Nr. 11
Freitag den 14. Januar
1887
Brrrearr r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
kurzlaufende Bewilligungen nicht gebrauchen, um den Frieden zu sichern. Ernsi war die Aenßerung, daß nach seiner Ueberzeugung der Krieg sicher bevorstehe im Falle der Ablehnung der Vorlage. Aus dem Eingänge der Rede Bismarck'«, in der er darauf hinwie«, daß Richier, Windlhorst und Grillenberger sich den mililärischen Autoritäten, welche in ganz Europa da« größte Ansehen besäßen, entgegenstellten, daß man behauptet habe, die Vorlage habe nur dar Licht der Welt erblickt, um mehr Steuern heraurzuschlagen, schien eine kampferlustige Stimmung hervorzuleuchten. Dann aber ging er über zu einer umfassenden glänzenden Schilderung der deutschen Beziehungen zum Auslande, betonte mit warmen Worten da« vortreffliche Verhältniß mit Oesterreich, welcher so gut sei wie nie zuvor, hob die Vortheile de» freundschaftlichen Verhältnisses zu Rußland hervor, welches Europa schon einmal einen dreißigjährigen Frieden gesichert und zur Ausgleichung von Differenzen zwischen Oesterreich und Rußland die besten Dienste leiste. Krieg drohe nur von Frankreich, und zwar nur im Falle eines Angriffe«, der von Frankreich aurgehe. Rach seiner Ueberzeugung sei Frankreich noch nicht geneigt, die neueste Grenzberichtigung ruhig hinzunehmen. Der Krieg könne in 10 Tagen oder in 10 Jahren ausbrechen, sobalv da« friedliche Ministerium durch eine energische, kriegslustige Minderheit gestürzt werde, wie dies häufig in Frankreich vorkomme. Der Krieg würde ein schwerer sein, denn die Macht Frankreichs werde in Deutschland unterschätzt; auch würde er für den Unlerltegenden weit schlimmere Folgen nach sich ziehen, als der Krieg von 1870. Daher sei er die Pflicht der verbündeten Regierungen, dafür zu sorgen, daß Deutschland nicht unterliege. Sie würden alle ihre verfassungsmäßigen Rechte aus'« Strengste ausnutzen, um dieser Pflicht zu genügen, und kein Haar breit von dem Inhalt der Vorlage zurückweichen. Die Sicherung Deutschlands müsse aus Dauer rechnen können; von einer Festsetzung der Friedens-Piäsenz- stärke auf ein oder drei Jahre könne daher keine Rede fein. Die Regierung wolle nicht die häufigere Wiederholung derartiger Krisen wie die heutige. Sie weise Phantafiegebiloe wie die Einrichtung von Cadres auf ein Jahr zurück. Sie wolle dar kaiserliche Heer nicht zum Parlaments-Heere werden lassen und wolle sich auch nicht mehr auf lange Verhandlungen einlassen, denn die Sicherheit Deutschlands verlange schnelle Entscheidung. Komme mit diesem oder dem nächsten Reichstage ein neues Militärgesetz nicht zu Stande, so trete einfach die Reichrverfaffung in Kraft, laut welcher jeder wehrfähige Deutsche drei volle Jahre bei der Fahne zu dienen habe. Mit diesen Ausführungen de« Reichs- kanzlers ist die Lage vollständig geklärt. Der Reichstag wird in den nächsten Tagen aufgelöst werden, wenn er nicht auf die Forderung der Regierung em» §eht. Die heutige Haltung Windthorst's, der, nachdem Hobrecht im Rumen der Nationalliberalen für die unveränderte Annahme der Vorlage eingetreten, Namens des Centrums bei der Bewilligung auf nur drei Jahre verharrte, eröffnet aller» Dings noch wenig Aussicht, daß die Auflösung sich werde umgehen lassen.
Der verstorbene deulschfreisinnige Reichstags- und Landtags-Abgeordnete Walter Arnold Abraham Dirichlet vertrat im Reichstag den 7. Wahlkreis Des Regierungsbezirks Gumbinnen, Sensburg-Ortelsburg; im preußischen Land- läge die Stadt Breslau. Er war, nachdem er eine Zeit lang Rechtswissenschaft jsiudirt hatte, Besitzer des Gutes Klein-Bretfchkehmen in Ostpreußen und widmete fü6,. oqh seiner parlamentarischen Thärigkeit abgesehen, nur der Landwtrthschast. Dirichlet ist im 54. Lebensjahre gestorben.
