|5g Mittwoch den 13. Juli 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».
find, fich wegen Bulgarien mit Rußland zu verfeinden, so bleibt, wenn der neu erwählte Fürst wirklich die Regierung üb er Bulgarien aurüben will, ihm weiter nicht» übrig, als fich entweder mit Rußland zu verständigen, oder gegen den Willen Rußlands fich in Bulgarien ,u behaupten. Al« ein günstige, Moment für den neuen Fürsten darf er bezeichnet werden, daß er auch von den Zankoffisten, den Gegnern des früheren Fürsten von Bulgarien, angenommen worden ist. [spring Ferdinand von Koburg, der neu erwählte Fürst von Bulgarien, ist geboren 1861 zu Wien als Sohn der verstorbenen Prinzen August von Sachsen« Koburg und der Prinzesfin Marie, geb. Prinzessin Marie von Orleans. Der Prinz gilt als hochgebildet, muthig und ehrgeizig. Er war zuletzt österreichischer Husaren-Lieutenant und besitzt auch große Reichthümer. Als Glied des berühm« ten Hauses Koburg ist der Prinz mit den Herrscher-Familien in Belgien, England, Portugal und Oesterreich verwandt^
Preis Dieridjätyrlid) 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn, uidj die Poft bezogen vtertellährltctz 2 Mark 50 Ps.
Deutschland.
Darmstadt, 11. Juli. Am 5. d. Mts. wurde der Finanzaccesstst Friedrich Gärtner au» Alzey zum Steueraffefior ernannt.
Ernannt wurden ferner: am 5. d. Mls. Wilhelm Hardt zu Lauterbach und Wilhelm Dechert zu Offenbach zu Steuerkommiffariatr-Gehilsen,
am 6. d. Mts. der Hilsrheizer bei den Oöerhesstschen Eisenbahnen Friedr. Bindewald aus Ziegenberg zum Heizer bei diesen Bahnen.
][ Darmstadt, 11. Juli. Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog, deffen Militär-Urlaub nachgerade abläuft, wird dem Vernehmen nach noch im Lause dieser Woche, etwa am Donnerstag, aus England hierher zurückkehren und der Weiteren hier seinem Militärdienst im 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde-) Regiment Nr. 115 obliegen. Mit dem Erbgroßherzog werden auch der Prinz und die Prinzessin Ludwig von Battenberg hier eintreffen, welche ihren Aufenthalt in England ebenfalls abzukürzen gedenken. Dagegen werden Se. Königl. Hoheit der Grobherzog und Ihre Großh. Hoheit die Prinzesfin Irene mit Ihrer Maj. der Königin Victoria von Windsor-Castle nach Osborne übersiedeln, eine Absicht, deren Ausführung in den nächsten Tagen bevorstehen soll. Es kann daher bis jetzt noch keinerlei Vermuthung ausgesprochen werden, di» wann Se. Königl. Hoheit der Grobherzog wieder hierher zurückkehren wird.
Darmstadt, 10. Juli. Aus bester Quelle vernehmen wir, daß Se. Großh. Hoheit der General der Kavallerie Prinz Heinrich von Hessen uno bei Rhein, Commandeur der Großh. Hess. (25.) Division, auf Sein Nachsuchen durch Allerhöchste Entschließung Er. Maj. des Kaiser» vom 7 b. Mts mit der Bestimmung zur Disposition gestellt worden ist, daß Höchstderselbe in dem Ver- hältniß ä la suite des Husaren-Regiment» (1. Rheinischen) Nr. 7 zu verbleiben habe und auch in der Ancienneiäts-Liste der Generale weiter zu fuhren sei. Dar Allerhöchste Cabinetrschreiben, durch welche» Sr. Großh. Hoheit diese Entschließung mitgelheilt wurde, enthält nachstehende Schlußworte:
Bei dieser Veranlassung finde Ich Mich im Hinblick aus die von Euer Großh. Hoheit in drei Feldzügen vor dem Feinde geleisteten hervorragend braven Dienste bewogen, Euer Großh. Hoheit nachträglich den Orden pour le mör.te zu verleihen. Ich wünsche durch diese Auszeichnung Euer Großh. Hoheit Meinen warmen Dank für dis treue Pflichterfüllung und Hingebung zu bethätigen , mit welchen Sie Mir und der Armee sehr gute und erfolgreiche Dienste geleistet haben, deren Ich jederzeit in gnädiger Erinnerung eingedenk fern werde. (®.Z.)
Rußland.
