Ar. 1S1 Dienstag den 14. 3uni 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Durern: Schul st raße 7.
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Amtlicher Hi) ei l.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntr.iß gebracht, daß Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz der Norddeutschen Versichrrunas- 'gesellschaft in Hamburg die Erlauoniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum auf Widerruf ertheilt hat.
Gießen, den 10. Juni 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
PEifch- Aeberfichr.
Gießen, 13. Juni.
Mit ber Fertigstellung des großen Nordostsee-Kanals wird Deutschland zwei Kanalverbindungen zwischen diesen beiden deutschen Meeren besitzen. Nach der vor einigen Jahren erfolgten Correctur des alten schleswig-holstemi- schen Kanals genügt derselbe, wie mehrfach wiederholte derartige Durchsahrts- Versuche erwiesen haben, vollkommen, kleineren KriegSsahrzeugen, namentlich aber Torpedo- und Kanonenbooten, ja vielleicht sogar, wofür jedoch, soweit bisher bekannt gegeben worden, die Versuche noch ausstehen, selbst den Panzer-Kanonenbooten des ursprünglichen Namens dieser Fahrzeugklasse die Durchfahrt zu gestatten. Das Austreten einer Torpedo- und Kanonenboot-Flotille, welcher dabei der Rückweg durch den vorgenannte Kanal wieder zur Ostsee kaum abgeschnitten werden könnte, in dem durch seine Sandbänke, Watten rc. so schwierigen Fahrwasser des Jnselmeeres der schleswig-holsteinischen Westküste würde aber für den Fall einer feindlichen Blokade Der deutschen Nordseeküste fast unmöglich verfehlen, dem feindlichen Blokade-Geschwader die ernstesten Gefahren und Schwierigkeiten zu bereiten. Nach dem Hinzutreten eines großen Nordostsee-Kanals wird bei einem Seekriege unbedingt auch die Bedeutung dieses alten Kanals ganz außergewöhnlich gesteigert. Namentlich eine feindliche Blokadeflotte, die ihren Stützpunkt auf Helgoland nehmen wollte, würde sich durch die Torpedo- und Kanonenboote, denen diese zweite Wasserstraße die Durchfahrt gewährt, in der bedenklichsten Weise sowohl in ihren Flanken wie im Rücken bedroht finden. — Die zum Schutz gegen den Angriff von Torpedobooten jetzt allen größeren Schiffen beigegcdenen Revolver-Kanonen entbehren in ihren Geschossen der genügenden Durchschlagskraft, um, selbst für den Fall des Einschlagens derselben, jene schlimmen Feinde gleich unmittelbar außer Gefecht zu setzen. Zum Ersatz Vieser Geschütze tfl neuerdirm.s von dem Kruppschen Etablissement eine 8,4 Sen* timeter schnellseuernde Schiffskanone construirt woroen, für welche die mit einer Einheitspatrone, in der sich Geschoß und Ladung vereinigt befinden, erzielten Schußresultate in dem Kruppschen Schießbericht Nr. 67 vor Kurzem veröffentlicht worden sind. Nach diesem Bericht stehen die mit diesem Geschütz sowohl in der Feuergeschwindigkeit, wie in der Treffsicherheit und Durchschlagskraft erzielten Ergebnisse hoch über Allem, was bisher in dieser Beziehung erreicht worden ist. Es ist gelungen, auf 400 Meter Entfernung 10 Schuß säwmtlich in eine Torvedobootspitze einschlagen zu lassen, welche als Zielscheibe diente, in Betreff der Feuergeschwindigkeit aber 22 gezielte Schuß in der Minute abzugeben. Die mit 1,6 und 1,7 Kilogramm Pulverladung verfeuerten Geschosse von je einem Gewicht von 7 Kilogramm haben dabei eine Anfangsgeschwindigkeit von im Mittel 470 bis 480 Meter ausgewiesen, welche jedoch bis 500 Meter