Ausgabe 
13.11.1887 Erstes Blatt
 
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Alk. 26A Blatt. Sonntag den 13 November 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

B«rea«r S ch l str a ß - 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. » 2 ^^?fÄÄerl0,n-

- __ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

AEsunde«: 1 Raschenkorb, 1 Lederschürze, 1 Taschenmesser, 1 Tasche mit Inhalt, 1 Taschentuch, 1 Lederriemen, 1 Kinderkragen, 3 Regenschirme, mehrere Kragen und Manschetten, 1 Testament, 1 Serviette, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Greß en, am 12. November 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Berlin, 11. November. DieVoss. Ztg." meldet aus San Remo: Das nicht ganz leicht erzielte aber einstimmige Endurtheil lautet: Allgemein- b efinden fortdauernd gut. Kehlkopsschwellung wesentlich vermindert; äußerliche Dpe* Mtion unnöthig, innere höchst wahrscheinlich nörhig, aber noch aufschiebbar. (F. Zg.)

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrespondeirr-Brrrearr«

Berlin, 11. November. Der Kaiser empfing Mittags Perponcher, tarnt Wilmowski, um 1 Uhr den Minister v. Puttkamer, um 4 Uhr den StaatS- tzcretär Grasen Bismarck. Morgen früh trifft Prinz Heinrich hier ein und nimmt im königlichen Schlöffe Wohnung. Prinz und Prinzessin Albrecht treffen in den nächsten Tagen ein.

Der Kaiser zog fich gestern Abend gegen 8V2 Uhr zurück und hatte fcjie recht gute Nacht.

Die endgiltige Consultation der Aerzte über die Behandlung des Kron­prinzen dürfte noch aurstehen, bis em weiteres Fallen der Anschwellung sich ^vollzogen, was einige Tage dauern dürste.

Ein Bulletin aus San Remo von gestern Nachmittag, unterzeichnet vcon Mackenzie, Schrötter, Schrader, Krause, Schmidt, Hooell meldet: Die ver­sammelten Aerzte constatiren eine in den Iv^en Tagen eingetretene Schwellung im Kehlkopf des Kronprinzen, welche hoffer.tlich unter dem Gebrauch geeigneter Mittel bei dem ausgezeichneten Verhalten des hohen Patienten wieder zurück- gchen wird.

Die Reichsbankstellen find gestern angewiesen worden, Lombard- Aarlehne auf russische Werthpapiers nicht mehr zu gewähren.

Wien, 11. November. DieAbendpost" schreibt: In der ganzen ciwilisirten Welt, besonders im befreundeten Oesterreich. Ungarn, verfolge man mit tat lebhaftesten Interesse und dem aufrichtigsten Mitgefühle die Krankheits- chasen des Kronprinzen und hoffe, es werde unter dem schützenden Walten der Mrsehung und der Kunst der Aerzte gelingen, das theure Leben zu erhalten.

Bern, 11. November. Laut Beschluß des Bundesrates findet für Oualtläts-Spirttuosen, welche vom 1. December ab in die Schweiz eingesührt werben, keinerlei Rückvergütung her Monopolgebühr statt.

Paris, 11. November. Wilson wurde heute Abend von dem Unter* sluchunMichter Athalin vernommen.

Wie dasJournal des Dubais" sagt, sand Rouvier gestern Abend Er6vy sehr niedergeschlagen über bt* plötzlich veränderte Haltung Der Kammer. Derselbe meint, daß nichts Gravirendes gegen Wilson sestgestellt sei.

Der Polizeipräsekt Gragnon behauptete bei seiner heutigen Vernehmung vo-r der UntersuchungS'Commisston, daß in dem Actenstück mit den bei der Limousin beschlagnahmten Briesen kein Schriftstück unterschoben fei.

Das Zuchtpolizeigericht ordnete die vorläufige Freilassung Caffarel's, Larentz' und der Limousin an. Die Verhandlungen gegen d'Andlau und Frau Siattazzi sind beendigt. Der Urtheilsspruch erfolgt Montag.

Gr6vy soll das von der Regierung in der Kammer wegen der Wilson- A-iese eingeschlagene Verfahren gebilligt und keineswegs von seiner Demission gesprochen haben. In einer gestern stattgefundenen langen Unterredung Gröoy's mit Ferron, Rouvier und dem Polizeipräsekten Gragnon soll dieser jedwede Vcr- mtwortung bezüglich nntergeschobener Briese abgelehnt und sich geweigert haben, |H demissioniren. Wilson hat das Elysöe gänzlich verlassen; seine Wohnung ist M-tschließlich in der Avenue Jena.