Petersburg, 10. Juli. Der Zoll auf Salmiak, Kohlensäure, Ammoniak und Ammoniakialze ist von gestern ab auf 1 Rubel 20 Kopeken vom Pud erhöht worden; schwefelsaurer Ammoniak hat 50 Kopeken vom Pud zu zahlen. Auch für See- und Flußschiffe hat dem Vernehmen nach eine Zollerhöhung stattgesunden.
Schulstraße 7.
Politische U-bsrficht.
Gießen, 12. Juli.
®ie Aushebung der PserdeauSsuhr-Verdote» durch den «nnderrath wird al» ein werthoolle« Zeichen, daß dis allgsmeine politische 8->ae friedlicher sei, aufgesaßt. Freilich darf man in diesem Symptom keine
Umwandlung von der Kriegibefürchtung zum tiefsten Frieden erblicken, denn die europäische Lags ist in vieler Hinficht noch ungenügend geklärt. Er scheint aber so viel festzustehen, daß diejenigen Mächte, welche Lust hatten, emen Memeinen Umsturz im Osten und Westen herbeizuführen, fich an dieser gefährliche Unternehmen zur Zeit nicht wagen.
$ stn Hinblick auf die letzte Entscheidung der Reichrgerichtr in dem bekannten Hochverrathrproceffe, in welchem die beiden Hauptangeklagten Lein und Grebert zu 6 und 5 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurden, und in Anbetracht bei Umstander, daß die französische Regierung durch Beamte ein Spionirsyfiem in Elsaß - Lothringen zu unterhalten sucht, find z. Z. die Be- ziehungen Deutschlands zu Frankreich ziemlich trauriger Natur Nur du in der Weltgeschichte nahezu einzig dastehende Weisheit und Geduld der deutschen Regierung hält einen offenen Conflict in dieser Affaire mit Frankreich fern, ob die» aber auch auf die Dauer möglich sein wird, darf in Hinblick aus die leiden- schaflllche Deuischseindlichkeit der Franzosen und die in Pari» gehegte Absicht, dieser Deurschfeindlichkeit durch besondere Gesetze für die Ausländer Ausdruck m neben, sehr bezweifelt werden. -, ., r x n
Wie in militärischen Kreisen mit Bestimmtheit verlautet, soll der Generalquartiermeister Graf Wald er fee, der als der Nachfolger des Gemral-Fsldmarfch-ll» Gras Moltke galt, feine Stellung in nicht allzuferner fielt mit der eines Corps-Commandeurs vertauschen. Dieser für die ganze Armee bedeutungsvolle Personalwechsel würde nach derselben gut informrrten Quelle mit der schon häufig besprochenen Uebernahme einer Armee-Jnspection durch Den Prinzen Albrecht und dem dadurch verursachten Freiwerden des zchnten Corps in Verbindung stehen. , x n r.
In Bezug auf die Frage, ob der Prinz-Regent Luitpold von Bauern demnächst den Königstitel annehmen werde, begegnet man seltsamen Widersprüchen. Eine neue Nachricht aus München meldet, daß diese ganze An- aeleaenheit nur aus Vermuthungen beruhe und daß man nur soviel wisse, daß der Prinzregent Luitpold gar keine Neigung habe, den Königstitel anzunehmen, solange sein geisteskranker Neffe Otto Anspruch aus diesen Titel habe. Dieser Neigung des Prinzregenten steht jedoch dis traurige Thatsache gegenüber, daß König Otto von den Aerzten als unheilbar wahnsinnig erklärt worden ist, also in Wirklichkeit niemals König von Bayern sein kann- Außerdem kann aus Grund der bayrischen Versaffung der Prinzregent in Bezug aus gewisse Ange- legenheiten nicht die volle königliche Autorität ausüben und die längere Hin- schiebung dieser seltsamen Affaire könnte doch für das Land Bayern urtter Umständen zu Verdrießlichkeiten Anlaß geben. Es wird daher wohl nichts anderes übrig bleiben, daß entweder der bayerische Landtag die Verfassung ändert und auf den Prinzregenten alle Rechte des Königs überträgt, oder daß der Prinzregent dem allgemeinen Wunsche des bayerischen Volkes Folge leistet und den Königstitel annimmt. f
In Wien betrachtet man die Lösung derMwebenden Fragen im Orient mit ziemlich optimistischen Augen, was u. A. auch daraus hervorgeht, daß die österreichische Regierung ebenfalls das Pferdeausfuhr-Verbot wieder voll- ständig aufbeben will. Eigenthümliche Folgen scheint auch die längere Anwesenheit des Königs von Serbien in Wien zu haben. Wie aus Wien gemeldet wird, will der Serbenkönig an Stelle des erst vor Kurzem ernannten Minister- Präsidenten Ristics den früheren Minister Kristics setzen; gleichzeitig soll auch die Dom König Milan gewissermaßen verbannte Königin sich bereits auf der Rückreise nach Belgrad befinden.