gesteigert werden kann. Es würde danach also möglich sein, in einer Minute 22 Mal 7 Kilogramm — 154 Kilogramm Geschosse auf das genommene Ziel mit 22 Mal 80,000 — 1,760,000 Meter-Kilogramm lebendiger Kraft zu versenden, welchem so überaus kräftigen Geschoßhagel sicher kein Boot zu widerstehen vermöchte. Die Bedienung dieses neuen Geschützes kann erforderlichenfalls durch einen Mann erfolgen, welchem jedoch besser Zweckmäßigkeit halber noch zwei Mann, der eine zum Oeffnen uno Schließen des Verschlusses, der andere zum Herzutragen der Munition beigegeben werden. Die durchaus eigenartige Laffetirung des Geschützes gestattet, mit demselben bei fortgesetzter Drehung durch Hebung und Senkung des Rohrs jeden beliebigen Punkt eines vollen Halbkreises bis auf 1000 Meter Entfernung unausgesetzt unter Feuer zu halten. Die Höhen- und Seiten-Abweichungen der Geschosse haben sich selbst bei der letztangegebenen Entfernung nur zu 0,40 resp. 0,21 Meter, also kaum nennens» rverth ausgewiesen. — Die Zahl der Lehranstalten, welche zur Ausstellung von Bcsähigungszeugnissen für den einjährig-freiwilligen Dienst berechtigt sind, beträgt in dem Umfange des deutschen Reichs gegenwärtig 952. Die BeDingun- gen, an welche die Ertheilung dieser Berechtigung bei diesen Anstalten geknüpft ist, sind dabei jedoch verschieden. Bei 561, und zwar 409 Gymnasien, 136 Realgymnasien und 16 Ober-Realschulen, genügt der erst reiche, einjährige Besuch der zweiten Klasse für die Ertheilung des Besähigun ^Zeugnisses. Bei 235, und zwar 53 Progymnasien, 74 Realschulen und 108 Realgymnasien, ist dazu der einjährige erfolgreiche Besuch der ersten Klaffe erforderlich. Bei 69 höheren Bürgerschulen, 42 öffentlichen und 27 privaten Lehranstalten ist für die Ausstellung des Besähigungs-Zeugniffes das Bestehen einer Entlaffungsprüsung noth- wendtg, bei allen übrigen Anstalten ist dieselbe un die Erfüllung besonderer Bedingungen geknüpft. 26 Anstalten endlich ist die Berechtigung zur Ertheilung der Zeugnisse zum einjährigen Dienst vorläufig nur provisorisch verliehen. Eine vielleicht bald bevorstehende abermalige Steigerung der Bedingungen für die Ertheilung dieser Berechtigung dürste übrigens nach mancherlei Merkzeichen wahrscheinlich erscheinen.
Die Pächter-Ausweisungen in Bodyke (Irland) wurden in den letzten Tagen fortgesetzt, wobei es wieder zu höchst peinlichen Auftritten kam. Die Polizisten drangen mit geöffneten Regenschirmen in die Häuser, um sich gegen die Strahlen siedenden Wassers, mit denen sie empfangen wurden, zu schützen. Ein Londoner Prioatdrief, von dem die „Post" Mittheilung erhält, ermähnt eine Thatsache, die beinahe unglaublich klingt. Die irisch - senischen Mitglieder haben sich in der letzten Zeit angewöhnt, an den Ministerbänken und anderen confemtioen Sitzen knapp vorbeizugchen und ihren Gegnern auf die Füße zu treten, gegen die Schienbeine zu stoßen und etwaige Gegenbemerkungen mit demjenigen ausdrucksvollen Theile des englischen Wörterbuchs zu erwidern, den man to swear at somebody nennt.
Deutschland.
Darmstadt, 11. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 4. d. Mts. den Rentamtmann des Rentamts Groß-Gerau, Karl Siebert — den Rentamtmann des Rentamts Alsfeld, Karl Weil, in gleicher Diensteigenschaft an das Rentamt Darmstadt resp. Groß-Gerau — zu versetzen, den Hauptsteueramts-Rendanten Georg Roßmann zu Gießen zum Rent- amtmar.n des Rentamts Alsfeld — zu ernennen.
