zu diesem Zwecke zahlreiche Depeschen mit Ferry gewechselt habe, als müßige Erfindung. Rouvier habe sich durchaus nicht in die Angelegenheit gemischt, er überlasse der Polizeiprasektur, sowie der gerichtlichen Behörde volle und ganze Freiheit in ihrem Vorgehen.
London, 12. October. Auf dem Trafalgar-Squar fand heute eine Versammlung von etwa lausend beschäftigungslosen Arbeitern statt. Nachdem mehrere.