Das Rundreise-Programm der bulgarischen Deputation vst mit ihrem am Sonntag dem französischen Minister des Aeußern, Herrn Flourens, auf dem Pariser auswärtigen Amte abgestatteten Besuche im Wesentlichen erschöpft. Es bleiben nur noch Rom, Bukarest und Konstantinopel übrig und auch diese letzten „Nummern" des Reiseprogrammes werden nichts besonders Neues mehr bringen. Was nun den Empfang der Delegirten bei Herrn Flou- rens anbelangt, so war derselbe so kühl wie nur irgend möglich und wenn etwa die bulgarischen Herren mit Hoffnungen für ihre Sache nach Paris gekommen Md, so haben ste daselbst eine gründliche Enttäuschung erlebt. Denn die Eröffnungen, welche ihnen der Minister machte, laufen im Wesentlichen darauf hinaus, daß Bulgarien um des lieben Friedens willen den Wünschen Rußlands Rechnung tragen möge — gewiß ein wohlfeiler Ratb, der aber in Hinblick auf me internationalen Beziehungen Frankreichs nicht überraschen kann. Die Pariser Blätter billigen durchweg die Antwort Flourens' aus die Ansprache der Depu- t rtwn und das sonst so reservirte „Journal des Döbats" benutzt diesen Anlaß, rum den Bulgaren eine förmliche Strafpredigt zu halten. Dieselben werden als A reinen Slöxenfriede hingestellt und auf sie wälzt das gemäßigt-republikanische Matt die alleinige Verantwortung für die gegenwärtige europäische Krisis. Die bulgarische Regierung selber wird schlankweg als eine revolutionäre bezeichnet
Politische Ueberfkcht.
Gießen. 13. Januar.
In der Dienstags-Sitzung des Reichstags, in welcher die Militär-Vorlage in zweiter Lesung stand, waren die Tribünen, einschließlich der Hosbühne, woselbst sich Prinz Wilhelm befand, überfüllt. Die Hörer wurden aber auch nicht enttäuscht, denn sowohl Moltke als Bismarck hielten eindrucksvolle und eingehende Reden. Die Ausführungen der Mitglieder des Hauses traten dem gegenüber in den Hintergrund. Moltke richtete einen warmen Ausruf an das patriotische Gefühl, welches die Mitglieder des Reichstags doch veranlassen müßte, nicht bei vorgefaßten Meinungen zu beharren; denn die Armee sei die Grundlage des ganzen Reiches, ste müsse verstärkt werden und könne
Hesterreich.
SB feit, 12. Januar. Das „Fremdenblatt" hebt den warmen und Ben» Mett Ton hervor, in welchem Fürst Bismarck gestern in Durchführung seiner Friedensunssion Oesterreichs gedachte. Wenn Fürst Bismarck den Einfluß der Dreikaisermächte auf die Befestigung des Friedens hervorgehoben, wenn er die freundlichen Beziehungen dieser Mächte zu einander betont habe, so könne dies Oesterreich nur mit hoher Befriedigung erfüllen als eine nachdrückliche Wider- legung der so vielfach varitrten Meinung, als wäre das Verhältniß Deutschlands zu Rußland jemals geeignet gewesen, das Band zu lockern, das Oesterreich mit Deutschland so innig verknüpfe. - Die „Presse" betont, was Fürst Bismarck gesagt, sei überzeugend für jeden Redlichen, seine Bemerkungen über Frankreich zeigten Achtung vor der französischen Ration und das stolze deutsche Machtbewußtsein, welches er ausdrückte, sei frei von jeder Verletzung fremder Empfindlichkeit. Das Schwergewicht seiner Ausführungen liege in dem Appell an gewisse Reichstags-Abgeordnete; die Wahrung des deutschen Reiches fei die Parole für die Abstimmung des Reichstags oder für Neuwahlen.
Ilrankreich.
Paris, 12. Januar. Nach Meldungen aus Konstantinopel hätte der Gouverneur von Creta, Savas Pascha, demissionirt, weil ihm die Absendung von Verstärkungen, die er zu Steuerung von Agitationen verlangt hätte, ver- weigert worden wäre.
England.