Berlin, 11. Juni. Laut officieller Nachricht ist im Befinden des Kaisers größere Ruhe eingetreten. Der nächtliche Schlaf wurde weniger oft und nur kürzere Zeit unterbrochen. Das Allgemeinbefinden ist befriedigend und verließ Se. Majestät heute Nachmittag das Bett.
— Gutem Vernehmen nach werden Prinz und Prinzessin Wilhelm am 16. d. Mts. nach England abreism.
Berlin, 11. Juni, lieber den bisherigen Verlauf der Behandlung des Kronprinzen giebt ein Artikel des Londoner Fachblattes „The Lancet" nach Mittheilungen Dr. Mackenzie's folgende Darstellung: „Im Januar stellte sich bei dem Kronprinzen eine leichte Heiserkeit ein. Schon im März bemerkte der Director der medicinischen Klinik, Pros. Dr. Gerhardt, eine warzenähnliche Neubildung an dem rechten Stimmbande, die er so erfolgreich durch electrische Ausbrennungen behandelte, daß sie wesentlich an Umfang abnahm. Die darauf in Ems unternommene Kur hatte keine Besserung der Heiserkeit und ein Wieder- wachsen der Neubildung zur Folge. Professor Dr. Tobold wurde zu einer Be- rathung mit den Leibärzten Dr. v. Lauer und Dr. Wegner berufen. Auf Verlangen dieser Aerzte, welche an einen bösartigen Charakter der Neubildung dachten, wurde Professor Dr. v. Bergmann um seine Meinung befragt. Er zeigte sich geneigt, jene Diagnose für richtig zu halten. Ein äußerer chirurgischer Eingriff wurde für nothwendig erachtet, doch blieb es unentschieden, ob diese Operation sich aus Oeffnung des Kehlkopfs vom Halse aus beschränken, ober auch ein Theil des Kehlkopfs mit zu entfernen wäre. Mit Rücksicht auf die mit der Operation verbundene Gefahr und die selbst beim Gelingen nachfolgenden Sprachstörungen lehnte Dr. v. Bergmann es ab, die Verantwortung für eine solche Operation zu übernehmen, ehe die Unaussührbarkeit einer die Entfernung der Neubildung von der Mundhöhle aus ermöglichenden Operationsmethode von Dr. Mackenzie bestätigt worden wäre. Letzterer hatte am 20. Mai eine Berathunq mit den vorgenannten Aerzten. Bei der Untersuchung mit dem Kehlkopfspiegel hatte er eine ungestielte, etwas längliche, erbsengroße Geschwulst an der inneren oberen Fläche des rückwärtigen Theiles des linken Stimmbandes gefunden und darauf bestanden, daß eine größere Operation nicht vorgerommen werden solle, bevor nicht ein Stück von der Neubildung behufs mikroskopischer Untersuchung herausgeholt worden wäre."
Berlin, 11. Juni. Die Zuckersteuer - Commission beendete heute die zweite Lesung; sie beschloß die Erhöhung des Eingangszolles (§ 1) von 30 auf 35 JL, sowie mehrere redacttonelle Aenderungen. Die Commission lehnte mehrere zu den Paragraphen 3 und 6 (Materialsteuer und Exportbonification) gestellte Anträge ab, ebenso die Fassung der Vorlage für diese Paragraphen. Ueber die Höhe der Steuersätze wurde somit keine Einigung erzielt. Mit dieser Lucke wurde das ganze Gesetz sodann mit 25 gegen 1 Stimme angenommen. Der schriftliche Bericht soll am Sonntag festgestellt werden.
Aachen, 11. Juni. Wie die „Aachener Volkszeitung" meldet, wird die difcbös- liche Behörde gegen ein Centrumsblatt wegen Beleidigung des Papstes und des Coad- jutors des Bischofs von Straßburg in der Wahlperiode vorgehen.
Aesterreich.
Wien, II. Juni. Wie die „Presse" meldet, waren die Dämme um Wako heute Nacht tn Folge des starken Sturmes schwer bedroht, doch gelang eo, me Oelag z beseitigen. Das Wasser steigt im überschwemmten Gebiete noch ,mn>er, ieroW nacht wie vordem um 12, sondern nur noch um 9 Millimeter stündlich. Das Master der Theis fällt.