In Pari» hat anläßlich ber Abreise des General» Baulanger nach Elermont, wo derselbe ein Corpr-Commando übernimmt, eine ungeahnte, großartige Demonstration der Anhänger Boulanger's stattgesunden. Wohl 10,000 Menschen begleiteten Boulanger an den Bahnhos, ließen ihn hochleben und schrieen: „Er darf nicht abreisen!" Am Bahnhose wollte man ihn nicht in den Zug lösten und al» derselbe sich in Bewegung setzen wollte, hing die Menge die Maschine ab. Boulanger fuhr schließlich aus der Locomotive ab. Zuletzt sollen gegen 50,000 Menschen, darunter viele Deputirte, am Bahnhöfe gewesen fein.
Dar Interesse der großen Politik concentrirt fich gegenwärtig »«llstänbig aus die wiederum in ein kritischer Stadium eingetretene bulgarische Affaire. Bekanntlich ist Prinz Ferdinand von Koburg von der bulgarischen National-Versammlung einstimmig zum Fürsten von Bulgarien erwählt worden und hat auch der Prinz, wenn auch mit einigen Vorbehalten, die Wahl ange« tommen, doch damit ist die bulgarische Frage keinerweg» gelöst, denn er hängt Alle» dabei noch von der Haltung der Großmächte und der bulgarischen Regierung ab. Ein Theil der Großmächte, wie Deutschland, Oesterreich und Frankreich , verhalten sich in der Frage sehr reservirt und verweisen Bulgarien aus die Einhaltung der bestehenden Verträge; ein anderer Theil der Großmächte, wie England, Italien und die Türkei, begünstigen jedoch die Wahl de» Prinzen von Koburg zum Fürsten von Bulgarien, während Rußland dieselbe nicht für recht- wäßig erklärt, da die bulgarische National-Versammlung nicht unter loyalen Verhält- Men gewählt sei. Da nun offenbar Deutschland und Oesterreich nicht gewillt
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S tclegr. «orrespondcn, > Sureatu
«Ms, 11. Juli. Nach dem gestrigen Diner unternahm der Kaiser eine Spazier- fahrt nach der hiesigen Silberichmelze und besuchte Abends das Theater. Heute nach beendigter Trinkkur, Promenade. 4 uf)r $ Coblenz abgereist Aus
dem Bahnhofe waren anwesend Prinz Nikolaus von Nassau, Regierung^ Wurmb, Badecommissar Lepel, Landrath Rolshoven, Jdurßermetfter S^.nÖcnbcr^ Cardinal Haynald, die Gräfinnen Schlippenbach und Orlow, Frau Lepel. Eine große Menschenmenge brachte dem Kaiser enthusiastische Ovationen dar.
Coblenr, 11. Juli. Der Kaiser ist heute Abend von Ems hier ctn- 0CtlDTf ©erlitt, 11. Juli. Fürst Bismarck ist heute Abend hier eingetroffen.
Wien, 11. Juli. Stack einer Meldung aus Arad ist dort heute Morgen um 4 Uhr em ziemlich heftiger Erdstoß verspürt worden. Mtndsor
London, 11. Juli. Der deutsche Kronprinz traf heute morgen von Wmvl hier ein und machte dem Grafen Hatzfeldt einen längeren Besuch; der Kronprinz beg fid$ mÄön,n.3uIL DasOÄus^m in dritter Lesung di- Bill, betreffend den Bau des Manchesterkanals, und die Bill, betreffend die ErMchterung i^ tragung des Grundbesitzes, sowie in erster Lesung die insche: Z oang Salisbury Opposition war gegen die Anberaumung der zweiten Lesung a i setzte die zweite Lesung auf Donnerstag fest. 9r.,fmthatt Drummond Wolff's in
- Im Unterhaus erklärte F-rgusson, derAusentyan v (et 6eute
Konstantinopel sei um zwei Tage verlängert: der diesbezgli-b cinc Bill an,
aus den Tisch des Hauses ntedergelegt. Ritchic kunbigte l«r