London, 12. Januar. Lord Jddesleigh erkrankte heute Nachmittag plötzlich, als er eben im Begriff war, die Treppe zu Lord Salisbury's Amtswohnung in Downing Street hinauszugehen. Er wurde sofort in ein Zimmer Lord Salisbury's gebracht, starb aber bereits nach wenigen Minuten, nachdem fein Sohn und zwei Aerzte herbeigerufen waren. Lord Jddesleigh hatte feit vielen Jahren ein Herzleiden. u-
—--------—1J—
Reichstag.
E. R. »erlitt, 12. Januar 1887.
Die Berathung der Militärvorlage wird fortgesetzt.
Abg. v. Helldor(cons.) plaidirt für die unveränderte Annahme der Re- grerungsvorlage. Es würde gegen das materielle Interesse verstoßen, wenn der Reichstag noch weitere Informationen über die auswärtige Lage verlangen sollte. Die Absicht, dem Reichstage eine Einwirkung auf die Rückbildung der Organisation zu sichern, gehe einfach auf die Bildung eines Parlamentsheeres hinaus.
Abg. Hasenclever (Socdem.): Die ganze Rede des Reichskanzlers habe nur den Zweck, die unbequeme französische Republik zu bekämpfen, das Volk will Frieden, hüben und drüben. Anders sei es, wenn man das Volk zur Vertheidigung seiner Interessen aufrufen könne und wenn das Volk nicht durch das Socialiftengesetz, durch die sogenannte Puttkam erei (Große Heiterkeit) in seinen heiligsten Interessen unterdrückt würde. Die angedrohte Auflösung sei seiner Partei sehr angenehm; einjährige Legislaturperioden müßten eingeführt werden. In keinem Lande würde ein Minister, der das Parlament so angegriffen habe, wie gestern der Reichskanzler, länger auf seinem Posten bleiben können.
Vicepräsident v. Franckenftein ruft den Redner wegen dieser Aeußerung zur Ordnung. (Allgemeine Verwunderung.)
Abg. Hasen clever (fortfahrend): Die Furcht vor den Russen sei gegenwärtig aus autoritativem Munde beseitigt. In zweiter Lesung werde seine Partei für die drei Jahre, in dritter Lesung aber gegen das ganze Gesetz stimmen. Volksbedrückung sei der Sinn der Vorlage und Jederniann, der Muth habe, müsse dagegen stimmen.
! Journal des Döbat«» zufolge sind die Mitglieder der Regentschaft und de« Cabinet« von Sofia weiter nicht« al« Dictaloren und Unruhstifter Gerade rote es der Minister Flouren« in seiner Antwort gethan, bebt au* hn* genannte Blatt da« Recht Rußland« wie der Pforte, sich in die bulgarischen Angelegenheiten etnzumifchen , hervor; Rußland sei gewissermaßen der politische Vormund, die Türkei aber der souverän Bulgarien«. — In Petersbura und Konstantinopel wird man in diesen Auslassungen natürlich Ja und Amen sagen die Bulgaren aber mögen aus der ganzen Aufnahme, welche ihren Vertretern m dari» zu Theil geworden ist, ermessen, was sie von dem französischen Republikamsmus, der angeblich für die Freiheit aller Völker schwärmt für ihre Bestrebungen zu erwarten haben. 1 9 e
In Belgien scheint man die ernstliche Besorgniß zu hegen, daß da« Land der Schauplatz des nächsten feindlichen Zusammenstöße« zwischen Deutsck>- land und Frankreich werden könne. Der Brüsseler Correspondent de« iw Tagbl." berichtet, daß Belgien mit großem Eifer militärische Rüstungen betreibe" 3m Kriegsministerium würden alle Mobilmachungspläne revidirt; Antwerven' solle 26 neue Batterien erhalten. Der Correspondent weiß bestimmt zu melden daß in den officiellen Kreisen Brüssel« starke Besorgnisse für da« kommende Frühjahr obwalten; die Militär-Vorlage soll noch in diesem Monat im Narla. mente zur Berathung gelangen. Im Falle ihrer Ablehnung wird die Auflöfuna der Kammer und die Bildung eine« Geschäfts-Ministerium« unter dem General Bnalmont als sicher hingestellt. ncm
Vorerst ist die Besorgniß der Belgier, daß die Neutralität ihres Lande« im Falle eine» abermaligen deutsch-französischen Kriege« verletzt werden könne noch durch nicht« gerechtfertigt; sollte die« aber dennoch geschehen, io würde Belgien mit seinem verlodderten Heereswesen schwerlich hieran etwa« ändern
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Uringerlotm.
4.urd) die Poit bewqen vierteljährlich 2 Mar'k 50 Vf.