London, 11. November. Das ehemalige Parlaments-Mitglied für HM, William Landers, wurve auf Trafalgar Square verhaftet, als er daselbst ta Rede halten wollte.

Chicago, 11. November. Die zum Tode verurtheilten Anarchisten bchwab und Fielden rouroen zu lebenslängltchem Gesängniß begnadigt; die an­deren vier Anarchisten werden heute hingerichtet.

Die Anarchisten Engel, Parsons, Spieß und Fischer sind heute früh durch dcn Strang hingerichtet worden.. Es ist keinerlei Ordnungsstörvng vor- fltfommen und herrscht bis jetzt vollkommene Ruhe.

Lokales.

Gießen, 12. November. Vom 13. d. Mts. an coursiren auch am Sonntag die Lokalzüge 730 Vormittags von Lollar nach Gießen und 1 Uhr 40 Minuten Knttags von Gießen nach Lollar zurück.

Gießen, 12. November. sConcert-Verein.^ Das erste Concert in dieser Sariton findet am Sonntag den 20. d. M. statt und wirken in demselben die Herren Prüf. James Kwast (Clavter), Bassermann (Violine), Hausmann (Cello) und Friedländer (Gesang).

Wir wollen bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß der Vorstand drsr Vereins die geehrten Mitglieder höflichst ersucht, ihre Karten bis spätestens I p. d. M. bei Herrn Oscar Zack (Rudolph'sche Musikalienhandlung) gegen Zahlung drsi Beitrages in Empfang zu nehmen. I

I Gießen, 10. November. Samstag den 19. l. M., .Vormittags 9 Uhr, findet im Regterungsgebäude hier eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses statt, in welcher folgende Gegenstände zur Verhandlung kommen:

1. Klage des Ortsarmenverbandes Altenstadt gegen den Landarmenverbant^ Büdingen wegen Unterstützung des Kindes der Joh. Balth. Peppel Ehe­leute von Ober-Seemen.

2. Klage des Ortsarmenverbandes Frankfurt a. M. gegen den Ortsarmen­verband Wetterfeld wegen Unterstützung der Marie Wilhelmine Wacker von Wetterfeld.

3. Klage des Ortsarmenverbandes Lumda gegen den Ortsarmenverband Gells- Hausen wegen Unterstützung des Peter Schmidt von Geilshausen.

4. Klage des Ortsarmenverbandes Cassel gegen den Ortsarmenoerband Kirtorf wegen Unterstützung der Johanna Strempel aus Kirtorf.

5. Klage des Ortsarmenverbandes Bockenheim gegen den Ortsarmenverband Friedberg wegen Unterstützung der Franziska Heuer aus Bockenheim.

6. Recurs des Bäckermeisters I. Lein in Gießen wegen verweigerter Erlaubniß zum Branntweinausschank.

7. Recurs des Franz Gärtner in Gießen wegen verweigerter Erlaubniß zum Branntweinausschank.

Gießen, 11. November. (50. Stiftungsfest des Gesan gvereinsLieder- verspätet.^ Am 6. und 7. dieses Monats feierte der in allen Schichten unserer Bevölkerung wohlbeliebte GesangvereinLiederkranz" in Stein's Saalbau seinen 50. Stiftungstag. Vor 50 Jahren durch den jetzt noch lebenden Herrn Okttoi- Jnspektor Jost gegründet, hat der Verein in dieser langen Spanne Zeit die Freuden und Leiden des Vereinslebens in reichem Maße gekostet und steht nunmehr als kräftiger Baum da, der mit seinen etlichen 40 aktiven Sängern das Ideal des Vereins, die Pfl-ege des deutschen Männergesanges, stets hoch gehalten hat und noch hält, wie uns dies die Leistungen zeigten, welche unS an den bcid.n Festabenden geboten wurden. Nach dem reich ausgestatteten Programm zu schließen, sollte den Besuchern ein seltener gesanglicher Genuß geboten werden und hat der Erfolg gezeigt, daß man fich in hochgespannten Erwartungen nicht enttäuscht sah. Das Arrangement des Festes selbst war ein ausgezeichnetes, und machte dem festgebenden Verein alle Ehre. Für den ersten Festtag war ein Concert mit ausgewähltem Programm vorgesehen, welchem sich dann später ein Tänzchen anschloß, welches Mitglieder und eingeladene Gäste noch lange betsammenhielt. Das Gesangs-Programm des ersten Tages enthielt nachstehende Pidcen: 1) Männergesang, Chor von Schröder, 2) Abendlied, Chor von Abt, 3) Gebet vor der Schlacht, Chor von Storch, 4) Festmarsch, Chor von Hermes, 5) Die drei Röselein, Chor von Silcher, 6) Gute Stacht, Chor von Kuhn, 7) Nacht am Meer, Chor mit Orchesterbegleitung von Brachmann, 8) Roth Röselein, Chor von Abt und 9) Im Walde, Chor von Kücken. Zwischen diesem herrlichen Programm, bei welchem insbesondere der gewaltige Chorstacht am Meer" heroorzuheben sein dürfte, spielte unsere Regimentsmusik ein nicht minder feines Programm ab. Nach Erledigung des ersten Theils des Programms hielt der Präsident desLiederkranz" Herr Heinrich Wagner eine Ansprache an die Anwesenden, welche ungefähr wie folgt lautete:

.Hochgeehrte Festgenossen! Der Gesangverein Ltederkranz, in dessen Namen ich Sie Alle herzlich willkommen heiße, hat, aus Veranlassung der Feier seines fünfzigjährigen Stiftungsfestes, den heutigen Concert- und morgigen Banket-Abend veranftaltet, indem er glaubte, hierdurch sein Jubiläum, seinen Ehrentag am würdigsten zu feiern. Unser Fest gewinnt noch an Bedeutung dadurch, daß der Ltederkranz schon am 6. November 1842, also gerade heute vor 45 Jahren, aus den Erträgnissen seiner Gesangs-Aufführungen der hiesigen Stadtkirche das dortselbst heute noch be­findliche Lutherbild stiftete.

Wir sind nun hocherfreut darüber, eine so große Anzahl von Festgenossen be­grüßen zu können und der Verein rechnet es sich zur ganz besonderen Ehre an, daß einen Einladungen so vielseitig berettwilligst entsprochen worden ist, wodurch unser Fest verherrlicht wird. Wenn ein Gesang-Verein sein 50 jähriges Stiftungsfest feiert, dann hat er gewiß alle Ursache darauf stolz zu sein, und heut ist es der Liederkranz, welcher seinen Stolz in dieser Feier und darin zugleich eine Genugthuung findet, für die Kämpfe, welche er in früheren Jahren zum Oefteren um seine Existenz hat führen müssen.

Der Liederkranz hält stets hoch das deutsche Lied, den deutschen Männergesang und ist bestrebt in dieser Beziehung das Möglichste zu erreichen; er steht heute noch in voller Blüthe, 40 Sänger schaaren sich stark und einig um ihren bewährten, hoch­verehrten Dirigenten Herrn Kaufmann und sind fest entschlossen, nach wie vor das deutsche Lied, den deutschen Männergesang nach Kräften zu pflegen.

Möge es dem Verein heut gelingen, Sie davon zu überzeugen, daß er eine Pflegestätte des Gesanges ist und wenn Sie uns dann noch Ihre Sympathie allezeit bewahren wollten, dann wären dies die besten Geschenke, welche der Ltederkranz zu einem fünfzigsten Geburtstage empfangen kann."

Reicher Beifall und Zustimmung folgte diesen Worten. Wir müssen hier be­merken. daß derLiederkranz" die Spitzen der Verwaltungsbehörden und des Polizei­amts, das Stadt Collegium, die Dirigenten und Vorstände der hiesigen Gesang-Vereine sowie die früheren Mitglieder des Vereins^ 21 an der Zahl, welche am 6. November 1842 der hiesigen Stadtkirche das dortselbst hängende Bild des großen Reformators Ilr. Martin Luther stifteten, zur Jubelfeier eingeladen hat. Zahlreich wurde dieser Einladung Folge geleistet. Herr Bürgermeister Bramm toastete während einer Pause auf den festgebenden Verein, indem er desselben bezüglich seiner gesanglichen Leistungen lobend gedachte und namentlich heroorhob, daß derselbe der Stadt Gießen schon bei vielen Gelegenheiten mit seinem Gesänge gedient habe, er wünsche dem Verein ferneres Blühen und Gedeihen und brachte ihm ein dreifaches Hoch aus, in welches die An­wesenden freudig einsttmmten. Es würde zuweit führen, wollten wir die einzelnen Programmnummern besprechen. Allen verdient das Prädikat gut und namenklich der Bachmann'sche ChorDie Nacht am Meer" machte einen erhebenden Eindruck.

Der zweite Festtag, Montag, war als Banket-Abend vorgesehen und dürfte eigentlich in gesanglicher Beziehung als Glanzpunkt des Festes dastehen. Dce em- geladenen Gesangvereine schmückten ihrerseits das Fest desLiederkran^" dadurch aus, daß auch sie am zweiten Tage ihre Leistungen zur Geltung brachten und tvas man oa